Ungeküsst

„Küss mich, Prinzessin, denn ich bin ein Prinz!“ Wie oft habe ich dieses Märchen schon gehört, wenn es den Kindern vorgelesen wurde. Genauso oft habe ich das den Mädchen der verschiedenen Generationen hier im Haus schon zugerufen. Doch nie wurde ich erhört. Anscheinend küsst man in diesem Land keine Schildkröten mit Migrationshintergrund. Vielleicht bin ich ihnen aber auch einfach zu alt.

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Foto von Radovan Zierik von Pexels

Im Moment bin ich nämlich der Älteste in der Familie. Ich lebe schon seit vielen Jahren fern der Heimat. Ich bin nicht böse darum, ganz und gar nicht. Denn Hans, der Mann, der mich dereinst in diese Gegend brachte, rettete mir das Leben. Er fand mich nach einem Steinschlag, ich war eingeklemmt und verletzt. Er nahm mich mit, pflegte mich gesund und gab mir meinen Namen: Aristotoles. Das war in dem Jahr, als der große Weltenbrand so richtig Fahrt aufnahm. Aber davon wussten wir damals noch nichts.

Hans, ein Geschäftsmann, der viel auf Reisen war, brachte mich heim zu seiner Familie. Dort war es schön, es gab riesige Gärten und eine ganze Menge anderer Tiere. Unzivilisiert zwar, aber hübsch anzusehen. Außerdem lebten dort Hans alte Mutter, seine Frau, ein braver Sohn und drei hübsche Töchter. Sie alle freuten sich darüber, mich kennenzulernen, und nahmen sich meiner freundschaftlich an.

Diese kameradschaftliche Zuneigung blieb auch so, als die Zeiten schlechter wurden. Meine tierischen Kameraden verschwanden nach und nach. Die Pferde wurden abgeholt, Kühe und Schweine verkauft oder gar geschlachtet und gegessen. Nur der Hund und ich blieben, wir waren ja Familienmitglieder. Der Hund allerdings starb kurz vor dem allgemeinen Aufbruch, Hunde machen‘s leider im Allgemeinen nicht besonders lange. Und es war wohl auch gut so, denn er fraß nur Fleisch, und das war eine ganze Weile nur sehr schwer zu bekommen. Für mich hingegen fand sich immer noch irgendwo etwas Grün, sodass die Familie mich die ganze Zeit über vorbildlich versorgte.

In der Zeit des großen Aufbruchs musste meine Familie das schöne Anwesen verlassen. Das Wenige, was ihnen blieb, hatten sie auf einen kleinen Wagen geladen. Auch ich fuhr dort mit, mehr oder weniger bequem verwahrt in einem gepolsterten Eierkorb. Es war eine unruhige Zeit, doch ich fühlte mich sicher und gut aufgehoben. Ich spürte die Trauer und Wut meiner Familie, und auch die Hoffnungslosigkeit der Älteren. Darum bemühte ich mich, Zuversicht zu verbreiten und wandte mich besonders den Kindern zu. So konnte auch ich meinen Beitrag zum Wohl der Familie leisten.

Wir kamen damals zunächst in Dresden unter, bei Verwandten, die nur halb ausgebombt worden waren. Das Kellergeschoss war nahezu intakt und wurde unsere Heimat, bis wir zwei Winter später umzogen in einen kleinen Ort an der See. Hier roch es manchmal fast ein wenig wie in meiner alten Heimat, nach Salz und Meer. Meiner Familie ging es gut hier, die Kinder bekamen wieder Farbe und Hans hatte eine gute Arbeit.

Wir blieben in diesem Haus an der Ostsee. Das Leben wurde ruhiger, stabil und sicher. Die Mädchen gründeten einen eigenen Hausstand und zogen aus, aus dem Jungen wurde ein Familienvater, der das Haus übernahm, so wie es in dieser Familie Brauch ist. Eine neue Generation wuchs heran, wurde erwachsen, zog aus, gründete Familien. Ich war immer dabei, mal im Garten, mal im Haus. Nicht nur die Kinder kümmerten sich um mich, auch die Erwachsenen sprachen viel mit mir, vertrauten mir an, was sie bewegte. Es gibt wenig, was ich nicht mitbekommen habe.

Ich bin also nunmehr seit über 80 Wintern Teil dieser Familie. Manchmal denke ich, wenn sie wüssten, was ich alles über sie weiß, würden sie mich fürchten. Ich erinnere mich daran, wo damals vor dem großen Aufbruch die Familienschätze vergraben wurde, weiß, dass die beiden ältesten Mädchen damals in Dresden mit verbotenen Sachen gehandelt haben und dass der große Junge, der immer so freundlich war, Geheimnisse seiner Nachbarn an die Polizei weitergegeben hat. Als der Mann einer der Familientöchter, der Frauen gewohnheitsmäßig schlug, in unserem Garten auf sie losgehen wollte, war ich es, der ihm in den Weg sprang, sodass er stolperte und es nur noch einen leichten Tritt von ihrem Vater brauchte, um ihm das Genick zu brechen. Ein bedauerlicher Unfall. Niemals würde ich verraten, was wirklich geschah.

Ich beobachtete die ersten Rauch-Versuche fast aller Kinder, begleitete sie durch Liebeskummer und Zukunftsängste und hörte ihnen immer zu, wenn es nottat. Und es war oft nötig – nicht alles in meiner Familie lief glatt. Es gab Zeiten, in denen viel geweint wurde. Etwa in der Phase des Umbruchs, als plötzlich alle ohne Arbeit dastanden und die Ehen der Paare unter der Last der Unsicherheit zu zerbrechen drohten. Oder in der Zeit der Gründung, als meine Leute sich mit einer Gaststätte selbständig gemacht hatten und unter der unerwartet vielen Arbeit fast zu Boden gingen. Immer war ich da und machte ihnen Mut. Es gibt wirklich Tage, an denen ich mich frage, wie die vielen Familien ohne Schildkröte leben.

Ich wurde also immer zutiefst geschätzt in meiner Familie. Etwa 100 Winter bin ich nun alt und ich habe keinen Zweifel, dass ich bei dieser guten Pflege noch weitere 20 durchhalten werde. Irgendwann werde ich mein letztes Salatblatt gefressen haben, doch bis dahin ist noch viel Zeit. Nur, dass ich wohl ungeküsst sterben werde, bedrückt mich ein wenig. Der Prinz in mir möchte auf dem weißen Pferd reiten und die Prinzessin vor dem Drachen retten. Nun ja. Vielleicht im nächsten Leben. Bis dahin unterstütze ich meine Familie weiterhin nach meinen Möglichkeiten.

Die Heilsbringerin

Im Dienstags-Schreibworkshop durften wir jeder ein Zettelchen ziehen und hatten die Aufgabe, zu diesem Thema etwas zu schreiben. Mein Zettelchen lautete …

Die Heilsbringerin

Tante Lotte war wie eine Seuche, die wirklich keiner haben wollte: Lästig, zäh, unangenehm und nicht wirklich zu vermeiden. Die Kinder nannte sie „die Heilsbringerin“, weil sie zu wirklich jedem Thema ihren Senf dazugeben musste und jedem in jeder Situation unaufgefordert mit einem gut gemeinten Rat zur Seite stand.

Das Schlimmste an Tante Lotte war, dass man ihr im Grunde nichts vorwerfen konnte. Sie war gewiss kein schlechter Mensch, sie meinte es ja nur gut. Sie meinte es gut mit Katja, der sie Ratschläge dazu erteilte, wie diese endlich einen Mann finden könnte. Gerade mit solchen Themen kannte Tante Lotte sich aus, schließlich hatte sie schon drei Männer ins Grab gebracht und hätte sicherlich sofort einen vierten gefunden, wenn sie es denn gewollt hätte.

Sie meinte es auch gut mit Marc und Andrea, denen sie nicht nur eine Fruchtbarkeitsberatung, sondern auch gleich eine entsprechende Behandlung angedeihen ließ. Es dauerte vier Jahre und 28 Literflaschen von Tante Lottes Brennnessel-Kümmel-Sud, bis Marc ihr endlich beichtete, dass sie wirklich keine Kinder wollten und er sich deshalb schon vor Jahren hatte sterilisieren lassen. Tante Lotte war beinahe erleichtert über diese Nachricht, hätte sie doch sonst an der Wirksamkeit ihrer Medizin und ihrer Ratschläge zweifeln müssen. Außerdem, so fand sie, war Andrea mit 35 Jahren sowieso schon viel zu alt für Kinder.

Überhaupt, Kinder: Mit denen meinte Tante Lotte es besonders gut. Die Kleinen mussten es ertragen, dass sie sie aufhob und ihre zitternden Lippen an die frischen Kinderwangen presste. Den Mittelgroßen wischte sie mit ihren Spucke-Taschentüchern im Gesicht herum und den Größeren gab sie Unterricht in Sachen Stil und Benimm. Da sie innerlich nicht aus der Kaiserzeit herausgekommen, war, sorgte das eher für Heiterkeit als für Verdruss – zu offensichtlich wichen die Lebensweisheiten der Tante und die Lebenswirklichkeiten der Teenager voneinander ab.

Mehrmals im Jahr kam Tante Lotte auf Besuch. Sie ging dabei gerecht vor, jeden ihrer vier Neffen und Nichten traf es drei Wochen im Jahr. Und Weihnachten, das kam noch dazu. Die Familie, die die Ehre hatte, die Tante über Weihnachten zu beherbergen, nannte dies „das Bonusjahr“. Man wusste, dass man das Fest kaum überstehen würde, ohne dass nicht jede einzelne Tannennadel von Tante Lotte begutachtet worden war. Sie kommentierte, kritisierte und lamentierte. Und doch konnte man ihr nicht böse sein. Denn wirklich, sie meinte es nur gut.

In dem Jahr, als Tante Lote starb, fühlten sich alle ein bisschen verloren. Familienfeiern endeten früher als zuvor und manchmal gab es Streit. Das hatte es früher nie gegeben. Es fehlte einfach der gemeinsame Gegner, die Person, über die man lästern konnte, sobald die Küchentüre geschlossen war. Est, als sich die Verblüffung darüber, dass jemand wie Lotte Krawinkel tatsächlich sterben konnte, gelegt hatte, trat wieder so etwas wie Ruhe ein. Sie brachten fortan immer ein Porträt der Tante mit und stellten dies an den Kopf der Kaffeetafel. Und so war sie wieder unter ihnen, die Tante Lotte, diese menschgewordene Seuche, der keiner entgehen konnte. Sie war dabei und sorgte für Gesprächsstoff. Denn ja, wirklich, die Tante – die hatte es doch immer nur gut gemeint.