Ich freue mich auf dich!

„Backen ist Liebe“, so begann einmal der Slogan einer Margarine-Firma. Ich fand und finde den großartig, kann sich doch jeder genau vorstellen, wie es ist, nach Hause zu kommen und den Duft von frisch gebackenem Kuchen in die Nase zu kriegen. Die Küche, wohlig warm durch einen eingeschalteten Backofen, auf dem Tisch ein frischer, gut geratener Napfkuchen und eine Kanne heißer Tee – einladender kann eine Szenerie kaum sein. Ohne Zweifel, Gerüche und Geschmack schaffen Geborgenheit.

Dieses Gefühl lässt sich auch bewusst hervorrufen: Zum Beispiel, wenn man allein und ein bisschen kränklich zuhause abhängt, sich selbst ein wenig bemitleidet und einem plötzlich wieder einfällt, dass es an solchen Tagen zuhause oft Milchsuppe gab – Nudeln in Vanillemilch. Der cremige Geschmack und der vertraute Geruch bewirken, dass man sich gleich ein bisschen besser fühlt, nicht mehr so alleine ist. Oder die Hühnersuppe, die es immer bei Erkältungen gab. Die Variante aus der Tüte ist sicher nicht so lecker wie die der Mutter, taugt aber zur Sinnestäuschung und zum Anregen der positiven Erinnerungen. Zumindest bei mir funktioniert das immer noch.

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So in etwa sehen die Frikadellen meiner Schwester aus. Bild von Pixabay

Mit einem Lächeln denke ich an die Zeit gleich nach meinem Auszug von zuhause zurück: Es hatte mich von Norddeutschland nach München verschlagen. Dementsprechend selten konnte ich meine Eltern besuchen. Die Anfahrt lohnte sich nicht für ein Wochenende und war auch viel zu teuer. Wenn ich dann aber anrief und mein Kommen ankündigte, kam immer die gleiche Frage von meiner Mutter: „Was möchtest du denn dann gerne essen?“ Das war ihre Art, mir zu sagen, dass sie sich auf mich freut und mir etwas Gutes tun möchte. Ich wünschte mir dann immer Dinge, die ich nicht so wie sie kochen konnte und wahrscheinlich auch nie kochen können werde: Ihre unvergleichlich guten, fluffig-würzige Frikadellen, das Hühnerfrikassee mit Spargel in der Soße und Suppe vorweg oder Heringsstipp mit Pellkartoffeln, den ich so, wie sie ihn machte, nie wieder irgendwo gefunden habe. Es gab so viel, was nur meine Mutter so besonders gut kochen konnte. Und wenn ich dann kam, verbrachten wir alle miteinander schöne Stunden in der vertrauten Küche, in der es nach Kindheit roch. Im Radio dudelte NDR 1, Verkehrsmeldungen warnten vor dem Stau auf der A1 Heide Richtung Hamburg, es gab Tee und es wurde viel gelacht. Diese Zeiten sind lange vorbei, aber die guten Erinnerungen daran bleiben und werden immer wieder reaktiviert, wenn ich Zwiebeln anbrate, viel zu heiße Kartoffeln pelle, Ostfriesentee trinke oder irgendwo einen alten Schlager höre.

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Napfkuchen von Pixabay

Inzwischen kann ich selber recht gut Hühnerfrikassee machen, aber die Frikadellen meiner Schwester schmecken um Klassen besser als meine und halten vor allem auch besser zusammen. In ein paar Wochen sind wir alle geimpft, dann werde ich sie endlich wieder besuchen. Wir haben schon darüber gesprochen, was wir dann essen wollen: Vielleicht Milchnudeln. Oder einen traditionellen Eintopf. Vielleicht backe ich auch mal was. Denn Backen ist Liebe.

Komische Gewohnheiten: Ich esse meins, iss du einfach deins!

Es gibt Dinge, die mag man einfach nicht so gerne, ohne dass man genau wüsste, warum. Manchmal traut man sich kaum, das zu sagen, weil man dann angeguckt wird, als wäre man komisch. Oder man erzählt es nur Leuten, die man wirklich gut kennt, weil die einen dann zwar angucken, als wäre man komisch, einen aber trotzdem noch mögen.

Mein Thunfisch – meiner ganz alleine! Finger weg!

Trotz dieser Vorbehalte habe ich kürzlich einer Gruppe von Kollegen und Geschäftspartnern etwas erklärt, weil ein Vorschlag schon zum zweiten Mal kam und ich das nicht wollte. Ich habe mich geoutet und – bekam Zustimmung. Zwar nur von einer aus der Runde, aber diese Zustimmung war vollständig. Ich fühlte mich angenommen und bestätigt. Denn: Ich teile nicht gerne mein Essen mit fremden Leuten.

Diese Aussage soll nun bitte nicht missverstanden werden – ich habe nichts dagegen, mit jemandem den Inhalt meines Kühlschranks zu teilen, wenn sich jeder eine eigene Stulle macht und diese dann aufisst. Was ich aber ganz schrecklich finde, ist diese Teilerei im Restaurant: „Wollen wir uns nicht noch ein Dessert mit vier Löffeln bestellen?“ Nein! Schreck und Graus! Ich esse nicht mit drei anderen aus einem Schüsselchen, ich mag das nicht. Ich will mein eigenes Schüsselchen. Ich esse ein Dessert auf und wenn ich denke, dass ich das nicht schaffe, bestelle ich mir keins.

Gerne genommen wird ja auch gegenseitiges Probieren. Nun habe ich gar nichts dagegen, wenn die ewige Antje gerne mal mein Essen kosten möchte, ordentlich fragt und dann ein Stück aufpiekt. Oder wenn sie mir Gurken rüberschiebt, die sie nicht mag, die ich aber gerne esse. Wir beiden kennen uns, sind vertraut miteinander. Aber ein gegenseitiges auf dem Teller stochern mit Leuten, die man nicht schon ewig kennt, finde ich echt fies.

Wenn ich mir mein Essen aussuche, mache ich das auch immer sehr bewusst, und ich freue mich auf das, was da kommt. Wenn dann der Vorschlag kommt: „Wir können die Pizza ja teilen und jeder kriegt von jeder ein Stück“, dann werde ich bockig. Nein, das da ist meine Pizza, ich will genau diese Sorte heute essen. Ich will nicht ein Stück meiner Lieblingssorte und dann noch ein paar Stücke von irgendeinem Essen, das ich mir nicht ausgesucht hätte. Teile, wer will, ich esse meins. Da spiele ich durchaus mal den Partypupser, der einfach nicht mitmacht. Wahrscheinlich bin ich da wirklich komisch, aber das macht mir nichts aus. Lieber ehrlich merkwürdig als mit zu vielen Leuten im Napf gerührt – diese Erste-Welt-Marotte nehme ich für mich in Anspruch.

Online trifft Offline

Über einen Ausflug, bei dem ich meine Online-Bekanntschaften kennenlernen möchte: Das Gründungstreffen des eWriters-Vereins.

Online trifft Offline oder: Gibt es euch wirklich?

Geboren bin ich ja als Dorfkind, wuchs auf ohne tolle technische Ausstattung und war viel an der frischen Luft. Selbst einen Farbfernseher kauften wir erst Anfang der 80er Jahre, und das Wählscheibentelefon hat mich sehr lange begleitet. Während meiner Schulzeit kamen Computer allmählich auf, aber das interessierte nur diejenigen seltsamen, bleichen Jungs, die sich kurz vor Unterrichtsbeginn mit wichtiger Miene große, biegsame Disketten zuschoben. An mir ging dieser Trend völlig vorbei. Zwar begann ich während meiner Ausbildung, ein wenig am Computer zu arbeiten, aber dieses dumme Ding mit der grünen Schrift auf schwarzem Bildschirm war für mich eher ein notwendiges Übel.

Ein wenig änderte sich diese Einstellung, als das Internet auch zuhause schneller wurde und man mehr machen konnte als auf den Ladebalken zu starren. Ich kaufte Hergens gebrauchten PC – der war für mich noch vier Jahre lang gut. So manche Nacht verbrachte ich nun bei ebay und wachte morgens schweißgebadet auf, in der bangen Hoffnung, dass mich doch bitte, bitte irgendjemand überboten haben mochte, damit der lebensgroße Mr. Spock aus Pappe nicht geliefert werden würde. In diesem Fall hatte ich Glück. Der große orange Kasten mit einem Französischkurs auf Kassetten aber wurde geliefert und stand fünf Jahre lang unbenutzt auf meinem Schrank.

Wann es passierte, dass ich zum Online-Menschen wurde, kann ich gar nicht genau sagen. Irgendwann stand in meiner Job-Beschreibung „Webmasterin“, mein Name prangte im Impressum einer Webseite und ich verbrachte einen großen Teil meiner Freizeit online. Genau genommen habe ich manchmal das Gefühl, ungesund viel online zu sein. Ich rede mit Menschen, die ich nicht kenne – oder zumindest nicht so richtig. Ich weiß nicht, ob der verführerische Mittdreißiger, mit dem ich immer so gerne schwatze, nicht vielleicht doch schon 75 ist, und ich selbst habe mich schon ab und zu mal als Mann ausgegeben. Einfach so, zum Spaß. Merkt ja keiner.

Umso aufgeregter war ich an einem Samstag im April, als es plötzlich ernst wurde und meine geliebte Online-Welt sich als alltags- und vor allem tageslichttauglich erweisen sollte: Es war ein Treffen geplant, richtig offline, mit Hand geben und so. In Essen wollte ich meine „Bekannten“ aus dem eWriters-Forum treffen. Sehr spannend! Zwar hatte ich alle Teilnehmer über Google gestalkt und Fotos gesehen, aber was sind schon Internet-Fotos? Ich nehme ja auch immer die, auf denen ich möglichst schlank aussehe und im Wind stehe – damit alle denken, an der Frisur sei das Wetter schuld.

Geplagt von komischen Gedanken saß ich im Zug nach Essen: Was, wenn gar keiner kommen würde? Oder wenn die alle doof wären? Oder mich doof fänden? Möglichkeiten gab es viele. Dass sich der Bahnhof in Essen auch noch als Irrgarten mit allerlei sonderbaren Special Effects herausstellte, ist nicht dazu angetan, meine Zweifel zu zerstreuen.

Dann aber fühlte sich plötzlich alles richtig an. Zu viert trafen wir uns auf dem Bahnhof. Wir erkannten uns sofort – obwohl ich nicht die Einzige war, die mit dem Foto ein bisschen geschummelt hatte. Hände schütteln, begrüßen, viel Gelächter – und zwei Zigaretten, die auf dem Weg zum Auto angezündet wurden. Wie, was, Raucher? Die beiden? Konnte das sein? In Gedanken nahm ich Streichungen in der imaginären „Liste der Eigenschaften“ vor, die ich von allen Leuten, die ich treffen wollte, erstellt hatte. „Nichtraucher“ wurde gestrichen, und bei einem auch gleich noch „Vegetarier“. Keine Ahnung, wie ich darauf mal gekommen war, aber es drängte sich mir wohl auf. Die größte Überraschung aber ist die Sprache des Mannes, mit dem ich schon mal stundenlang gechattet hatte: Ich hatte gedacht, einer, der aus Essen kommt, spricht auch wie einer, der aus Essen kommt. Sagt also „Woll“ oder so. Dieser Essener aber hatte einen sanften Schweizer Akzent. Warum, würde ich im Laufe des Tages noch erfahren.

In einem Essener Gemeindezentrum trafen wir die anderen vier Teilnehmer dieser kleinen Versammlung. Auch sie waren alle sympathisch, warm, lebendig und dreidimensional. Schnell hatten wir einen Draht zueinander – ganz ohne Kabel. Und wir begannen zu arbeiten. Denn das war der Zweck unseres Treffens: Wir wollten den eWriters-Verein gründen. Eigentlich mag ich keine Vereinsmeierei. Seit meiner Jugend war ich in keinem Verein mehr, aber dieser hier scheint mir eine gute Sache zu sein. Das Internet bringt mich also dazu, mich im realen Leben mit anderen Leuten zu vereinen. Da sage noch einer, Computer machen einsam.

Tatsächlich waren wir erfolgreich an diesem Tag: Wir besprachen eine Satzung, eine Geschäftsordnung, wählten Vorstände, ich wurde Botschafterin. Das kam mir alles unheimlich seriös und erwachsen vor.  Gut, mit 43 sollte man sich eigentlich immer so vorkommen, aber bei mir ist das eine Ausnahme. Ich spürte Aufbruchstimmung, und das ist gut so – bedeutet dieser Verein doch eine Menge Arbeit. Um was es dabei genau geht, berichte ich beim nächsten Mal, wenn der Verein endlich eingetragen und amtlich ist. Dann zeige ich vielleicht auch mal unser Gründungsfoto – ungeschönt und ohne Wind. Wie gut wir doch alle aussehen!

Auf jeden Fall war es ein toller Tag. Vielen Dank, Petra und Jörg, Hanno, Hendryk, Christian, Markus und Ingrid! Es war schön, euch kennenzulernen!