Das Loch in der Socke

Mal wieder eine Übung aus dem Schreibworkshop. Sie ließ mich an mein Erbe denken – Mutters Nähzeug. Ich habe einiges weggetan, hatte aber auch viel Freude beim Sichten und Sortieren der Knöpfe – das habe ich schon als Kind geliebt.

Das Loch in der Socke

Renate verspüre eine gewisse Befriedigung, als sie die Socke mit dem Loch in den Müll warf. Der zweite Strumpf flog gleich hinterher, schließlich konnte sie mit einer einzelnen dunkelroten Socke nichts anfangen. Sie lächelte, als sie den Deckel auf den Mülleimer fallen ließ.

Zuhause hatten sie Socken gestopft. „Die sind noch gut“, hatte die Mutter gesagt, oder auch: „Das hat mal viel Geld gekostet!“ Und so hatte Renate ihre Socken flicken müssen, bis von dem ursprünglichen Stoff nichts mehr übrig gewesen war und sie von den knubbeligen Stellen beim Laufen Blasen an den Füßen bekam.

Alles wurde damals geflickt bei ihnen. Renates Kleider und Hosen wurden immer wieder verlängert oder an den Seiten ausgelassen, und wenn etwas wirklich nicht mehr zu retten war, nannte der Vater sie eine Verschwenderin und schnitt Putzlappen aus dem Stoff. Als ihre Eltern starben, erbte Renate sechs Umzugskartons mit Putzlappen, viele von ihnen geflickt oder gestopft. So viel würde sie nie putzen müssen. Außerdem erbte sie Mutters Stopfpilz, Stopftwist in 38 verschiedenen Farben und einen Beutel mit 768 abgeschnittenen Knöpfen.

Ein Erbstück. Da ich reichlich Nähseide, auch in grün, besitze, habe ich es nach kurzem Zögern entsorgt.

Die Putzlappen verbrannte Renate in einer kühlen Novembernacht im Garten. Ohne schlechtes Gewissen warf sie die Nähutensilien hinterher. Die Plastikknöpfe ließen ihr Feuer in bunten Farben sprühen und es stank zum Himmel. Dennoch fühlte Renate sich danach wie therapiert. Sie würde nie wieder etwas flicken, sie warf es weg oder brachte die Sachen in die Änderungsschneiderei. „Langes Fädchen, faules Mädchen“ – die Zeiten, in denen ihr Vater sie wegen ihres Ungeschicks beim Nähen verspottet hatte, waren endgültig vorbei.

 

Nachbemerkung 1: Ich bin durchaus dafür, Dinge, die noch gut sind, nicht einfach wegzuwerfen, sondern bei kleinen Macken auszubessern und zu nähen. Ich kann das auch und mache das sogar ganz gerne. Aber olle Socken stopfe ich nicht, das lohnt sich einfach nicht. Und die Putzlapperitis, die mein Vater manchmal an den Tag legte, war mir immer unverständlich (genau wie die Schuhbanderitis – zum Anbinden von Tomatenpflanzen).

Nachbemerkung 2: Der dumme Spruch vom langen Fädchen stammte von meinem Vater. Er war immer dafür, Nähseide zu sparen. Er war es jedoch auch, der sich vor lauter Kurzfadenfummelei einmal das am Leibe geflickte Hemd versehentlich ans Hosenbein nähte, sodass ich derartige Kommentare immer locker zurückgeben konnte. 😀

Komische Gewohnheiten – sich völlig grundlos verwegen fühlen

Erst einmal möchte ich natürlich allen Lesern meiner bunten Welt ein schönes, gesundes und erfolgreiches Jahr 2019 wünschen – was auch immer Erfolg für euch bedeuten mag. Für mich bedeutet erfolgreich sein ein schönes Leben zu haben, in dem ich genießen kann, Arbeit habe und vor allem tolle Leute um mich.

Eine ganz tolle Runde hatte ich Silvester zu Gast, wir feierten fast bis um vier. Deshalb war ich an Neujahr angemessen müde und philosophierte müßig vor mich hin. Und dabei kam mir mal wieder eine komische Gewohnheit in den Sinn, die ich an mir selbst beobachte:

Komische Gewohnheiten – sich völlig grundlos verwegen fühlen

gestrickte Socke, Fuß

Ein Teil meiner Sofa-Uniform – ein Bild von mir im Schlafanzug möchte ich euch nicht zumuten

Ich bin inzwischen 48 Jahre alt – klingt komisch, ist aber so. Noch immer merke ich manchmal, dass meine gute Erziehung in mir nachwirkt. Nicht nur, wenn ich Bitte und Danke sage, sondern auch, wenn ich Sachen mache, die bei uns zuhause verpönt waren.

Natürlich ist es normal, dass die Erziehung in einem nachwirkt – dafür ist sie ja da. Gerade Dinge, die ich mir früher fest vorgenommen hatte – z. B. nur noch von Nutellabrot und Pizza zu leben, sobald ich die Sache mit der Ernährung selbst in der Hand habe – führe ich gar nicht durch. Im Gegenteil, ich werde von einigen Kollegen immer wieder gehänselt, weil ich in der Kantine jeden Tag Gemüse esse. Wenn man nämlich nicht genug Gemüse isst, wird man krank – das habe ich mir gemerkt und dieses Argument schlägt Nutella und Pizza um Längen.

Es gibt aber zahlreiche andere Dinge, die zuhause nicht gerne gesehen wurden, die ich heutzutage aber mit Freuden zelebriere. Und manchmal, wenn mir das bewusst wird, fühle ich mich wild und verwegen. Gestern auch.

Bei uns zuhause war es verpönt, vor dem Fernseher zu essen. Also richtig zu essen, nicht nur ein abendliches Stück Obst oder ab und zu mal den Kuchen zum Sonntagskaffee. Das wurde wirklich nur in Ausnahmefällen gemacht, etwa wenn man krank war oder wenn etwas ganz Besonderes im Fernsehen kam. WM-Fußball vielleicht, oder etwas ähnlich Wichtiges. Dann wurde ein großer Teller mit Schnittchen fertig gemacht und die ganze Familie aß zusammen vor der Glotze. Das sind schöne Erinnerungen, gewiss auch, weil es so selten vorkam. Denn grundsätzlich wurde bei uns in der Küche gegessen, und meinen Eltern wäre es nie eingefallen, dort einen Fernseher aufzustellen. Über Familien, die so etwas hatten, wurde ein gnadenloses Urteil gefällt. Und so fand auch ich es immer seltsam, dass mein Onkel und meine Tante einen Fernseher in der Küche hatten – sowas aber auch. Hingeguckt habe ich natürlich trotzdem.

Fernsehen war ohnehin etwas, das restriktiv gehandhabt wurde. Das war für Eltern in den 70er Jahren natürlich einfacher als heute – für Kinder kam ja kaum etwas. Vormittags gab es manchmal die Sesamstraße oder Rappelkiste, nachmittags Wickie, die Biene Maja oder Pinocchio. Aber ganz viel war es nicht, was mich da reizte. Als irgendwann das „Frühstücksfernsehen“ aufkam, war mein Vater völlig verwirrt: Wer sollte sich das denn wohl angucken? Vormittags fernsehen, das machten doch nur ganz alte Leute, die sonst nichts mehr konnten. Oder Leute, die ansonsten gar nichts mit sich anzufangen wussten. Morgens fernsehen, das war für meinen Vater das, was für Karl Lagerfeld das Tragen von Jogginghosen ist: Wer sowas macht, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.

Und deshalb fühle ich mich an manchen Tagen geradezu wie ein Outlaw, wie die Revoluzzerin unter den Spätpubertierenden: Nämlich dann, wenn ich am Wochenende in der Jogginghose vor dem Fernseher sitze, frühstücke und dabei Kinderprogramm gucke. Oder noch besser im Schlafanzug. Natürlich habe ich dann keineswegs die Kontrolle über irgendwas verloren, sondern verlasse die Grenzen meiner Erziehung ganz bewusst. Weil es schön ist, Zeit zu haben und so herumlumpen zu können. Weil ich gerne Märchen gucke, gerne in Ruhe meinen Kaffee schlürfe und das Sofa ohnehin der beste Essplatz ist. Und weil es Spaß macht, sich auf diese Weise verwegen zu fühlen.

Darauf ein Nutellabrot …

 

Sollte es hier noch jemanden geben, der oder die sich aus nichtigem Grunde wie ein Outlaw fühlt: Ich freue mich auf entsprechende Kommentare.