Heute vor 80 Jahren

… wurde meine Mutter Ursel geboren. Sie war die Tochter von Gerhard Friedrich und Erna sowie die große Schwester von Claus und Rita.

Familie am Weihnachtsbaum

Weihnachten mit der Familie, etwa 1956

Als Kriegskind verbrachte sie die ersten Jahre nur mit ihrer Mutter. Die Zeiten waren schwierig,  aber meine Oma Erna war eine echte Löwin und brachte ihr Kind allen Widrigkeiten zum Trotz durch.

Die Mädchenjahre verbrachte Ursel zum großen Teil in der Schloßstraße in Rastede, und zwar in der Wohnung, in der ich später so oft meine Großeltern besucht habe. Anfangs wohnte die Familie beengt in zwei kleinen Zimmern in der unteren Etage, konnte später aber oben zwei Zimmer und einen großen Dachboden dazu mieten. Um in die oberen Zimmer zu gelangen, musste man lange über eine Außentreppe gehen – das hat mich als Kind total fasziniert.

In der Teenagerzeit engagierte meine Mutter sich sehr in der neuapostolischen Kirche. Dort hatte sie auch Gelegenheit, Geige spielen zu lernen. Mit 14 musste sie von der Schule abgehen, obwohl ihr aufgrund von Krankheit – sie hatte eine angeborene Hüftfehlstellung – zwei Jahre fehlten. Sie begann zunächst als Kindermädchen und Haushaltshilfe zu arbeiten und besuchte nebenher eine Haushaltsschule. Später arbeitete sie in einer Fabrik, die Einlagesohlen für Schuhe herstellte.

Mädchenchor mit Geigerin

Und dann ging meine Mutter in einem roten Kleid auf eine Hochzeit, wo sie meinen Vater kennenlernten. Es funkte nicht sofort, aber durch Zufall trafen sie sich wieder, mochten sich und wollten zusammen in den Urlaub fahren. „Das gehört sich nicht!“, fand meine Oma Erna, und so wurde zuerst geheiratet. Viele Jahre später fragte ich meine Mutter, wie sie es denn gefunden hätte, wenn ich mit 22 einen 12 Jahre älteren Witwer hätte heiraten wollen, den ich erst ein paar Wochen kenne. „Verrückt“, antwortete sie.

Auf Hochzeitsreise reisten meine Eltern nach Freilassing, wo sie Boot und Bergbahn fuhren, wanderten und mein Vater meiner Mutter das Schwimmen beibrachte.

Ursel wurde Mutter zweier Töchter: 1966 wurde meine wunderbare Schwester Ilka geboren, 1970 folgte ich. Man beachte: Das Bild mit der Familie im Wasser entstand im August 1970 auf Borkum. Da war ich schon da, aber ich durfte nicht mit! Die haben mich einfach bei Oma und Tante Rita gelassen! Da hatte ich es bestimmt gut, aber eifersüchtig bin ich doch! 😉

Immer, wenn ich darüber nachdenke, fällt mir auf, was für eine gute Ehe meine Eltern führten. Die haben sich auch mal gestritten, wegen irgendwelchem Kleinkram wie „Sollte man wirklich ein Gerüst basierend auf einer 40 Jahre alten Schranktür bauen und da noch eine Trittleiter draufstellen?“ oder „Isst man Bohnensuppe mit dem Löffel oder einer Gabel?“, aber sie waren doch immer rücksichtsvoll und einander zugewand.

Mein Vater starb 2002 an Krebs. Da war meine Mutter ebenfalls schon sehr hinfällig, ihre Multiple Sklerose machte sie zunehmend unbeweglich. Ihre letzten Jahre verbrachte sie in einer kleinen Einliegerwohnung bei meiner Schwester, wo sie von Ilka und ihrer Familie liebevoll umsorgt wurde. Ich fuhr hin, so oft ich konnte. In Frankfurt besuchte sie mich mit meiner Schwester tatsächlich auch zwei Mal, bereits im Rollstuhl sitzend. Das war immer etwas abenteuerlich, denn meine kleine Wohnung war dafür nicht wirklich geeignet.  Dort, wo ich jetzt wohne, ginge das besser, aber diese Wohnung konnte sie leider nur noch auf Bildern ansehen.

Über den Dächern von Frankfurt

Im Oktober 2014 war Uschis Weg zuende. Was bleibt, sind viele schöne Erinnerungen. Die Leidenschaft für’s Handarbeiten wurde mir von ihr und Oma Erna vererbt, und ich habe die beste Schwester der Welt (hier zu sehen 1976).

Jetzt zu haben: allerhand Alltägliches aus der bunten Welt

Immer wieder wurde ich auf Lesungen gefragt, ob es auch einige meiner Kolumnen als Buch zu kaufen gäbe. Bislang war das nicht der Fall, da ich diese kleinen Texte aber sehr gerne vorlese, gibt es sie jetzt. „Die Glorifizierung des Bandsalats“, dieser komplizierte Titel fiel mir ein, als ich wohl zum hundertsten Mal auf Facebook las, wie toll es doch war, so eine außer Kontrolle geratene Musik-Kassette mit einem Bleistift wieder aufzuwickeln. Ich fand das ja eigentlich nie so toll, weiß aber, dass die Jahre so manches Ungemach rosarot erscheinen lassen. Und so wurde der Bandsalat meine Titelstory.

Im Büchlein findet ihr eine Sammlung aus der Kategorie „Meikes Gedanken zum Tag“, die in Teilen meinen Alltag beschreiben – mit all seiner Ablehnung von Haushaltsarbeit, der Hypochondrie und der philosophisch angehauchten Beobachtungen meines Drumherums. Natürlich wie immer so subjektiv wie möglich.