Ich, ein Tier?

Die Aufgabe, aus der Sicht eines Tieres zu schreiben, ist ja recht beliebt. Zumeist soll man dann das nehmen, das einem als erstes einfällt. Beim letzten Mal war es eine Glucke. Dieses Mal war es etwas anderes – warum, kann ich mir gar nicht erklären …

Frei im Meer, und keiner stört mich

Ich, die alte Blauwal-Kuh, bin wieder auf meiner Wanderung. Ich habe es nicht mehr eilig, weder will ich bestimmte Gewässer erreichen, um dort ein Kalb zur Welt zu bringen, noch reizt es mich, auf eines der Paarungsangebote der stattlichen Bullen einzugehen, die ab und zu meinen Weg kreuzen. All das habe ich hinter mir. Stattdessen bin ich im Genießer-Modus, tauche mal ab in die kühlen Tiefen, komme dann wieder hoch, um mich von der Sonne bescheinen zu lassen. Gerne würde ich mich auch einmal sonnen und gleichzeitig von Wind und Wellen schaukeln lassen wie die kleinen Boote, die ich ab und zu sehe, aber da steht mir mein Gewicht ein bisschen im Wege. Zum Schaukeln braucht es schon ordentlich Sturm. Hat halt alles Vor- und Nachteile, so auch das mit dem Gewicht – mich zieht keiner mit so einer lächerlichen Angel aus dem Wasser wie einen Dorsch.

pexels-daniel-ross-804181

Foto von Daniel Ross von Pexels

Das Wasser ist kalt, da wo ich heute bin. Ich liebe Wasser und könnte mir nicht vorstellen, woanders zu leben. Die Menschen auf ihren kleinen Booten tun mir leid, die können ja gar nichts. Nicht richtig schwimmen, nicht fliegen wie die Möwen und Albatrosse. Laufen, ja, gut, aber das bringt doch nichts. Für alles brauchen sie Hilfsmittel, nichts können sie alleine, immer müssen sie einander helfen. Ich komme auch alleine klar und genieße das sehr. Ab und an begleiten mich schwärmeweise kleine Fische: Putzerfische oder auch Haie. Ich dulde sie, brauche sich aber nicht unbedingt. Spannender finde ich die unheimlichen Kreaturen der Tiefsee, was einem da manchmal begegnet, ist wirklich interessant. Leider sind sie nur dort unten zuhause, gerne würde ich auch ihnen einmal die Sonne zeigen. Aber vielleicht wären sie dann traurig, weil ihnen klar werden würde, was ihnen entgeht.