Eierkauf 2.0

Endlich geschafft – Feierabend! Und das am Freitag. Die Zeit reicht noch für einen Besuch des Wochenmarktes auf dem Platz am Südbahnhof. Ich will mal wieder was Gutes kochen am Wochenende, also nicht nur Milchreis oder Pfannkuchen, sondern was Richtiges. Essen wie bei Muttern, sozusagen.

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Freudig hüpfe ich aus dem Bus und greife an. Mal gucken, was es so gibt – Fisch vielleicht. Zuerst komme ich aber am Eierstand vorbei, da nehme ich sechs Bio-Eier in der Größe L und versenke die Packung in meinem großen Einkaufsrucksack.

Dann zum Fisch. Das sieht ja immer alles so gut aus, wie es da auf dem weißen, kleingehackten Eis liegt. Alaska-Seelachs – den gab es immer zuhause. Oder Heringe – das war früher ein billiges Essen. Diese Zeiten sind lange vorbei und ich bin unentschlossen. Daher nehme ich nur ein Fischbrötchen für’s Abendessen und schlendere weiter. Am Geflügelstand gibt es Suppenhühner – Huhn im Topf wäre auch mal wieder was. Kurz entschlossen kaufe ich eines. Wahnsinn, was dieses magere kleine Ding kostet. Naja, die Zeiten, in denen Omas Freundin Leni von Loy Suppenhühner in Straußengröße vorbeibrachte, sind halt auch vorbei, in der Stadt gibt es sowas nicht. Dafür passt das Hühnchen auch noch locker in den Rucksack, ebenso wie das Bund Suppengrün, die Möhren und die drei Kohlrabi, die ich noch für meine Suppe kaufe. Jetzt noch eines von den schönen, schweren Bio-Broten und mein Wochenend-Einkauf ist erledigt. Mit etwas Nachdrücken geht sogar der Reißverschluss am Rucksack noch zu.

Ich kaufe noch ein Stück Kuchen. Das geht beim besten Willen nicht mehr in die Tasche, das muss in eines der Einkaufsbeutelchen, die ich immer in der Vordertasche des Rucksacks mit mir herumtrage. Es fühlt sich ein bisschen seifig an, wahrscheinlich muss ich es mal waschen. Jetzt aber schnell in die Bahn und nach Hause, Tee kochen, Kuchen essen.

Die Bahn ist pickepacke voll, ich muss meine Taschen auf den Schoß nehmen, damit neben mir jemand sitzen kann. Irgendwas ist am Bein feucht, wahrscheinlich habe ich meinen Rucksack auf dem Markt irgendwo in eine Pfütze gestellt. Guter Dinge schleppe ich meine Einkäufe heim und mache mich daran, auszupacken. Was dabei komisch ist: Der Rucksack hinterlässt auf der Arbeitsplatte so eine komische, seifige Spur. Am Brot ist nix, aber das Suppengemüse ist auch seifig. Als ich die glibberige Tüte mit dem Suppenhuhn herausziehe, hängt daran eine Eierschale – heiliger Bimbam! Da habe ich doch glatt beim Einschlichten meines Einkaufs und dem gewaltsamen Schließen des Reißverschlusses meine Eier ganz vergessen! Vier Bio-Eier der Größe L haben sich aus der zerstörten Packung geschlichen und ihren gesamten Inhalt in den Bodensatz meines Rucksackes erbrochen. Ich ziehe einen triefenden Regenschirm heraus – wenn ich mir den jetzt versehentlich in den Leib ramme, habe ich wohl einen Eierstich. Taschentücher, Kassenbons, Hustenbonbons, aber zum Glück nicht mein Geldbeutel: Der ist in der Jackentasche.. Unten im Sack glibbert ungerührt eine Eiermasse herum, gewürzt mit Papierfetzchen, Sand und allerlei Unrat.

Ich untersuche meine Jacke – na klar, der Rücken ist , vollgeeiert. Wahrscheinlich habe ich auf dem Weg nach Hause eine Schneckenschleimspur hinter mir hergezogen, die einem Zoologen Rätsel aufgeben würde. Was für eine Schweinerei!

Ich berge die beiden verbliebenen Eichen, tüte mein Huhn sauber um und stopfe den Rucksack, die Jacke und das Einkaufsbeutelchen in die Waschmaschine. Der Schirm darf duschen – eieiei. Trotz dieses Ungemachs muss ich lachen – wie kann man nur so schusselig sein. Kuchen und Tee schmecken trotzdem und aus dem Huhn wird am Samstag eine feine Suppe. Und die beiden letzten Eier – die Überlebenden des großen Schussels – werden am Sonntag besonders feierlich gekocht.

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Nachtrag: Sollte sich jemand über den Titel wundern – Eierkauf 2.0: Es gab vor einigen Jahren schon mal einen Eierkauf. Damals blieb aber alles heil …

Eierkauf

Es ist nicht zu leugnen: Ich bin ein ausgesprochen neugieriger Mensch und beobachte gerne meine Mitbürger. Ganz besonders natürlich, wenn sie etwas tun, was ich merkwürdig finde. Wenn ich Zeit habe, kann ich mich ganz gelassen daneben stellen und gucken. Was man da alles zu sehen kriegt: Heute zum Beispiel war es …

Der Eierkauf

Heute ging es ruhig zu: Wenig Betrieb am Morgen in der Straßenbahn, ein fast unbesetztes Büro, ganze zwei Mal klingelte mein Telefon. Viele Berufstätige nutzten den Brückentag, um sich etwas Ruhe zu gönnen, und nahmen Urlaub. Heute war jedoch ein Tag, an dem man bei der Arbeit nicht in Stress geriet. Dementsprechend war ich ganz entspannt, als ich früh Feierabend machte. Nur noch ein wenig einkaufen, dann ab nach Hause und ein spätnachmittägliches Teestündchen genießen. Ein leckeres Ingwergebäck wartete auf mich.

Im Rewe um die Ecke war allerhand los, anscheinend legen viele Leute zum Jahreswechsel umfangreiche Vorräte an, um für einen langen und kalten Winter gerüstet zu sein. Unter den Einkaufenden war auch ein älterer Herr, der diverse Lebensmittel in seinen Wagen lud. Er hatte den Laden direkt vor mir betreten und verhielt sich im Grunde unauffällig: Wagen nehmen, ein wenig Obst und Gemüse auswählen, Brot, Wurst und Käse dazulegen, das ging alles zügig und problemlos. Wirklich interessant fand ich den Mann am Eierregal, und auch das erst, nachdem sein Eierkauf schon einige Minuten angedauert hatte. Ich beobachtete ihn schon fasziniert, während ich noch nach einer Packung Knäckebrot griff, denn der Eierkauf des Mannes wurde überaus sorgfältig durchgeführt: Zunächst wurden die Packungen gelesen. Erst die billigen Zehnerpacks mit den Fabrikeiern. Die sind nicht sonderlich schön gestaltet und wurden flugs zurückgestellt. Dann die verschiedenen Packungen mit Eiern aus Bodenhaltung, Freilandeiern und Bio-Eiern. Letztere nehme ich ja immer, weil ich denke, dass ich mir und den Hühnern damit etwas Gutes tue. Dabei bin ich mir natürlich durchaus darüber im Klaren, dass wahrscheinlich jeden Tag mindestens dreimal so viele Bio-Eier verkauft werden, wie es Bio-Hühner gibt. Aber ich schweife ab, dieses Thema soll Foodwatch bearbeiten.

Nachdem der ältere Herr die Eierpackungen eingehend gelesen und wahrscheinlich auswendig gelernt hatte, entschied er sich für die Bio-Eier. Er ist wohl auch so ein Gutmensch wie ich. Allerdings einer, der für den Kauf von Eiern deutlich mehr Zeit benötigt als ich. Ich hatte inzwischen sowohl Knäckebrot als auch Ketchup in meinen Wagen geladen und brauchte ebenfalls Eier, pirschte mich also an den akribischen Eierkäufer heran. Das Regal konnte ich nicht erreichen, denn der Einkaufswagen des Mannes stand quer davor und er selber lehnte, auf die Ellenbogen gestützt, im Regal und betrachtete sechs Bio-Eier. Ich linste ihm über die Schulter und fand, dass die Eier einander ähnelten wie ein Ei dem anderen. Er hob sie alle an – sie waren heil. Was für ein Glück! Allerdings führte dieser segensreiche Umstand nicht zum sofortigen Eierkauf, sondern es wurde eine weitere Packung Eier geöffnet, studiert und der Inhalt angehoben. Auch heil! Das machte natürlich die Entscheidung für eine der beiden Packungen deutlich schwieriger und der Herr versank in dumpfes Brüten. Ich erwartete fast, dass er anfangen würde, die Eier zu schütteln, um das siebte Ei zu finden, in dem der Schlumpf ist. Aber das passierte nicht. Statt dessen wurden langsam, nachdenklich und sorgfältig zwei Eier aus der linken Packung entnommen. An ihre Stelle wurden zwei Eier aus der rechten Packung gesetzt, die beiden aussortierten Eier kamen in die frei werdenden Eiermulden. Es fand also eine doppelte Eierrochade statt – Schach und Matt. Dann wurden die Deckel sorgfältig zugeklappt und verschlossen, die Verriegelung noch mal geprüft und dann, endlich, wurde die erwählte Eierpackung vorsichtig angelupft und in den Einkaufswagen verbracht. Nach einem erschöpften, aber zufriedenen Seufzer räumte der Eierkäufer den Platz vor dem Eierregal – es war geschafft.

Und ich? Ich konnte es mir nicht verkneifen, die Packung mit den Austauscheiern zu öffnen und die darin enthaltenen Bio-Eier zu betrachten. Was war mit ihnen? Warum wurden sie vom gründlichsten aller Eierkäufer verschmäht? Sie sahen aus wie Eier, also so, wie Eier eben aussehen. Und sie taten mir leid. Wie mochten sie sich fühlen, aussortiert und umgelagert? Wahrscheinlich so wie ein Mädchen, das in der Tanzstunde übrig blieb. Ich überlegte nicht lange und kaufte die Packung mit den Austauscheiern. Und ich bin mir sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Bestimmt ist irgendwo in dieser Packung mit sechs Eiern das siebte Ei, und in dem ist der goldene Schlumpf.

Bio-Eier