Paul nimmt sich Zeit

Kürzlich habe ich mal meine Geschichtensammlung auf dem Laptop angeguckt und durchsortiert. Es gibt tatsächlich noch einige Schätzchen dort, die ich mal für irgendeinen Zweck geschrieben habe, die aber trotzdem nie hier auf dem Blog erschienen sind. Hier ist eine davon …

Paul nimmt sich Zeit

Es ist immer das Gleiche mit den Erwachsenen: Wenn man etwas von ihnen will, haben sie keine Zeit. Und wenn Paul etwas will, schon gar nicht. Deshalb sitzt er mürrisch in seinem Zimmer, spielt mit der X-Box und pflegt seine schlechte Laune.

Eigentlich sollte Mama ihn mit dem Auto zu Finn fahren, wo sie mit den anderen Jungs aus der Klasse Fußball spielen wollten. Aber Mama hat mal wieder keine Zeit, Papa ist sowieso arbeiten und überhaupt ist alles doof, seit vor einem Jahr die Drillinge geboren wurden. Dass sie letzten Monat auch noch in dieses Dorf am Ende der Welt gezogen sind, macht die ganze Sache noch schlimmer. Sie wohnen jetzt bei Opa, in seinem großen Haus. Das ist für Paul eigentlich okay, Opa ist ja nett und das Haus auch ganz schön, aber dieses Dorf! Hinterwald ist eine Metropole dagegen!

Gattertor, Wiese, Weide, Feld, Herbst

Bild zur Verfügung gestellt von Bernd Kasper / http://www.pixelio.de

Jeden Trag wird Paul nun mit dem Auto in die Schule gebracht und auch wieder abgeholt. Das ist natürlich toll, wenn es regnet, aber total doof, wenn er nachmittags noch etwas vorhat.

„Ich kann nicht immer den Fahrdienst spielen!“, sagt Mama oftmals, und dann guckt Paul in die Röhre. Als ob er etwas dafür könnte, dass er drei kleine Geschwister hat, die dauernd krank sind, zum Turnen müssen oder in die Krabbelgruppe. An solchen Tagen wünscht Paul sich, älter zu sein als elf. Einen eigenen Führerschein zu haben, wäre toll. Und natürlich ein Auto dazu. Aber es ist, wie es ist, und so hat er Finn absagen müssen. Der denkt jetzt bestimmt sonstwas von ihm – schließlich kennen sie sich noch nicht so lange.

Opa kommt rein und stört Paul in seinen finsteren Gedanken. „Kommst du mit zum Landhandel?“ fragt er und Paul guckt erstaunt. Im Landhandel war er erst einmal, vor drei Wochen, das ist der langweiligste Laden der Welt. Nur Gartengeräte, Düngemittel und Hundeleinen. Und irgendwo eine kleine Eistruhe und ein Kaffeeautomat. „Was soll ich denn da?“ fragt er und Opa zuckt die Schultern. „Mir Gesellschaft leisten.“ Paul seufzt. „Eigentlich habe ich keine Zeit“, erklärt er. „Ich will zu Finn zum Fußball.“ Aber weil das mit Finn sowieso nicht klappt und Opa bestimmt auch einsam ist, seitdem Oma gestorben ist, beschließt Paul, großzügig zu sein und sich die Zeit für Opa zu nehmen. Er rappelt sich hoch. „Dauert ja nicht lange“, redet er sich selbst gut zu.

Paul zieht sich seine Sneakers an und folgt Opa nach draußen. Zu seiner Überraschung hat der alte Mann nicht das Auto aus der Garage geholt, sondern die Fahrräder. An seines montiert er gerade einen Anhänger, er hat eine richtige kleine Anhängerkupplung dafür. „Du willst mit dem Rad fahren?“ japst Paul entsetzt. „Das dauert ja ewig!“ Opa lacht. „Macht doch nichts. Wir haben doch Zeit. Außerdem braucht deine Mutter das Auto, sie fährt mit den Kleinen zum Arzt.“ Als ob Paul das nicht wüsste! Stöhnend schwingt er sich auf sein Rad und trampelt hinter Opa her. Der ist ganz schön flott unterwegs, trotz des fast leeren Anhängers und der steifen Brise, die ihnen entgegen bläst. Gegenwind, auch das noch!

Paul gerät langsam ins Schwitzen. „Opa, wie alt bist du nun eigentlich?“ fragt er, nur, um etwas zu sagen. „Zweisiebzig“, antwortet Opa. ‚Also doppelt so alt wie Papa‘, rechnet Paul, ‚und dreimal so fit.‘ „Du bist ganz schön schnell für dein Alter“, räumt er ein und bemüht sich, mit dem alten Mann mitzuhalten. Der nickt und fährt etwas langsamer. „Ja, ich bin mit einer guten Gesundheit gesegnet und sehr dankbar dafür. Aber ich tue auch einiges, damit das so bleibt: Viel Radfahren und Gartenarbeit – das hält fit.“ Paul gibt ihm recht. Ja, Bewegung ist gut, das versteht er sofort. Deshalb spielt er ja so gerne Fußball.

„Aber dass du auch bei diesem Wind mit dem Rad zum Landhandel fährst, Opa … Hättest du da nicht einfach morgen hinfahren können? Oder brauchst du so dringend irgendwas?“ Opa lacht. „Nein, so dringend ist das nicht, ich will nur einen Sack Torf holen. Aber ich hatte Lust, es heute zu tun. Außerdem ist es viel gesünder, zu radeln. Für die Umwelt ist es auch besser. Und das Wetter ist prima.“ Paul ächzt hörbar. Tolles Wetter: Sturm in die falsche Richtung und vielleicht fünfzehn Grad. Und dann die Umwelt! Immer diese blöde Umwelt! Er weiß gar nicht, was die Leute immer haben mit ihrer Umwelt: Das Wasser, das hier aus dem Hahn kommt, ist klar, das Gras ist grün, die Bäume auch, und durch die Luft kann man ordnungsgemäß hindurchsehen. Alles schick und so, wie es sein soll. Er weist Opa darauf hin und der nickt verständnisvoll. „Ja, das stimmt schon, Paul. Aber weißt du auch, warum das so ist?“ Paul guckt nur fragend und Opa erklärt es ihm: „Es ist so, weil es Leute gibt, die sich dafür einsetzen, dass wir nicht im Schmutz versinken. Inzwischen gibt es Gesetze, die verbieten, dass Fabriken ihren Dreck ungefiltert in die Luft pusten oder ihr Abwasser einfach ins Meer leiten. Rohstoffe werden seit Jahren wiederverwendet und wer dabei erwischt wird, wie er seinen Müll in den Wald schmeißt, wird bestraft. Früher galt sowas als Kavaliersdelikt, viele haben ihren Abfall einfach aus dem Autofenster geschmissen. Es ist schon viel sauberer hier als noch vor dreißig Jahren, aber es geht noch besser. Und jeder kann mithelfen!“ Paul tut so, als hätte er Opa verstanden, rollt aber innerlich mit den Augen. Dass alte Leute immer aus allem eine Oper machen müssen! Wahrscheinlich haben sie einfach zu viel Zeit!

An einer Wegkreuzung hält Opa an. Paul wundert sich darüber, denn hier ist nichts Spannendes. Nur grüne Wiesen und ein paar Stoppelfelder. Der alte Mann steigt vom Rad und nimmt das schmale Päckchen aus dem Anhänger, das er kurz vor der Abfahrt dort hinein gelegt hat. „Komm“, sagt er ruhig und stapft vor Paul her zu einem Gattertor. Er schwingt sich darüber hinweg und springt in die Weide, auf der immerhin keine Kühe mehr stehen. „Was willst du denn hier?“, fragt Paul verblüfft und klettert ebenfalls über das Gatter. „Drachen steigen lassen“, erklärt Opa. „Darauf freue ich mich, seitdem ihr bei mir eingezogen seid.“ Er öffnet das Päckchen und zu Pauls Freude kommt ein ganz moderner Lenkdrachen zum Vorschein, bunt und mit einem langen Schweif. So einen hat Paul sich schon immer gewünscht. In der Stadt hatte er nur keinen Platz, ihn steigen zu lassen. Gemeinsam mit Opa ist der Drachen schnell zusammengebaut.

Drachen, Lenkdrachen

Bild zur Verfügung gestellt von Ralph Karow / http://www.pixelio.de

Zu Pauls Überraschung ist es gar nicht so einfach, den Drachen steigen zu lassen. Er fliegt gut, aber der frische Wind zerrt an ihm und Paul kann ihn kaum festhalten, geschweige denn lenken. Fast fürchtet er, abzuheben. Aber wäre das so schlecht gewesen? Oft hat er sich in den letzten Monaten gewünscht, einfach wegfliegen zu können, fort von seinem unruhigen Zuhause, in dem es nur noch um die Babys geht. Paul sieht zu dem Drachen hoch und verliert sich einen Moment in seinen Gedanken. Ein Windstoß lässt ihn voran stolpern. In dem Moment fühlt er Opa hinter sich. „Hoppla, Kleiner – du bleibst hier!“ Opas Hände legen sich über Pauls und helfen mit, den Drachen zu halten. Schöne Hände hat Opa: groß, fest und warm. Paul bleibt am Boden. Gemeinsam gelingt es ihnen, den Drachen zum Kreisen zu bringen und ein paar schöne Manöver zu fliegen. Zweimal stürzt er auch ab, bleibt aber heil. Gemeinsam bringen sie ihn wieder zum Fliegen und Paul merkt kaum, wie die Zeit vergeht. Dann mahnt Opa zum Aufbruch. „Wir wollen doch noch einkaufen.“ Paul ist es recht, denn seine Arme sind inzwischen vom Drachenhalten müde und fühlen sich an wie aus Gummi.

Kurze Zeit später kommen sie beim Landhandel an. Opa geht hinein, kommt mit dem Verkäufer heraus und lädt mit ihm gemeinsam einen großen Sack Torf auf den Anhänger. Der Platz reicht so gerade, Opa wird sich auf dem Rückweg sicher arg anstrengen müssen mit dem Gewicht am Rad. Er geht noch einmal in den Laden, um zu bezahlen, und kommt mit einer Eistüte für Paul und einem Kaffee für sich selber wieder heraus. „Komm, da hinten ist eine Bank im Schatten!“ Gemeinsam setzen sie sich nieder. „Weißt du, wovon ich das Eis und den Kaffee bezahlt habe?“ fragt Opa. Paul findet die Frage komisch und antwortet: „Na, von deiner Rente.“ Opa grinst. „Punkt für dich. Du hast natürlich Recht. Aber die 2 Euro hätte es wohl in etwa gekostet, wenn wir mit dem Auto gefahren wären.“ Paul ist nur ein ganz bisschen genervt davon, dass Opa schon wieder von den Segnungen des Radfahrens anfängt. Er denkt trotzdem nach. Jede kleine Fahrt kostet so viel Geld? Das hätte er nicht gedacht. Er weiß, dass Geld bei ihnen knapp ist, seitdem die Drillinge da sind. Anscheinend ist Radfahren doch vorteilhafter als gedacht. Während er an seinem Eis lutscht, lässt er den Gedanken kreisen. Und allmählich reift eine Idee in ihm. Eine Idee, die zu tun hat mit dem Radfahren, der Umwelt, gespartem Geld und … Freiheit!

„Du, Opa, meinst du, dass es zu Finn weiter ist als zum Landhandel?“ Opa überlegt kurz und schüttelt dann den Kopf. „Nein, bestimmt nicht. Das ist eher etwas kürzer.“ Paul wird eifrig. „Dann könnte ich doch künftig mit dem Rad da hinfahren. Und auch mal zur Schule!“ „Klar“, sagt Opa nur und nickt. Paul ist ganz aufgeregt. Dann aber wird er still. „Was ist?“ fragt Opa. „Das erlaubt Mama nie!“ Opa lächelt. „Das lass mal meine Sorge sein“, meint er dann. „Die ersten Male können wir ja zusammen fahren. Und wenn es dunkel ist, kann ich dich abholen. Das kriegen wir schon hin.“ Paul sieht Opa mit großen Augen an. „Das würdest du machen? „Klar.“

Zum ersten Mal seit langer Zeit ist Paul richtig glücklich. Er versteht, dass Opa sich seiner Sache ganz sicher ist und dass sein ruhiges „Klar“ so etwas wie ein richtiges, unbrechbares Versprechen ist. Zufrieden lehnt Paul sich an den alten Mann und knabbert die Reste seiner Eiswaffel.

Wenig später strampeln Opa und Enkel den langen Weg nach Hause. Paul wundert sich darüber, dass sie schon wieder Gegenwind haben. „Der müsste doch jetzt eigentlich von hinten kommen“, stellt er fest und Opa lacht. „Ja, das müsste er wohl. Aber er dreht hier gerne alle paar Stunden. Ich habe mich darüber als Kind auch oft geärgert. Inzwischen nehme ich es einfach hin, denn ich kann es nicht ändern. Unser Wind ist zuverlässig unzuverlässig – gewöhne dich daran.“ Paul nickt ergeben und lächelt ein wenig. Denn ohne den Wind, so lästig er auch sein mag, hätte er heute nicht so viel Spaß gehabt. Es war ein schönes Tag. Wie gut, dass er sich heute für Opa Zeit genommen hat!