Fundstücke 67 – Die dünnen Damen

Kürzlich war ich mal wieder im Urlaub an der Ostsee. Wie so oft wurde es beim Kofferpacken etwas hektisch und es kam, wie es kommen musste: Ich habe meine Begleiterin vergessen. Die dicke Dame stand tatsächlich bei mir im Regal – dachte ich zumindest.

Die dicke Dame bei einem früheren Aufenthalt an der Ostsee

Zu meiner großen Überraschung traf ich sie dann jedoch in Travemünde. Sie war mit einer Freundin unterwegs, die sie in der Gruppe „Radikale Clubdiät“ kennengelernt hatte und – was soll ich sagen: Beide Damen hatten es dort übertrieben.

Ist das Kunst, oder kann das weg?

Ich hatte nach unserer Heimkehr ein ernstes Gespräch mit meiner langjährigen Gefährtin und sie hat mir versprochen, mit diesem Unsinn aufzuhören. Auch wird sie sich künftig nicht mehr derartig zur Schau stellen – auch nicht für 550 Euro.

Novemberwunderwetter

Allmählich wird mir das Wetter ein wenig unheimlich: Neun Tage war ich auf Borkum, und das im November. Fünf Tage lang hatte ich ein wahres Prachtwetter – so, dass die Leute in die Strandcafés kamen und schnauften: „Boah, is dat warm!“

Es war zwar nicht unbedingt Bikiniwetter (die dicke Dame übertreibt mal wieder), aber es war für die Jahreszeit viel zu warm. Mehrmals saß ich ohne Jacke in der Sonne – das ist schon komisch im November.

Die Cocktails waren deutlich verlockender als der Glühwein. Da ich mir aber mal wieder den üblichen Urlaubs-Infekt zuzog, blieb ich trotzdem zumeist bei den Heißgetränken. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Die Sonnenuntergänge waren wirklich spektakulär, das habe ich mir mehrmals angeguckt und auch mal wieder ein bisschen herumexperimentiert – sowohl mit der Dame, die ganz unanständig ihr Maurerdekolltee zeigte, als auch mit der Fotokugel.

Trotz der vielen schönen Sonnenuntergangsbilder war ich eigentlich wegen etwas anderem im Herbst nach Borkum gefahren: Mir stand der Sinn nach Wolken, Wind und feuchter Luft. Ein bisschen was davon gab es auch, insofern habe ich keinen Grund zum Meckern:

Und heute Morgen verabschiedete die Insel sich mit Nebel von mir. Da ich direkt am Leuchtturm wohnte, machte ich mal wieder ein Foto davon. Sicher technisch lausig, aber trotzdem schön 🙂

Borkum im Herbst ist immer wieder toll – super entspannend und erholsam. Es war sicher nicht das letzte Mal.

Nachsaison

Die dicke Dame, Borkum

Die dicke Dame übertreibt: Es gibt auch im November Sonne, aber nackig machen sollte man sich nicht.

Wie schon ab und zu mal erwähnt, liebe ich es, in den kühlen Monaten ans Wasser zu fahren: wenn der Wind tüchtig bläst, die meisten Touristen abgereist sind und wenige Angebote mich von meinem eigentlichen Ziel, ein wenig zur Ruhe zu kommen, ablenken. Und doch bin ich immer wieder erstaunt darüber, wie die Atmosphäre sich schlagartig verändern kann, wenn die letzten Herbstferien zuende gehen: Dieses Runterschalten von Volldampf in der Sommersaison über halbe Kraft im goldenen Oktober auf gaaaaanz langsam ab November finde ich faszinierend.

Plötzlich haben Läden und Cafés geschlossen. „Wir machen Ferien“ liest man dann auf den Schildern in vielen Eingangstüren. Und ja, du meine Güte, sie haben es sich verdient, die vielen guten Geister, die auf den Inseln die Saison durch arbeiten, mit langen Arbeitszeiten und nur wenigen freien Tagen.

Überbleibsel einer langen Saison: die Fundsachen des Sommers.

Die wenigen Touristen, die unbeirrt und warm eingepackt dem Wind und den Regenschauern trotzen, finden alle noch ihren Platz zum Kaffee trinken, und sobald die Sonne scheint, drängen sie sich auf den Sitzplätzen im Freien zusammen. Ich auch, wenngleich ich es eigentlich fragwürdig finde, wenn die kühle Herbstluft durch Heizpilze aufgewärmt wird. Zum Glück begegnete mir das in diesem Jahr selten, eher lagen Decken aus – leicht klamm von der Feuchtigkeit, aber ein guter Schutz gegen den Wind.

Mal wieder ein Kugelexperiment: In diesem Café hatte man trotz dicker Wolkendecke einen wunderbaren Blick auf die Brandung – wenn man es denn draußen aushielt.

Natürlich haben nicht alle frei – für eine fängt jetzt die Hauptkampfzeit auf der Insel erst an. Es wird renoviert und mit Hochdruck geputzt: Die Gebäude auf der Promenade werden mit viel Wasser und hohem Druck vom Grünspan befreit, Mauern werden geschrubbt. Plötzlich sitzen neben mir im Café rotgefrorene Männer in Arbeitsanzügen, die zur Firma „Die Abdichter“ gehören und von der Cafébesitzerin mit einem Pott Kaffee versorgt werden. Ja, man darf kein Weichei sein, wenn man bei diesem kalten Wind da draußen arbeitet.

Novemberstrand auf Borkum, fast menschenleer

Der Strand gehört jetzt den Spaziergängern und Drachensteigenlassern. Was in der Hauptsaison am Hauptstrand streng verboten ist, macht jetzt bei ordentlich Wind so richtig viel Spaß – wenngleich ich auch eine Mutter mit etwa 16-jährigem Sohn beobachtet habe, die es selbst bei Windstärke 6 nicht geschafft haben, ihren Drachen zum Fliegen zu bringen. Der lautstarke Streit der beiden erheiterte die anderen Strandwanderer, denn so wenig fliegerischer Grundverstand verteilt auf zwei Leute ist schon selten.

Die dicke Dame in den Dünen

Schon besser: die dicke Dame rastete des öfteren warm eingepackt irgendwo am Dünenrand. Hier blühte noch einiges

Und auch die Hunde erobern den Strand, glückliche Vierbeiner, die herumrennen, buddeln, Bälle durch den Sand treiben (besonders tat sich dabei ein winziger, niesender Dackel hervor, der anscheinend ständig Sand in seiner eifrigen Nase hatte) und, wenn sie es dürfen, in die Wellen springen. Selten habe ich so viele schöne, zufriedene Hunde gesehen, die einander friedlich begegneten und Spaß daran hatten, so richtig drauflos zu rennen. Und zum ersten Mal sah ich einen Windhund in vollem Galopp – was der rennen konnte! Frauchen guckte übrigens genauso ungläubig wie ich, Luna dachte nämlich gar nicht daran, auf ihren Ruf hin zurückzukommen, die wollte sich austoben und hörte erst damit auf, als ihr die Zunge weit aus dem Hals hing. Frauchen auch, aber die gab viel schneller auf.

Neuer Leuchtturm Borkum – seit meiner Kindheit eines meiner Lieblingsmotive

Was mich in der Nachsaison zunächst immer erschreckt, dann aber erleichtert, sind die wenigen Veranstaltungen, die angeboten werden. Zuerst denke ich „Was soll ich denn nur die ganze Zeit machen?“, doch dann finde ich es toll, nichts oder nur wenig verpassen zu können. Gut, ich könnte mal ins Kino gehen, muss ich aber nicht. Ich könnte auch mal ein Fahrrad mieten und ins Ostland radeln, muss ich aber auch nicht. Ich kann gemütlich herumschlendern, von einem Tee zum nächsten, ohne dass mir etwas Weltbewegendes durch die Lappen ginge. Ich werde entschleunigt, ohne mich dafür anstrengen zu müssen. Und das ist für mich der große Vorteil der Nachsaison: Sie hilft mir, mich auf das zu konzentrieren, was ich eigentlich möchte.

Auch im Herbst geht die Sonne manchmal dramatisch unter

Schön ausgedrückt – stattlich

Dieses Thema passt fast ein wenig zu meiner Miniserie über die geschlechtlichen Inkonsistenzen, denn auch bei diesem Begriff wird das gleiche Wort bei Männern und Frauen leicht unterschiedlich gebraucht.

Schön ausgedrückt – stattlich

Viele Wörter bedeuten im täglichen Sprachgebrauch etwas Anderes als eigentlich gedacht. So ergeht es auch dem Begriff „stattlich“: denn laut dem gelbem Duden bedeutet er

  1. von beeindruckender großer und kräftiger Statur

Beispiel: ein stattlicher Mann

  1. (in Hinsicht auf äußere Vorzüge) ansehnlich, bemerkenswert

Beispiel: ein stattliches Gebäude

Das ist eigentlich als Erklärung völlig ausreichend, doch wird „stattlich“ gerade bei Männern anders benutzt. So erzählte uns vor einer Weile ein langjähriger Freund von einer Familienfeier, bei der sich auch Personen trafen, die sich schon jahrelang nicht gesehen hatten. Der Freund, nennen wir ihn den M., wurde von einer älteren Verwandten angesprochen: „M., du bist aber stattlich geworden! Besonders von der Seite!“ M., ein gutsituierter, wohlgenährter Mittvierziger, nahm es mit Humor. Auch wenn er seit mindestens 25 Jahren nicht mehr in der Länge gewachsen ist, hat sich doch seine Silhouette an einigen Stellen inzwischen deutlich gerundet.

Und genau das ist es, was die verschobene Bedeutung dieses kleinen Wortes ausmacht: Männer werden mit den Jahren stattlich, Frauen werden dick. Vielleicht noch pummelig, was niedlich klingt, oder auch „vollschlank“. Selten habe ich gehört, dass von einer stattlichen Frau gesprochen wurde, und wenn doch, dann musste diese nicht nur besonders groß, sondern auch würdevoll im Auftreten sein. Einfach nur eine Wampe zu haben, reicht bei Frauen nicht aus – das Leben ist ungerecht.

Die dicke Dame bekennt: Auch sie ist stattlich von der Seite. Und von vorne auch!