Verschieden

Die Idee hinter dieser kleinen Schreiberei war es, einmal möglichst viele schöne, altmodische Wörter unterzubringen. Wieso es schon wieder um eine Beerdingung geht, weiß ich allerdings auch nicht.

Verschieden

Samstag, 14:30, Waldfriedhof

Würdevoll sah der schwarz gewandete Mann auf den hellen Sarg hernieder. Er holte tief Atem, straffte sich. Was nun kam, würde nicht einfach werden.

„Wir haben uns heute hier versammelt, um unseres lieben verschiedenen Peters zu gedenken. Er war ein heiterer Geselle und ein treuer Kamerad, wie man ihn dieser Tage nur noch selten findet. Das Leben ohne ihn wird ein anderes sein.“

Oma schluchzte, Opa machte „Schschsch!“ Der Prediger ließ sich nicht irritieren.

„Wir wollen nicht zagen oder verzweifeln, denn das hätte er nicht gewollt. Er war selbstlos. Jemand, der Freude gab, ohne für sich selbst etwas zu verlangen. Wir wollen uns an ihn erinnern als an jemanden, der niemals übellaunig oder jähzornig war. Sein frohes Gemüt möge uns ein Beispiel sein, wenn wir wieder einmal des Morgens mürrisch vor unseren Kaffeetassen sitzen. Er aß mit Appetit und sichtlichem Ergötzen – mögen uns unsere Mahlzeiten die gleiche Freude bereiten wie ihm. Er liebte es zu singen – sein Gesang möge in uns nachhallen und unsere Seelen zum Klingen bringen.“

„Trallalaaaaa!“ wisperte Jan. Sein Vater gab ihm eine Kopfnuss. „Schweig stille!“

„Wir wollen zehren von unserer Erinnerung an unseren lieben Peter: Den lustigen, gut gelaunten Peter. Den Peter, der zärtlich und behutsam war, der mit sich zufrieden war und sein Dasein nicht hinterfragte. Und nur wenig Raum wollen wir dem Gedanken an sein Siechtum geben, welches zu unser aller Erleichterung nur wenige Tage währte. Der Tod holte ihn im Schlaf, so sacht und unauffällig, wie eine Feder, die durch die Luft weht und deren Berührung man allenfalls als sanfte Liebkosung wahrnimmt.“

„Aha“, murmelte Vera leise und sah auf die Uhr. Ihr war kalt. Noch aber war der Prediger nicht am Ende.

„Und genau das ist das Schöne, was Peters Dahinscheiden uns lehren kann: Wir müssen lernen, Gevatter Tod als das zu akzeptieren, das er ist: Eine Unausweichlichkeit, die unser aller Dasein früher oder später unweigerlich beenden wird. Er ist nicht unser Feind, sondern ein Freund, der uns im richtigen Moment zur Seite steht. Er fängt uns auf, wenn wir aus dem Leben fallen, und geleitet uns in eine neue Welt, die angefüllt sein mag mit allem, was wir uns wünschen.“

„Oder auch nicht“, nuschelte Jan. Dieses Mal nickte sein Vater zustimmend.

Der Prediger kam zum Ende. Mit feierlicher Miene vollzog er einige rituelle Bewegungen, der Sarg wurde ins Grab gesenkt, die Herren warfen mit Erde, die Damen mit Blumen.

Samstag, 15:30, Kaffeetafel

„Duhuhuu, Mamaa? Kaufen wir der Oma bald einen neuen Peterle? Und können wir dann mal nen Grünen nehmen? Und kann der Hansi heißen?“

Freiheit in Gummistiefeln

Mein Autorengrüppchen „Die Frankfurter Schreibweisen“ traf sich wieder einmal im Café Wacker, um dort Kurzgeschichten zu lesen. Das Thema lautete „Magische Momente“. Und magisch war es tatsächlich, was die Kollegen dort geboten haben: Mal ging es um Schaumstoffreste, dann wieder um gehobene Künste oder auch um Kneipen-Magie. Alles in allem war es ein toller Abend. Und meine kleine Geschichte kann man hier noch einmal nachlesen.

Die Farben der Freiheit

Als ihre Mutter beerdigt wurde, trug Friederike Hochstätter schwarz. Zum einen, weil sich das so gehörte, zum anderen, weil ihre Mutter es so gewollt hätte. Sie stand im Nieselregen am Grab, eine einzelne dunkelrote Rose in den schmalen Händen, und wartete auf den richtigen Zeitpunkt, diese dem hochwertigen Eichensarg hinterherzuwerfen.

Friederikes Kindheit war trist gewesen: Geboren in einer wohlhabende Familie, aber aufgewachsen in einer kühlen Umgebung mit wenig Freude, war sie ein stilles Mädchen gewesen, das sich von der übermächtigen Mutter herumkommandieren ließ und stets dazu angehalten wurde, wenig aufzufallen. „Die Contenance wahren“, das war jahrelang Friederikes Hauptaufgabe. Der Vater starb früh und hinterließ eine herrschaftliche Villa sowie ein beträchtliches Vermögen, das seine Frau in Stil und Design investierte. Sie gestaltete ihre Umgebung in den von ihr bevorzugten Farben schwarz, grau und beige, wobei sie die Nicht-Farbe beige niemals bei diesem Namen nannte. Sie sprach lieber von wollweiß, creme, perle oder natur und staffierte auch ihre Tochter in diesen Farbtönen aus. Friederike lernte, dass stilvolles Kleidung unauffällig sein musste und riskierte selten mehr als ein marinefarbenes Seidentuch.

Nun also trug sie schwarz, Beerdigungsschwarz. Der Pfarrer schloss mit einem Gebet, Friederike ließ die Rose fallen, ein paar Verwandte und Bekannte schippten Erde in das offene Grab. Sie gaben Friederike die Hand, sagten mitfühlende Worte, guckten betroffen. Das alles konnte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass niemand wirklich trauerte. Das war auch kein Wunder, denn die verstorbene Elisabeth Hochstätter war ein abscheulicher Mensch gewesen. Wahrscheinlich nicht absichtlich, aber das machte es nicht besser.

Unmittelbar nach der Beerdigung zerstreuten sich die Trauergäste. Friederike hatte auf die Kaffeetafel verzichtet, denn sie hatte Angst gehabt, dass niemand würde bleiben wollen. So blieb sie allein zurück, wechselte noch ein paar Worte mit dem Pfarrer und verließ schließlich den Friedhof. Sie wusste nichts mit sich anzufangen und schlenderte ziellos in Richtung Innenstadt. Ihr war kalt und sie ging in ein Café, um sich aufzuwärmen. Dort löffelte sie den Schaum von ihrem Milchkaffee, freute sich über das satte Braun des heißen Getränks und musste unwillkürlich lächeln: Eine Frau allein in einem Café, das war in den Augen ihrer Mutter immer unglaublich frivol gewesen. So etwas tat man nicht, hatte Friederike gelernt. „Ich bin eine Schlampe“, flüsterte sie ihrem Kaffee zu und nahm einen tiefen Schluck.

Nachdem sie noch einen Kaffee getrunken und dazu ein großes Stück Erdbeerkuchen gegessen hatte, zahlte Friederike und ging hinaus in die kleine Fußgängerzone. Es hatte aufgehört zu regnen und sie wanderte ziellos herum. An einem Schuhgeschäft hielt sie an und betrachtete die Sonderangebote im Eingangsbereich. Sie hatte Geld genug, sie musste nicht in diesem Billigschuhladen einkaufen. Doch irgendetwas zog sie hinein. Sie bummelte herum, probierte ein paar Sandalen und hielt irgendwann grinsend ein paar rosa Gummistiefel in der Hand. So etwas hätte sie als Kind gerne gehabt. Aber sie hatte nie Gummistiefel haben dürfen, denn sie brauchte keine. Im Schmutz spielten nur Bauern- und Proletenkinder. Und rosa Schuhe trug nur Barbie oder das horizontale Gewerbe. Friederike hatte sich jahrelang gefragt, was es mit diesem Gewerbe wohl auf sich hatte. Als sie das endlich verstanden hatte, war sie aus dem Gummistiefelalter heraus gewesen.

„Du, wäre das nicht schön, wenn man die kaufen könnte?“ fragte eine helle Stimme direkt neben Friederike. Sie gehörte zu einem etwa siebenjährigen Mädchen, das Friederike unheimlich bekannt vorkam. Es war etwas pummelig, hatte feuerrote Haare und eine Unmenge von Sommersprossen. ‚Das muss Sonjas Tochter sein, die Ähnlichkeit ist enorm!‘ dachte Friederike mit einem freudigen Schreck. Sonja war ihre erste Schulfreundin gewesen, rothaarig, quirlig und immer zu Späßen aufgelegt. Sie hatten sich fast nur in der Schule sehen können, denn die Bauerntochter Sonja war in den Augen der Eltern kein adäquater Umgang gewesen. Trotzdem waren sie jahrelang gute Freundinnen gewesen, hatten nebeneinander gesessen und die Pausenbrote getauscht. Nur manchmal, ganz selten, hatten sie sich heimlich bei Sonja zuhause getroffen. Dann hatten sie wild gespielt, Friederike, Sonja und deren drei Geschwister, alle rothaarig und etwas pummelig. Damals hatte Friederike diese roten Haare geliebt. ‚Rot ist die Farbe der Freiheit!‘ hatte sie damals gedacht und sich auch so einen Feuerkopf gewünscht. Leider hatte sie Sonja nach der Mittelstufe aus den Augen verloren.

Und nun stand sie hier neben diesem kleinen Mädchen, das genau wie sie ein paar rosa Gummistiefel mit Perlglanz in der Hand hielt. Die Kleine sah sehnsüchtig aus und Friederike hatte Lust, ihr eine Freude zu machen. „Magst du die Stiefel haben? Dann kaufen wir sie!“ Sie nahm dem Kind die Schuhe ab und brachte sie zur Kasse. Das Mädchen strahlte: „Aber du musst auch welche haben!“ Friederike lächelte. „Aber ich brauche doch keine Gummistiefel.“ „Jeder braucht Gummistiefel“, fand die Kleine und trug das Paar in Friederikes Größe ebenfalls zur Kasse. So wurden zwei Paar Schuhe gekauft.

„Komm, die ziehen wir gleich an und probieren sie aus!“ Inspiriert von dem Mädchen zog Friederike die schwarzen Pumps aus und die rosa Gummistiefel an. „Ordinär“, hörte sie von irgendwo her die Stimme ihrer Mutter. ‚Bequem‘, dachte sie und wackelte mit den Zehen. Heute war anscheinend Rosa die Farbe der Freiheit. Sie stopfte die Pumps in einen Mülleimer am Straßenrand. Dann rannte hinter dem Mädchen, das ihre Hand umklammert hielt und sie aus der City herauszog. „Wo willst du denn hin?“ keuchte Friederike und polterte schwer atmend in den klobigen Stiefeln durch die Stadt. Es kam ihr vor, als sei sie noch nie in ihrem Leben so weit gelaufen, als das Mädchen endlich an einem Feldrand anhielt. „Hier kann man schön matschen!“ erklärte es und zeigte Friederike, wie man neue Stiefel testet: in Pfützen springen und in Matschlöcher, dann über die Wiese rennen bis zum kleinen Teich. Dort im Wasser herumstapfen und Entengrütze mit der Fußspitze auffangen. Leuchtendes Grün auf rosa Stiefeln – Friederike fühlte sich leicht wie nie. Aber müsste die Kleine nicht längst zuhause sein? „Ich gehe, wenn wir hier fertig sind“, antwortete das Mädchen auf ihre Frage. Friederike aber hatte nicht vor, das Kind alleine nach Hause laufen zu lassen. Sie wollte mehr über das Mädchen wissen. „Wie heißt du eigentlich?“ fragte sie. „Aber das weißt du doch“, sagte das Mädchen erstaunt, drehte sich um und löste sich in Luft auf. Friederike blieb verblüfft zurück. Wohin war das Kind verschwunden? War es eine Illusion gewesen? Sie war verwirrt.

Noch Wochen später musste Friederike immer wieder an das seltsame Mädchen zurückdenken. Es war kein Traum gewesen – alleine hätte sie sich doch niemals diese Stiefel gekauft. Ihr erstes Paar Gummistiefel. Inzwischen hatte sie fünf davon: Das Paar in rosa, eines in gelb, eines in hellblau, eines in rot und eines in quietschgrün. Fast jeden Tag nach der Arbeit zog sie sich Gummistiefel an und lief zum Teich um zu matschen. Oft traf sie dort Kinder, die dort spielten und sich über die Frau Mitte Dreißig, die so eine Neigung zu Schmutz und Entengrütze hatte, sichtbar wunderten. Ab und zu war auch mal eine Mutter am Teich. Am Blick dieser Frauen sah Friederike, dass sie sie für bekloppt, aber harmlos hielten. Und ein junger Bauer, der regelmäßig mit seinem Traktor auf den Feldern herumfuhr, grüßte Friederike bereits und lachte jedes Mal fröhlich, wenn er sie sah. Das rothaarige Mädchen aber traf sie nicht mehr.

Guter Gunther – ach, ist das traurig!

Zwischendurch versuche ich mich immer mal wieder in unterschiedlichen Genres. Das Gedicht „Guter Gunther, gingst so stille“ ist so ein Ding: poetisch oder zumindest gereimt greift es ein gerne tabuisiertes Thema auf – eine Beerdigung. Natürlich rein fiktiv und mit allem Ernst, der mir dabei möglich war. Und nicht alles ist dabei fiktiv: Das Malheur mit dem Geld für den Klingelbeutel beobachtete ich auf einer Hochzeit.

Guter Gunther, gingst so stille

„Wir senken heute voller Trauer
ins Grab Herrn Gunther Silberbauer“,
spricht leis’ voll Takt und Pietät
der Pfarrer Müller-Mockenstädt
und blickt prüfend in die Runde
wer dort schon sitzt zu früher Stunde.

Neben Witwe, Hund und Sohn
kamen an, aus Iserlohn
zahlreiche von den Verwandten,
dazu die Nachbarn und Bekannten,
und der große Freizeitchor
hat was ganz Spezielles vor.

Der blasse Gunther war ein Lehrer,
dazu ein großer Busch-Verehrer
und gab auf diese Weise heiter
für seine Frau den Blitzableiter.
Nett zu den Schülern war er zwar,
doch diese blieben undankbar.

Doch ging er auf in dem Beruf,
sang noch im Chor „Der laute Ruf“
und mit tiefem schiefen Schalle
ließ erbeben er die Halle.
Stets freundlich war er sonst, und friedlich,
fand seine schlimme Frau ganz lieblich.

„Er lebte ruhig und ausgeglichen
und ist ganz sacht und still verblichen.“
Bei dieser Worte sanfter Klang
da seufzt die Witwe laut und lang,
worauf dem Sohn, der Ingo heißt
der Hund fest in die Wade beißt.

Der Arme quiekt, jodelt Sopran,
der Chor fängt schnell zu singen an,
„Guter Gunther, gingst so stille“,
schmettert eine Frau mit Brille
und Fräulein Frube, ungeniert
steht auf, guckt tragisch, dirigiert.

So wird die Stimmung aufgehellt,
fast niemand hört, wie der Hund bellt,
und all die Tanten und die Nichten
können sich mal kurz berichten,
was es Neues gibt zur Zeit
bei den Verwandten, nah und weit.

Dann wird es still, das Lied ist aus,
der Pastor holt die Bibel raus
und bei dem folgenden Gebete
befiehlt die alte Tante Dete
ihrem Sohn, dem dicken Claus
„Such’ Du schon mal das Kleingeld raus!“

Wie stets gehorcht der gute Mann,
findet seinen Beutel dann,
„nur ein paar Cents für unser’n Gunther“,
doch bald fällt ihm das Ganze runter,
kullert lustig durch die Gänge
und das in der bedrängten Enge.

„Jetzt heb’ das auf!“ ruft Dete laut,
der Claus kriegt Angst, dass sie ihn haut,
weshalb er schnell zu Boden geht
und sich dort unten reckt und dreht.
Die ersten Trauergäste lachen,
ganz staubig sind des Clausens Sachen.

Die Menge feixt, der Pfarrer stutzt,
was ist denn los, denkt er verdutzt
und fragt dann schnell die Sängersleute
„Wollt ihr auch noch was bringen heute?“
Und sie legen wieder los,
denn ihre Trauer, die ist groß.

Der Vetter Claus macht sich ganz lang,
streckt sich über’n Mittelgang,
weil dort noch ein Münzlein funkelt,
derweil man beim Singen schunkelt
weil doch sein Lieblingslied dies war –
falleri und fallera.

Die Masse tobt, es kläfft der Hund,
dem Pfäfflein wird es nun zu bunt,
er ruft ganz laut „Wir brechen ab,
und legen ihn nun in sein Grab!“
Er rennt voran zur Kirche raus,
tritt auf die Hand vom armen Claus.

Es folgt, noch singend, ihm die Meute,
eigentlich ganz nette Leute,
doch ohne jede Haltung jetzt
(Sohn Ingos Hose ist zerfetzt).
Und den Lärm von dem Gewimmel,
den rundet ab die Kirchenbimmel.

Der Pfarrer hastet, hat es eilig,
heute ist ihm nichts mehr heilig,
spricht ein paar Worte kurz und knackig,
dann lassen sie ihn runter zackig.
Die Witwe schmeißt ihr Sträußchen rein
und Ingo hüpft auf einem Bein.

Der Augenblick des Abschieds naht,
ein jeder macht’s auf seine Art,
die Tante Dete lamentiert,
der Schwager Alfons schweigt und stiert
und ein Kollege launig spricht
ein selbstgeschriebenes Gedicht.

Über den Hund fällt Fräulein Frube
beinah geräuschlos in die Grube,
wird dann von Vetter Claus gerettet
und in der Hecke hingebettet.
Es singt der Chor undirigiert
sein letztes Lied nur noch zu viert.

So klingt es leise, wird dann stille,
nur diese Frau, die mit der Brille,
singt ganz allein die letzte Strophe,
doch das ist keine Katastrophe,
weil unser Gunther, das ist wahr,
im Leben ein ganz Leiser war.