Jetzt zu haben: allerhand Alltägliches aus der bunten Welt

Immer wieder wurde ich auf Lesungen gefragt, ob es auch einige meiner Kolumnen als Buch zu kaufen gäbe. Bislang war das nicht der Fall, da ich diese kleinen Texte aber sehr gerne vorlese, gibt es sie jetzt. „Die Glorifizierung des Bandsalats“, dieser komplizierte Titel fiel mir ein, als ich wohl zum hundertsten Mal auf Facebook las, wie toll es doch war, so eine außer Kontrolle geratene Musik-Kassette mit einem Bleistift wieder aufzuwickeln. Ich fand das ja eigentlich nie so toll, weiß aber, dass die Jahre so manches Ungemach rosarot erscheinen lassen. Und so wurde der Bandsalat meine Titelstory.

Im Büchlein findet ihr eine Sammlung aus der Kategorie „Meikes Gedanken zum Tag“, die in Teilen meinen Alltag beschreiben – mit all seiner Ablehnung von Haushaltsarbeit, der Hypochondrie und der philosophisch angehauchten Beobachtungen meines Drumherums. Natürlich wie immer so subjektiv wie möglich.

Die Glorifizierung des Bandsalats

WählscheibentelefonManchmal ertappe ich mich dabei, dass ich mich verhalte wie meine Großeltern: Früher war alles besser, und wisst ihr noch, wie schön das damals alles war? Dann bemitleide ich andere Menschen für die Last der späten Geburt: Weil sie nicht mit dem „Drrrr“ der Wählscheibentelefone aufgewachsen sind und im Urlaub nie vor einer Telefonzelle („Fasse dich kurz!“) warten mussten. Wenn man es genau betrachtet, ist das genauso absurd wie die Litanei meiner Oma, die fand, dass die jungen Leute früher viel adretter daherkamen.

Die Glorifizierung des Bandsalats

Nostalgie ist in. Und meine Jugendzeit ist in. Es gibt 80er-Jahre-Partys, Wiederholungen alter Folgen von „Formel 1“ und „Hitparade“ und die unsäglichen Leggins sind auch wieder da (Meikes bunte Welt berichtete!). Auf Facebook gibt es große Gruppen, die sich der „Früher war alles besser – Schwärmerei“ hingeben, und was da oft verklärt wird, lässt mich ebenfalls gerührt lächeln. Obwohl es natürlich völlig absurd ist, was da alles als schön hingestellt wird.

Die alten schwarz-weiß-Fernseher, ja, sowas hatten wir auch. Wenn beim Fußball eine Mannschaft gelb, die andere hellblau trug, liefen 20 graue Männchen ebenso unübersichtlich wie langweilig durcheinander. Man musste zum Umschalten aufstehen, das hielt schlank, zumindest konnte man sich das einbilden. Gab ja eh nur drei Programme, eigentlich nur zweieinhalb, weil das Dritte erst um 18 Uhr begann. So oft wurde also nicht umgeschaltet. Die allerschönste Erinnerung an dieses Fernsehgerät ist jedoch die an den Moment, in dem man nach Hause kam und beglückt feststellen durfte, dass ein neuer Farbfernseher Einzug gehalten hatte. Mit Fernbedienung!

Ähnlich erging es mir mit dem wunderbaren grauen drrrr-Wählscheibentelefon. Das nachfolgende Tastentelefon (in modischem beige!) ließ einen nicht nur schneller wählen, sondern hatte ein viel längeres Kabel. Man musste beim Telefonieren also nicht im zugigen Flur herumstehen, sondern konnte sich gemütlich irgendwo niedersetzen, was Dauergespräche deutlich angenehmer machte.

Und dann die Radiorecorder. Viele waren und sind unkaputtbar – soweit ich weiß steht der, den ich zum dreizehnten Geburtstag bekam, noch bei meinem Schwager in der Werkstatt. Man konnte mit ihm natürlich aus dem Radio aufnehmen. Dazu musste man nur gleichzeitig zwei Tasten drücken, was oft nicht so recht gelang. „Schlurps“ machte es dann auf der Kassette, bevor das aufgenommene Lied losdudelte. Und wenn zwischendrin das Verkehrsstudio kam, hatte man die acht Kilometer Stop-and-go von Heide Richtung Hamburg für die Ewigkeit auf Tape gebannt. Toll!

Wenn man jedoch den zahlreichen Foristen und Facebookern Glauben schenken darf, war es die Krönung, wenn man einen 200-Meter-Bandsalat mit einem Bleistift aufwickeln durfte. Das ging natürlich nur mit einem sechseckigen Bleistift, hatte man nur einen runden, war man verloren. Auch mit einem eckigen Stift fand ich diese Aufgabe nicht besonders toll, denn man wickelte, wickelte und wickelte. Oft tat man diese Arbeit nur, um feststellen zu müssen, dass das Band beim nächsten Abspielen an genau der gleichen Stelle wieder Skandal machte und einen Bandsalat allererster Kategorie aus dem Radiorecorder quellen ließ. In diesem Fall habe ich mich im Zorn so manches Mal dazu hinreißen lassen, den Rest des Bandes auch noch aus der Kassette zu zerren. Wer das noch nie gemacht hat, sollte sich irgendwo eine Kassette besorgen und es ausprobieren: Man glaubt nämlich gar nicht, wie viel Band in so einer einzigen 90-Minuten-Kassette ist!

Bandsalat

Ich gestehe: Für diese Aufnahme habe ich eine Jethro Tull-Kassette geschlachtet, die mir seinerzeit mein Klassenkamerad Sören aufgenommen hat. Das macht aber nichts – denn diese Musik habe ich inzwischen auf CD und MP3. Und wenn ich Sören mal treffe, dann schwatzen wir immer ein wenig.

Natürlich werden auch andere Unannehmlichkeiten gerne glorifiziert. Ich erinnere mich an meinen Opa, der immer richtig stolz klang, wenn er von seinen frühen Motorradausflügen erzählte: „Von neun Motorrädern hatten sechs eine Panne. Meins war auch dabei!“ Super, Opa, echt! Daumen hoch!

Und auch Jugendsünden – oder sollte ich hier lieber das altmodische Wort „Torheiten“ verwenden? – werden gerne als wunderbar gelungen dargestellt. Bei mir im Bekanntenkreis sind das zum Beispiel die frühen Kohlfahrtsbesäufnisse, die uns im nachhinein als reiner Genuss erscheinen. Dass man am nächsten Tag regelmäßig sterben wollte, haben wir allesamt verdrängt. Und auch über den Bollerwagen, der uns einfach abhaute und in den Graben donnerte, müssen wir inzwischen lachen. Wie peinlich war es doch, den geliehenen (!) Wagen mit der abgebrochenen Deichsel wieder zurückzugeben. Jahrelang bekamen wir deshalb nur noch den „alten“ Wagen ausgeliehen, der Sonntagswagen blieb in der Garage, wenn wir Chaoten auf Kohltour gingen. Ob wir inzwischen rehabilitiert sind, weiß ich ehrlich gesagt gar nicht.

Auch die Techtelmechtel, auf die man sich im Suff eingelassen hat, sind mit dem Abstand von zwanzig Jahren eher lustig als grausig – der kalte Schrecken beim Erwachen am nächsten Morgen ist erfolgreich verdrängt. Und wenn man heute einen dieser männlichen Bandsalate auf der Straße trifft, was bei mir dank des Umzuges nach Frankfurt nur noch selten passiert, grüßt man freundlich und läuft schnell weiter. War doch schön, eigentlich.