Biografie eines Antagonisten

Vor Kurzem nahm ich an einem Workshop teil, der sich mit Märchen beschäftigete – leider waren es nur drei Abende. Mir hat der Kurs aber sehr viel Spaß gemacht, und das nicht nur, weil ich Märchen an sich gerne mag, sondern auch, weil die Aufgaben schön und etwas ungewöhnlich waren.

Unter anderem wurden wir gebeten, uns einmal von all den Heldinnen und Helden zu lösen und stattdessen – in einer Viertelstunde – die Biografie eines der Antagonisten zu verfassen. Wie wurde also die böse Stiefmutter, was sie ist, oder warum will der Wolf unbedingt Menschen fressen? Das war sehr interessant, fand ich.

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Bild von Pixabay

Der Antagonist – die ersten Jahre

Als er geboren wurde, hatte sich die Freude seiner Eltern in Grenzen gehalten. Schon das Gesicht der Hebamme hatte der Mutter verraten, dass etwas nicht in Ordnung war mit diesem Kind. Es war kleiner als normal, und irgendwie schief im Rücken. Obwohl sie es versuchte, fiel es der Mutter schwer, den schwächlichen, dürren und immer missmutig wirkenden Jungen zu lieben. Auch der Vater machte aus seiner Enttäuschung keinen Hehl. Dieses Kind würde auf keinen Fall einmal seine Schmiede übernehmen, soviel stand fest.

Und so kam es, wie es kommen musste: Als das nächste Kind kam, ein hübscher, wohlgestalteter Knabe, wurde der missgebildete Erstgeborene abgegeben. Die alte Kräuterfrau, die allein im Wald lebte, wollte ihn haben. Sie zog ihn auf und lehrte ihn allerlei über den Wald, die Kräuter und die magischen Kräfte, die man nicht sehen kann. Sie war es auch, die ihm endlich einen Namen gab: Sie nannte ihn Rumpelstilzchen.

Aus dem Kind wurde ein Mann, klug zwar, aber noch immer wenig ansehnlich. Freundlichkeit und ein heiteres Lächeln fielen ihm schwer, und obwohl er sich danach sehnte, mit jemandem sein Leben zu teilen, fand er keine Frau, die ihn heiraten wollte. Die ständigen Zurückweisungen machten ihn bitter und als die alte Kräuterfrau starb, zog er sich ganz von den Menschen zurück und lebte viele Jahre allein in einer Höhle im Wald. Er sprach mit Bäumen und Tieren und schloss ab mit seinem Traum von einem Leben mit einer Familie. Und doch war er im Inneren nicht ganz lieblos. In ihm wuchs der Wunsch, ein Kind zu haben. Jemanden, um den er sich kümmern könnte und der ihn lieben würde, so wie er war – klein, verwachsen, mit einer viel zu großen Nase und einem missmutigen Gesicht. Er wollte lieben und geliebt werden – um jeden Preis.