Weihnachtsmann gesucht

„Himmelherrgottnochmal, was ist denn das alles hier? Wer hat denn das sortiert? Ist das der Ausschuss, oder was soll das sein? Sören! Sööören!“

Endlich erscheint mein Assistent. Er kennt mich, wenn ich schlechte Laune habe, und streckt entsprechend vorsichtig seine Nase durch einen schmalen Türspalt.

„Was is?“

„Was is? Was is? Mehr fällt Ihnen nicht ein? Was ist denn das hier? Haben Sie mir die Bewerbungen auf den Tisch gelegt? Als was bewerben diese Leute sich denn, als Luftpumpen? Oder als Geburtshelfer, wegen der besonders kleinen Hände? Wir suchen Weihnachtsmänner, Himmelnochmal, Weihnachtsmänner, Nikoläuse, wie auch immer Sie das nennen wollen. Diese Leute hier taugen noch nicht einmal als Engel im kurzen weißen Hemd! Geben Sie es zu, Sie haben die Stapel verwechselt – die echten Bewerbungen sind noch in Ihrem Büro!“

Weihnachtslandschaft

Sören wirkt erschüttert, aber das kenne ich schon von ihm. Er ist ein echter Sören, von Helikoptereltern mit Bio-Nahrung liebevoll aufgepäppelt, Waldorf-beschult und immer wieder verblüfft darüber, dass das wahre Leben nicht auf ihn wartet. Auch jetzt steht echtes Unverständnis in seinen seelenvollen Kinderaugen – dabei ist der Bengel schon 26.

„Nein, ich habe nicht den falschen Stapel genommen. Es sind alle. Mehr Bewerbungen gab es nicht.“

Fast habe ich das befürchtet, trotzdem bin ich einer Ohnmacht nahe. „Wie, das sind alle? Das kann doch nicht sein. Das sind nur junge Burschen, von der Figur her 60-90-60, wahrscheinlich singen die alle noch im Sopran. Sogar drei Weiber sind dabei – Frau-en! Die sind vom Foto her noch das männlichste im ganzen Sortiment. Haben Sie nichts anderes zu bieten? Ist das wirklich alles? Letztes Jahr haben Sie mir schon Heringe präsentiert, dieses Jahr reicht es gerade noch für Ölsardinen. Das kann nicht ihr Ernst sein!“

Sören zuckt die Schultern. „Doch, mehr ist nicht. Wir haben das angebotene Gehalt erhöht und die Anforderungen sehr genau in die Ausschreibung geschrieben: Groß, von stattlicher Gestalt, mit dunkler Stimme und am liebsten mit Naturbart. Und wir haben tatsächlich acht Bewerbungen mehr als letztes Jahr.“

Ich stöhne – acht Nieten mehr im Lostopf. Wenn man nicht alles selber macht! Ich bin verantwortlich für die Beweihnachtung des größten Möbelhauses im Schwarzwald, und alles, was man mir liefert, sind magere Studenten und drei größenwahnsinnige Weiber! Ich bin echt in Not! Meine Gedanken rasen, ich brauche einen Ausweg.

„Rufen Sie Liechtenstein an, sofort!“, herrsche ich Sören, diesen Ausgangspunkt allen Ungemachs an. Der nickt und schließt eilig die Tür hinter sich zu. Während ich angestrengt über weitere Alternativen nachdenke, öffnet sich die Tür wieder. Dieses Mal ist der Spalt noch schmaler. „Was ist?“, maule ich und überlege, theatralisch mit meinem Locher zu werfen. Schon wieder Sören.

„Ähhh, Entschuldigung, wen soll ich denn anrufen?“

Hat der mir etwa nicht zugehört? „Liechtenstein!“, belle ich und er nickt. Dann zuckt er, wenn ich das durch die schmale Türöffnung richtig sehe, wieder mit den schmalen Schultern.

„Ähh, ja, und wen da genau?“

„Wie, genau?“

„Ja, in Lichtenstein. Wen genau soll ich da anrufen?“

Himmel, ist der Junge blöd. „Sie sollen nicht in Lichtenstein anrufen, sondern den Liechtenstein. Friedrich Liechtenstein, den aus der Werbung, mit Bauch und Bart und Bass. Supergeil, sagt er da immer. Den will ich haben!“

Sören scheint ein Licht aufzugehen. „Ach sooo, den meinen Sie. Ja, der passt gut. Aber da müssen wir sicher die Gage nochmal erhöhen, für 10 Euro die Stunde macht der das bestimmt nicht.“

Verdammt, da könnte er Recht haben. Egal, entscheide ich, ich brauche vernünftige Weihnachtsmänner. „Geld spielt keine Rolle“, behaupte ich also großmütig. „Rufen Sie seine Agentur an, die müssen doch wissen, ob er im Dezember frei ist.“

Während Sören im Nebenzimmer telefoniert, sehe ich den Stapel der Bewerbungen nochmal durch. Das ist nichts, aber auch wirklich gar nichts dabei. Unruhig warte ich darauf, dass mein Assistent zurückkommt, und überlege mir schon, was ich ihm alles an den Kopf werfen könnte für den Fall, dass Liechtenstein keine Zeit hat. Es dauert ewig, bis er wiederkommt, aber da ich ihn ununterbrochen telefonieren höre, warte ich ab. Hab ja schließlich auch noch anderes zu tun. Glühweinstände buchen, zum Beispiel. Glühwein ist unglaublich wichtig für die deutsche Seele.

Endlich geht die Tür wieder auf. Ich sehe knurrig in Sörens Richtung. Dieses Mal ist er deutlich mutiger und tritt ganz in mein Büro. Er wirkt zufrieden mit sich.

„Herr Liechtenstein ist im fraglichen Zeitraum leider nicht frei, er ist auf Kur. Ansonsten würde er gerne den Weihnachtsmann für uns geben. Ich habe ihn für das nächste Jahr vorgemerkt!“, verkündet er fast eine Spur stolz. „Aber ich habe drei weitere Männer gefunden, die auf unser Anforderungsprofil passen und zur Weihnachtszeit gerne nach Deutschland kommen werden. Wir müssen Ihnen nur noch eine Unterkunft mieten, zusätzlich zur Gage natürlich. Und ihre Familien wollen sie mitbringen.“

Irgendetwas klingelt warnend in meinem Kopf. Unterbringung, Familien, Gage – hieß das nicht sonst immer Stundenlohn? Doch ich nicke – ich brauche Weihnachtsmänner. „Wer denn?“, frage ich und klinge wider Willens neugieriger, als gut für mich ist. Triumphierend sieht Sören mich an: „Da sind zum einen Dusty Hill und Billy Gibbons.“

„Wer?“, unterbreche ich verwirrt.

„Dusty Hill und Billy Gibbons. Das sind die beiden irren Typen von ZZ Top. Bessere Bärte gibt es nicht. Alt genug sind sie auch, beide 71. Deutsch können sie nicht, aber für „Ho, ho, ho“ wird es reichen. Und sie bringen ihre Instrumente und ein paar Musiker mit.“

Na bravo, Weihnachten mit Bluesrock. Ich weiß nicht recht, wie gut mir das gefällt, aber die Idee ist unzweifelhaft ganz neu und wird nicht so schnell Nachahmer finden. Die Frage, was die beiden alten Recken nebst Gefolge mich denn wohl kosten werden, verkneife ich mir. „Und wer ist der Dritte?“, frage ich deshalb und bemühe mich, sachlich distanziert zu wirken.

„Tom Kaulitz!“, kräht Sören zu meinem Entsetzen. „Der ist zwar weder dick noch alt, aber dafür bringt er seine entzückende Frau und alle Kinder mit. Die Frau habe ich als Engel und die Kinder als Elfen engagiert!“

Na bravo. Weihnachten mit Germanys first Waldschrat und der Mutter aller Topmodels, und das Ganze begleitet von Bluesrock. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Aber eines steht fest – die Sache wird Publikum anziehen. Und das werden wir dringend brauchen, bei dem was uns die Sache kosten wird. Trotz des zu erwartenden finanziellen Fiaskos bin ich merkwürdigerweise weihnachtlich-milde gestimmt und entschließe mich, meinem Assistenten eine Gehaltserhöhung zu genehmigen. Die hat er sich wirklich redlich verdient.

Zeit zum Teilen

Das Jahr ist irgendwie dahingeglitten, ohne Highlights, mit viel Pandemie-Gerede, Krankheit und Sorgen für Viele. Der Alltag eines jeden hat sich wohl irgendwie geändert. Und ehe man sich versieht, ist plötzlich Vorweihnachtszeit. Dekoration, Backen, Geschenke aussuchen und liebevoll einwickeln.

Und da sind sie wieder, die Sorgen für Viele. Denn nicht jeder hat das Geld für Geschenke. Nun könnte man natürlich sagen, was soll’s, schenkt man einander eben nichts, ist sowieso alles verschwenderischer Schwachsinn und Konsumterror. Aber erklärt das mal einem Fünfjährigen, dass der Weihnachtsmann nur zu den Nachbarn kommt. Oder einer Zwölfjährigen, die zwar schon gelernt hat, dass das Geld zuhause knapp ist, die aber trotzdem hofft.

Auch in diesem Jahr bemüht sich das Frankfurter Kinderbüro darum, dass möglichst jedes Kind zumindest ein schönes Geschenk bekommt. Trotz Corona-Einschränkungen und all den dazugehörigen logistischen Schwierigkeiten, die diese mit sich bringen, wurde eine Möglichkeit gefunden, Kinder zu beschenken. Wieder stehen Weihnachtsbäume oder Körbe mit Geschenkkärtchen in Geschäften und warten darauf, dass jemand sie mitnimmt und einen Kinderwunsch erfüllt. Dieses Jahr muss es etwas anders laufen, die Wünsche sind nicht so individuell wie in den letzten Jahren, doch alle Kinder sollen mit Spielen oder Büchern beschenkt werden können.

Auch in anderen Städten gibt es derartige Aktionen. Sogar in der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, gibt es inzwischen so einen Baum, der hilft, Kinderwünsche zu erfüllen. Ich würde mich freuen, wenn jeder, der es kann, sich eine oder auch mehr Karten vom Baum pflückt und mithilft, Kindern aus finanziell schwachen Kindern ein schönes Fest zu bereiten. Denn Weihnachten sollte auch ein Anlass zum Teilen sein.

Ich war heute in meiner Mittagspause unterwegs und habe Kärtchen gepflückt. Weil ich’s kann und weil es Freude macht.

Klein sein – Freiheit

„Abendrot gift Water in’n Sod!“ Diese Bauernregel brachte mein Vater jedes Mal an, wenn wir im Sommer über der Weide hinter unserem Haus einen besonders schönen Sonnenuntergang sahen. Schon mit etwa sieben Jahren wusste ich, dass mein Vater diese alten Weisheiten liebte und dass sie manchmal sogar zutrafen. Sie gehörten zu ihm wie sein Fleiß, das laute Lachen, seine Pfeife, die großen Hände und sein Talent als Handwerker.

Mit Papa am Sandkasten

Mein Vater war ein gelernter Schmied. Auch wenn er später als Lokführer unser Brot verdiente, hat er sich die Leidenschaft für das Bearbeiten von Metall doch stets bewahrt. Unseren Garten hatte er so in ein wahres Kinderparadies verwandelt, mit Klettergerüst und Rutsche, Schaukel und Turnstange, Wippe und Sandkasten. Für die Großen gab es auch etwas: Eine Bank und eine große, breite Hollywoodschaukel mit Verdeck. In unserem Garten konnte man also spielen, schaukeln, klettern oder einfach nur müßig herumhängen.

Ich liebte es, dort draußen zu sein. Mal mit der ganzen Meute der Nachbarskinder, aber genauso gerne alleine. Stundenlang konnte ich oben auf dem bunten Klettergerüst sitzen, den Kühen beim Grasen zusehen und meine Gedanken ziehen lassen. Oder ich schaukelte – auf und ab, auf und ab. Die monotone Bewegung beflügelte meine Fantasie und ich war ganz woanders. Stundenlang hielt ich es auf der Schaukel mit den quietschenden Ketten aus – dass davon keiner verrückt geworden ist, ist eigentlich ein Wunder.

Mutter und Tochter auf der Rutsche – man beachte die Strümpfe!

Wenn ich zurückdenke an meine Kindheit und Jugend, waren die ersten Grundschuljahre eigentlich die allerbeste Zeit. Ständig lernte man etwas Neues und erschloss sich lesend ganze Welten. Die Schule war leicht, fraß nicht zu viel Zeit und störte nicht. Man war schon selbständig genug, um mit den Freunden auf Erkundung zu gehen – und bei uns gab es so viel zu entdecken! Man hatte noch lange nicht alle Abenteuer erlebt und das Leben war aufregend.

Unsere Eltern ließen uns laufen – das war wohl das Wichtigste. Freiheit, Spaß und Abenteuer – wenn ich das nochmal bekommen könnte, würde ich es nehmen. Und eine große, quietschende Schaukel noch dazu.

Wippend mit der Cousine. Im Hintergrund die Baustelle für die „Bude“

Klein sein – ganz grundsätzlich

Ich habe mich ja schon öfter darüber verbreitet, dass ich die Glorifizierung der Kindheit nicht so recht verstehe. Ja, sie war schön, aber manches war auch doof. Essen, was auf den Tisch kommt, zum Beispiel. Und als wir vor einer Weile im Schreibworkshop ganz wenig Zeit hatten, uns zu diesem Thema zu äußern, mopperte ich mal wieder herum 😊

Klein sein

Klein sein war nicht nur gut. Zwar hatte ich nur kleine Sorgen, aber auch nur wenige Mittel, um damit umzugehen. Und die Marschrichtung bestimmten immer die Großen. Ungerecht!, fand ich, und mopperte herum. Aber gut, ohne Verantwortung lässt es sich ja auch gut meutern.

„Diese Welt ist nicht kindgerecht!“, diese Klage gab es damals und es gibt sie noch heute. Für mich allerdings mit dem Unterschied, dass ich der Sache heutzutage durchaus etwas Positives abgewinnen kann. Denn, rein logisch betrachtet, ist man viel länger groß als klein, sodass es nur vernünftig ist, dass die Welt sich eher nach den Erwachsenen richtet. Diese Meinung ist oft nicht populär, aber ich bin inzwischen ein sehr rationaler Mensch.

Als kleines Kind sah ich das natürlich anders. Ich träumte davon, Kinder zu haben, die ich dann herumkommandieren könnte. Nicht mehr in die Schule gehen, sondern einfach zuhause bleiben – das schien mir für eine Weile durchaus erstrebenswert. Ich wollte Hausfrau werden. Ist aber nicht so gekommen, zum Glück. Denn mit den Jahren wurde ich nicht nur größer, sondern erweiterte auch meinen Horizont. Und an dem erschien etwas ganz anderes, als die kleine Meike sich jemals hätte vorstellen können. Die gewünschten Kinder wurden ersatzlos von der Wunschliste gestrichen, das Hausfrauendasein erschien wirtschaftlich unattraktiv. Nur das moppern, das kann ich mir noch immer nicht abgewöhnen.

Der kleine Tod

Die Idee zu dieser Geschichte kam mir in einem Schreibworkshop, in dem wir als Inspiration ein Bild von einem Kind ohne Gesicht erhielten. Merkwürdig, sowas – warum stellt man so ein Bild in eine Bilddatenbank ein, wenn man nicht will, dass das Kind gesehen wird? Weil die Jacke so schön ist? Egal, bei mir kam eine kleine, absurde Geschichte dabei heraus. Und heute zu Halloween – eine Veranstaltung, von der ich selber überhaupt nichts halte – erscheint sie mir passend.

Der kleine Tod – Lehrjahre

Als der Tod ein Kind war, sah er fast aus wie andere Kinder: Er war klein, pummelig und machte sich gerne schmutzig. Statt der schwarzen Kutte trug er eine bunte Jacke mit Kapuze. Eine Sense hatte er auch noch nicht, was er ungerecht fand. Doch es gab keine Kindersensen und sein Vater, der auch ein Tod war, fürchtete sich davor, seinem Sohn allzu früh ein solches Gerät in die Hand zu geben. Ihm selber, Tod Senior, war damals an seinem allerersten Tag in der Lehre das schwere Werkzeug aus der Hand geglitten und in einer Konditorei in ein Damenkränzchen gefahren. Jahre später sollte dieser Vorfall den Schlagersänger Udo Jürgens zu seinem Hit „Aber bitte mit Sahne“ inspirieren, aber in erster Linie war die Sache doch eher peinlich.

Bild unbearbeitet von Pixabay. Das mit dem fehlenden Gesicht war nicht meine Idee.

Dem kleinen Tod blieb also nichts weiter übrig, als sich im Spiel auf seine spätere Rolle vorzubereiten. Da war gar nicht so einfach. Andere Kinder fanden ihn trotz seines niedlichen Äußeren ein wenig unheimlich, was daran liegen mochte, dass ihm ein Gesicht fehlte. Vielleicht lag es aber auch an seiner Angewohnheit, mit einer Fantasiesense, zumeist bestehend aus Maisstängeln oder Birkenreisig, herumzufuchteln und dabei „Ich mäh dich um“ oder „Warte nur, bis ich groß bin!“ zu rufen. Er fand also auf gewöhnlichen Spielplätzen nur schwer Anschluss und bevorzugte deshalb, wie alle jungen Tode vor ihm, den Wald. Dort traf er auf allerhand andere Gestalten, die ebenfalls noch zu klein waren, um ihrer Bestimmung nachzukommen, und zu merkwürdig, um in einem normalen Kindergarten aufgenommen zu werden.

Eine besondere Freundschaft verband den kleinen Tod mit einer guten und einer bösen Fee sowie einem jungen Vampir, der sehr darunter litt, noch keine spitzen Vampirzähne zu haben. Ein Vampir mit Milchzähnen ist in etwa so furchteinflößend wie Gevatter Tod mit Maisstängel. So waren die beiden Jungen Leidensgenossen, die damit leben mussten von den Hasen und Rehen im Wald ausgelacht zu werden.

Die beiden Feen waren da anders, irgendwie anstrengender. Mädchen halt. Die eine, die eine gute Fee werden wollte, redete gerne auf die Jungen ein. Niemanden ganz aussaugen sollte der Vampir später, immer nur ein bisschen anbeißen und probieren. Und der Tod sollte nur die holen, die ohnehin schon alt und klapprig wären. „Sei kein Böser, sei ein Erlöser“, flötete sie immer wieder und erlaubte ihm, ihre rosa Haarschleife zu lösen und mit ihren goldenen Locken zu spielen.

Ihre böse Schwester hingegen hielt nichts von diesen wohltätigen Gedanken. Sie führte bereits jetzt eine schwarze Liste mit Leuten, die sie würde verfluchen wollen, wenn sie das verfluchte Fluchen denn endlich gelernt hatte. Sie ließ niemanden mit ihren Haaren spielen, was gut war, denn wegen ihrer ständigen Überspanntheit sprühten die drahtigen grünen Borsten immer mal wieder Funken.

So wuchs der kleine Tod heran, spielte mit seinen Kameraden und ließ sich von seinem Vater Schritt für Schritt in das Familiengeschäft einführen. Ihr Slogan lautete: „Keine halben Sachen, einer muss es ja machen!“ Mit zehn bekam der kleine Tod seine erste schwarze Kutte. Als er zwölf war, hörten die Tiere im Wald auf, ihn zu hänseln, und mit fünfzehn bekam er endlich eine eigene Sense. Zunächst widmete er sich damit nur den Wildtieren und wandte sich dann dem Nutzvieh zu. Unter anderem verbreitete er diskret die Maul- und Klauenseuche. Dann wurde er unter der umsichtigen Führung seines Vaters auf die Menschheit losgelassen. Und er musste sich entscheiden: Böser oder Erlöser?

Glücklicherweise hatte das Spiel mit den Locken der guten Fee den kleinen Tod so geprägt, dass ihm als großem Tod die Antwort auf diese Frage leichtfiel: Er wollte ein guter Tod sein. Aufträge in Kriegsgebieten, Morde sowie Verkehrsunfälle lehnte er ab und spezialisierte sich stattdessen auf die Arbeit in Altenheimen und Hospizen. Das machte ihn glücklich und hatte auch einen ganz praktischen Vorteil: Denn für diese Klientel benötigte er die große, schwere Sense gar nicht. Hier reichte ihm ein Buttermesser. Vielleicht wäre sogar ein Maisstängel ausreichend gewesen.

Herbstküche oder: Mein Kürbis und ich

Letzte Woche habe ich mal wieder gekocht. Das tue ich öfter, also soweit, so unspektakulär. Ich habe mich aber mal an etwas versucht, das ich noch nie zuvor getan habe, oder zumindest nicht so: Ich habe einen Kürbis verarbeitet.

Gartenkürbis
Bild von Pixabay.

Ich hatte nicht zum ersten Mal in meinem Leben mit so einem Gemüse zu tun. Zuhause hatten wir Kürbisse im Garten und ich habe meiner Mutter ab und zu bei deren Verarbeitung geholfen. Damals hatten wir „gelbe Riesen“ im Garten, enorm dicke Kürbisse ohne Riffelung, die mit der Schubkarre ins Haus geschleppt und von meinem Vater teilweise mit grobem Werkzeug gespalten wurden. Ich wusste also, dass Kürbisse steinhart sind und sich gegen die Verarbeitung gerne wehren.

Ich wollte aber ja keinen gelben Riesen verwerkeln, sondern erwarb einen Hokkaido-Kürbis, der etwa 2 Kilo Gewicht hatte. Einen herbstlichen Gemüsekuchen wollte ich backen, mit einigen anderen Gemüsen dazu, und den Rest in eine Kartoffel-Kürbissuppe verkochen.

Herbstgemüse: rote Bete, Kürbis, Pilze, Zwiebeln, Zucchini

Ich begann also fröhlich zu werkeln. Zwei rote Beten hatte ich noch gekauft, Pilze und eine Zucchini für die Farbvielfalt. Zwiebeln sollten auch rein, wie immer. Ich legte mein Blech mit fertigem Pizzateig aus und schnippelte alles „Kleingemüse“. Sah schon mal gut aus, aber noch fehlte natürlich mein Kürbis. Ich wählte mein Messer und säbelte ihn an. Und säbelte. Und säbelte. Hmpf …

Die Sache erwies sich als schwierig. Nach und nach probierte ich all meine Messer durch, sägte mir mit der Juister Brötchensäge wieder einmal in den Finger, blutete dramatisch und werkelte weiter. Zwischendurch dachte ich an den Ausspruch meiner Mutter: „Diese Messer sind allesamt so stumpf, auf denen kann’ste mit’m nackten Arsch nach Bremen reiten!“ Zuhause kam in diesen Fällen immer mein Vater zu Hülf, der einen professionellen Schleifstein besaß und immer schnell Abhilfe schaffte. Mir half niemand ab. Aber nach und nach arbeitete ich mich vor und zerlegte einen halben Hokkaido in kleine Stückchen. Ich zweifelte übrigens an, dass man diese harte, pockige Schale tatsächlich mitessen kann, und schälte meinen Kürbis. Das ging mit einem einfachen Gurkenschäler überraschend gut. So vervollständigte ich also mein Gemüse für den Gemüsekuchen.

Herbstgemüse

Über das Gemüse kam eine Frei-Schnauze-Mischung aus Eiern, Schmand, Joghurt und Sahne – von Letzterem aber nur ein ganz bisschen, das war ein Rest und musste weg. Gewürzt wurde auch – mit einer Grundlage aus Gemüsebrühe sowie ein bisschen Dit und Dat. Das kam über das Gemüse. Und dann noch geriebener Cheddar – Käse ist für sowas ja immer sehr nützlich. Dann backen und immer wieder misstrauisch durch die Scheibe gucken, ob das wohl was wird.

Nach fast einer Stunde Backzeit kam mein Gemüsekuchen aus dem Ofen und war ziemlich genau so, wie ich ihn mir gewünscht hatte. Ich aber war total erschossen vom Kampf mit dem Kürbis und vertagte das Suppekochen auf den nächsten Tag.

Und, was soll ich sagen, auch die Suppe gelang. Der Kürbis war erfolgreich verkocht und ich beschloss trotzdem, so ein Ding nie wieder zu kaufen. Viel zu viel Arbeit, da lobe ich mir doch den Blumenkohl! Und dann sah ich diese Woche im Fernsehen, dass man diese kleinen Kürbisse einfach vor dem Verarbeiten ein paar Minuten kochen soll, damit man sie besser schneiden kann – ach was? Wirklich? Warum hat mir das denn vorher keiner gesagt? Wenn das so ist, versuche ich das irgendwann nochmal – vielleicht nicht in diesem Herbst, aber im nächsten …

Ach so, und bevor ihr euch über meinen enormen Appetit wundert: Ich bin ja immer noch im Homeoffice, habe folglich keine Kantine mehr. Deshalb koche ich gerne etwas, das man gut einfrieren kann, sodass ich mir Mittags flott einen kleinen Snack nehmen kann und abends was koche oder aufwärme. So ein Stück Gemüsekuchen ist ein prima Mittagessen und eine Schüssel Herbsteintopf sättigt abends und macht die Seele schön warm. Das ist in diesen komischen Zeiten ja auch nicht unwichtig.

Und bist du nicht willig…

…so brauch‘ ich Gewalt! Ja, liebe Leserinnen und Leser, ich bin tatsächlich gewalttätig geworden. Und ich habe geschrieen dabei – auf ihn mit Gebrüll. Ein Gewaltexzess, nach dem das Opfer zerstückelt in meinem Wohnzimmer lag – wobei eigentlich erst mal zu klären wäre, wer eigentlich das Opfer war, er oder ich.

Schweizer Taschenmesser

Er, das war mein alter DVD-Player. Der war schon länger etwas hakelig, aber mehr als ab und zu mal eine DVD abspielen sollte er ja auch nicht. Ja, ich weiß, heutzutage wird gestreamt, das mache ich auch ab und zu, aber ich habe eine Menge DVDs und wollte kürzlich eine gucken. Ging nicht. Das Gerät sagte nichts mehr und auch der Fernseher gab vor, den silberfarbenen Kasten im Regal unter ihm nicht zu kennen. Nun gut, der Player war in etwa 15 Jahre alt und zeitweise viel genutzt worden, nun also hatte er den Geist aufgegeben. Ich erwarb für kleines Geld ein neues Gerät, schloss das an und baute das Altgerät ab. Soweit, so gut. Doof war nur, dass in dem alten Kasten noch eine DVD drin war, und die wollte ich natürlich retten. Nur – ich bekam sie nicht heraus. Es war nix besonderes, ein alter Krimi. Ich hätte den mit wegschmeißen können. Aber das habe ich gar nicht eingesehen. Wo kommen wir denn da hin, wenn jedes Elektrogerät selbst entscheiden darf, was es alles mit in den Abgrund reißen darf?

Genau genommen war die Ausgabefunktion ja schon seit Jahren ein Schwachpunkt des alten DVD-Players. Man musste ihn schon sehr darum bitten, das kleine Schubfach zu öffnen. Nun öffnete sich nichts mehr. Ich dachte also, ich mache das mal eben manuell, kann ja nicht so schwierig sein bei so einem Plastikteil. Oh, oh, da hatte ich meine Rechnung aber ohne den Hersteller dieser Wertarbeit gemacht!

Ich nahm meinen alten DVD-Player vom Strom und hakte mit einem Messer in das kleine Fach für die DVD ein. Ich war vorsichtig und respektvoll, schließlich hatte das Gerät mir lange Jahre gute Dienste geleistet. Er zeigte sich von dieser meiner Rücksichtnahme unbeeindruckt und hielt die Klappe. Ich hebelte etwas fester, das Messer bog sich. Komisch eigentlich, McGyver hat mit genau so einem Instrument mehrmals die Welt gerettet, und ich kriege damit nicht einmal ein DVD-Fach auf. Ich beschloss, die Kiste aufzuschrauben. Schraubenzieher suchen, finden, losdrehen – so dachte ich mir das. Doch leider waren die Schrauben ÜBERHAUPT nicht zu lösen. Eine bekam ich ab, sieben nicht. Also gar nicht.

Allmählich wurde ich sauer. Ich nahm einen dickeren Schraubenzieher zur Hand und rammte den energisch unter das DVD-Fach, hebelte und frampte. Endlich, ein Knacken. In der Hand hatte ich ein silbernes Plastikteil, doch mein konsternierter Blick fiel nun auf ein zweites Plastikteil, in schwarz dieses Mal. Dahinter irgendwo klemmte meine DVD. Das schwarze Teil bewegte sich überhaupt nicht. Mit Wucht und Gewalt riss ich die ganze Plastikfront des DVD-Players ab. Dabei fielen mir seine Eingeweide in Form von Kabeln entgegen, die ich kurzerhand kappte – die Zeit der Rücksichtnahme war endgültig vorbei. Ich guckte hinein – innen verbaut war ein solider Metallkasten. Kein Wunder, dass das Ding so widerstandsfähig war. Ich hebelte herum, inzwischen begleitet von angestrengtem Grunzen sowie lauten Unmutsbekundungen. „Du Scheißteil! Nun geh auf! Ich werd‘ echt sauer!“ Stückchenweise gab der Kasten nach. Inzwischen setzte ich mein ganzes Lebendgewicht ein, und das ist bekanntlich nicht wenig. Irgendwann, endlich, gab das vordere Plastikteil ein wenig nach: zwei Zentimeter vielleicht. Immerhin konnte ich meine DVD jetzt sehen. Ich ackerte weiter, noch ein Zentimeter. Himmelherrgottnochmal, warum reicht mir keiner eine Axt? Zum Glück besitze ich keine. Weitermachen, kämpfen – da, noch ein Stückchen. Ich hob die zerstückelte Leiche meines DVD-Players hoch und schüttelte ihn kräftig. Und tatsächlich, er gab auf und spie mir seinen Schatz auf’s Parkett. Da lag sie, meine DVD. Ob sie noch zu gebrauchen ist, probierte ich nicht – ich musste mich erst mal ausruhen.

Kleine Flieger

Im Zuge meiner großen Fotowut in den letzten Tagen habe ich auch zwei kleine Flieger erwischt. Ich habe sie ja wirklich nicht gerne in der Wohnung, aber auf irgendwelchen Blättern finde ich sie ausgesprochen fotogen.

Wespen gab es kaum noch, als ich Anfang September mit meiner Schwester unterwegs war. Ich habe sie auch in diesem Sommer nicht so als Plage empfunden wie in den letzten Jahren. Das mag natürlich auch daran liegen, dass ich nicht so viel draußen war.

12 Quadratmeter

Im Schreibworkshop ging es um Erinnerungen. An irgendein Zimmer oder eine Örtlichkeit sollten wir zurückdenken. Nun ja – kein Problem:

12 Quadratmeter

12 Quadratmeter mitten im Haus. Wenn ich ins Bett musste, stand die Tür einen Spalt breit offen, ließ Licht und Geräusche hinein. Das Licht fiel auf Spielzeug auf dem braungemusterten Teppich, auf den kleinen Spieltisch und die winzigen, von den Cousinen geerbten Stühle. Die Geräusche kamen von meinen Eltern, meiner großen Schwester oder dem Fernseher. So wusste ich, dass sie da sind und brauchte mich nicht zu fürchten in meinem gelben 70er-Jahre-Bett.

Ach ja, das alte Bett. Es gehörte zu einem weiß-gelben Set an Möbeln: Kleiderschrank, Utensilienschrank mit Schreibklappe, Bett mit Bettkasten. Es war ein sogenanntes Jugendzimmer, nur dass es von so minderer Qualität war, dass es mein Jugendalter gar nicht erreichte. Die irrwitzige Mischung aus Sperrholz mit Plastikauflage hing bald schon an allen Ecken und Enden durch, brach und wackelte. Dabei war ich doch damals noch ein Fliegengewicht.

Im Kinderzimmer – sogar noch vor der Zeit der gelben Möbel. Der Puppenkoffer lud dazu ein, sich einfach platzsparend hineinzusetzen.

Als die dicken Schrauben, die mein Vater hineindrehte, nichts mehr halfen, wurde zuerst das Bett gegen eine grüngestreifte Liege ausgetauscht, die bei irgendjemandem übrig war. Dann wurden die Möbel ersetzt, die Liege bekam irgendjemand anderes, ich ein neues Jugendzimmer. 13 war ich da, und dieses Mal wurde ich sogar gefragt, was ich haben wollte. Es wurde rundum aussortiert: Lego und Kuscheltiere verschwanden auf dem Dachboden und das winzige Zimmer wurde mit Kiefernmöbeln vollgestellt. Größer wurde es dadurch nicht, und noch immer lag es mitten im Haus, im Erdgeschoss, in unmittelbarer Nähe zu meinen Eltern.

Selten blieb die Tür jetzt noch geöffnet, ich hatte sie lieber zu, sodass niemanden die Musik aus meinem Radiorecorder störte. Zwei Korbsessel hatte ich ebenfalls, nicht bequem, aber unheimlich erwachsen, mit Blick aus dem Fenster. Hier saß ich beim Lesen oder Stricken, sah ab und zu hinaus, wenn einer der Nachbarssöhne den großen Rasen gegenüber mähte oder wenn dort Fußball gespielt wurde. Irgendwann wurde auf diesem Grundstück ein Haus gebaut. Aber da war ich schon älter, meine ältere Schwester war ausgezogen und ich bekam ihr großes Zimmer im ersten Stock.

Mein kleines Zimmer, die 12 Quadratmeter mitten im Haus, wurden zum Büro und Gästezimmer. Damit war es eigentlich auch völlig ausgelastet.

Nachbemerkung: Ich habe tatsächlich – auch im Album meiner Schwester – kein Foto dieses weiß-gelben Kinderzimmer-Ungetüms finden können. Schade …

Septemberblumen

Es ist September und ich habe noch gar keinen Blumenpost für diesen Sommer – fast schon ein Skandal. Nur gut, dass ich so viel draußen war in den letzten Tagen – hier kommen sie also:

Zuerst eine Leeraner Regenrose:

Alle anderen Fotos entstanden im Vogelpark Walsrode, wo die gepflegten Anlagen mir als Blumenfreundin auch allerhand zu bieten hatten. Hier eine Strauch- oder Rispenhortensie, von denen es noch erstaunlich viele gab, die gerade erst anfingen zu blühen:

Rispenhortensie, Strauchhortensie

Als nächstes kommen die Lieblinge meiner Schwester, die im Vogelpark in großen, kunterbunten Beeten wuchsen. Es sieht für mich nach einer Rudbeckien-Mischung aus – zumindest fällt mir nichts anderes dazu ein.

Und wo wir schon gerade bei Lieblingsblumen sind, kommt als nächstes eine gelbe Rose. Das waren die Lieblingsblumen unserer Eltern. Schon der erste Strauß, den unser Vater unserer Mutter mitbrachte, bestand aus gelben Rosen, und das hat er später noch sehr oft wiederholt.

Die Gegend, in der ich geboren wurde, ist bekannt für ihre Vielfalt an Rhododendren und Azaleen. Die Rhodozeit war im September doch vorbei, aber hier und da fanden sich noch einige Azaleen, die mehr zu bieten hatten als verblühte Reste. Hier ein Modell in Flieder:

Die nächste Rose reckte sich aus einer als Bauerngarten angelegten Anlage frech durch die Hecke. Sie schien mich geradezu anzuschreien, ich möge sie fotografieren, soll heißen, sie schlug mir vor den Bauch. Manche sind wirklich nicht zu bremsen …

Und zuletzt noch etwas, von dem ich gar nicht weiß, was es eigentlich ist. Wahrscheinlich nix Besonderes und auch schon halb verblüht. Dafür aber noch mit Morgentau bedeckt und irgendwie freundlich. In der Bildbeschreibung steht jetzt einfach „Blume“.

Ich wünsche euch allen einen schönen letzten Septembertag – macht es euch nett!