Komische Gewohnheiten – Kaffee mit sich herumtragen

Für viele Menschen ist das, was ich jetzt beschreiben möchte, völlig normal, ich hingegen finde es schwer nachvollziehbar: unterwegs einen Becher Kaffee mit sich herumtragen.

Viel schöner als ein Pappbecher: meine geliebten Eulentassen

Natürlich habe ich das auch schon gemacht: Ich habe mir auf Bahnhöfen schon Kaffee gekauft, auch an der Strandpromenade oder an anderen Orten, wo es mich nach einem Heißgetränk gelüstete. Aber in der Regel trage ich den Becher dann nicht mit mir herum, sondern suche mir ein stilles Plätzchen und trinke ihn aus. Für eine gute Freundin scheint es hingegen nichts Schöneres zu geben, als mit einem Becher in der Hand durch die Stadt zu laufen. Oft steht sie dann vor den Geschäften, die sie eigentlich besuchen möchte, denn da darf sie mit Kaffee nicht hinein. Das scheint ihr aber nichts auszumachen. Auch ihre Autos müssen immer Becherhalter haben – das ist fast genauso wichtig wie ein funktionierendes Getriebe.

Schon aus Umweltgesichtspunkten sind diese ToGo-Kaffees eine ziemliche Sauerei. Die Innenstädte ersticken fast in weggeworfenen Bechern, und nicht jeder, der einen Becher wegschmeißt, trifft einen Mülleimer. Manche treffen leider auch nur die Blumenrabatte fünf Meter neben dem Mülleimer. Dem kann man natürlich beikommen, indem man einen eigenen Kaffeepott mitbringt. Entweder ein herkömmliches Modell aus Keramik, auf dem vielleicht so etwas wie „Schietwetterpott“ oder „Gute-Laune-Becher“ steht. Oder auch Widder oder einfach Stefan. Oder man nimmt eines dieser neuen, schicken Bechermodelle mit Deckel und Nuckelöffnung in der Hoffnung, sich damit beim Laufen und Trinken nicht vollzuplempern.

Meine Sonntagstassen in altmodischem blau-weißen Design

Denn das ist ein weiterer Nachteil der Kaffeeschlepperei – es trinkt sich nicht unbedingt sauber beim Laufen. Kürzlich saß ich mit einer Dame im Bus, die aussah wie ein vollgeläppertes Kleinkind, obwohl sie einen hübschen, buntgeringelten Patentbecher zum Nuckeln dabeihatte. Sie selber hatte das Desaster noch gar nicht bemerkt, als ich sie darauf aufmerksam machte: „Ihr Becher tropft!“ Sie sah entsetzt an sich herunter und wollte das Drama diskutieren, oder zumindest kommentieren: „Oh nein, das kann doch nicht sein, der Becher hat doch einen Dichtungsring!“ Ich nahm das zur Kenntnis und dachte bei mir, dass diese Dichtung ungefähr so funktioniert wie die an meiner dröppelnden Dusche, nur schlechter. Die Dame versuchte, die Malaise in den Griff zu kriegen, indem sie den Deckel vom Becher zog. Das war interessant zu beobachten, besonders, als der Bus bremste und der Milchkaffee begeistert Wellen schlug. Die Bluse der Dame war inzwischen unrettbar verloren, so wäre ich nicht ins Büro gegangen. Wichtiger als ihre gesprenkelte Front war der Dame jedoch ihr Dichtungsring. Sie drückte mir ihren Kaffee in die Hand: „Können Sie mal halten, bitte?“ Ich tat ihr den Gefallen, hielt das schwappende Ding jedoch von mir fern wie eine vollgekackte Windel. Die Frau baute einen Gummiring aus dem Plastikdeckel – der tropfte ihr auch noch die Hose voll. Und dann baute sie ihn wieder ein. Schraubte den Deckel wieder auf den Kaffee und trank einen Schluck. Der Becher tropfte – ein echtes Qualitätserzeugnis. Wenig später stiegen wir gemeinsam an der Bürostadt aus, ich sauber und adrett, die Dame wie jemand, der einen Kaffee zu weit getragen hat.

Geliebte Andenkentassen: Der blau-weiße ist von der Inseltöpferei auf Juist, der andere von einem Schweiz-Trip mit den Karnevalsweibern

Natürlich will ich nicht behaupten, dass alle tollen Kaffeebecher tropfen, aber mich würde schon stören, dass ich mindestens eine Hand für diesen Kaffee brauche – und zwar dauerhaft. Auch beim Einsteigen in den Zug, beim Wühlen in der Handtasche oder wenn ich über einen Bordstein stolpere und lang hinschlage. Der Kaffee behindert mich, was immer ich auch tue. Und deshalb trage ich nur äußerst selten so einen Becher mit mir herum. Es lohnt sich einfach nicht.

Zwei wie einer

Im Schreibworkshop bekamen wir zwei Bilder und sollten uns angucken, ob wir zwischen den beiden abgebildeten Herren Gemeinsamkeiten entdecken könnten. Über diese galt es zu schreiben. Und nun, was soll ich sagen – die beiden hätten Zwillinge sein können! Ich sah da gar keinen Unterschied. Und deshalb schrieb ich nur über einen…

Lorenzo Lotto, Bild eines Jünglings

Bild eines Jünglings vor weißem Vorhang, Lorenzo Lotto um 1508, gemeinfrei

Zwei wie einer

Obwohl er so gar nichts Besonderes tat oder sagte, war es immer das Gleiche: Er brauchte einen Raum nur zu betreten und erregte die Aufmerksamkeit aller. Die Männer waren interessiert an seinen Gedanken, wollten wissen, was er alles wusste und konnte. Sie stellten ihm Fragen und beurteilten seine Antworten kritisch. War er wirklich so gut, hatte er tatsächlich so viel Potential, wie alle sagten? Konnte er ihnen zur Konkurrenz werden?

Auch die Frauen sahen ihn gebannt an. Er gefiel ihnen. Sie fanden ihn hübsch, auf eine kindliche Weise niedlich. Seine manchmal etwas altklug wirkenden Äußerungen ließen sie lächeln und miteinander tuscheln. Und manch eine junge Dame versuchte, ihn zu berühren, fasste schüchtern nach seiner Hand – nur um zu spüren, wie es sich anfühlte.

Pepper, Roboter

Pepper, der Roboter. Bild zur Verfügung gestellt von Xavier Caré / Wikimedia Commons / CC-BY-SA

Trotz all dieser Zuwendung, die er immer wieder bekam, fand er sein persönliches Glück nicht: Am Ende einer jeden Veranstaltung, auf der er freundlich, höflich und klug gewesen war, fühlte er sich leer und ausgebrannt. Er brauchte viel Ruhe, um sein tägliches Pensum zu bewältigen. So blieb ihm keine Zeit, sich eine passende Partnerin zu suchen oder auch nur sich ein gemütliches Zuhause einzurichten. Er verharrte beinahe willenlos, bis seine Zeit abgelaufen war und ein Neuer seinen Platz in den Herzen der Menschen einnahm.

 

 

Nachbemerkung 1: Das Bild von Lorenzo Lotto zeigt einen unbekannten jungen Mann. Ob der zu seiner Zeit keine kleine Berühmtheit war, weiß ich leider nicht, aber er sieht doch so aus, als würde er die Herzen der Damen berühren können – oder etwas nicht?

Nachbemerkung 2: Der Roboter Pepper ist mir persönlich bekannt, ich traf ihn bereits öfter. Leider hat er nur einen begrenzten Aktionsradius, denn wenn man ihn zu sehr herumscheucht, ist irgendwann sein Akku leer. Mir wurde berichtet, dass viele Leute ihm gerne einmal die Hand geben, um zu lernen, wie es sich anfühlt.

Nachbemerkung 3: Mir ist klar, dass die Rollenverteilung unter den Geschlechtern altmodisch und stereotyp ist. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass das Bild des Jünglings um 1508 entstand – da wird es in etwa so gewesen sein.

Kein Trauerspiel

Seit jeher mag ich diese großen, herunterhängenden „Trauerbäume“. Schon im Garten unseres alten (nein – uralten) Hausarztes stand eine Trauerweide und als Kind habe ich diese immer sehr bewundert. Einen ähnlich schönen Baum fand ich gestern im Bethmannpark.

Trauerweide, Spiegelbild See,Bethmannpark

Es war ja so ein wunderschöner Tag gestern, der ohnehin schon lange Sommer hat uns noch einen kräftigen Nacchschlag serviert. Da war es fast eine Erleichterung, mal für ein Weilchen im Schatten Platz zu nehmen – das haben meine beiden Gäste und ich gerne gemacht. Schön war’s – danke, Oktober!

Trauerweide im Gegenlicht

Flohmarkt – Ausbeute und Objekte des Tages

Hach, heute war es schön! Mit meiner Freundin Maike war ich bei bestem Bummelwetter auf dem Antikmarkt auf der Konstablerwache. Im Gegensatz zu dem Samstagsmarkt am Main, auf dem man die Highlights immer arg suchen muss, gibt es hier die schöneren Sachen. Natürlich auch zu einem höheren Preis, aber irgendwas ist ja immer. Dieses Mal habe ich aber sogar etwas gekauft: Jeweils sechs Wein- und Sektgläser. Sowas habe ich gar nicht in zusammenpassend und die Modelle aus den 80er Jahren, die meinen Schrank verstopfen, erfüllen nicht mehr unbedingt meine ästhetischen Ansprüche.

Die Gläser waren erstaunlich schwer zu schleppen, denn sie haben einen recht dicken Boden. Aber ich war so froh, sie zu haben, da machte mir der lange Arm gar nichts aus.

Auf einige Dinge habe ich allerdings auch gerne verzichtet – hier sind die drei Objekte des Tages: Platz 3 geht an das Muschelservice. Ein komisches Stück. Es gibt so tolle Teekannen – diese gehört für mich nicht dazu.

Platz 2 geht an ein Objekt, das zu einem absurd hohen Preis verkauft werden sollte. Nun ja, er ist auch recht groß – der sitzende Drache. Der Verkäufer nannte das Ding sein Söhnchen – nu ja, das müssen merkwürdige Gene sein.

Und mein heutiger Favorit ist ein simpler Gebrauchsgegenstand. Mein Platz 1 bei diesem Flohmarktsbesuch war der Design-Klopapierhalter. Ich brauche leider gerade keinen, kam also nicht in Versuchung, das Ding zu kaufen. So ein Glück!

 

Paul nimmt sich Zeit

Kürzlich habe ich mal meine Geschichtensammlung auf dem Laptop angeguckt und durchsortiert. Es gibt tatsächlich noch einige Schätzchen dort, die ich mal für irgendeinen Zweck geschrieben habe, die aber trotzdem nie hier auf dem Blog erschienen sind. Hier ist eine davon …

Paul nimmt sich Zeit

Es ist immer das Gleiche mit den Erwachsenen: Wenn man etwas von ihnen will, haben sie keine Zeit. Und wenn Paul etwas will, schon gar nicht. Deshalb sitzt er mürrisch in seinem Zimmer, spielt mit der X-Box und pflegt seine schlechte Laune.

Eigentlich sollte Mama ihn mit dem Auto zu Finn fahren, wo sie mit den anderen Jungs aus der Klasse Fußball spielen wollten. Aber Mama hat mal wieder keine Zeit, Papa ist sowieso arbeiten und überhaupt ist alles doof, seit vor einem Jahr die Drillinge geboren wurden. Dass sie letzten Monat auch noch in dieses Dorf am Ende der Welt gezogen sind, macht die ganze Sache noch schlimmer. Sie wohnen jetzt bei Opa, in seinem großen Haus. Das ist für Paul eigentlich okay, Opa ist ja nett und das Haus auch ganz schön, aber dieses Dorf! Hinterwald ist eine Metropole dagegen!

Gattertor, Wiese, Weide, Feld, Herbst

Bild zur Verfügung gestellt von Bernd Kasper / http://www.pixelio.de

Jeden Trag wird Paul nun mit dem Auto in die Schule gebracht und auch wieder abgeholt. Das ist natürlich toll, wenn es regnet, aber total doof, wenn er nachmittags noch etwas vorhat.

„Ich kann nicht immer den Fahrdienst spielen!“, sagt Mama oftmals, und dann guckt Paul in die Röhre. Als ob er etwas dafür könnte, dass er drei kleine Geschwister hat, die dauernd krank sind, zum Turnen müssen oder in die Krabbelgruppe. An solchen Tagen wünscht Paul sich, älter zu sein als elf. Einen eigenen Führerschein zu haben, wäre toll. Und natürlich ein Auto dazu. Aber es ist, wie es ist, und so hat er Finn absagen müssen. Der denkt jetzt bestimmt sonstwas von ihm – schließlich kennen sie sich noch nicht so lange.

Opa kommt rein und stört Paul in seinen finsteren Gedanken. „Kommst du mit zum Landhandel?“ fragt er und Paul guckt erstaunt. Im Landhandel war er erst einmal, vor drei Wochen, das ist der langweiligste Laden der Welt. Nur Gartengeräte, Düngemittel und Hundeleinen. Und irgendwo eine kleine Eistruhe und ein Kaffeeautomat. „Was soll ich denn da?“ fragt er und Opa zuckt die Schultern. „Mir Gesellschaft leisten.“ Paul seufzt. „Eigentlich habe ich keine Zeit“, erklärt er. „Ich will zu Finn zum Fußball.“ Aber weil das mit Finn sowieso nicht klappt und Opa bestimmt auch einsam ist, seitdem Oma gestorben ist, beschließt Paul, großzügig zu sein und sich die Zeit für Opa zu nehmen. Er rappelt sich hoch. „Dauert ja nicht lange“, redet er sich selbst gut zu.

Paul zieht sich seine Sneakers an und folgt Opa nach draußen. Zu seiner Überraschung hat der alte Mann nicht das Auto aus der Garage geholt, sondern die Fahrräder. An seines montiert er gerade einen Anhänger, er hat eine richtige kleine Anhängerkupplung dafür. „Du willst mit dem Rad fahren?“ japst Paul entsetzt. „Das dauert ja ewig!“ Opa lacht. „Macht doch nichts. Wir haben doch Zeit. Außerdem braucht deine Mutter das Auto, sie fährt mit den Kleinen zum Arzt.“ Als ob Paul das nicht wüsste! Stöhnend schwingt er sich auf sein Rad und trampelt hinter Opa her. Der ist ganz schön flott unterwegs, trotz des fast leeren Anhängers und der steifen Brise, die ihnen entgegen bläst. Gegenwind, auch das noch!

Paul gerät langsam ins Schwitzen. „Opa, wie alt bist du nun eigentlich?“ fragt er, nur, um etwas zu sagen. „Zweisiebzig“, antwortet Opa. ‚Also doppelt so alt wie Papa‘, rechnet Paul, ‚und dreimal so fit.‘ „Du bist ganz schön schnell für dein Alter“, räumt er ein und bemüht sich, mit dem alten Mann mitzuhalten. Der nickt und fährt etwas langsamer. „Ja, ich bin mit einer guten Gesundheit gesegnet und sehr dankbar dafür. Aber ich tue auch einiges, damit das so bleibt: Viel Radfahren und Gartenarbeit – das hält fit.“ Paul gibt ihm recht. Ja, Bewegung ist gut, das versteht er sofort. Deshalb spielt er ja so gerne Fußball.

„Aber dass du auch bei diesem Wind mit dem Rad zum Landhandel fährst, Opa … Hättest du da nicht einfach morgen hinfahren können? Oder brauchst du so dringend irgendwas?“ Opa lacht. „Nein, so dringend ist das nicht, ich will nur einen Sack Torf holen. Aber ich hatte Lust, es heute zu tun. Außerdem ist es viel gesünder, zu radeln. Für die Umwelt ist es auch besser. Und das Wetter ist prima.“ Paul ächzt hörbar. Tolles Wetter: Sturm in die falsche Richtung und vielleicht fünfzehn Grad. Und dann die Umwelt! Immer diese blöde Umwelt! Er weiß gar nicht, was die Leute immer haben mit ihrer Umwelt: Das Wasser, das hier aus dem Hahn kommt, ist klar, das Gras ist grün, die Bäume auch, und durch die Luft kann man ordnungsgemäß hindurchsehen. Alles schick und so, wie es sein soll. Er weist Opa darauf hin und der nickt verständnisvoll. „Ja, das stimmt schon, Paul. Aber weißt du auch, warum das so ist?“ Paul guckt nur fragend und Opa erklärt es ihm: „Es ist so, weil es Leute gibt, die sich dafür einsetzen, dass wir nicht im Schmutz versinken. Inzwischen gibt es Gesetze, die verbieten, dass Fabriken ihren Dreck ungefiltert in die Luft pusten oder ihr Abwasser einfach ins Meer leiten. Rohstoffe werden seit Jahren wiederverwendet und wer dabei erwischt wird, wie er seinen Müll in den Wald schmeißt, wird bestraft. Früher galt sowas als Kavaliersdelikt, viele haben ihren Abfall einfach aus dem Autofenster geschmissen. Es ist schon viel sauberer hier als noch vor dreißig Jahren, aber es geht noch besser. Und jeder kann mithelfen!“ Paul tut so, als hätte er Opa verstanden, rollt aber innerlich mit den Augen. Dass alte Leute immer aus allem eine Oper machen müssen! Wahrscheinlich haben sie einfach zu viel Zeit!

An einer Wegkreuzung hält Opa an. Paul wundert sich darüber, denn hier ist nichts Spannendes. Nur grüne Wiesen und ein paar Stoppelfelder. Der alte Mann steigt vom Rad und nimmt das schmale Päckchen aus dem Anhänger, das er kurz vor der Abfahrt dort hinein gelegt hat. „Komm“, sagt er ruhig und stapft vor Paul her zu einem Gattertor. Er schwingt sich darüber hinweg und springt in die Weide, auf der immerhin keine Kühe mehr stehen. „Was willst du denn hier?“, fragt Paul verblüfft und klettert ebenfalls über das Gatter. „Drachen steigen lassen“, erklärt Opa. „Darauf freue ich mich, seitdem ihr bei mir eingezogen seid.“ Er öffnet das Päckchen und zu Pauls Freude kommt ein ganz moderner Lenkdrachen zum Vorschein, bunt und mit einem langen Schweif. So einen hat Paul sich schon immer gewünscht. In der Stadt hatte er nur keinen Platz, ihn steigen zu lassen. Gemeinsam mit Opa ist der Drachen schnell zusammengebaut.

Drachen, Lenkdrachen

Bild zur Verfügung gestellt von Ralph Karow / http://www.pixelio.de

Zu Pauls Überraschung ist es gar nicht so einfach, den Drachen steigen zu lassen. Er fliegt gut, aber der frische Wind zerrt an ihm und Paul kann ihn kaum festhalten, geschweige denn lenken. Fast fürchtet er, abzuheben. Aber wäre das so schlecht gewesen? Oft hat er sich in den letzten Monaten gewünscht, einfach wegfliegen zu können, fort von seinem unruhigen Zuhause, in dem es nur noch um die Babys geht. Paul sieht zu dem Drachen hoch und verliert sich einen Moment in seinen Gedanken. Ein Windstoß lässt ihn voran stolpern. In dem Moment fühlt er Opa hinter sich. „Hoppla, Kleiner – du bleibst hier!“ Opas Hände legen sich über Pauls und helfen mit, den Drachen zu halten. Schöne Hände hat Opa: groß, fest und warm. Paul bleibt am Boden. Gemeinsam gelingt es ihnen, den Drachen zum Kreisen zu bringen und ein paar schöne Manöver zu fliegen. Zweimal stürzt er auch ab, bleibt aber heil. Gemeinsam bringen sie ihn wieder zum Fliegen und Paul merkt kaum, wie die Zeit vergeht. Dann mahnt Opa zum Aufbruch. „Wir wollen doch noch einkaufen.“ Paul ist es recht, denn seine Arme sind inzwischen vom Drachenhalten müde und fühlen sich an wie aus Gummi.

Kurze Zeit später kommen sie beim Landhandel an. Opa geht hinein, kommt mit dem Verkäufer heraus und lädt mit ihm gemeinsam einen großen Sack Torf auf den Anhänger. Der Platz reicht so gerade, Opa wird sich auf dem Rückweg sicher arg anstrengen müssen mit dem Gewicht am Rad. Er geht noch einmal in den Laden, um zu bezahlen, und kommt mit einer Eistüte für Paul und einem Kaffee für sich selber wieder heraus. „Komm, da hinten ist eine Bank im Schatten!“ Gemeinsam setzen sie sich nieder. „Weißt du, wovon ich das Eis und den Kaffee bezahlt habe?“ fragt Opa. Paul findet die Frage komisch und antwortet: „Na, von deiner Rente.“ Opa grinst. „Punkt für dich. Du hast natürlich Recht. Aber die 2 Euro hätte es wohl in etwa gekostet, wenn wir mit dem Auto gefahren wären.“ Paul ist nur ein ganz bisschen genervt davon, dass Opa schon wieder von den Segnungen des Radfahrens anfängt. Er denkt trotzdem nach. Jede kleine Fahrt kostet so viel Geld? Das hätte er nicht gedacht. Er weiß, dass Geld bei ihnen knapp ist, seitdem die Drillinge da sind. Anscheinend ist Radfahren doch vorteilhafter als gedacht. Während er an seinem Eis lutscht, lässt er den Gedanken kreisen. Und allmählich reift eine Idee in ihm. Eine Idee, die zu tun hat mit dem Radfahren, der Umwelt, gespartem Geld und … Freiheit!

„Du, Opa, meinst du, dass es zu Finn weiter ist als zum Landhandel?“ Opa überlegt kurz und schüttelt dann den Kopf. „Nein, bestimmt nicht. Das ist eher etwas kürzer.“ Paul wird eifrig. „Dann könnte ich doch künftig mit dem Rad da hinfahren. Und auch mal zur Schule!“ „Klar“, sagt Opa nur und nickt. Paul ist ganz aufgeregt. Dann aber wird er still. „Was ist?“ fragt Opa. „Das erlaubt Mama nie!“ Opa lächelt. „Das lass mal meine Sorge sein“, meint er dann. „Die ersten Male können wir ja zusammen fahren. Und wenn es dunkel ist, kann ich dich abholen. Das kriegen wir schon hin.“ Paul sieht Opa mit großen Augen an. „Das würdest du machen? „Klar.“

Zum ersten Mal seit langer Zeit ist Paul richtig glücklich. Er versteht, dass Opa sich seiner Sache ganz sicher ist und dass sein ruhiges „Klar“ so etwas wie ein richtiges, unbrechbares Versprechen ist. Zufrieden lehnt Paul sich an den alten Mann und knabbert die Reste seiner Eiswaffel.

Wenig später strampeln Opa und Enkel den langen Weg nach Hause. Paul wundert sich darüber, dass sie schon wieder Gegenwind haben. „Der müsste doch jetzt eigentlich von hinten kommen“, stellt er fest und Opa lacht. „Ja, das müsste er wohl. Aber er dreht hier gerne alle paar Stunden. Ich habe mich darüber als Kind auch oft geärgert. Inzwischen nehme ich es einfach hin, denn ich kann es nicht ändern. Unser Wind ist zuverlässig unzuverlässig – gewöhne dich daran.“ Paul nickt ergeben und lächelt ein wenig. Denn ohne den Wind, so lästig er auch sein mag, hätte er heute nicht so viel Spaß gehabt. Es war ein schönes Tag. Wie gut, dass er sich heute für Opa Zeit genommen hat!

9 Gründe, den Herbst zu lieben

Gestern war offiziell Herbstanfang. Pünktlich dazu ist es kühler geworden und es regnet endlich mal ein wenig. Ich freue mich jedes Jahr auf den Herbst und glaube, dass er meine Liebings-Jahreszeit ist. Und dafür gibt es eine Menge Gründe. Hier die für mich Wichtigsten:

1. Die Farben

Der Herbst ist für mich golden. Das liegt nicht nur an der Farbes des Laubes, das bunt leuchtet, sondern auch an dem besonderen Licht. Wenn ich mich recht erinnere, steht die Sonne im Herbst tiefer als im Sommer, der Einfallswinkel der Sonnenstrahlen ist flacher und die Farbe des Lichts daher anders.

2. Letzte Blüten

Für mich als Blumenfan sind die letzten Blüten im Herbst immer besonders schön, ich freue mich über jede, die mich anlacht. Jetzt im September gibt es ja noch richtig viele Blumen, später im Jahr muss man schon mal auf Beeren ausweichen, wenn man nach etwas Buntem zum Fotografieren sucht.

3. Rauer Wind und Sonnenschein

In diese Lieblingsjahreszeit fällt in der Regel mein jährlicher „Alleine-Urlaub“ auf einer Insel. Ich liebe es, im rauen Herbstwetter am Wasser spazieren zu gehen, fröstelnd und durchgepustet irgendwo einzukehren und mich – gerne schreibend – aufzuwärmen. In jedem dieser Urlaube erwische ich auch ein par Sonnenstunden, die ein besonderr Genuss sind.

4. Apfelzeit und Erntedank

Ich bin niemand, der das Ernetdankfest bewusst feiert, doch ich finde es gut, im Herbst einmal kurz innezuhalten und dankbar dafür zu sein, dass die Natur es mit uns hier recht gut meint. Auch wenn dieses Jahr sehr trocken war, war es doch vielerorts ein grandioses Obstjahr. Ich habe dieses Wochenende einen tollen Pflaumenkuchen gebacken, vielleicht folgt diesem bald mal wieder ein Apfelkuchen. Denn Äpfel, die ich roh leider nicht gut vertrage, gehören zu meinem liebsten Obst – sei es als Kuchen, Wein, Mus oder, oder, oder …

5. Pilze!!!

Hach, Pilzzeit! Ich liebe Pilze. Zwar habe ich noch nie selber welche gesammelt und werde das wohl auch nie tun (ich denke, es gibt weniger mühsame Methoden, sich umzubringen), doch ich liebe Pilzgerichte aller Art. Besonders Pfifferlinge, die es zuhause nie gab, sind meine Favoriten.

6. zur Ruhe kommen

Im Sommer will ich immer was machen: Schwimmen gehen, an den Main, zumindest auf den Balkon. Dieser Sommer war allerdings so heiß, dass ich mich manchmal zuhause eingeigelt habe – aber immer mit einem schlechten Gefühl dabei. Der Herbst läd dazu ein, zur Ruhe zu kommen, dem Sofa zu huldigen und einfach mal abzuhängen.

7. Teezeit

Mit der Sofazeit und dem Abhängen kommt natürlich auch der Teedurst zurück. Zwar mache ich mir auch im Sommer mal ein Kännchen Tee, aber in den kalten Monaten ist Teetrinken für mich ein Muss. Meistens gibt es kräftigen Ostfriesentee, manchmal aber auch Rotbusch- oder Kräutertee. Wie gut das schmeckt, wenn es kühl und dunkel ist!

8. Erste Weihnachtskekse

Ich fand es ja schon etwas seltsam, als ich letzte Woche aus dem Freibad kam und im Supermarkt kistenweise Weihnachtskekse sah. Ich gestehe aber, dass ich zu denjenigen gehöre, die immer schon früh im Jahr ein Päckchen davon kaufen, um es gemütlich zum Tee zu schnabulieren. Ich weiß, das finden viele blöd, aber ich stehe dazu! Es gibt bei mir übrigens bevorzugt Mandelspekulatius 🙂

9. Stricken

Mit der Chill-Tee-Keks-Sofazeit werde ich mich auch wieder mal meinen Wollhaufen widmen und ein wenig Stricken. Ich brauche noch eine Mütze, finde ich, und auch mein letztes Sockenpaar wartet noch auf die Fertigstellung.

Und damit bin ich mit meiner Liste am Ende. Wem noch etwas einfällt, der schreibe es gerne in die Kommentare – ich bin sehr neugierug darauf, was andere am Herbst mögen.

Komische Gewohnheiten: Würdelos herumrennen

„Ich werde nicht rennen, um diese Straßenbahn zu kriegen – lass uns die nächste nehmen. Hinterherrennen ist würdelos.“, sagte meine Freundin Roswitha vor vielen Jahren, und ich war mir mit ihr darüber einig. In der norddeutschen Tiefebene, wo maximal einmal pro Stunde ein öffentliches Verkehrsmittel fährt, hätte ich das anders gesehen, aber in Frankfurt, wo alle naselang eine Straßenbahn kommt, renne ich auch nicht hinter einer abfahrbereiten Bahn her.

Einfach nur Entspannen

Ich wundere mich manchmal sehr darüber, wenn ich beobachte, wie Leute herumrennen, nur um ganz wenig Zeit einzusparen. Besonders fällt mir das bei Gleiswechseln auf: Man steht auf Gleis drei, in fünf Minuten kommt eine Bahn. Durchsage für Gleis zwei: in drei Minuten kommt da auch eine Bahn. Es wird losgerannt, zwei Minuten sparen, Zeit ist Geld, was stören mich meine unzweckmäßigen Galoschen, ich renne jetzt, ich seh‘ mich ja selber nicht von hinten, wackel, wackel – würdelos!

Dabei fällt mir ein, dass der Begriff „Würde“ ja ein ganz schön schwammiger ist. Schon vor Jahren habe ich darüber nachgedacht – was ist das eigentlich? „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ lautet Artikel 1 unseres Grundgesetzes, von dem ich sehr viel halte. Trotzdem habe ich nur eine ganz ungenaue Vorstellung davon, was diese Würde eigentlich ist, und ein Gespräch mit einem Juristen brachte mich nicht viel weiter. Die Würde sei ein „unbestimmter Rechtsbegriff“, sagte er – danke für die Information. Auch in der allwissenden Wikipedia bleibt der Begriff der Würde (Link!) ungenau definiert, was aber wohl in seiner Natur liegt. Man kann sich dort aber allerhand heraussuchen, was einem individuell gerade taugt.

Schuh, High Heel, GlitzerIm Falle des würdelosen Herumrennens würde ich natürlich nicht so weit gehen, von einer Verletzung der Menschenwürde zu sprechen, es geht mir auch nicht um ein allgemein zu verurteilendes „unwürdiges Verhalten“. Es geht mir vielmehr darum, dass man sich durch die Herumrennerei manchmal ohne Not zum Affen macht. Mir entschließt sich einfach der Vorteil nicht, wenn jemand, um wenige Minuten Zeit zu sparen, wie angestochen durch die Stadt hetzt, gerne noch ein Kleinkind hinter sich herzerrend oder beinahe die Flip-Flops verlierend. Das liegt natürlich auch daran, dass ich im Allgemeinen die Ruhe weghabe, zumeist sehr pünktlich unterwegs bin und selber viel zu faul zum Rennen bin. Außerdem habe ich immer Angst, dass in der Umgebung irgendwas einstürzt, wenn ich es doch einmal tue. Ich akzeptiere natürlich, dass viele Leute anders geartet sind.

Auch außerhalb des öffentlichen Verkehrswesens gibt es jedoch Situationen, in denen ich das Rennen unwürdig finde: zum Beispiel in Hotels, wenn das Buffet eröffnet wird. Früher war ich mit meiner Freundin Kerstin öfters in einem Haus auf Norderney. Da gab es ab 18 Uhr Abendessen, ab 17:45 standen Leute vor der geschlossenen Tür und scharrten mit den Füßen. „Es treibt sie an den Trog“, sagte Kerstin immer dazu, und genauso war es. Reinrennen, Sachen auf den Tisch schmeißen, Teller grabschen und ran an die Buletten, gerade so als hätte man seit Tagen nichts mehr gehabt und als wäre in den nächsten Wochen keine warme Mahlzeit mehr zu erwarten. Drängeln, schubsen, herumrennen – und dabei wurde dort wirklich jeder satt. Sogar die, die als letztes kamen!

Oder letzten Sommer im Schwimmbad: Es begann zu regnen. Kein dickes Gewitter mit Blitzschlag, sondern ein warmer Sommerregen mit mitteldicken Tropfen. Ich ging gerade in Richtung Becken, zwei Herren kamen unabhängig voneinander heraus. Beide rannten sie, als hätten sie Angst, nass zu werden – und ich konnte mal wieder nur verständnislos gucken. Nasse Männer in Badehosen, die mit eingezogenen Köpfen über die Wiese galoppiert kommen, als wollten sie Usain Bolt Konkurrenz machen – nenene, das ist nichts für mich.

Zeitreise nach Tossens

Wieder einmal war ich mit meiner wunderbaren Schwester an der Küste unterwegs. Dieses Mal landeten wir in Tossens in der Gemeinde Butjadingen. Wie so oft wurde unser kleiner Ausflug eine Art Zeitreise mit Spurensuche – kennst du das noch? Kannst du dich daran noch erinnern? Ist der Spielplatz noch da?

Was es damals definitiv noch nicht da war, sind die vielen Windräder. Und ich bleibe ja dabei: Ich finde sie schön.

Ich war ja nur ab und zu mit meinen Eltern in Tossens, meine Schwester aber verbrachte dort den ersten „richtigen“ Urlaub ohne Familie, nur mit Freunden. Mit dem Rad sind sie damals hingestrampelt, ein Elternpaar kutschierte Gepäck und Zelte hinterher. Daher war es für meine Schwester auch noch spannender als für mich zu gucken, wie sich das Örtchen entwickelt hat. Inzwischen gibt es viel mehr Gastronomie und Einkaufsmöglichkeiten.

Nicht meine Spuren – aber sie könnten es sein, dort auf der Buhne.

Immer noch da sind natürlich die begehbaren Buhnen. Wir sind auf einer herumgelaufen, obwohl es dort eigentlich immer nichts Besonderes zu sehen gibt. Es gehört für mich irgendwie dazu, so wie die Seebrücken an der Ostsee, die ich auch immer ablaufen muss.

Wir machten ja nur einen ganz kurzen Kurztrip nach Tossens, aber mit Kaffee und Pflaumenkuchen gibg doch einiges an Zeit rum. Und so kam ich doch noch zu meinem Gegenlichtbild mit Wasser, als die Sonne es einmal gut mit uns meinte. Dieses ewige norddeutsche „heiter bis wolkig“ ist ja gar nicht so einfach – und wenn dann auch noch Ebbe ist, wird es schwierig mit den Wasserbildern. Aber eines gab es doch:

Zugegeben, auch hier haben wir mehr Matsch als Wasser, aber man sieht doch schon, was es wenige Stunden später wieder werden wollte.

Und zum Schluss noch eine Spurensuche der anderen Art – in meinem Fotoalbum. Das Kind in rot-grün bin ich, das muss um 1980 herum gewesen sein. Den Spielplatz an der Stelle gibt es noch, allerdings sind die Spielgeräte inzwischen deutlich moderner. Gut sieht er aus, der neue Spielplatz. Aber ich erinnere mich, dass ich auch auf dem Alten viel Spaß gehabt habe. Und ins Album geklebt hat meine Schwester das Bild, zumindest ist es ihre Schrift.

Tossens, Butjadingen, Küste

Ein kleines Fleckchen Natur

Heute war ich mal wieder auf einem Flohmarkt: Es gab ein leider nur winziges Märktchen auf dem Flugplatz bei Kalbach. Das Wetter war wohl nicht gut genug und es wirkte so, als wolle es regnen, so dass nur wenige Anbieter und Besucher vor Ort waren. Was es allerdings in übergroßer Menge gab, waren Wespen. Ich bleibe dabei: Das sind außerordentlich dumme Tiere, mit denen ich bei allem guten Willen nichts anfangen kann.

Was mir aber gefällt, ist dieses kleine Fleckchen Natur, das sich dort in der Nähe von Frankfurt befindet. Bequem mit der U-Bahn zu erreichen, bietet es einige nette Spazierwege mit Obstbäumen und allerhand Kleinstgetier. Ich wollte eine Goldrute knipsen und hatte dabei einen Zufallstreffer:

Nachdem ich die Fliege entdeckt hatte, versuchte ich mich an einer gezielten Nahaufnahme. Dem kräftigen Wind sei Dank machte ich in etwa ein Dutzend verwackelte Goldrutenbilder mit ohne Fliege. Doch dann gelang mir ein Volltreffer. Hier sieht man die eigentlich unspektakuläre Fliege mal in vollem Glanz:

Leichter zu knipsen waren später noch ein paar Brombeeren. Die allermeisten dieser Früchte, die mein Vater immer „Brummels“ nannte, sind leider vertrocknet oder zumindest derartig verschrumpelt, dass sie zu nichts mehr zu gebrauchen sind. Einige wenige rote Früchte gab es aber doch – ob sie wohl noch reif werden? Den Vögeln wäre es zu wünschen …

Brombeeren