Weiße Wunder

Ich gebe zu, dass ich das derzeitige Wetter als Frechheit empfinde – quasi als persönliche Beleidigung. Immer, wenn ich wirklich lange arbeiten muss, scheint die Sonne. Und kaum schaut das Wochenende schüchtern um die Ecke, plästert es derartig los, dass selbst unser überaltertes Kabelfernsehen nicht mehr funktioniert – was soll das? Zur Aufhellung der allgemeinen Stimmungslage habe ich also ein wenig in meinen Fotos herumsortiert und festgestellt, dass die Farbe der Saison anscheinend mal wieder weiß ist …

In trauter Zweisamkeit im Palmengarten

Ich knipse ja nach wie vor gerne Pflanzen und Blüten, und sehr oft landen diese Fotos dann irgendwo im Nirgendwo. Aber an einigen hängen auch Erinnerungen, wie an diesen kleinen weißen Blüten von einem Strauch, dessen Namen ich nicht kenne. Sowas hatten wir früher auch zuhause und ich habe die Blütendolden oft zum Spielen verwendet – das war mein „Blumenkohl“ und kam in den Spielzeugtopf. Mein Vater war natürlich nicht begeistert davon, dass ich die Blüten abgezupft habe – ich habe es aber trotzdem manchmal gemacht 🙂

Mein Blumenkohl

Leider haben viele dieser „feinblütigen“ Sträucher bei den unwetterartigen Regengüssen der letzten Tage ihre Blütenpracht verloren, so wie der Flieder in der Bruchstraße, der morgens noch betörend roch und abends all seine kleinen lila Blättchen von sich geworfen hatte. Die lagen als trauriger Matsch am Boden – das hat mich deprimiert. 😦 Zum Glück habe ich noch ein Bild aus dem Palmengarten übrig – in weiß natürlich.

Osterflieder im Palmengarten – bei Prachtwetter

Und dann fand ich mitten in der Stadt die mir bislang nur aus Norddeutschland bekannten Kartoffelrosen – in Weiß. Zwar wusste ich, dass es sie nicht nur in Pink gibt, aber die weiße Version sieht man nicht besonders oft. Und ich kann mir nicht helfen, die Blüten erinnern mich an gut gebratenene Spiegeleier – genau so sollten die aussehen.

Sonst beliebt an der Küste – eine Kartoffelrose

Diese Kartoffelrose fand ich am frühen Abend, und als ich später nochmal vorbeikam, habe ich sie ein weiteres Mal fotografiert und dabei eine Blüte „angeblitzt“. Da wird einem einmal so richtig bewusst, was „blütenweiß“ eigentlich bedeutet …

angeblitzte Kartoffelrosenblüte

Soweit, so gut – bislang war die Saison nicht sooo schlecht, was die Fotoausbeute angeht. Aber ab jetzt hätte ich trotzdem gerne ein einigermaßen stabiles Frühsommerwetter – und zwar nicht nur dann, wenn ich arbeiten muss. Ich hoffe, das ist angekommen!

Ein anderer sein

Mal wieder eine Miniatur aus dem Schreibworkshop: „Ich stelle mir vor“ lautete das Thema und es gab die üblichen rund zwanzig Minuten Zeit. Hui, da flogen aber die Gedanken – was man sich alles so vorstellen kann! Ich wollte einfach aus Spaß mal

Ein anderer sein

Holzfiguren, Puppen, Fragen Spiegelbild

Bild zur Verfügung gestellt von Clara Diercks, http://www.pixelio.de

Manchmal stelle ich mir vor, einfach jemand anderes zu sein. Niemand Bestimmtes, also nicht Britney Spears oder Fürstin Gloria oder so, sondern einfach irgendein anderer Mensch. Nicht, dass ich mit dem Menschen, der ich bin, nicht zufrieden wäre, aber es ist spannend, in Gedanken mal Heidelinde von Opitzburg zu sein.

Ich stelle mir dann vor, ich wäre eine Blondine, oder eine Brünette, eigentlich ist die Farbe ganz egal, mit glatten Haaren bis auf den Hintern und Beinen bis fast an den Hals. Ein bisschen wie Barbie, nur ohne die großen Möpse, und ohne Ken natürlich. Single zu sein ist wichtig, was nützen einem sonst die langen Beine?

Oder ich stelle mir vor, ich wäre furchtbar klug, noch klüger als jetzt schon, also gefährlich klug, und säße in Talkshows herum, um meine von den Umsitzenden sehnsüchtig erwartete Meinung über die Probleme dieser Welt kundzutun. Man hängt an meinen Lippen, selbst wenn ich mich nur bedeutungsschwanger räuspere oder um ein Glas Wasser bitte. Wenn ich das Wasser dann habe, in meiner Vorstellung natürlich, schwenken meine Gedanken wieder um, mal zurück zur Blondine, die plötzlich eine Koryphäe in Astrophysik und mit George Clooney liiert ist, mal in eine ganz andere Richtung. Ganz andere Richtungen sind ganz anders spannend.

Ich stelle mir vor, ich wäre ein Mann. Männer sind anders, sie reden anders, denken anders, laufen anders. Sie tragen andere Schuhe als Frauen, in den Schuhen eines Mannes zu gehen, fühlt sich anders an als in denen einer Frau. Haben Sie schon einmal darauf geachtet, wie Männer laufen? Manche gehen nach hinten geneigt und schwingen die Füße nach vorn, andere laufen steif und breitbeinig, da scheint was zu scheuern. Mir das vorzustellen fällt mir schwer und meine Gedanken gehen andere Wege. Zurück zu Vertrautem: Der breitbeinige Mann kriegt Beine bis fast an den Hals und lange glatte Haare bis fast auf den Hintern. Komischerweise sind die Haare dann immer schwarz, ich mag keine männlichen Blondinen. Und schon gar nicht, wenn ich das bin.

 

Ich bin neugierig: Was stellt ihr euch denn so vor, wenn die Gedanken frei fließen dürfen und dummes Zeug erlaubt ist?

Fundstücke 44 – die fleißigen Hühner

Huhn im HessenparkIm Hessenpark rannten ein paar Hühner umher – ganz klassisch vor einem riesigen Misthaufen. Es waren sehr dekorative Federviecher, braun mit einem schwarzen Kopf. Die Aufregung unter dem Hühnervolk war groß, denn es lagen ein paar kleine gelbe Äpfel herum und wurden emsig bepickt. Niedlich war ein noch recht kleiner Junge, der das Treiben eine Weile beobachtete und dann lautstark rufend seine Mutter holte.

„Mama, Mama, guck mal die Hühner – die machen gerade Eier!“

Mama kam gucken.

„Oh ja, die Hühner picken.“

Der kleine Junge guckte eine Weile, der Blick wurde kritisch. „Du Mama, das sind ja gar keine Eier, was die da machen – das sind Äpfel.“

Mama bestätigte das und guckte, als wolle sie ihrem Sohn die Sache mit Henne und Eiern noch mal genauer erklären. Das habe ich mir nicht mehr angehört. Ich fand es aber gut, dass ein noch so kleines Kind zumindest schon mal weiß, dass Eier vom Huhn kommen. Wo die genau rauskommen, kann der Kleine immer noch lernen.

Kugeleien im Hessenpark

Zum ersten Mal besuchte ich am letzten Tag im April den Hessenpark. Es war Kaiserwetter und die ewige Antje und ich hatten etwas Befürchtungen, dass wir im Park von Menschenmassen niedergetrampelt werden würden. Doch zu unserer Überraschung war es bei Weitem nicht so voll wie befürchtet – wir konnten überall gut gucken. Und in dem großen Park verläuft sich die Menge ja auch.

Kirche, Hessenpark, Kugelfoto

Ich hatte wieder die kleine Fotokugel dabei, schließlich wollte ich noch üben. Hier gab es etliche reizvolle Motive und vor allem auch feste Untergründe für meine Kugel. Jeder gerade Zaunpfahl wurde mein Freund. So entstanden zwei verschiedene Ansichten dieses kleinen Kirchleins – mal mit, mal ohne Weg. Und mal mit dem Himmel oben, mal unten.

Auch allerhand Getier gibt es im Hessenpark, man bemüht sich hier um die Erhaltungszucht alter Haustierrassen, was ich sehr gut finde. Allerdings drehten mir die ollen Ziegen gerne ihr Hinterteil zu und die Esel hatten keinen geraden Zaunpfahl. So mussten also die Schafe herhalten …

Das wunderbare Wetter ließ die Wiesen richtig schön strahlen – ein dankbares Motiv für jeden, der gerne fotografiert. Und wenn die Ziegen vor mir weglaufen und beharrlich in die andere Richtung gucken, dann hängt der Himmel halt mal unten.

Schön fand ich am Hessenpark, dass er unterschiedliche „Zonen“ hat: Es gibt Ecken, wo nur ab und zu mal ein Haus steht und man gemütlich zwischen Wiesen oder Weihern herumspaziert, und es gibt ein richtiges Dorf und einen belebten Marktplatz.Das letzte Foto war eines für Faule: Gemütlich bei Kaffee und Rhabarberkuchen sitzend, konnte ich über einen Platz hinweg ein Haus knipsen.

Die 7-Kräuter-Lesung: Schnittlauch

Grüne Soße

Grüne Soße mit Kartoffeln und Eiern – Frankfurts Nationalgericht. Bild zur Verfügung gestellt von Antje Witgen.

Wie schon berichtet, durfte ich am Samstag an der 7-Kräuter-Lesung der ARS Autorengruppe teilnehmen. Die fand in Frankfurt-Oberrad im Lokal Grüne Soße und Mehr statt, wo Kai und sein Team mal wieder mit viel Schwung und guter Stimmung dafür sorgten, dass es allen – Autoren und Zuhörern – so richtig gutging. Damit hatten sie allerhand zu tun, denn die Hütte war voll – toll!

Jeder von uns hatte ein Kräutlein aus der grünen Soße zugeteilt bekommen und durfte dazu ganz frei eine Geschichte erfinden. Was gab es nicht alles für unterschiedliche Erzählungen: Von der Petersilie auf dem Mars über die skorbutverhindernde Wirkung von Sauerampfer bis hin zu einem Kresseherz war alles dabei. Auch einen traurigen Waschbären gab es, ein ältliches Fräulein mit einem Koffer voller Geld und einen Parforceritt durch die Grimmsche Märchenwelt, bei dem der Kerbel zum allgemeinen Gaudium breitestes Hessisch sprach.

Ich hatte den Schnittlauch und entschied mich für eine Art Liebesgeschichte. Muss auch mal sein. Sie hat den dramatschen Titel:

Der Schnittlauch war ihr Schicksal

Lesung, Meike Möhle

Lesung in der Grünen Soße – aufgenommen von Susanne Reichert

Schneckenfraß im 3. Stock – konnte das wirklich sein? Ungläubig sah Anja auf ihre Balkonpflanzen, die aussahen, als sei ein ganzes Bataillon gieriger, schleimiger Schädlinge darüber hergefallen. Alle waren hinüber – bis auf der Schnittlauch. Der stand aufrecht wie immer, ein großes grünes Büschel mit einigen lila Blüten. Die anderen Kräutertöpfe konnte sie wohl wegschmeißen, und die zwei Hängeschalen mit den Frühjahrsblumen sahen ebenfalls trist aus. Nun ja, genau genommen wirkten die, als hätte sie sie versehentlich mit Essigessenz gegossen. Das schloss sie zwar aus, nahm aber an, dass sie trotzdem für das Siechtum auf ihrem Balkon verantwortlich war. Anja hatte keinen grünen Daumen, hatte noch nie einen gehabt. Alles, was bei ihr wuchs, war Schnittlauch. Sowohl auf dem Balkon, als auch auf ihrem Kopf. Früher fand sie das ungerecht.

„Anja hat Schnittlauchlocken!“, hatte ihre große Schwester Simone immer gelästert und dabei abfällig mit dem Finger auf das dünne, glatte Haar ihrer Schwester gezeigt.

„Ach, das wächst sich aus und wird noch fester“, hatte die Mutter tröstend gemeint und Bruder Bernd hatte irgendwann wenig sensibel vorgeschlagen, Anja könne sich ja eine Zweitfrisur im Kaufhof besorgen, diese einfach überstülpen und fertig sei die Laube.

Anja hatten diese Neckereien immer frustriert, denn sie stammte aus einer Familie, in der alle – wirklich alle von der Oma bis zum Hund – festes Haar und zumindest Wellen, wenn nicht sogar Locken hatten. Nur sie hatte diese weichen, flaumigen Haare, die sie in ihrer Jugend mit Hilfe von allerlei Chemie in Form zu bringen versuchte. „Volumen“ lautete das Zauberwort, Volumen war das, was eine jede Frau sich nicht nur wünschte, sondern auch dringend brauchte. „Spannkraft im Haar“ versprach die Werbung, doch egal, was Anja probierte, ihre Haare zeigten immer nur ganz entspannt nach unten. Fönwellen hielten zwei Stunden, Wasserwellen zwei Tage und die teuren Dauerwellen zwei Wochen. Irgendwann entschloss sie sich für die Atombombe und ließ einen Minipli machen: Das war eine dieser kleinkringeligen Dauerwellen, die wirkten, als hätte man einen gehäkelten Kaffeewärmer auf dem Kopf. Zum Gaudium ihrer Geschwister sah die damals 17-jährige Anja damit eine Woche lang aus wie Bernhard Brink und die nächsten zwei Wochen immerhin noch wie Rudi Völler. Danach sank die Pracht in sich zusammen und erinnerte an braunes Sauerkraut.

Seit einigen Jahren jedoch hatte Anja sich mit ihren Haaren abgefunden. Sie war zufrieden, denn wenn sie vor dem Spiegel stand, sah sie eine durchaus attraktive Frau. Sie war schlank, aber weiblich geformt, hatte auch jenseits der vierzig nur einige wenige Fältchen im Gesicht und das Haar war – wenn auch dünn – noch immer kastanienbraun. Zusammen mit ihren grünen Augen und den hübschen kleinen Sommersprossen gab das ein harmonisches Bild, und Anja hatte aufgehört, den Idealen aus der Werbung hinterherzulaufen. Sie mochte sich und ihr Leben. Ihr Beruf machte Spaß, die Wohnung war schön und sie hatte einen tollen Freundeskreis. Gut, ein bisschen mehr Talent beim Gärtnern wäre noch nett gewesen, aber alles konnte man halt nicht haben.

Was Anja nicht vermisste, war eine Familie. Ein paar Mal hatte sie einen Freund gehabt, einer hatte sie sogar heiraten wollen. Aber Anja war nicht zu überzeugen gewesen, und spätestens dann, wenn das Gespräch auf Kinder kam, hatte sie immer einen Rückzieher gemacht. Sie wollte keine Kinder, konnte sich nicht vorstellen, die Mutterrolle auszufüllen. Und so hatte sie es sich als Single gemütlich eingerichtet.

Ihre Schwester war da ganz anders: Simone hatte zwei inzwischen fast erwachsene Kinder und war nach ihrer Scheidung eifrig darum bemüht, möglichst schnell einen neuen Freund zu finden. Partnerbörsen, Speeddatings – nichts war vor ihrer energiegeladenen Suche sicher. Sie war eine Jägerin, unermüdlich und gnadenlos. Und bei einer dieser Aktivitäten fand sie Peter.

„Hier, Anja, guck mal der – da musst du unbedingt hinschreiben!“ Simone schob Anja ihr Tablet rüber, auf dem das Profil eines Mannes angezeigt wurde.

„Hmmm, ich, wieso ich? Du suchst doch jemanden, schreib du ihn doch an, wenn er so toll ist.“

Simone schüttelte den Kopf und schubste das Tablet noch ein Stück weiter über den Kaffeetisch in ihrer Küche. „Nein, der ist nicht toll, für mich jedenfalls nicht. Aber guck doch mal, wie der sich beschreibt!“

Anja schielte mit einem Auge auf das Profil, das leider kein Foto enthielt. Peter, 45, Angestellter, geschieden, stand da zu lesen. Größe normal, Figur normal, Augen blau, Haare: vertrockneter Schnittlauch. Anja musste lachen. Dieser Peter schien so ziemlich der langweiligste Mensch der Welt zu sein, aber anscheinend hatte er einen gewissen Humor. Wie er mit dieser öden Beschreibung allerdings eine Partnerin finden wollte, war ihr schleierhaft.

„Komm, schreib‘ da mal hin, nur aus Spaß!“ Simone war nicht zu bremsen. Anja sah sie zweifelnd an.

„Wozu soll das gut sein? Ich suche keinen Partner, und schon gar nicht so einen lahmen Vogel. Warum soll ich ihm was Anderes vorgaukeln?“

Simone zuckte die Schultern. „Ach komm, der arme Tropf kriegt bestimmt nie Zuschriften. Er freut sich sicher über jede Nachricht. Und wer weiß, vielleicht ist er ganz nett. Du suchst doch immer Kumpel für Spieleabende und zum Joggen – zumindest laufen wird er ja wohl können.“

Anja seufzte. Wenn ihre Schwester sich was in den Kopf gesetzt hatte, war sie wirklich unerträglich. Gegen ihre Überzeugung zog Anja das Tablet zu sich heran, öffnete eine Nachricht und schrieb, ohne lange nachzudenken:

„Brauner Schnittlauch grüßt vertrockneten Schnittlauch! Wenn du keine Familie gründen willst, sondern Spaß an gemeinsamen Aktivitäten hast, kannst du dich gerne mal melden.“

Sie schloss mit ihrer E-Mailadresse, fest davon überzeugt, dass selbst der einsamste Mann der Welt sich auf so eine trockene Anmache hin nicht melden würde. Simone rollte verzweifelt mit den Augen. Anja grinste zufrieden und vergaß diesen Peter.

Eine Woche später jedoch musste sie feststellen, dass ein dauerhaftes Vergessen dieses potentiellen Langweilers ihr nicht mehr möglich war. Denn er hatte sich gemeldet, sie hatten einander geschrieben, danach telefoniert und sich schließlich in Anjas Lieblingsbar verabredet. Er war anscheinend nicht ganz so langweilig wie gedacht, sondern wirkte intelligent, hatte Humor, schien interessiert an allem Möglichen zu sein. Seine Stimme klang angenehm und Anja sprach gerne mit ihm. Sie dachte auch gerne an ihn. Viel zu gerne – schließlich suchte sie niemanden. Und doch machte sie sich für ihr Treffen äußerst sorgfältig zurecht, zog das neue Kleid mit den unbequemen Schuhen an und föhnte ihre Haare über Kopf: Zum ersten Mal seit Jahren bemühte sie sich um Volumen. Perfekt aufgerüscht erschien sie überpünktlich am Treffpunkt und sah sich suchend um. Augen blau, Haare vertrocknet, alles andere normal – war er schon hier? Sie bereute, dass sie kein „besonderes Kennzeichen“ ausgemacht hatten, eine Nelke im Knopfloch oder so. Sie hatten auch nicht darüber gesprochen, wie sie jeweils aussahen, nichts außer den glatten Haaren war ein Thema zwischen ihnen gewesen. Es saß jedoch an keinem Tisch ein einzelner Mann, also war Peter wohl noch nicht da. Anja kicherte nervös in sich hinein und wählte schließlich einen Platz aus, von dem sie einen guten Blick zur Tür hatte. Gebannt starrte sie auf den Eingang.

Zuerst erschien ein ältlicher Herr mit schütterem Haar und Schnurrbart. Ihm folgten jedoch zwei noch ältere Damen auf dem Fuße, das war der Falsche. Als nächstes kam ein Jungspund von vielleicht 19 Jahren, der fast über seine viel zu langen Hosenbeine fiel.

Dann kam ein ausgesprochen hübscher Mann mit sehr glatten Haaren in Anjas Blickfeld und ihr stockte für einen Moment der Atem. Doch dieser Mann eilte hinter die Theke und band sich eine Schürze um – der war es auch nicht. Sie riss sich zusammen und atmete aus – der Knabe war glutäugig und schwarzhaarig, passte also überhaupt nicht zu der Beschreibung. Außerdem war er wirklich attraktiv und nicht bloß normal – nur nicht zu viel erwarten! Hoffentlich sah dieser Peter nicht aus wie einer von Bauer sucht Frau. Nochmal rief Anja sich zur Ordnung – wie jemand aussah, sollte nicht ausschlaggeben sein. Verstohlen sah sie auf die Uhr: Er war schon zwei Minuten zu spät. Wenn er in drei Minuten nicht kam, würde sie sich davonmachen.

Der nächste, der hereinkam, entsprach jedoch genau Anjas Vorstellung: Mittelgroß und vollschlank mit einem kleinen Bäuchlein, das kurze, dunkelblonde Haar ordentlich geschnitten und sehr glatt. Er trug Jeans, eine Lederjacke und Sportschuhe. Anja war erleichtert: Dieser Mann war kein Beau, aber auch kein Quasimodo, und er lächelte sie auf eine etwas unsichere Weise sympathisch an. Sie strahlte zurück.

„Anja?“, fragte die ihr vom Telefon bekannte Stimme und sie wäre vor Schreck fast vom Stuhl gefallen. Denn diese Stimme kam nicht von vorne, nicht von dem Mann in der Lederjacke, der jetzt an ihr vorbeilief. Anscheinend gab es einen Hintereingang, und Peter, der wahre Peter, stand direkt neben ihr. Sie schielte aufwärts, sagte „Ja?“ und schwieg dann verwirrt. Denn dieser Mann sah alles andere als normal aus. Er war groß, gut gebaut, mit einem schönen Gesicht. Und er hatte lange, glatte, blonde Haare, die zu einem lässigen Dutt gewickelt waren. Er sah aus wie einer dieser Typen aus der Werbung, die Anja immer so schön und doch so albern fand. Selbst ein gepflegter Hipster-Bart fehlte nicht.

Schnittlauchblüte

Schnittlauchblüte. Bild aus den Wikipedia Commons zur Verfügung gestellt von H. Zell.

Peter setzte sich Anja gegenüber und lächelte sie offen an. Sie hatte das Bedürfnis, etwas Kluges zu sagen: „Das ist wahrscheinlich der längste Schnittlauch, den ich je gesehen habe.“

Er nickte bedächtig. „Wikipedia sagt, Schnittlauch kann bis zu 50 Zentimeter lang werden.“

Damit schien alles gesagt zu sein, sie sahen sich nur an. Anja war verwirrt, sie ertappte sich dabei, wie sie ihr Gegenüber anstarrte wie ein verknallter Teenager einen Popstar. Peter schien frustriert zu sein. Dann aber fing sie sich und fragte: „Hast du als Kind viele Wikingerbücher gelesen?“, und er lächelte.

„Der schreckliche Sven war mein Großvater.“ Damit war das Eis gebrochen und sie nutzten die Zeit zum Kennenlernen, bis spät in der Nacht die Kneipe schloss.

„Gehst du morgen mit mir joggen?“, fragte Anja, als sie sich verabschiedeten, und Peter sah sie fragend an.

„Joggen? Wieso denn das?“

„Naja, laufen wirst du wohl können, meinte meine Schwester.“

Er seufzte. „Ich kann laufen, ja, sogar geradeaus. Aber ich beeile mich nicht gerne. Wollen wir nicht lieber spazieren gehen?“

„Na gut.“

Einige Tage später rief Anja ihre Schwester an. „Simone, ich habe ihn getroffen!“

„Getroffen, wen?  Den Schnittlauch?“

„Ja, den Schnittlauch. Peter. Er ist … hach!“

Simone war verblüfft – so kannte sie ihre Schwester gar nicht. „Anja? Ist alles in Ordnung mit dir? Was ist mit dem Typen?“

Anja kicherte zunächst nur albern. Dann versuchte sie sich an einer Erklärung: „Ja, ich weiß gar nicht, wie ich dir das beschreiben soll: Er ist eigentlich unmöglich. Solche Männer sollte es nicht geben.“

Natürlich wollte Simone mehr wissen und Anja beschrieb Peter als klug, humorvoll, gutaussehend.

„Das klingt doch gut“, meinte ihre Schwester. „Was stört dich denn? Ich kenne dich doch, du hast schon jetzt irgendein Haar in der Suppe gefunden.“

Anja seufzte. „Ja, schon, so ein bisschen. Der ist einfach zu perfekt. Das kann gar nicht gutgehen. Der Kerl ist zu schön, um wahr zu sein.“

Simone wunderte sich. „Was kann denn an einem ganz normalen Typen zu schön sein?“

Anja lachte leicht hysterisch. „Normal. Das hat er in sein Profil geschrieben, normal. Aber der ist alles andere als normal. Gegen den ist jeder jemals gekürte „sexiest man alive“ ein kalter Furz.“

Simone schüttelte den Kopf – das waren vielleicht Luxus-Probleme. Aber als die Ältere von beiden wusste sie Rat: „Nimm es hin und genieße. Oder – noch besser – stelle ihn mir vor und verschwinde.“

„Das kannst du vergessen.“, sagte Anja ungewöhnlich entschieden.

Und so nahm Anja den ersten Rat ihrer Schwester an und genoss die Zeit mit Peter. Nachdem sie sich an sein verwirrendes Äußere gewöhnt hatte, lernte sie ihn von allen Seiten kennen und stellte fest, dass er trotz seines verboten guten Aussehens ein ganz normaler Mann war – einer, der seine kleinen Macken hatte und keine 20 mehr war. Jedes zweite Wochenende betreute er seine beiden Söhne. Dann spielte er mit ihnen Fußball, hatte am nächsten Tag allerlei Zipperlein und klagte zum Steinerweichen. Er verteilte seine langen Haare in Anjas Bad und klaute ihre Haargummis. Und er war ein genauso schlechter Gärtner wie sie, auch sein Balkon war eine triste Steppe.

„Es kann echt nicht wahr sein“, murmelte Anja und wandte sich nachdenklich ihren Balkonpflanzen zu. Sie holte einen Müllsack und begann mit der Entsorgung der biologischen Katastrophe. Während sie arbeitet, hörte sie Peter hereinkommen – er drückte immer einmal kurz auf die Klingel, bevor er aufschloss.

„Ich bin draußen“, rief sie und wartete auf ihr Begrüßungsküsschen. Er enttäuschte sie nicht und sie machte ihn mit ihren erdigen Händen ein wenig schmutzig. Dann ging er wieder hinein und holte ein Mitbringsel für sie.

„Ich denke, wir versuchen es nochmal hiermit“, erklärte er und zeigte ihr, was er ausgesucht hatte. „Du willst es doch grün haben.“

In seinen großen Händen hielt er zwei Töpfe Zierlauch. Sie roch den vertrauten, leicht zwiebeligen Geruch. Ja, das würde gewiss wachsen bei ihr. Wachsen und gedeihen.

Schnittlauch in rauen Mengen. Bild aus den Wikipedia Commons zur Verfügung gestellt von H. Zell.

Lilla und Sturmkönig – ein Cover entsteht

Mein Kinderbuch „Lilla und Sturmkönig“ gibt es jetzt auch als Taschenbuch – bei Amazon, Hugendubel, Thalia und all den anderen. Es hat auch ein neues Cover bekommen, gezeichnet von Alexandra Froeb, die unter dem Namen Klara Bellis auch wunderbare Fantasy-Romane schreibt.

Der neue Buchdeckel ist so schön geworden, dass ich das Taschenbuch stundenlang angucken könnte – so sieht es aus:

Lilla und Sturmkönig, Meike Möhle, Alexandra Fröb

Ich mag die Zusammenarbeit mit Alexandra/Klara sehr: Sie zeichnet für mich, ich gebe dafür die Korrekturleserin für ihre Bücher rund um die stets leicht verwirrte Elfe Trywwid. Eine äußerst vergnügliche Aufgabe übrigens – Klaras Helden sind herrlich unperfekt und man lernt wunderbare Schimpfworte: Käferkacke!

Und wer mehr von Alexandras Zeichnungen sehen möchte, sollte hier einmal reinsehen: http://froebnet.de/ Wieder einmal finde ich, Kunst kommt von Können, und Alexandra kann!

Abenteuer Muckefuck

Ich gebe zu, dass der Begriff „Abenteuer“ vielleicht ein bisschen zu hoch gegriffen ist für meine Erfahrungen mit Getreidekaffee. Aber man kann mit dem Gebräu allerhand erleben, zumindest, wenn man sich dösig genug anstellt.

Ich trinke ja sehr gerne Kaffee, und das eigentlich schon immer. Als Kind durfte ich keinen, stattdessen gab es Caro als Kinderkaffee (der in der Werbung immer wunderbar besungen wurde). Den trinke ich immer noch an jedem Morgen, bevor ich zur Arbeit gehe. Ich mag es, dass er schnell aufzurühren ist und nicht meckert, wenn man ihn mit nur halbwarmem Wasser aus der Leitung aufrührt. Ich habe morgens nämlich immer wenig Zeit und mag weder lange Kaffee kochen noch zu heiße Getränke kaltpusten. Folglich habe ich auch nicht vor, meinem Frühstücksgetränk untreu zu werden.

Trotz meiner Getränketreue faszinierte mich jedoch schon seit Monaten das altmodische Paket von Lindes Kornkaffee mit Zichorie. Ein blau-weißes Design, auf nette Weise altmodisch, dazu ein unschlagbarer Preis von 1 Euro 59 pro Packung – das sollte man doch mal ausprobieren. Hinzu kam, dass meine Schwester mir irgendwann erzählte, dass sie in ihrer kaum vergangenen Jugend immer bei irgendeiner Bekannten diesen Ersatzkaffee getrunken habe, gemischt mit Bohnenkaffee, und das sei ein wunderbares Gesöff gewesen. Ich nahm also ein Päckchen Lindes mit nach Hause und probierte es aus. Das war gar nicht so einfach:

Zubereitung Lindes KornkaffeeIch muss ja gestehen, dass ich zunächst etwas verdattert über die Zubereitungsanleitung bin: Gewöhnt an das einfache Einrühren des Caro-Instantpulvers, erwartet man hier von mir, dass ich einen Filter fülle, mit kochendem Wasser überbrühe und das Ganze ziehen lasse – aha. Wo fülle ich das denn jetzt ein – den empfohlenen Baumwollfilter habe ich nicht im Haus. Aber dafür Papierteefilter, die sollten doch den gleichen Zweck erfüllen? Lange habe ich die nicht benutzt, wo sind nur die metallenen Halter dazu? Ich wühle herum – mein ganzes Leben scheint aus dieser Tätigkeit zu bestehen. Endlich finde ich die kleinen Klammern und es kann losgehen.

Feierlich löffle ich eine Menge von dem faserig-pulverigen Zeug in einen Filter. Wie viel braucht man wohl für mein Kännchen? Ich nehme drei Löffel, gieße Wasser dazu und warte ab. Nach drei Minuten nehme ich den Filter raus und gieße mir feierlich etwas Muckefuck in eine meiner Lieblingstassen. Milch dazu, umrühren. Sieht komisch aus. Heiß ist er, und dünn. Sehr dünn. Viel zu dünn – das war nix. Als sparsamer Mensch trinke ich ihn trotzdem, aber Genuss geht anders.

Das nächste Mal will ich es besser machen: Den kleinen Teefilter löffle ich ganz voll mit Pulver, rein in die Kanne, Wasser drüber, warten, fertig. Beutel rausnehmen – geht nicht. Das Säckchen ist aufgequollen und passt nicht mehr durch die Kannenöffnung. Ich ziehe ein bisschen, aber nicht vorsichtig genug: Die Klammer löst sich vom Filter, der geht leise seufzend in der braunen Brühe unter und verteilt seinen matschigen Inhalt in meinem Getränk. Und ich mache dazu wahrscheinlich ein unglaublich dummes Gesicht.

Ich mache mich also an die Rettung meines Muckefucks, lege eine Filtertüte in einen Kaffeefilter, stelle den auf eine andere Kanne und gieße meinen verunreinigten Muckefuck da durch. Das heißt, ich versuche es. Zuerst geht es ganz gut, aber je mehr Satz im Filter landet, desto schlechter läuft die Flüssigkeit durch. Das Zeug scheint tatsächlich die Konsistenz von Mörtel zu haben. Ich zuppele ein wenig am Filter herum, um das Durchlaufen zu beschleunigen – und das Ding reißt. Dieses Mal aber bin ich schnell, nehme den Filter, der sich gerade anschickt, den Ersatzkaffeesatz erneut in mein Getränk fließen zu lassen, hastig von der Kanne. So nicht, mein Freund! Ich kleckere herum, Arbeitsplatte, Fußboden, aber egal. Ich will meinen Muckefuck trinken, jetzt, und ihn nicht noch durch einen dritten Filter jagen!

Lindes KornkaffeeTrotz der dilettantischen Zubereitung schmeckt mein „Kornkaffee mit Zichorie“ dieses Mal deutlich besser als beim ersten Versuch. Es ist allerdings nicht so, dass ich diesen Ersatzkaffee lieber mögen würde als den Kinderkaffee, den ich gewohnt bin. Ich fürchte also, dass dieses eine Paket Lindes das einzige sein wird, das ich je kaufen werde, denn dieses Gefummel bei der Zubereitung ist mir doch gar zu lästig. Ich bleibe meinem Caro treu – Deckel auf, heiß Wasser drauf. Aber gut, für 1 Euro 59 kann man wohl nicht auch noch Bequemlichkeit erwarten.

Nachtrag: Für alle die, die sich für das Gewächs „Zichorie“ interessieren, hier eine kurze Übersetzung: Die Zichorie heißt auf Deutsch „Gemeine Wegwarte“. Laut Wikipedia war sie 2005 „Gemüse des Jahres“ und 2009 sogar „Blume des Jahres“, sie ist also ein wirklich erfolgreiches Kraut. Es gibt sie in verschiedenen Unterarten, unter anderem als Salatzichorie und Wurzelzichorie. Letztere wird für den Ersatzkaffee benutzt. Mehr über diese vielseitige Pflanze gibt es hier zu lesen. Und so sieht sie aus:

Zichorienblüte, zur Verfügung gestellt von Alvesgaspar in den Wikipedia Commons. Das Bild wird als außergewöhnlich schön bezeichnet („one of the finest“), zurecht, wie ich finde.

17 Erzählungen

Nach einer langen Phase des Hin- und Herüberlegens, Zusammenstellens, Durchguckens, Korrekturlesens und Grübelns ist es endlich soweit: Mein erster Kurzgeschichtenband ist endlich fertig. Er enthält 17 Erzählungen, die mir besonders am Herzen liegen. Enthalten sind neben den Dünen zum Sonderpreis auch der nackte Harry, die Schlacht am Badesee, Adam und Eva, die verführerische Kaffeemaschine Beatrice sowie die berühmt-berüchtigte Maulwurfsvertreibungsmaschine.

Das Buch sollte eigentlich überall erhältlich sein, besonders sicher aber da, wo ich vorlese. Denn das war der eigentliche Grund für mich, dieses Buch zu erstellen: Bei Lesungen wurde ich immer wieder gefragt, ob es was von mir zu kaufen gäbe. Bislang gab es nur die Kinderbücher, nichts für die Großen. Jetzt ist es soweit, und so sieht es aus:

Dünenweise Schnäppchenpreise

Ich muss zugeben, ich bin ein bisschen stolz drauf. Ich könnte es immer angucken. Wenn ihr es ebenfalls angucken wollt, könnt ihr das bei Amazon tun. Oder bei Thalia. Oder bei Hugendubel … Oder da wo ich lese 🙂

Kugelexperimente in klein

Wie berichtet, habe ich mir eine kleinere Fotokugel angeschafft. Die 10 cm-Kugel bringt wirklich schöne Ergebnisse, wiegt aber mehr als ein Kilo und ist somit für längere Ausflüge schwer zu tragen. Deshalb habe ich mir eine kleinere Kugel mit nur 6 cm Durchmesser gekauft. Die wiegt nur 400 Gramm und passt in die Jackentasche. Bei unserem Ausflug in den Palmengarten habe ich sie zu ersten Mal ausprobiert.

Ich hatte nicht so viel Gelegenheit, die Kugel auszuprobieren, konnte aber feststellen, dass es mit der kleineren Kugel deutlich schwieriger ist, einen Focus zu finden. Mehr Fotos wurden unscharf. Teilweise schienen die Motive sogar wie in einem wilden Wirbel dargestellt zu sein. Da kann natürlich auch an den Motiven gelegen haben – ein Blütenmeer sieht in der Kugel vielleicht wirklich wie ein Strudel aus.

Einige Fotos entstanden am Schiffchenteich, an den Antje viele Kindheitserinnerungen hatte. Wir haben dieses Mal auf das Schiffchenfahren verzichtet. Aber auch mir ist allerhand zum Thema Tretboot eingefallen – auch wenn es lange her ist, war es doch immer ganz schön. Leider habe ich die Böötchen hier nicht ganz scharf hingekriegt.

Die Lesung

Seit vielen Jahren schon gehe ich gerne auf Lesungen – oft mit meiner Freundin Antje. So auch gestern. Ich verrate jetzt einfach mal nicht, bei wem wir waren, denn ich will nicht, dass man mir üble Nachrede unterstellt. Denn es war … irgendwie … merkwürdig. Sehr, sehr merkwürdig. Ich will versuchen, das mal zu beschreiben.

Die Lesung – ein Bericht

Als wir um viertel vor acht den Lesungsort betreten, ist da noch nicht recht viel los – außer uns sind zwei Leute anwesend, außerdem stehen zwei auf dem „Raucherbalkon“. Aber gut, da kann ja noch was kommen. Wir kaufen uns Getränke, Antje ein Bier, ich ein Glas Wein, und gucken mal auf den Balkon. Antje raucht, ich bemühe mich schon mal um den intelligenten Blick – den werden wir gleich ja brauchen.

Währenddessen füllt sich der Raum auf angenehme Weise: Es ist gut besucht, aber nicht so, dass die Gäste sich zusammenquetschen müssten. Ein junger Mann fummelt schon an zwei Mikrofonen rum, anscheinend geht es gleich los. Zwei Mikros – ach ja, das war ja mit Moderation. Das mag ich meistens gerne, denn dann erfährt man ja noch was über den Autor, und das ist eine gute Sache.

Zwei nach acht – es geht los. Wir klatschen, auch wenn noch keiner was Besonderes geleistet hat, aber das macht man ja so. Schließlich sollen die Künstler sich willkommen fühlen. Der Autor ist ein flotter Mittdreißiger, der Moderator hat ein ähnliches Alter und sieht irgendwie so aus, als hätte er „vergleichende Literaturwissenschaft“ studiert. Der hat bestimmt Ahnung!

Das Event beginnt, langsam, verhalten. Der Moderator formuliert vorsichtig, zögernd und bedächtig, wählt die Worte sorgsam, unterbrochen von vielen „ämmm, ähhh“ und mimisch untermalten Denkpausen. Der Autor spricht flüssiger und sagt tolle Sachen: Wir erfahren etwas über die maximalnarzisstische Erfahrung und nicken einander bedeutungsvoll zu. Oh ja, hier kann man was lernen! Der Autor spricht über das Schreiben im Allgemeinen und schlechthin, über seine Charaktere und was noch so dazugehört. „Es muss sich einander beatmen“, sagt er, und ich denke, aha, Baywatch auf literarisch, immer schön beatmen. Ich finde dieses Interview absurd bis albern, sowohl die Fragen als auch die Antworten, aber das mag an mir liegen – ich tue mich immer schwer, wenn eine Frage fünf Minuten dauert und die Antwort dann länger als „42“ ist. Ich schaue etwas ungeduldig auf die Uhr – schon halb neun, wann liest der denn endlich mal was?

Da, er blättert – es geht los! Das Buch ist eine dicke Schwarte, da muss ja allerhand drinstehen, was man lesen kann. Und so ist es dann auch. Wir hören etwas über die beiden verliebten Liebenden sowie das kostbare Erz der Ängste. Ich schiele zu Antje – ihr Gesichtsausdruck wechselt immer wieder von fassungslos-amüsiert zu glasig-glotzend und zurück. Wahrscheinlich sehe ich genauso aus, nur auch noch in blond.

Zettel, Brief

Es gibt eine Lesepause, wieder mit Gespräch. Der kleine Moderator scheint inzwischen richtig zu leiden, er vergräbt die Hände in den wolligen Locken, windet sich auf dem Stuhl, erklärt dem interessiert lauschenden Autor seinen Roman, ringt um die richtigen Worte. Wir ringen auch, aber nur um Contenance, und wir schreiben Zettelchen – wer hat diese Veranstaltung nochmal ausgesucht? Ich war’s nicht, aber ich war einverstanden. „Der Horror ist auf der Leserseite“, sagt der Autor, und DAS glaube ich ihm gerne. Auch die urbane Degeneriertheit kommt zur Sprache, gut, dass das einmal erwähnt wird, schließlich leben auch wir in der Stadt.

Es wird noch ein Stück gelesen. Sprachlich ist das Werk sicherlich ein feines Stück Arbeit, immer möglichst kompliziert formuliert, bestimmt gibt es dafür irgendwann einen Preis. Ich habe es ja lieber schlicht, das liegt natürlich an mir und ist kein Problem des Autors. Aber diese komischen, verklausulierten Sätze lassen mich zunehmend grinsen: Warum schreibt man denn von einem „weiherverheißenden Geräusch“, wenn man das Quaken von Fröschen meint? Mir ist das schleierhaft, aber da fehlt es mir wahrscheinlich an literarischem Verständnis.

Verstehen konnte ich allerdings die Reaktion des Publikums, das zum großen Teil auf das Gesprächsangebot nach der Lesung verzichtete und eher zügigen Schrittes den Saal räumte. Man muss sowas ja nicht über Gebühr ausdehnen.

 

Nachtrag: In den allermeisten Fällen sind Lesungen eine feine Sache, wir haben schon viele schöne Veranstaltungen genossen. Und diese hier war auch nicht die Allerschrägste, die ich jemals mit Antje besucht habe. Das war vor einigen Jahren die Lesung, bei der man uns unter der Moderation Michel Friedmanns und der dekorativen Anwesenheit eines auf der Bühne eifrig Wasser trinkenden Jürgen Trittins einen ganzen Abend lang was auf Chinesisch erzählte. Da half selbst das zur Schau stellen des Bildungsbürgergesichts nichts mehr.