Gefangen sein

Ich mache mal wieder einen neuen Schreibworkshop mit. Neue Themen, neue Übungen – sowas macht mir immer viel Spaß. Als es in der letzten Woche losging, hatte ich aber gar keine Lust – zu sehr hatte mich noch immer die gewaltige Erkältung im Griff. Da kam mir die erste Übung zum Thema „Gefangen“ gerade recht …

Gefangen sein …

Stofftier, schielen

Der sieht aus, wie ich mich fühle

Ich bin gefangen in meiner Nase. Wie frei könnte ich sein, wäre sie frei. Aber sie ist verstopft. Schnarchen ohne zu schlafen. Seit Wochen treibt mich das jetzt um. Es nervt.

Gefangen sein – das ist kein triviales Thema. Zu schade für einen ordinären Rotz. Zu intellektuell. Der Intellekt geht, wenn die Viren kommen. Die haben eine Wechselbeziehung, Viren und Verstand. Ja, genau, eine Wechselbeziehung, keine Symbiose. Denn das wäre ja was Gutes.

Die Augen tränen auch – ich werde alt. Bin gefangen in meinem Körper. Wer mit 50 morgens ohne Schmerzen aufwacht, ist angeblich tot. Ich bin noch keine 50, aber ich übe schon mal. Was ich mache, mache ich schließlich ordentlich.

Inmitten dieser trüben Gedanken ertönt draußen lauter Glockenschlag – wie ein Abgesang. Alle Gefangenen antreten zur Hinrichtung. Schnipp, Schnapp, Rüssel ab – man kann auch ohne Nase leben. Aber es sieht furchtbar aus, und das will ich auch nicht.

 

Nachtrag: Diesen deprimierten Text schrieb ich vor acht Tagen. Inzwischen ist die Malaise von der Nase in die Bronchien gesackt – auch nicht besser. Ich fürchte, ich bin Sondermüll …

Rock’n Roll-Bingo

Der Februar war bislang nicht unbedingt freundlich zu mir. Soll heißen, er hat mir mal wieder einen dicken Atemwegs-Infekt geschickt, mit allem und vor allem mit fast zwei Wochen Sofa-Arrest. Trotzdem gab es auch etwas Tolles, über das ich noch berichten möchte: Denn am 31. Januar war ich mit einigen Bekannten beim

Rock’n Roll-Bingo in der alten Liebe in Frankfurt

Auf das Event aufmerksam wurde ich mal wieder durch die ewige Antje. Ich war zuvor noch nie in dieser urigen Kneipe, die ein wenig wie eine Hafenkneipe aufgemacht ist. Klein ist sie, und an diesem Abend war es brechend voll.

Los ging es mit ein bisschen rausgebölkter Moderation sowie der Vorstellung von einigen der wunderbaren Preise, um die man an diesem Abend in insgesamt drei Spielrunden kämpfen konnte. Über die Gewinne sei soviel verraten: Es gibt hier wirklich nur Gerümpel zu gewinnen, beispielhaft sei hier nur der String-Tanga aus Bonbons genannt.

Das Spiel an sich ist denkbar einfach: Man kann für sehr kleines Geld (1 Euro) ein Bingo-Los erwerben, auf dem acht Interpreten stehen. Wir gönnten uns sogar zwei Lose pro Runde – nicht kleckern, klotzen! Und dann wurden verschiedenste Musikstücke angespielt – laut bis zum Anschlag, dafür aber in sehr mäßiger Akkustik. Dem Spaß tat das Gedröhne keinen Abbruch: Wann immer man auf einem seiner Lose einen Titel zuordnen konnte, wurde das entsprechende Feld abgestrichen. Gegenseitige Mithilfe war ausdrücklich erwünscht, wir taten uns sofort mit den zwei Männern neben uns zusammen, und ab und zu half auch ein Bärtiger, der an der Theke stand. Der kannte all das, was wir noch nie gehört hatten. Sobald man alle Felder seines Loses abgestrichen hatte, rief man „Bingo“ – was in dem Getöse natürlich keiner hörte – und ging zum Moderator, um sich seinen Preis abzuholen. Auch eine Konfettikanone ging dann los und vervollständigte die Kakofonie.

Die Musik war eine unglaublich wilde Mischung. Von Punk bis Schlager war alles dabei. Selbst der von mir seit meiner Kindheit geschätzte Tony Marshall fehlte nicht – hoooojahooojahoooo!!! Wer Platz genug dazu hatte, tanzte oder hüpfte herum, und alle sangen aus voller Kehle. Machte ja nichts, wenn man falsch lag, was Melodie und Text anging – hat eh keiner gehört. Und so wurde das Rock’n Roll-Bingo zu einer unheimlichen Gaudi. Nichts für Feingeister, aber lustig.

Spiel der Farben

Lilo starrte fassungslos an die Wand: Da war es, dieses Rot, dieses ganz besondere Rot, das sie seit über 35 Jahren suchte. Die ganze Wand war damit gestrichen, was für ein Luxus. Und das Unglaublichste war, dass auch die anderen drei Wände genau die richtigen Farben hatten.

Sie erinnerte sich noch genau daran, wie es gewesen war, als sie sie das allererste Mal gesehen hatte, diese besonderen Farben. Dieses wunderschöne, tiefe Rot, nicht knallrot, aber auch nicht burgunderrot, sondern einfach nur rot. Und dazu ein volles Grün, nicht knallgrün, sondern sattgrün, so als können man hineinspringen wie in ein dickes, moosiges Kissen. Rot und grün harmonierten perfekt mit dem braunsten Braun, dass sie jemals gesehen hatte, etwas brauner als Kastanien, aber weniger rot. Und dann gab es noch ein tiefes Lila, das alles zusammenhielt, ein dunkles Veilchenlila, das keinesfalls fehlen durfte. Rot, Grün, Braun und Lila waberten in sich langsam verändernden Formen hin und her, wunderschön anzusehen, beruhigend durch die langsame Bewegung und durch die Wärme, die sie verströmten.

So in etwa sieht das aus. Es wabert, und die Farben sind nicht ganz perfekt. Besser habe ich es aber nicht hingekriegt.

Ja, die Farben waren warm. Sie machten warm. Als Lilo sie das erste Mal sah, war sie fünf Jahre alt. Sie hatte die Masern und Fieber.

Lilo neigte dazu, Fieber zu bekommen. „Ein temperamentvolles Immunsystem“, nannte der Hausarzt das. „Das Kind ist empfindlich“, befand die Oma und die Mutter lief ständig nach dem Thermometer. Lilo fand das überflüssig, musste sie doch nur die Augen schließen, um zu wissen, was los war: Augen zu – dunkel – alles in Ordnung. Augen zu – verführerisch bunt – Fieber.

Und nun stand sie hier in dieser kleinen Ein-Zimmer-Wohnung, in der sie die sechs Monate ihres Sabbaticals verbringen wollte. Sechs Monate, um endlich ihre fast fertige Doktorarbeit zu beenden und sich von ihrer schwierigen Scheidung zu erholen. Sechs Monate, ums sich zu finden.

Hinter sich hörte sie ihren Vermieter fluchen. „Ich hatte dem Maler gesagt, er solle den Wänden etwas Farbe geben, nicht einfach nur weiß streichen. Ich weiß nicht, wie er auf diesen Albtraum gekommen ist. Wir lassen das nochmal heller streichen – so wirkt der Raum ja total dunkel und viel kleiner, als er ist.“

Er hatte Recht, das Appartement, das eine Größe von rund 30 Quadratmetern hatte, wirkte durch die tiefen, dunklen Farben fast etwas höhlenartig. Und doch fühlte Lilo sich spontan wohl und geborgen, wie nach einem langen Winterspaziergang am wärmenden Kaminfeuer. Dieses Immer war genau das, was sie brauchte; Das tiefe, lebendige Rot, das zuverlässige Grün, das duftende Braun und dazu das Lila, dass ihre Seele zusammenhielt – das war genau das, was sie seit langem suchte.

„Mir gefällt es so“, sagte sie deshalb. „Zusammen mit den hellen Möbeln sieht es sehr gemütlich aus.“ Der Vermieter sah sie an, als sei sie nicht ganz richtig im Kopf, zuckte aber leidenschaftslos mit den Schultern. „Wie Sie möchten“, meinte er nur und breitete den vorgefertigten Mietvertrag auf dem kleinen Ess- und Arbeitstisch aus.

Schon eine Woche später zog Lilo in die kleine Wohnung ein. Sie blickte aus dem Fenster in den Schnee und freute sich an ihrer warmen Wohnung. Ja, hier würde sie zur Ruhe kommen und endlich arbeiten können, dessen war sie sich sicher.

Blog-Geflüster in Meddis Nähkästchen

Radio, Mikrophon, MikrofonAm Montag kam ich mir mal wieder unglaublich wichtig vor: Denn ich war im Radio! Meddi Müller, der Frankfurter Krimiautor und Moderator von Meddis Nähkästchen, hatte mich eingeladen, bei ihm in seiner Sendung zu Gast zu sein. Sehr spannend – im Radio war ich noch nie!

Radio X ist ein kleiner Frankfurter Lokalsender, der seinen Sitz in Bockenheim hat. Werbefrei, unabhängig, eigenständig, leidenschaftlich – so lautet das Credo dieses kleinen Senders. Ich fuhr also in der Mittagspause dorthin, zutiefst neugierig und gespannt.

Das Studio ist klein, aber fein. Ich wurde eingewiesen und merkte mir, dass ich gehört werde, wenn mein Mikro rot leuchtet – dann also besster kein dummes Zeug mehr babbeln. Die Sendung wurde angesagt, es kam ein bisschen Musik und dann ging es los.

Der Beitrag wurde aufgezeichnet, wer gerne einmal reinhören möchte, kann das auf der Seite von Meddis Nähkästchen tun. Ich habe das natürlich auch schon getan und finde es wie immer komisch, mich zu hören – irgendwie spreche ich durch die Nase. Ich denke aber, dass man beim Hören auch merkt, wie viel Spaß mir diese Stunde im Radio gemacht hat (danke für die Einladung, Meddi ❤ ).

 

Das Loch in der Socke

Mal wieder eine Übung aus dem Schreibworkshop. Sie ließ mich an mein Erbe denken – Mutters Nähzeug. Ich habe einiges weggetan, hatte aber auch viel Freude beim Sichten und Sortieren der Knöpfe – das habe ich schon als Kind geliebt.

Das Loch in der Socke

Renate verspüre eine gewisse Befriedigung, als sie die Socke mit dem Loch in den Müll warf. Der zweite Strumpf flog gleich hinterher, schließlich konnte sie mit einer einzelnen dunkelroten Socke nichts anfangen. Sie lächelte, als sie den Deckel auf den Mülleimer fallen ließ.

Zuhause hatten sie Socken gestopft. „Die sind noch gut“, hatte die Mutter gesagt, oder auch: „Das hat mal viel Geld gekostet!“ Und so hatte Renate ihre Socken flicken müssen, bis von dem ursprünglichen Stoff nichts mehr übrig gewesen war und sie von den knubbeligen Stellen beim Laufen Blasen an den Füßen bekam.

Alles wurde damals geflickt bei ihnen. Renates Kleider und Hosen wurden immer wieder verlängert oder an den Seiten ausgelassen, und wenn etwas wirklich nicht mehr zu retten war, nannte der Vater sie eine Verschwenderin und schnitt Putzlappen aus dem Stoff. Als ihre Eltern starben, erbte Renate sechs Umzugskartons mit Putzlappen, viele von ihnen geflickt oder gestopft. So viel würde sie nie putzen müssen. Außerdem erbte sie Mutters Stopfpilz, Stopftwist in 38 verschiedenen Farben und einen Beutel mit 768 abgeschnittenen Knöpfen.

Ein Erbstück. Da ich reichlich Nähseide, auch in grün, besitze, habe ich es nach kurzem Zögern entsorgt.

Die Putzlappen verbrannte Renate in einer kühlen Novembernacht im Garten. Ohne schlechtes Gewissen warf sie die Nähutensilien hinterher. Die Plastikknöpfe ließen ihr Feuer in bunten Farben sprühen und es stank zum Himmel. Dennoch fühlte Renate sich danach wie therapiert. Sie würde nie wieder etwas flicken, sie warf es weg oder brachte die Sachen in die Änderungsschneiderei. „Langes Fädchen, faules Mädchen“ – die Zeiten, in denen ihr Vater sie wegen ihres Ungeschicks beim Nähen verspottet hatte, waren endgültig vorbei.

 

Nachbemerkung 1: Ich bin durchaus dafür, Dinge, die noch gut sind, nicht einfach wegzuwerfen, sondern bei kleinen Macken auszubessern und zu nähen. Ich kann das auch und mache das sogar ganz gerne. Aber olle Socken stopfe ich nicht, das lohnt sich einfach nicht. Und die Putzlapperitis, die mein Vater manchmal an den Tag legte, war mir immer unverständlich (genau wie die Schuhbanderitis – zum Anbinden von Tomatenpflanzen).

Nachbemerkung 2: Der dumme Spruch vom langen Fädchen stammte von meinem Vater. Er war immer dafür, Nähseide zu sparen. Er war es jedoch auch, der sich vor lauter Kurzfadenfummelei einmal das am Leibe geflickte Hemd versehentlich ans Hosenbein nähte, sodass ich derartige Kommentare immer locker zurückgeben konnte. 😀

Fundstücke 63: Werbung aus der Hölle

Franken WC, BonnAuf diese Perle des Marketings machte mich mein guter Freund Harry aufmerksam: Es gibt ja Werbung, die ist wirklich schauderhaft. Ob das jemand lustig findet oder ob genau die schauerliche Wirkung beabsichtigt ist, kann ich mir manchmal nicht erklären.

Mobiltoiletten sind ja eine sehr nützliche Erfindung. Ich denke, niemand benutzt sie wirklich gerne, aber besser, als sich in die Büsche zu schlagen, sind sie allemal. Allerdings …

Die Werbung dieses Toilettenanbieters bringt es sicherlich fertig, das jeder Mensch, der ein solches Häusel nutzt, sich dabei unwohl fühlt. Denn was geschieht nun mit seinem Geschäft? Fragen Sie Franken WC:

Geflügeltes Erwachen

weißes Huhn

Bild zur Verfügung gestellt von Simone F., http://www.pixelio.de

Mal wieder eine Aufgabe aus dem Schreibworkshop: Denkt doch mal an ein Tier, das euch irgendwie ähnlich ist oder zu euch passt. Nun, ich dachte nach. Gazelle? Passt nicht. Elefant? Ist mir zu grau. Ein Fisch vielleicht – ein Harung, jung und schlank? Ne, dann doch lieber die olle Flunder, die wird am Ende wenigstens reich. Aber eine olle Schrulle – ne, das passt auch nicht auf mich, gar nicht. Und so krakelte ich frohen Mutes ein Federvieh in mein Heft.

Und dann kam der nächste Teil der Aufgabe: Stellt euch vor, ihr wacht eines Morgens in eurer Wohnung auf und seid dieses Tier – was macht ihr dann? Tscha … was nur?

Geflügeltes Erwachen

Ich habe immer geahnt, dass es irgendwann soweit kommen würde. Nicht umsonst nennt das Jungvolk bei uns im Büro mich manchmal Mutti. Und auch ich selber nenne mich so, man stelle sich das vor. Dabei habe ich doch gar keine Kinder und wollte auch nie welche haben. Irgendwann im Laufe meines langen Berufslebens ist es einfach passiert: Ich wurde zur Glucke, achtete laut gackernd auf meine Jungen und scharrte so manches Mal ungeduldig mit den Füßen. Meinen Hühnerhof, so habe ich ihn genannt, diesen schwer zusammenhaltbaren Wimmelhaufen, mit dem ich gearbeitet habe. Und nun habe ich den Salat.

Über Nacht sind mir Federn gewachsen, weiße mit einigen braunen Sprenkeln, und um die rosa Krallenfüße habe ich einen beeindruckenden, flaumigen Kranz. Der Kamm, der mir in letzter Zeit sooft geschwollen ist, leuchtet in kräftigem Rot, der Schnabel ist spitz und lässt sich weit aufreißen. Ich sehe kritisch in den Spiegel: Ohne Zweifel, ich bin kein normales Suppenhuhn, auch keine ausrangierte Legehenne, sondern irgendeine Prachtrasse. Mit mir könnte ein ambitionierter Geflügelzüchter ganz bestimmt Preise gewinnen. Trotzdem fühle ich mich nicht so recht wohl in meiner Hühnerhaut. Denn ich habe nichts anzuziehen. Ein Federkleid, gut und schön, aber das kann doch nicht alles sein. Ganz ohne irgendetwas aus meinem Schrank fühle ich mich nackt.

Außerdem finde ich mich unpraktisch. Zu kurze Beine, ein zu dicker Po. Gut, das war vorher auch nicht anders, aber jetzt ist es schon extrem. Und was bitte soll man mit Flügeln, wenn man nicht fliegen kann? Keine Arme haben, aber auch nicht fliegen können, das ist ganz schön bitter. Pinguine können wenigstens schwimmen, ich kann nicht mal das. Keine Frage, so ein Huhn hat es nicht leicht.

Bild zur Verfügung gestellt von Ute Zimmermann, http://www.pixelio.de

Den Kühlschrank kriege ich so auch nicht auf. Wie gut, dass der große Wandschrank immer offensteht – es leben die schlechten Gewohnheiten. Hat mal einer einen hühnergeeigneten Dosenöffner? Ich verwerfe den Gedanken an Dosenravioli und öffne eine Packung Kekse. Eigentlich bin ich ja kein Süßfrühstücker, aber es hilft ja nichts. Süßfrühstücker – ein komischer Begriff übrigens. Was soll man denn von Leuten halten, in deren Gattungsbezeichnung drei „ü“ vorkommen? Dan doch besser Prunkhuhn mit zwei „u“ – das klingt deutlich seriöser.

Diese und andere unsortierte Gedanken ziehen durch mein Hühnerhirn. Nach dem zweiten Keks fällt mir auf, dass die Zeit der gemütlichen Sonntagsfrühstücke jetzt wohl endgültig vorbei ist. Denn zu einem ordentlichen Feiertagsfrühstück gehört für mich ein Ei, oder noch besser zwei. In meinem jetzigen Zustand wage ich kaum daran zu denken.

Ein weiterer Gedanke erschüttert mich: Im Kühlschrank sind noch Eier, mindestens vier. Ob ich versuchen sollte, sie auszubrüten? Aber nein, den Kühlschrank kriege ich ja nicht auf. Sind ja auch nicht meine Eier, zumindest nicht so richtig. Ich kann mich nicht um alles kümmern. Erst mal noch ein Keks, und dann mal weitersehen.

Wintertiere

Lange hatte ich nicht mehr auf die estnische Seite mit den Webcams geguckt – ich dachte, da gibt es im Winter ohnehin nichts zu sehen. Doch weit gefehlt – auch im Schnee hat Estland einiges an Getier zu bieten. Am besten gefällt mir die Kamera an der Vogelfutterstelle – da ist immer was los. Das heißt, fast immer. Manchmal verlassen alle Flatterviecher schlagartig den Platz und kommen minutenlang nicht wieder – vielleicht ist dann ein Raubvogel oder eine Katze in der Nähe?

Webcam, Vögel, Meisen, Elster, Specht, Spatzen, Tauben

Mein Liebling ist übrigens der kleine Specht. Und die Tauben sind Krawallschachteln – die können nicht abwarten und drängeln furchtbar herum. Naja, was kann man auch von jemandem erwarten, der sich mitten ins Essen setzt?

Abends ist es dunkel an der Futterstelle. Dann kann man allerdings gucken, ob bei den HIrschen was los st. Oft tut sich stundenlang nichts. Dann hört man plötzlich ein leises Klappern, weil die Herren mit ihrem Kopfschmuck nicht klarkommen und einander anstoßen. Dann wird gefressen, und manchmal auch gerangelt.

Webcam, Hirsche, Futterstelle

Wer es ganz geruhsam mag oder sich schon immer ein Aquarium gewünscht hat, kann auch bei der Forellenkamera vorbeigucken. Da passiert wirklich wenig, aber irgendwie ist es entspannend, sich das wenige anzugucken, während man Socken strickt.

Forellen, Webcam

Auf Schakale oder Luchse habe ich bislang vergeblich gewartet, die sind wohl eher nachtaktiv. Vielleicht bin ich auch zu ungeduldig. Allerdings scheint bei den Luchsen des Öfteren die Sonne – und das ist bei der derzeit tristen Wetterlage ja auch etwas Schönes.

Webcam, Wald, Sonne

 

Einfach mal nicht einkaufen gehen

In solchen kurzen Wochen wie dieser ersten Januarwoche bin ich immer irgendwie durcheinander. Ich weiß nicht, welcher Wochentag ist, vertausche Termine und fühle mich unorganisiert. Am meisten aber irritiert mich, wie schwer es mir fällt, von meinen ausgeleierten Routinen abzuweichen. Zu Beispiel der, zum Wochenende einkaufen zu gehen.

Sie lesen jetzt ein Gespräch zwischen mir und meiner Vernunft, aufgezeichnet gestern. Im Laufe des Tages wiederholte sich dieser Dialog unzählige Male mit leichten Abwandlungen.

Ach, schön, heute Nachmittag habe ich keine Termine, da mache ich früh Feierabend und gehe noch auf den Wochenmarkt.

Was willst du denn auf dem Wochenmarkt?

Ja, einkaufen halt. Dann muss ich morgen nicht los.

Freu dich, du musst gar nicht einkaufen, es ist noch von allem genug da. Juhu, Juhu!

Hä? Es ist Wochenende. Da kaufe ich immer ein.

„Ich mache das immer so“ ist kein Argument. Denk dran, du willst sparen und nichts wegwerfen.

Ja aber … ich MUSS doch Lebensmittel einkaufen …

Es ist wirklich noch genug da – du hast immer noch Reste von Silvester, frisches Obst und Tomaten sind noch da und der Tiefkühler ist auch voll! Du hast sogar Gurken, Oliven und Perlzwiebeln im Kühlschrank. Und im Bücherregal liegt eine Packung Stollenkonfekt.

Im Bücherregal? Ach was. Aber ich muss doch Brot holen. Ich kaufe gerne bei dem Bäcker auf dem Wochenmarkt.

Du hast gestern schon Brot gekauft, weil keines mehr da war. Das reicht mindestens bis Dienstag.

Hmmm … ich werde verhungern!

So siehst du aus, Moppel! *lol*

Lach nicht so blöd. Bist du dir sicher, dass alles da ist? Mittagessen?

Im Tiefkühler ist noch reichlich Eintopf. Und Nudelsoße. Erinnerst du dich, vor Weihnachten meintest du auch, du müsstest einkaufen, und dann konntest du gar nicht alles verbrauchen. Die Reste hast du zu Soße verkocht, die kann gerne irgendwann gegessen werden.

Hmmm … eigentlich wollte ich Pizza machen.

Es ist alles da für Pizza. Sogar fertig geschnittene Zwiebeln. Vom Raclette übrig, du erinnerst dich?

Hmmm … na gut. Dann spare ich ja richtig Zeit.

Siehste!

Aber vielleicht hätte ich gerne ein Fischbrötchen für heute Abend?

Na gut, Fischbrötchen zum Sofortverzehr ist erlaubt. Aber fang dann nicht an, rumzulaufen und noch Sachen zusammenzusuchen. Du BRAUCHST nichts. Auch nichts vom Feinkoststand!

Nicht mal ein Stück Kuchen zum Tee?

Zum Tee, oder zum Fischbrötchen? Wann willst du das denn alles essen? Kuchen ist gestrichen, für kulinarische Notfälle hast du noch Lebkuchen in der orangen Tupperdose. Und eine Maxipackung Gewürzspekulatius im Schrank! Und Schapspralinen …Muss ich weiterreden?

Ach, halt doch den Rand!

 

Nachtrag: Als ich am Wochenmarkt ankam, gab es keinen Fischbrötchenwagen. Da ich kein Mittagessen hatte, verfiel ich kurzfristig in Depressionen, entschied mich dann aber für Aprikosenkreppel. Außerdem gab es zwei Brezel, die ich mit den diversen Resten aus meinem Kühlschrank kombinierte. Nicht ganz perfekt vielleicht, aber ich bin zufrieden. Und heute gibt es Eintopf aus dem Tiefkühler. Hach, was bin ich vernünftig!

Komische Gewohnheiten – sich völlig grundlos verwegen fühlen

Erst einmal möchte ich natürlich allen Lesern meiner bunten Welt ein schönes, gesundes und erfolgreiches Jahr 2019 wünschen – was auch immer Erfolg für euch bedeuten mag. Für mich bedeutet erfolgreich sein ein schönes Leben zu haben, in dem ich genießen kann, Arbeit habe und vor allem tolle Leute um mich.

Eine ganz tolle Runde hatte ich Silvester zu Gast, wir feierten fast bis um vier. Deshalb war ich an Neujahr angemessen müde und philosophierte müßig vor mich hin. Und dabei kam mir mal wieder eine komische Gewohnheit in den Sinn, die ich an mir selbst beobachte:

Komische Gewohnheiten – sich völlig grundlos verwegen fühlen

gestrickte Socke, Fuß

Ein Teil meiner Sofa-Uniform – ein Bild von mir im Schlafanzug möchte ich euch nicht zumuten

Ich bin inzwischen 48 Jahre alt – klingt komisch, ist aber so. Noch immer merke ich manchmal, dass meine gute Erziehung in mir nachwirkt. Nicht nur, wenn ich Bitte und Danke sage, sondern auch, wenn ich Sachen mache, die bei uns zuhause verpönt waren.

Natürlich ist es normal, dass die Erziehung in einem nachwirkt – dafür ist sie ja da. Gerade Dinge, die ich mir früher fest vorgenommen hatte – z. B. nur noch von Nutellabrot und Pizza zu leben, sobald ich die Sache mit der Ernährung selbst in der Hand habe – führe ich gar nicht durch. Im Gegenteil, ich werde von einigen Kollegen immer wieder gehänselt, weil ich in der Kantine jeden Tag Gemüse esse. Wenn man nämlich nicht genug Gemüse isst, wird man krank – das habe ich mir gemerkt und dieses Argument schlägt Nutella und Pizza um Längen.

Es gibt aber zahlreiche andere Dinge, die zuhause nicht gerne gesehen wurden, die ich heutzutage aber mit Freuden zelebriere. Und manchmal, wenn mir das bewusst wird, fühle ich mich wild und verwegen. Gestern auch.

Bei uns zuhause war es verpönt, vor dem Fernseher zu essen. Also richtig zu essen, nicht nur ein abendliches Stück Obst oder ab und zu mal den Kuchen zum Sonntagskaffee. Das wurde wirklich nur in Ausnahmefällen gemacht, etwa wenn man krank war oder wenn etwas ganz Besonderes im Fernsehen kam. WM-Fußball vielleicht, oder etwas ähnlich Wichtiges. Dann wurde ein großer Teller mit Schnittchen fertig gemacht und die ganze Familie aß zusammen vor der Glotze. Das sind schöne Erinnerungen, gewiss auch, weil es so selten vorkam. Denn grundsätzlich wurde bei uns in der Küche gegessen, und meinen Eltern wäre es nie eingefallen, dort einen Fernseher aufzustellen. Über Familien, die so etwas hatten, wurde ein gnadenloses Urteil gefällt. Und so fand auch ich es immer seltsam, dass mein Onkel und meine Tante einen Fernseher in der Küche hatten – sowas aber auch. Hingeguckt habe ich natürlich trotzdem.

Fernsehen war ohnehin etwas, das restriktiv gehandhabt wurde. Das war für Eltern in den 70er Jahren natürlich einfacher als heute – für Kinder kam ja kaum etwas. Vormittags gab es manchmal die Sesamstraße oder Rappelkiste, nachmittags Wickie, die Biene Maja oder Pinocchio. Aber ganz viel war es nicht, was mich da reizte. Als irgendwann das „Frühstücksfernsehen“ aufkam, war mein Vater völlig verwirrt: Wer sollte sich das denn wohl angucken? Vormittags fernsehen, das machten doch nur ganz alte Leute, die sonst nichts mehr konnten. Oder Leute, die ansonsten gar nichts mit sich anzufangen wussten. Morgens fernsehen, das war für meinen Vater das, was für Karl Lagerfeld das Tragen von Jogginghosen ist: Wer sowas macht, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.

Und deshalb fühle ich mich an manchen Tagen geradezu wie ein Outlaw, wie die Revoluzzerin unter den Spätpubertierenden: Nämlich dann, wenn ich am Wochenende in der Jogginghose vor dem Fernseher sitze, frühstücke und dabei Kinderprogramm gucke. Oder noch besser im Schlafanzug. Natürlich habe ich dann keineswegs die Kontrolle über irgendwas verloren, sondern verlasse die Grenzen meiner Erziehung ganz bewusst. Weil es schön ist, Zeit zu haben und so herumlumpen zu können. Weil ich gerne Märchen gucke, gerne in Ruhe meinen Kaffee schlürfe und das Sofa ohnehin der beste Essplatz ist. Und weil es Spaß macht, sich auf diese Weise verwegen zu fühlen.

Darauf ein Nutellabrot …

 

Sollte es hier noch jemanden geben, der oder die sich aus nichtigem Grunde wie ein Outlaw fühlt: Ich freue mich auf entsprechende Kommentare.