Aufruhr in der Nacht

Es gibt Dinge, die braucht kein Mensch. Zum Beispiel das, was mir in der letzten Nacht widerfahren ist. Es war ärgerlich und hat mich um einen guten Teil meines Schlafs gebracht – das prangere ich an. Aber fangen wir von vorne an.

Suppenhuhn, Gewürze, Tomaten

Bild von Pixabay – bei mir kommen keine Tomaten ans Huhn!

Ich hatte mal wieder gekocht. So richtig, mit vorbestelltem Huhn, frischem Gemüse und so. Es wurde „Huhn im Topf“, ein Hühnereintopf nach Mutterns Rezept. Sehr gelungen übrigens, eine Portion habe ich gestern Abend schon gegessen.

Und dann nahm der Abend seinen Lauf: Volles Bäuchlein, müde, bisschen schlafen, bisschen fernsehen, bisschen stricken, wieder schlafen. Irgendwann wurde ich wach – es war schon nach Mitternacht. Jetzt aber nichts wie ins Bett! Auf dem Weg dorthin fiel mir ein, dass ich ja noch den Rest meiner Suppe in den Tiefkühler räumen wollte. Vier Tupperdosen standen nett und adrett aufgereiht zum Abkühlen in der Küche. Kühl waren sie auch, sehr gut! Ich trug sie also in mein Gäste-Wäsche-Rumpel-Abstell-Zimmerchen, um sie dort in den Tiefkühler zu stellen. Und ja, wie es dann halt so kommt: Ich öffnete den Tiefkühler und räumte ein wenig darin herum, um Platz zu schaffen. Und irgendwie – keine Ahnung, warum und wieso – geriet der Boxenstapel auf dem Tiefkühler ins Rutschen und der ganze Kram war irgendwie nicht mehr aufzuhalten. Alle viel Dosen donnerten zu Boden – Krawumm! Zwei blieben zu – sehr gut! Eine ging ein bisschen auf und ließ Brühe auf den Boden plempern. Und von der vierten Box flog der Deckel ab und ihr Inhalt verteilte sich explosionsartig im Zimmer. Zum Glück warf sich die Tür dem Inferno in den Weg und hielt das meiste auf. Es war interessant zu sehen, wie sich das Muster aus Hühnchen, Möhren, Kohlrabi und sonstigem Gedöns langsam, begleitet von fettigen Tropfen, dem Boden entgegen bewegte. Das, meine Lieben, ist Schwerkraft!

Als ich mich von meiner Schockstarre erholt hatte, rettete ich, was zu retten ist: Dosen aufheben, in die Küche schleppen, gucken, was noch drin ist, sauberwischen. Dann überlegen, wie man der Schweinerei Herr werden könnte: Ich fegte erst mal „das Dicke“ in meine Fegeschaufel, dabei immer bemüht, mit den Füßen in Wollsocken möglichst wenig in die Brühe zu treten. Dann Eimer und Feudel holen – das liebe ich besonders zu nachtschlafener Stunde. Erst die Tür oder den Boden? Ich entschloss mich für die Tür, von oben nach unten putzen habe ich mal gelernt. Ich merkte, wie mir die Brühe die Hosenbeine hochkroch. Viel heißes Wasser, angereichert mit „Der General“, half, zumindest den Anschein von Sauberkeit wieder herzustellen. Die Brüh-Socken hatte ich längst ausgezogen und gegen Badelatschen getauscht. Ich wischte die Tür, das Zimmer, den Flur, einen Teil der Küche. Und fror schlussendlich meine verbliebenen drei Portionen Hühnereintopf endlich ein.

Nach all dieser sportlichen Aktivität war ich natürlich richtig wach. Und das blieb ich auch. Ich kam nicht in den Schlaf, denn es trieben mich diverse Überlegungen um: Kleben noch Möhren unter der Tür? Wo ist noch überall Brühe, die ich nicht gesehen habe? Sollte ich das Zimmer künftig eher das Suppenzimmer oder lieber den Hühnersaal nennen? Und, der schlimmste Gedanke überhaupt: Rund ein Fünftel meines schönen, edlen Hühnchens ist ganz umsonst gestorben. Das ist ein Skandal!

Zornig guckendes Huhn

Visibile – alles ist möglich

Im Schreibworkshop ging es mal wieder märchenhaft zu. Die Aufgabe war etwas merkwürdig: Man sollte ein Fläschchen finden mit der Aufschrift „Visibile“, dass den Finder sichtbarer machen könne. Mir fiel dazu nichts ein, und da es wie immer sehr schnell gehen musste, modifizierte ich die enthaltene Substanz etwas und ließ sie das Gegenteil bewirken. Als Model diente mir meine Freundin Maike, die in einem Labor arbeitet und dort kürzlich einmal aufgeräumt hat. Auch sie fand abenteuerliche Altbestände, wenngleich nichts ganz so Wundersames dabei war wie in dieser kleinen Geschichte.

Visibile

Geheimnisvolles Fläschchen

Maria betrachtete das Fläschchen mit der merkwürdigen Aufschrift nachdenklich. Das Etikett war kaum lesbar, „Visibile“ meinte sie entziffern zu können. Es sah uralt aus. In einer anderen Umgebung hätte sie einfach den altmodischen Stöpsel aus der Flasche gezogen und einmal an dem Inhalt  geschnuppert, aber hier, beim Aufräumen des Chemikalienschrankes im biotechnischen Labor der Universität, schien ihr das nicht angeraten. Schon gestern war sie sich vorgekommen wie das personifizierte Giftstoffräumkommando, mehr als eine Dose oder Flasche hatte sie in einen sicheren, fest verschraubten Behälter gelegt und nach einem bürokratischen, festgelegten Verfahren zur Entsorgung gegeben. Und nur als das hier – Visibile.

Ihr Fund passte so gar nicht zu den ansonsten hier vorrätigen Stoffen. Die anderen Substanzen waren in nüchternen, rein praktischen Verpackungen. Dieses hier sah aus wie ein altmodischer Parfümflakon, war aus schwerem, facettiert geschliffenem Glas. Kurz dachte sie an die Professorin, die das Büro am Ende des Ganges hatte. Die roch immer nach einer Mischung aus Uralt-Lavendel und Mottenkugeln, vielleicht war das ihr Parfümflakon. Kurzzeitig war Maria versucht, es ihr einfach auf den Schreibtisch zu stellen – dann wäre sie das Problem los gewesen. Aber das war nicht ihre Art zu arbeiten. Sie sah in sämtlichen Datenbanken nach, blieb jedoch erfolglos. Also entschloss sie sich leise seufzend, noch einmal bei Jochen anzurufen, dem Spezialisten für merkwürdige Fälle. Er war es auch, der die Giftstoffe von ihr übernahm und sie fachmännisch entsorgte. Böse Zungen behaupteten, er würde die Flaschen einfach leertrinken. Das würde sein merkwürdiges Äußeres gewiss erklären, erschien Maria aber doch unwahrscheinlich.

Sie griff also zum Telefonhörer und schilderte Jochen ihren Fund. Zu ihrer Überraschung schien er sofort zu wissen, um was es sich handelte. „Das hatte ich schon vermisst“, erklärte er. „Warte, ich hole es ab.“ Nur wenige Minuten später stand der über zwei Meter lange Schlaks mit der Zottelfrisur und den düsteren Augenbrauen vor ihr. „Willst du wissen, was das ist?“, fragte er, und Maria nickte neugierig. „Komm, dafür müssen wir unter uns sein!“ Er zog sie ganz ungalant am Ärmel hinter sich her. Die Augen der Kolleginnen folgten ihnen amüsiert, denn so eifrig sah man den ansonsten immer etwas verlangsamt wirkenden Jochen selten. Er zog sie in eine Besenkammer. „Du, Jochen, halt mal, was soll das denn werden hier?“, protestierte Maria, aber er hielt den Finger an die Lippen. „Psssst, das ist geheim! Wir machen uns jetzt eine lustige Stunde!“ Geschwind öffnete er die Flasche und ehe Maria sich versah, tropfte er ihr eine winzige Menge der öligen Flüssigkeit mitten auf den Scheitel. Das Gleiche tat er bei sich selbst. Zu ihrer Verblüffung verschwand der große Mann in der Sekunde, in der „Visibile“ ihn berührte. „Häää, was ist das denn?“, fragte Maria verblüfft, und Jochen lachte. „Cool, oder? Eigentlich soll das Zeug einen zum Leuchten bringen, aber wenn man es mit Olivenöl, Arsen, Schwefel und Manukka-Honig mischt, dreht man die Wirkung quasi um und es macht unsichtbar. Ist ein altes Familienrezept, wir benutzen seit dreihundert Jahren diese Flasche und füllen immer nur nach. Und nun komm, lass uns etwas Schabernack machen!“ Jochen huschte durch die Labore und Büros und machte Unsinn. Hier plapperte er in ein Telefongespräch, dort füllte er einen Farbstoff in eine Versuchsanordnung, und in der Personalabteilung änderte er Marias Akte dergestalt ab, dass man ihr wohl demnächst den Titel „Heldin der Arbeit“ verleihen würde. Maria war hin- und hergerissen zwischen Fremdscham und Faszination, und irgendwann ließ sie sich hinreißen und füllte den Inhalt von Hildegards Locher in den automatischen Regenschirm von Doktor Wilmenroth, den sie danach sorgfältig wieder schloss. Niemals hätte sie gedacht, dass unsichtbar zu sein so einen Spaß machen konnte. Und während sie herumalberten, merkte Maria, wie zwischen ihr und Jochen ein erstes zartes Band wuchs. Sie waren Partners in Crime, und das schien ihr zumindest eine gute Basis für eine tiefe Freundschaft zu sein. 

Driving home for Christmas

Frisch getestet, geboostert und maskiert habe ich mich gestern in einen Zug getraut und bin zu meiner Familie nach Norddeutschland gefahren. Im Zug war es warm, draußen eisig und wunderschön. Selten kann man so hübsche Bilder durch ein Zugfenster machen.

Winterlandschaft zwischen Göttingen und Hannover

Heute sieht es hier leider schon etwas anders aus – leichter Regen auf eisigen Boden lässt mich hoffen, dass meine noch arbeitende Schwester heil nach Hause kommt. Ansonsten ist die Stimmung prima: Die Küche ist geputzt, die Salatkartoffeln für morgen kochen, die Auswahl der richtigen Würstchen wird justamente am Telefon diskutiert. Der Neffe schückt den Baum, die Tante (ich!) hat heißen Tee und fummelt auf dem Smartphone einen Blogbeitrag zusammen.

Winterlandschaft bei Hude

Vielleich wäre es angesichts der Corona-Zahlen vernünftiger gewesen, zuhause zu bleiben. Das hätte ich sicher überlebt. Aber nach einem unendlich anstrengenden Jahr im Homeoffice, mit wenigen Anregungen und wenigen persönlichen Kontakten hat es diese Fahrt jetzt einfach gebraucht.

Schwesterchens verblühte Rose mit Rauhreif

Allen Lesern meiner bunten Welt wünsche ich schöne, erholsame Feiertage – macht es euch so nett wie möglich!

Der weite Weg zum Elternabend

Im Schreibworkshop sollten wir das Stilmittel der Übertreibung nutzen. Nun, Übertreiben konnte ich schon immer gut, besonders, wenn es ums Essen oder Shoppen geht. Es war aber auch noch der erste Satz vorgegeben, sodass meine Gedanken andere Wege gingen. 20 Minuten waren Zeit, das heißt, ich hatte es eilig!

Der weite Weg zum Elternabend

Dass ich heute hier bin, hatte ich bis eben selbst nicht mehr erwartet. Es war nicht nur das Bein, dass ich mir am Morgen bei einem Sturz über den Einkaufstrolley meiner Nachbarin Frau Lösekann gebrochen habe. So einen glatten Schienbeinbruch steckt eine echte Niedersächsin in der Regel ganz gut weg, sind wir ja sturmfest und erdverwachsen. Auch der mehr als merkwürdige Krankenhausaufenthalt schreckte mich nicht – ich diente einer Gruppe von Medizinstudentin als Testkörper für ihre ersten Gipsversuche. Das war für mich völlig in Ordnung, irgendwie müssen diese jungen Leute ihr Handwerk ja lernen. Dass einer jedoch anfing zu schreien, als ich mich bewegte und etwas zu ihm sagte, war schon ein wenig skurril. Es stellte sich heraus, dass der junge Mann auf dem Klo gewesen war, als man mich vorgestellt und die Aufgabe erklärt hatte. Er war also davon ausgegangen, es mit einer Leiche zu tun zu haben, rannte schreiend zum Behandlungszimmer hinaus und polterte über den Rollstuhl, den ein netter Pfleger soeben für mich aus dem Lager geholt hatte. Er fiel auf den Kopf, besser gesagt auf die Nase, und ich hegte die vage Hoffnung, dass ihn das ein wenig wieder zurechtrütteln würde.

Rollstuhl

All dies genügte jedoch nicht, um diesen Tag zu einem der merkwürdigsten meines Lebens zu machen. Es war der Rollstuhl, den man mir geholt hatte, der so richtig Schwung in den Tag brachte. Denn auch hier hatte man mich wieder gebeten, als Testperson zu fungieren: Der Stuhl fuhr elektrisch und ließ sich durch Gedanken lenken. Meine Gedanken. Man hatte mir wohl angesehen, dass ich mich für jeden technischen Blödsinn begeistern kann. Außerdem wurde die Teilnahme an dem Test gut bezahlt. Man pappte mir also einen Saugnapf mit einer winzigen Antenne an jede Schläfe, und dann ging es los: Zuerst nach Hause. Das ging prima. Küche, Bad, der Stuhl erriet sofort, wo ich hin wollte, und brachte mich zuverlässig ans Ziel. Dann fuhr ich einkaufen – das ging auch gut. Aus irgendeinem Grund hielt der Rollstuhl vor dem Süßwarenregal und startete erst wieder, als ich mir eine Schachtel Weinbrandbohnen genommen hatte. Rein aus Neugier beschloss ich also, zum Elternabend der Klasse 2c zu fahren – meine jüngste Tochter ist dort Schülerin. Eigentlich hasse ich Elternabende und ein Beinbruch wäre eine gute Möglichkeit gewesen, meinen Mann dorthin zu schicken. Aber mein Spieltrieb siegte und ich fuhr mehr als pünktlich los. Und das war gut so. Denn der Stuhl ahnte, dass ich eigentlich keine Lust auf einen faden Abend unter Helikoptereltern hatte. Er fuhr mich zunächst zur Eisdiele – na gut, das muss man mir nicht zweimal sagen. Dann donnerte er zweimal in einem Affenzahn mit mir am Schultor vorbei, schwenkte am Südfriedhof ein, fuhr jeden kleinen Weg einmal ab und hielt schließlich an einer Tanke, wo ich mir ein Bier gönnte. Und dann noch eines. Derartig entspannt, schlich sich der Elternabend wieder in mein Bewusstsein und endlich klappte es: Nach einem Umweg über die Zeil, einem Schlenker durch die Fressgass und einem letzten Bier kam ich schließlich an, gerade als Frau Rubenhorst-Plöttkin die Veranstaltung schloss und sich noch mit der Mutter von Kimberly-Sophie und dem Vater von Paul-Korbinian zu Einzelgesprächen zurückzog. So ein Pech aber auch.

Chatbotten

Man stelle sich Folgendes vor: Hubert M. hat es eilig. Er hätte den Geburtstag seiner Frau beinahe vergessen und möchte nun auf die Schnelle noch ein Geschenk besorgen. Seine Holde klagt seit einer Weile über ihren verblichenen Lampenschirm, diesem Kummer möchte Hubert abhelfen. Doch der Webshop, der das ersehnte Stück per Express liefern soll, ist nicht erreichbar. Hubert lässt sich deshalb auf ein Gespräch mit einem Chatbot ein.

1 Chatbot

Dir, na, die sind ja modern hier. Ich lass mich doch nicht von jeder Lisa duzen!

2 Chatbot

Du, Herr Meier, sagt sie. Na, das ist ja ein Benehmen. Und lesen kann sie auch nicht.

3 Chatbot

Und neugierig ist sie auch noch. Aber schadet ja nichts.

4 Chatbot

Hä, ist die deppert?

5 Chatbot

Stöbern, stöbern, na, die ist ja gut, die Lisa. Erst mal können vor Lachen! Das Mädel ist bestimmt Studentin, angewandte Anemonenphilosophie oder so.

6 Chatbot

Neeiiin! Wie dumm ist die denn?7 Chatbot

Die Königin und die Konferenz

Eine Aufgabe aus dem Schreibworkshop: Die Eiskönigin kommentiert die Weltklimakonferenz. Sagen wir mal so: Sie ist nicht zufrieden.

Wer nicht hören will, muss fühlen

So. Nun streiten sie also wieder. Lauter hochbezahlte Menschen aus verschiedensten Ländern, angeblich die Elite. Sollte man zumindest annehmen – wenn man sein Land auf einer internationalen Konferenz vertreten darf, sollte man doch zur Elite gehören, oder?

Eiskönigin

Leider hat man oft das Gefühl, dass die wichtigsten Themen von den dümmsten Menschen diskutiert werden. Vielleicht sieht nicht jeder die Erderwärmung so kritisch wie ich – mir schmilzt mein Zuhause ja buchstäblich unter dem Arsch weg, hier und da sieht man schon braune Erde durchkommen, wo hundert Jahre lang herrlich glitzerndes, weißes Eis war. Aber auch, wenn man nicht so direkt betroffen ist, sollte einem doch klar sein, dass es so wie jetzt nicht weiter gehen kann. Aber nein, der handelsübliche, von der Autoindustrie geschmierte europäische Durchschnittspolitiker fürchtet um seine Nebeneinnahmen und sein tägliches Schnitzel und gibt sich hartleibig. Vollmundige Bekenntnisse auf Pressekonferenzen, mehr ist mal wieder nicht dabei rausgekommen. Also gut, wie ihr wollt – muss ich halt mal wieder ein bisschen Wasser schicken. Hab‘ ja genug in meinem Schmelzwasserreservoir. Vielleicht jage ich die Welle dieses Mal die Ruhr herunter – muss sich ja lohnen.

Es sind allerdings nicht nur die Europäer, die mich so ankäsen. Die Nordamerikaner sind genau der gleiche Schlag. Und in anderen Ländern, deren Vertreter furchtbar jammern, könnten sich auch mal an die eigene Nase fassen. Entwicklungshilfen versaufen oder für goldene Wasserhähne im Präsidentenpalast ausgeben ist wirklich nicht hilfreich, und auch die Überbevölkerung kommt nicht von ungefähr. Da sind die Deutschen ja vorbildlich, die reproduzieren sich kaum noch. Gut so, diese nörgeligen Gesichter gehen mir ohnehin schon lange auf den Wecker. Sollen sie doch aussterben. Diese Zeitung regt mich heute echt auf. Wenn mir nicht schon so warm wäre, könnte man sie verfeuern.

Draußen schneit es. Kein schöner Pulverschnee, sondern weiches, pappiges Zeug. Ich habe meine Leute angewiesen, trotzdem so viel wie möglich davon aufzufangen und aufzubereiten. Einmal in den Schockfroster, dann in den Eisschredderer und zu feinen Eiskristallen vermahlen. Davon dann reichlich auf das Dach, das isoliert und sieht gut aus. Den Fußboden können sie mir auch gleich damit ausstreuen, diese braunen Flecken überall sehen aus, als wären meine Huskies inkontinent. Unglaublich, um was man sich heute alles kümmern muss – früher musste man nur alle paar Jahre mal am Schloss herumreparieren. Inzwischen ist das ein laufender Prozess, wenn es nicht aussehen soll wie bei den Flodders. Danke, Merkel!

Zoo Rostock – beachtet die Quallen!

Derzeit bin ich ein bisschen müde und allgemein unlustig, etwas am Computer zu machen – deshalb ist es derzeit recht ruhig im Blog. Das heißt aber nicht, dass ich gar nichts erlebt oder geschrieben hätte. Ich war sogar im Urlaub: Warnemünde an der Ostsee war mein Ziel. Und da ich allgemein sehr gerne in Zoos gehe, stattete ich dem Zoo in Rostock einen Besuch ab. Der hat ein schönes Konzept, ich hatte Glück mit dem Wetter und es war ein rundum gelungener Tag. Eines muss ich aber anmerken: Die machen die falsche Werbung. Sie werben nämlich mit fröhlich badenden Eisbären und lassen das, was mich viel mehr gefesselt hat, völlig außer Acht. Hinzu kommt, dass die Eisbären an dem Tag, an dem ich da war, gar nicht daran dachten, vor den Sichtfenstern zu baden, sondern sich eine Auszeit genommen hatten. Nun, es sei ihnen gegönnt. Einer von ihnen saß behäbig-schmuddelig in der Sonne und guckte bräsig, die anderen ließen sich gar nicht blicken.

Eisbär im Zoo Rostock

Inzwischen habe ich gehört, dass eine Eisbärin Junge bekommen hat – das freut mich natürlich sehr. Aber kommen wir zu dem, was mich wirklich begeistert hat: Die Quallenbecken.

Im Zoo Rostock gibt es u. a. zwei große, schöne Häuser, die jeweils ein eigenes Konzept verfolgen: das Darwineum und das Polarium. Im Darwineum kann man die Entwicklung allen Lebens schön verfolgen und, wenn man Lust hat, sehr, sehr viele Informationen erhalten. Wenn man keine Lust hat, so wie ich, kann man einfach herumbummeln und sich an der schönen Aufmachung freuen. Und an den ersten Quallen, die mir begegneten:

Ich mochte Quallenbecken schon immer ausgesprochen gerne, die ruhigen Bewegungen haben eine sehr entspannende Wirkung auf mich. Kein Vergleich ist es übrigens mit dem usseligen Gefühl, dass sich einstellt, wenn einem die dicken Nord- oder Ostseequallen beim Baden begegnen – dann bin ich deutlich weniger begeistert.

Nachdem ich mir im Darwineum auch noch die Menschenaffen angeguckt und auf einem schönen Spazierweg an allerlei Hufgetier und großen Laufvögeln vorbeikam, fand ich den Weg in den alten Teil des Zoos und zum Polarium. Und das hat deutlich mehr zu bieten als Eisbären: Ich begeisterte mich für die Meereswelten.

Und auch hier gab es diverse wunderschöne Quallenbecken. Unter anderem fand ich dort meine Lieblinge, die auch noch einen ganz entzückenden Namen tragen: Spiegeleiquallen. Sowas Hübsches!

Irgendwie haben diese kleinen, ruhig dahinschwebenden Dinger etwas Galaktisches. Eigentlich könnte man eine entsprechende Star Trek-Folge dazu schreiben: Die Quallen der Galaxis. Die Exemplare mit den längeren Nesseln schienen manchmal regelrecht im Becken zu turnen und waren dabei ausgesprochen elegant. Und mit den Bildern dieser Schönheiten schließe ich diesen quallenlastigen Post.

Sie hat ihr Leben lang gebacken

An einigen Schreibworkshop-Abenden ging es rund um das Thema Kulinarik, Duft, Geschmack und Textur. Das ist ja teilweise nicht so einfach zu beschreiben. Viele Spaß machen dabei immer die kleinen Übungen, bei denen man sehr schnell etwas zusammenschreiben muss, das günstigstenfalls auch noch zum Thema passt. Bei dieser Übung hier sollten wir uns Gedanken machen um Hingabe und Kreation in der Küche. Dazu wurden in kurzen Abständen Worte in die Runde geworfen, die auch noch mit eingebaut werden mussten. Das waren: Garten, Kostüm, Gewitter, Windspiel, Holzschachtel, Goldfisch, Anwalt, Bucht, Gaslaterne, Brief

Ich muss sagen, der Anwalt und der Goldfisch haben mir gleichermaßen Sorgen bereitet. 🙂

Sie hat ihr Leben lang gebacken

Die alte Frau liebte es, zu backen. Sie benutzte dazu das alte Backbuch, das sie in der Haushaltungsschule bekommen hatte, sowie eine handschriftliche Sammlung von Rezepten, die in einem dicken Notizbuch mit ABC-Register standen. Sie verarbeitet besonders gerne die Früchte aus dem eigenen Garten – Stachelbeeren, Kirschen, Erdbeeren und Rhabarber, aber auch die Johannisbeeren Pflaumen, die sie in guten Obstjahren von den Nachbarn bekam. Zum Backen trug sie stets ihre alte, rotkarierte Latzschürze, die einer ihrer Enkel einmal ihr Kuchenkostüm genannt hatte. Die Kinder wussten: Sobald Oma diese Schürze anzog, gab es bald etwas Leckeres.

Erbstücke: Kuchen in der geerbten Napfkuchenform und auf dem geerbten Kuchengitter

Beim Backen hielt die Frau sich stets an das Rezept. Eher hätte sie sich in einem Gewitter nackt auf eine Wiese gestellt, als auf eigene Faust etwas abzuändern. Beim Backen muss man genau sein, das hatte ihr schon ihre eigene Großmutter immer gepredigt. Wenn man nicht genau ist, wird der Kuchen wackelig wie ein Windspiel im Sturm, das hatte sie auch ihrer Tochter immer gesagt. Umso mehr befremdete es sie jetzt, dass ihre Enkelin sich zu einer hervorragenden Bäckerin entwickelt hatte, obwohl sie die Rezepte abwandelte, neu interpretierte oder manchmal etwas ganz frei Schnauze kreierte. Sogar Pralinen hatte die 17-jährige schon hergestellt und ihrer Oma stolz überreicht, nett hergerichtet in einer mit hellem Baumwollstoff ausgeschlagenen Holzschachtel.

Die alte Frau war eine gute Bäckerin, das wusste sie. Und doch zweifelte sie inzwischen. Hätte sie mehr wagen sollten? Eigene Rezeptideen anwenden, Traditionelles umwandeln? Hätte sie Großes schaffen können? War sie kulinarisch wie ein Goldfisch im Kreis herumgeschwommen, eingeengt durch die engen Grenzen ihrer Backbücher? Sie war 82 Jahre alt und spürte erstaunt, wie viel sie von dem jungen Mädchen schon jetzt lernen konnte. Wenn sie gemeinsam in der Küche arbeiteten, waren sie einander so nah wie sonst nie. Und dass die junge Frau nicht Bäckerin, sondern Anwältin werden wollte, fand sie fast ein bisschen schade. Gleichzeitig freute sie sich darüber – hatte sie doch nach dem Volksschulabschluss die Schule verlassen müssen, obwohl sie für ihr Leben gerne Ärztin geworden wäre.

Während ihre Hände im Brotteig versanken und mechanisch kneteten, dachte die alte Frau lange nach. Was alles möglich war in diesen Zeiten! Eine Frau konnte Kanzlerin werden, junge Leute zelteten in der Karibik in irgendeiner Bucht und die dabei entstandenen Kinder wurden vom Gesetz her nicht benachteiligt. Alte Leute liefen Marathon und mit dem Flugzeug kam man so schnell überall hin, wo sie selbst noch nie hatte sein wollen – es war faszinierend! Sie selber hatte ja noch im Licht einer Gaslaterne lesen lernen müssen, damals in dem winzigen Bergdorf, in dem sie aufgewachsen war. Heute hatte man auch dort Strom, und an guten Tagen sogar Internet.

Wie rasant sich die Welt geändert hatte. Die Hausarbeit und das Backen waren stets ihre Konstanten gewesen, etwas, das ihrem Leben einen Rahmen gegeben hatte. Nur mit diesem Halt war es ihr möglich gewesen, die vielen Wendungen, die ihr Leben genommen hatte, zu ertragen. Vor einigen Jahren war ihr geliebter Mann gestorben. Er war lange krank gewesen und hatte gewusst, dass sein Ende nah war. Er hatte ihr zum Abschied einen Brief geschrieben, in dem er sich bei ihr für alles bedankt hatte: Für die Liebe, die erfüllte Zeit, die fünf gemeinsamen Kinder. Und ganz besonders für ihren Kuchen, denn der hatte auch seinem Leben Halt gegeben.

Fundstück 73 – Das Rührei

20210707_174823Immer mal wieder stoße ich auf Produkte, die in mir pures Unverständnis auslösen. So wie dieses Rührei im Tetra-Pack. Es gibt kaum etwas, das so praktisch naturverpackt ist wie ein Ei, und die schlichten Pappschachteln, in denen sie verkauft sind, sind – im Gegensatz zum Tetra-Pack – wiederverwendbar und receyclingfähig. Ich frage mich, wer diese fünf Portionen Ei wohl kauft.

Als ich meine Zweifel an dem Produkt in einem bekannten sozialen Netzwerk mit Tw… anmerkte, war gleich ein sehr aufgeklärter Mensch zur Stelle, der mir erklärte, dass diese Rühreier für behinderte Menschen quasi unabdingbar seien und ich mal über den Tellerrand gucken solle. Ich konnte da nur müde lächeln, denn natürlich gibt es Produkte, die für alte oder eingeschränkte Personen nützlich sind: Zum Beispiel geschälte Kartoffeln, vielleicht sogar portioniertes Obst, wenngleich mich bei in Plastik verpackten geschälten Orangen immer das kalte Grausen packt. Aber nicht diese Eier – das kann mir keiner erzählen. Denn in der Zeit, in der meine Mutter so unbeweglich wurde, dass sie nicht mal mehr ein Ei aufschlagen konnte, konnte sie erst recht keine heiße Pfanne mehr benutzen. Schon gar nicht für fünf Portionen Rührei. Und da wird sie kein Einzelfall gewesen sein.

Natürlich weiß ich, dass es derartige Dinge nicht gäbe, wenn man nicht einen Markt dafür hätte. Ich wünsche mir also, dass so etwas niemand mehr kauft. Ist natürlich schlecht für die Firma. Aber nun – irgend etwas ist ja immer.

Spätsommergrüße aus dem Dahliengarten

Der Herbst ist da. Pflaumenzeit, Kürbiszeit, Dahlienzeit. Die heutigen Exemplare habe ich größtenteils im Klostergarten in Seligenstadt geknipst.

Diese schönen Blumen erinnern mich immer daran, dass ich vor rund 20 Jahren in der Nähe von München wohnte. Direkt gegenüber von meinem Haus war ein Feld mit Blumen zum Selber schneiden: Gladiolen, Sonnenblumen und zuletzt Dahlien. Das habe ich oft genutzt und mir ein paar Stengel dort abgeschnitten (und natürlich bezahlt!). Seit ich 2003 dort weggezogen bin, habe ich kein derartiges Feld mehr besucht.

Rein aus Neugier habe ich kürzlich gegoogelt und festgestellt, dass da, wo das Feld war, jetzt ein Supermarkt mit Parkplatz ist. Nun ja, wäre ich die Besitzerin dieses Ackers gewesen, hätte ich das wohl auch gemacht – einen Blumenacker nahe München zu haben ist nett, ein Baugrundstück aber netter.