Sukkulenten

Bei unserem Wochenendtrip nach Braunschweig fiel mir eine hübsche Tischdekoration ins Auge: Auf den Tischen einer Hotelterrasse gab es Töpfe mit Sukkulenten. Die gefallen mir schon immer gut. Wenn man aber ganz genau hinschaut, offenbaren sie viele kleine Geheimnisse.

Mal gab es pelzige Ränder, andere hatten feste rote Spitzen. Und ich erinnerte mich, dass wir auch zuhause im Garten an einigen Stellen kleine Häuflein dieser urigen Pflanzen stehen hatten.

Da auf meiner Fensterbank derzeit ein relativ trauriges Bild herrscht – einige blütenlose Orchideen fristen ein Schattendasein – kam mir die Idee, einmal selber Sukkulenten anzupflanzen. In meiner grün-bewegten Jugend habe ich allerhand Pflanzen aus Samen gezogen, vielleicht sollte ich dieses Hobby mal wieder aufleben lassen. Ich recherchierte also bei Amazon. Hier gibt es massenhaft Samenangebote, zumeist für einen Appel und ein Ei. Die Versprechungen klingen verkockend:

3 neu ab EUR 3,09

Die Überlebensrate von Samen ist hoch, ist Landschaftsbau mit der Produktion von feinen Arten.

Nagelneu und hochwertig und grün verschmutzungsfrei

Kultiviere Interesse am Pflanzen und kultiviere Gefühle

Auch DIY-Chance bei der Pflanzung von Saatgut zur Verfügung gestellt, gibt es viele interessante

Kann Ihre Gartenbau-Entwurfsfähigkeit auch verbessern und Ihren Garten überfüllt und fruchtbar machen lassen

Dem konnte ich nicht widerstehen und legte so ein Tütchen mit 100 Samen in meinen Einkaufswagen. Noch ein paar andere Tütchen suchte ich mir aus. Nun warte ich gespannt auf die Lieferung meiner Samen und werde dieser Tage schon mal Erde besorgen.

Die Pflänzchen sollen rasch keimen, dann aber eher langsam wachsen. Bis ich also so kleine „Babys“ wie unten auf dem Bild haben werde, wird es etwas dauern. Aber ich habe ja Zeit …

 

Keine Feuerwalze …

… aber eine unglaublich beeindruckende Wolke nebst Sonnenuntergang. Nachdem ich mich gestern Abend davon überzeugt habe, dass nicht etwa der Stadtwald abbrennt, machte ich ein Foto dieser Gewitterwolke. Ich beobachtete das unheimliche Ding danach genau: Zum Glück zog es über uns hinweg, der Himmel wurde schnell wieder hell. Zwar brauchen wir dringend viel Regen, aber diese Wolke sah aus, als sei tonnenweise Hagel drin – den wollte ich nicht haben!

Himmel, Wolke, Gewitter, Sonnenuntergang, Gewitterstimmung

Himmel über Oberrad, 13.08.2018

Sommernacht im Braunschweiger Dom

Durch einen glücklichen Zufall wurde Kerstin auf ein kleines Konzert im Braunschweiger Dom aufmerksam. Dieses fand am Samstag um 22 Uhr statt und da wir nichts anderes vorhatten, ließen wir uns auf die Sache ein. Ich bin ja eigentlich kein Kirchgänger und gehöre auch keiner Kirche an, aber ein Konzert – warum nicht.

Sommernacht im Braunschweiger Dom, Lichtspiele, Konzert

Wir gingen sehr pünktlich los, da wir gerne einen Randplatz haben wollten – dann können Rollifahrer und Läufer bequem nebeneinander sitzen. Es war mehr als schummrig, als wir den Dom enterten – man kann auch sagen, es war düster. Trotzdem ging das Einnehmen der Plätze trotz großem Andrangs sehr gesittet vor sich, was mir positiv auffiel. Kein Geschubse, kein übertriebenes Geschepper, als zusätzliche Klappstühle aufgestellt werden mussten. Die Dunkelheit erklärten wir uns mit den angekündigten Lichtspielen.

Sommernacht im Braunschweiger Dom, Lichtspiele, Konzert

Trotz froher Erwartung hatte ich Mühe, nicht vor Beginn des Konzertes schon einzuschlafen. Es war sehr warm im Dom – sonst ist mir in Kirchen immer eiskalt. Zum Glück ging es pünktlich los und es gab auch gleich was zu sehen. Die Beleuchter leisteten tatsächlich ganze Arbeit.

Sommernacht im Braunschweiger Dom, Lichtspiele, Konzert

Thematisch ging es in diesem letzten von drei Sommernachtskonzerten um die Dankbarkeit. Die Pfarrerin erzählte etwas dazu und einige Kinder verkündeten ebenfalls, wofür sie dankbar seien. Das war irgendwie niedlich, denn neben den politisch korrekten Dingen wie die tolle Familie, gute Freunde oder der christliche Glaube kamen da auch ganz normale Sachen aus der kleinen Welt der Kinder: Ein Mädchen war dankbar, dass bald die Zahnspange rauskäme und sie dann vom Papa so viel Kaugummi bekäme, wie sie möchte. Ein anderes Kind war dankbar, dass es schon mal mit dem Traktor auf der Wiese herumfahren durfte. Viele dieser kindlichen Dankbarkeitsbekundungen ließen mich etwas schmunzeln, wahrscheinlich guckte ich auch ein bisschen gerührt.

Die Musikstücke wurden von einem Quartett gesungen und vom Klavier oder der Orgel begleitet. Ich bin kein Musikprofi, habe aber ganz gute Ohren und fand den Geang unheimlich professionell. Man konnte sich ganz entspannt sacken lassen, das Licht beobachten und zuhören. Allerdings kannte ich gar kein Lied bis auf das Letzte: „Der Mond ist aufgegangen“. Mir war nur nicht bewusst, dass es so viele Strophen hat.

Es war schön, wie dieses letzte Lied vorgetragen wurde: Die Gruppe lief einmal um das Publikum herum und dann raus aus der Kirche, so dass sich der Gesang immer weiter entfernte. Jedem war danach klar: Das war’s. Das abschließende Gebet hätte es für mich nicht gebraucht, aber geschadet hat es mir auch nicht.

Die Fotos entstanden übrigens alle nach Abschluss des Konzertes. Es war zu Beginn darum gebeten worden, nicht die ganze Zeit mit den Handys herumzufuchteln, und es war angekündigt worden, dass die Lichter zum Schluss noch einmal erscheinen würden. Soweit ich das gesehen haben, sind tatsächlich alle Gäste dieser Bitte nachgekommen. Ich fand es auch ganz entspannend, während des Konzertes nicht mal über das Knipsen nachdenken zu müssen.

Mir hat das Konzert gut gefallen und die vielen Lichter fand ich schön. Allerdings mussten wir am nächsten Morgen gleich feststellen, dass andere Leute das anders sehen: „Kitsch“ verkündete Kerstins Vater Karl, dem sie ein paar Bilder geschickt hatte. Nun, wo er Recht hat, hat er Recht 🙂

Der Traum von der Hotelbar

Es war eine lange, harte Woche gewesen, mit einem Großkampftag am Donnerstag. Aufrecht hielt mich die Aussicht auf das Wochenende, wollte ich mich doch schon am Donnerstagabend mit meiner Freundin Kerstin in Braunschweig treffen. Unser Plan war so einfach wie genial: Treffen gegen 19 Uhr im Hotel, irgendwo was essen gehen und dann plaudernd die Hotelbar leertrinken. Ich freute mich darauf.

Dementsprechend war ich pünktlich am Südbahnhof, wo ich um 16:20 losfahren wollte. Leider regnete es irgendwo. Und die Bahn stellte mal wieder den Zugverkehr ein. Das sagte man uns zwar nicht, aber da kein Zug kam, guckte ich mal in meine App und las etwas von Unwettern. Außerdem teilte man mir die aktuelle Uhrzeit mit – wie schön.

Anderthalb Stunden lang wurde die geplante Abfahrt meines Zuges immer wieder verschoben, dann fiel er aus. Zeitgleich erzählte mir eine verhinderte Mitreisende, mit der ich ein wenig auf Englisch geschwätzt hatte, mit brüchiger Stimme das Unglaubliche: „All the beer is sold out in the little shop!“ Ich beschloss, den Bahnhof zu wechseln und den Zug um 19:13 ab Hauptbahnhof zu nehmen.

Tatsächlich bekam ich noch einen Sitzplatz in diesem Zug, der mit einer knapp halbstündigen Verspätung in Frankfurt losrollte. Ich informierte Kerstin, dass es deutlich später werden würde. Sie ging also schon mal essen, ich nagte an einem Brötchen herum und trank dazu Wasser aus meiner Flasche. Immerhin saß ich gut.

Wir tuckerten durch das Land. Es schleppte sich. Oftmals stand der Zug einfach herum – man soll ja auch nicht immer so hasten. In Fulda teilte man uns mit, dass die Bahnhöfe Göttingen, Braunschweig, Wolfsburg und Hildesheim nicht angefahren werden würden. Ich war mäßig begeistert. Eine Alternative wurde nicht durchgesagt und ein Schaffner traute sich nicht aus der Deckung, sodass ich mich schon auf einer Parkbank übernachten sah. Ich machte mich hektisch auf die Suche nach einem Hotelzimmer. Die Idee hatten viele – ganz Kassel schien ausgebucht zu sein. Dann endlich: Das Adesso Hotel Astoria hatte noch ein Kämmerchen für mich. Wieder einmal war ich dankbar für meine finanzielle Situation, die es mir erlaubt, etwas zu buchen, anstatt in einer Bahnhofshalle zu schlafen.

Kurz vor Kassel packte ich meine Sachen zusammen. Als ich damit fertig war, kam die Ansage, dass wir nun doch nach Braunschweig weiterfahren würden. Schön eigentlich, aber was nun machen mit dem Hotelzimmer? Gebucht ist gebucht. Ich rief dort an – anscheinend war ich nicht die Erste. Eine freundliche Empfangsmitarbeiterin teilte mir mit, dass das Hotel in dieser Situation auf jegliche Gebühren verzichten würde und ich war dankbar für diese Kulanz.

Dann schrieb ich Kerstin, dass ich doch kommen würde – irgendwann – und dass sie nicht auf mich warten solle. Sie schickte ein Foto von ihrem dritten Bier.

Ja, überhaupt – ein Bier. Das mit der Hotelbar würde nichts mehr werden, das war mir klar. Ich hätte mich durch den überfüllten Zug quetschen können, um etwas zu trinken zu besorgen. Aber war es mir das wert? Ich trank noch etwas von meinem Wasser und entschloss mich dagegen. Ich würde stattdessen, ganz gegen meine Gewohnheit, die Minibar plündern. Das hätte ich nach so einem Tag gewiss verdient, fand ich.

Irgendwann kurz vor Mitternacht fuhren wir in Braunschweig ein. Erschöpft schlappte ich über den Bahnhof und suchte den Taxistand, wo ich mich brav als Dritte anstellte. Hier spielten sich kurz darauf seltsame Szenen ab: Ein energischer Mann, der mit seiner jugendlichen Tochter unterwegs war, versuchte einen anderen, der korrekt am Taxistand wartete, wegzustoßen und dessen Gepäck wieder aus dem Kofferraum zu zerren. Da der andere Fahrgast nicht nachgab und deutlich kräftiger gebaut war als der Angreifer, musste er sich wegen seines Leibesumfangs beschimpfen lassen. Der Unterlegen kam zu mir, um sich wehleidig Bestätigung zu holen. Ich bestätigte, dass sein Verhalten pöbelhaft gewesen sei. Zum Glück haute er mir keine rein, sondern stürzte sich laut plärrend auf das nächste Taxi, um es den beiden Damen, die dort einsteigen wollten, streitig zu machen. Dieses Mal griff der Taxifahrer ein und die Tochter des Pöblers sah aus, als wolle sie im Boden versinken. Ich bot den beiden das folgende Taxi an, denn auf eine Keilerei hatte ich keine Lust, die Tochter tat mir leid und auf diese zwei Minuten kam es mir nun auch nicht mehr an. Wildwest-Gehabe in Braunschweig, wer hätte das gedacht?!

Um 00:08 enterte ich mein Hotelzimmer, legte mein Gepäck ab, stieg schwer seufzend aus den Schuhen und suchte die Minibar. Als ich schon aufgeben wollte, fand ich sie doch noch: gut versteckt im Kleiderschrank. Das Angebot war wirklich umwerfend …

 

Für alles zu warm

Ich gebe es zu, das derzeitige Wetter schafft mich. Ich bin kein Mensch für die Hitze, ich mag es kalt und windig. Es hat ja schon einen Grund, warum ich meine Urlaube stets in kühlen Gefilden verbringe und mich äußerst selten in den Süden wage.

Daher ist hier im Blog derzeit auch Flaute. Meine Wochenenden, sonst meine liebste Schreibzeit, verbringe ich derzeit im Schwimmbad in Hausen. Heute konnte man da leider nur noch den Stehgeiger geben, es haben halt auch noch andere Frankfurter das Bedürfnis nach Abkühlung.

Deshalb gibt es heute auch nur ein paar Blümelein: sogenannte Studentenblumen oder auch Tageetes. Die hat meine Mutter früher sorgfältig und mit viel Fleiß gezüchtet und liebevoll in den Garten gesetzt, wo sie jedes zweite Jahr den Schnecken zur Speise dienten. Dieses hier fand ich in einem schneckensicheren Kübel direkt am Main.

Brot

Gerade habe ich mein Abendbrot verputzt – oder besser: meine Abendbrötchen. Ich bin abends die typische Stullenesserin, wie es so viele in Deutschland gibt. Schon zuhause war es so: Abends gab es fast immer Butterbrote, dazu außerdem Tomate, Gurke oder Radieschen. Und Tee natürlich, was sonst. Allerdings war mir das Brot zuhause leicht etwas langweilig, denn bei uns gab es oft – sehr oft – Graubrot. Das fand und finde ich eher fad und bin froh, dass ich inzwischen mein Brot selber kaufen kann. Heute nahm ich gleich zwei, denn der Tiefkühler, der mich in einkaufsfaulen Zeit vor der Hungersnot bewahrt, ist leer, was Brot angeht.

Brot

Ein Fünfkornbrot und ein Kraft-Ballast-Brot – ich denke, es wirkt schon!

Warum aber erzähle ich das hier so langatmig? Ganz einfach, weil ich kürzlich gelernt habe, dass „Die deutsche Brotkultur“ zum sogenannten „nationalen immateriellen Kulturerbe“ der Unesco gehört. Mir war diese Kategorie bislang unbekannt, ich kannte nur das Weltkulturerbe und das Weltnaturerbe. Das Verzeichnis der deutschen immateriellen Kulturerbe liest sich vielfältig und auch ganz lustig – was es alles gibt!

Das Brot ist meines Erachtens völlig zurecht in diese Liste aufgenommen worden. Es schmeckt gut, riecht gut, sieht wunderschön aus. Gut, man kann auch knochenharte Brocken kaufen, aber wenn man sein Geld bei guten Bäckern lässt, kommt das eher selten vor. Ich kann gar nicht damit aufhören, herumzuprobieren und immer neue Brotsorten zu kaufen. Ich habe noch lange nicht alle durch, denn – auch das habe ich gelernt – es gibt in Deutschland über 3.200 Brotsorten. Festgehalten werden die im Brotregister des Deutschen Brotinstituts. Über diese Einrichtung musste ich etwas schmunzeln und dachte nocheinmal: Was es alles gibt! 🙂

Fundstück 60: Meine Gehgewohnheiten

Kennt ihr das auch, dass euch Dinge, die ihr ganz routiniert erledigt, plötzlich schwer fallen, weil ihr anfangt, darüber nachzudenken? Beim Essen: Nur nicht kleckern – und schon macht es platsch. Oder beim Schreiben – kaum denkt man über den Rhythmus nach, wird er zum Rüttmuss. Mir zumindest geht es oft so, dass ich im Modus „Autopilot“ deutlich besser unterwegs bin als bei vollem Bewusstsein.

Seit einigen Tagen kann ich nun nicht mehr richtig laufen. Das System ist gestört. Schuld daran ist mein Arbeitgeber: Der kümmert sich nämlich stets besorgt und pflichtbewusst darum, dass mir die Gefahren des Alltags nicht entfallen. „Sicherheitsschulungen“ nennt sich das und kommt jedes Jahr auf’s Neue dran. Da lernt man dann, wie man den Schreibtischstuhl richtig einzustellen hat, dass man nicht zu schnell Auto fahren soll (isch abe noch immer kein Auto, muss das aber trotzdem immer machen), dass man nicht auf Stühle klettern soll und dass man bei Gefahr im Verzug sofort seinem Vorgesetzen Bescheid sagen soll. Ich finde ja, dass ich eine herumliegende Bananenschale auch gut selber aufheben könnte, aber ich bitte auch gerne meine Chefin darum. Soweit, so gut.

Jahr für Jahr aber bringt mich die Schulung „sicheres Gehen“ völlig aus dem Konzept. Gut, ich verstehe noch, dass man nicht mit den Händen in den Taschen auf Stöckelschuhen die Treppe herunterrennen soll – das wäre ja wirklich grob fahrlässig. Aber das eigene Gehen zu analysieren nimmt mir die Sicherheit. Denn eigentlich latsche ich da immer einfach so lang – so wie man das halt so macht. Ich denke da ungern drüber nach. Aber gerade das soll ich tun:

GehgewohnheitenDas mit der Ablenkung, das kann schon mal sein. Man schwätzt ja mal, guckt dumm in der Gegend herum oder macht sonst irgendetwas Ablenkendes. Aber diese erste Frage – ich weiß nicht. Hebe ich meine Füße wirklich vom Boden ab? Ich nehme es an, denn wie soll man das denn sonst machen? Es beschleunigt das Vorankommen doch ungemein, wenn man das tut. Natürlich habe ich das Laufen – nur aufgrund dieser Frage – auch mal ohne das Abheben der Füße probiert, aber das ging nicht gut und sah auch komisch aus. Zumindest haben mich die Umstehenden so angesehen, als sähe es komisch aus. Ich habe den Test dann etwas abgemildert und bin geschlurft wie ein Kind in zu großen Gummistiefeln, aber das war auch nichts.

Nachdem ich mir nun also tagelang auf die Füße geguckt habe und dabei vor acht Laternen, drei alte Omas (eine davon mit Rollator) und eine Litfasssäule gelaufen bin, denke ich, ich kann die erste Frage mit „Ja“ bestätigen. Ja, wenn ich einfach so gehe, wie man es eben tut, hebe ich meine Füße vom Boden ab. Auch meine anderen Gehgewohnheiten habe ich hinterfragt, kam hier aber zu keinem Ergebnis. Vielleicht kann man ja bei dieser Frage im nächsten Jahr etwas konketer werden.

Leb wohl, kleiner Adler!

Adlerküken, Seeadler, Nest

Ende April

Gestern habe ich, wie immer, wenn ich abends etwas Zeit habe, die estnische Webseite mit dem kleinen Seeadler aufgerufen. Zu meinem Erstaunen fand ich das Nest leer vor. Ein Blick ins Forum gab Aufschluss: In der Tat hatte die kleine Sulvi, wie sie inzwischen heißt, sich tags zuvor erhoben und das Nest verlassen – fast zwei Wochen früher, als man das von ihr erwartet hätte.

Nun hatte die Kleine natürlich auch allerhand erlebt in der letzten Zeit: Das kuschelige Nest, in dem sie geschlüpft war, gab es schon seit ein paar Wochen nicht mehr. Die anhaltende Trockenheit hatte das Bauwerk mürbe werden lassen, immer mehr kleine Ästchen veranschiedeten sich nach unten und irgendwann waren nur noch die dicken Äste übrig, die einmal das Nest getragen hatten.

Adlerküken, Seeadler, Nest

Ende Juni

In den ersten Tagen fiel dem Adlerkind das Hocken auf den Ästen sichtlich schwer, auch fand sie keine bequeme Schlafposition und das Essen fiel ihr gerne mal weg. Doch die Eltern, allen voran Papa Sulev, erwiesen sich als gute Versorger und schafften wieder und wieder Fische heran. Sulvi futterte also eifrig und trainierte nebenher ihre Schwingen – denn ewig auf diesen harten Ästen zu hocken, gefiel ihr nicht. Ihren Unmut bewies sie unter anderem auch dadurch, dass sie einmal mit Schwung vor die Kameralinse schiss – warten auf den großen Regen, hieß es deshalb für alle Beobachter. Das Bild klärte sich nur langsam, erst kurz vor ihrem Auszug hatte man wieder einigermaßen freie Sicht.

Diese Webcams sind ja wirklich etwas für Faule – also auch für mich. Naturbeobachtung, ohne das Sofa verlassen zu müssen, fühlt sich zunächst etwas merkwürdig an. Doch mir hat das kleine Adlermädchen viel Spaß gemacht und ich werde es vermissen. Zum Glück gibt es noch einige Küken zu bewundern auf der Seite und ich warte gespannt, was sich weiterhin dort tun wird.

Und zum Schluss gibt es hier noch ein kleines Abschieds-Gif – 17 Bilder, die die erstaunliche Entwicklung des kleinen Adlers zeigen. In 10 Wochen vom kleinen Plüschball zum ernstzunehmenden Raubvogel – ich finde das faszinierend.

Adlerküken, Seeadler, Nest

10 Wochen – 17 Bilder. Durch Anklicken wird es größer.

 

Das Steißproblem

Jeder, der mal richtig unglücklich auf den Hintern geknallt ist, weiß, was ein angeschlagener Steiß bedeutet. Mir widerfuhr es als Kind sogar mehrmals, dass ich mir meinen unteren Wirbel anschlug: Mal stürzte ich vom Klettergerüst, dann schleuderte es mich auf einer Kippe von den Rollschuhen. Und in der Pubertät kam eine Wachstumsstörung in diesem Bereich hinzu – ein Gefühl wie Weihnachten. Ich kann Eberhards Problem also vollumfänglich nachvollziehen. Und so fiel es mir überhaupt nicht schwer, diese Aufgabe aus dem Schreibworkshop zu bearbeiten.

Das Steißproblem

Eberhard war auf den Steiß geknallt. Es war ein Arbeitsunfall gewesen. Nichts Spektakuläres, halt sowas, was mal passiert, wenn man auf dem Bau arbeitet: Ein unvorsichtiger Schritt zurück, mit dem Fuß an herumliegendem Baumaterial hängen geblieben und schon ging es abwärts.

Obwohl Eberhard hintenrum recht gut gepolstert war, erwies sich der Sturz als schmerzhaft. Nachdem er im ersten Schrecken aufgejault hatte wie ein getretener Welpe, hatte er sich von seinen Kollegen aufhelfen lassen. Einen fürsorglich angebotenen Sitzplatz hatte er jedoch dankend abgelehnt: Sitzen ging mit diesem angeschlagenen Hinterteil erst mal gar nicht.

Eberhard wurde krankgeschrieben. Er aß im Stehen, las im Stehen, sah im Stehen fern. Irgenwann meldete sich sein Fersensporn und erinnerte ihn daran, dass er keine 20 mehr war und dass dauerhaftes Stehen auch keine Lösung war – Steiß hin oder her. Darum bat er seinen Sohn Olaf um Unterstützung. Olaf war zwar leider nur so helle wie eine Flasche Dunkelbier, aber um einen Stuhl mit Schaumstoff auszupolstern, sollte sein Intellekt schon ausreichen. So dachte zumindest Eberhard, der liebende Vater.

Olaf, beflissen wie immer, fragte nach: „Wie soll ich den Stuhl denn polstern?“

Eberhard zuckte die Schultern. „Naja, so dass es hinten schön weich ist. Schneide den Schaumstoff einfach so zu, dass er gut auf den Stuhl passt.“

Im Schreibworkshop hatten wir ein ähnlich gestaltetes „Kunstwerk“ als Inspiration. Um keine Urheberrechtsverletzung zu begehen, habe ich das Werk am Computer nachgebastelt.

Olaf nickte verständig und ging zu Werke. Er schnitt ein schönes rechtwinkliges Dreieck zurecht, das sich perfekt zwischen Lehne und Sitzfläche einpassen ließ. Ein hervorragendes Stück Handwerksarbeit, wenn man darüber hinweg sah, dass die Sitzfläche nun extrem schräg war.

„Schau, Papa, sieht das nicht gut aus? Hinten schön weich! Probier‘ mal aus!“

Eberhard sah zweifelnd auf den schiefen Sitz. Sollte das wirklich funktionieren? Aber er wollte seinen Sohn, der trotz seiner theoretischen Limitierungen im Praktischen manchmal ganz gut war, nicht enttäuschen. Also ließ er sich vorsichtig nieder.

Er saß. Es tat weh. Und er rutschte. Dann fiel er auf das Knie. Natürlich auf das Rechte, das ohnehin schon seit Jahren schmerzte.

Die nächsten zwei Wochen verbrachte Eberhard im Liegen.