Aus dem Poesiealbum – der rußende Ofen

Es gibt Sprüche, über die Erwachsene sich schier ausschütten können. Kinder hingegen nicht, Kinder finden die toll. Zu diesen Weisheiten gehört ganz gewiss diese hier:

Diesen Spruch schrieb mir ein Mädchen ein, mit dem ich in der 5. und 6. Klasse gut befreundet war. Ich war begeistert, und das nicht nur der Aussage wegen: Denn ich war ständig auf der Suche nach Sprüchen, die maximal zwei Zeilen lang waren. Lange Episteln einschreiben, und das auch noch in Schönschrift, war meine Sache nie.

Daher erinnere ich mich, dass auch ich den rußenden Ofen einmal zu Ehren kommen ließ: Ich krakelte ihn in das Album von Andreas, dem einzigen Jungen, der meines Wissens nach ein Poesiealbum besaß. Das weiß ich noch, weil meine Mutter damals darüber lachte und annahm, dass ich mich im zarten Alter von zehn oder elf das erste Mal verknallt hätte – dabei war das doch schon viel früher der Fall gewesen.

Andreas zog irgendwann um, in der 6. Klasse glaube ich, ich habe ihn danach nie wieder gesehen. Aber das Stöbern im Poesiealbum weckte die Erinnerung an ihn und diesen blöden Spruch und ich nutzte die Spionagemöglichkeiten des Internets: Auf Facebook gibt es einen Andreas K., und der hat dem Foto nach auch das richtige Alter. Vom Gesicht her, verglichen mit dem alten Klassenfoto – naja, das könnte schon hinkommen. Zwischen 11 und 45 Jahren verändert man sich ein bisschen, das ist auch bei bester Pflege so. Aber er könnte es wirklich sein. Ob ich den Facebook-Andreas mal anschreiben und fragen sollte, ob er sich noch an das dickliche Mädchen aus der Orientierungsstufe erinnert, das 1980 einen rußenden Ofen im Zimmer hatte?

Aus dem Poesiealbum

Im Nachlass meiner Mutter fanden wir ihr altes Poesiealbum. Ich weiß noch, dass ich als Kind schon gerne darin geblättert habe, fasziniert darüber, dass es diesen Brauch damals schon gab. Neugierig, aber teilweise auch verständnislos habe ich viele der Sprüche gelesen, die Bilder immer wieder angesehen. Als ich mit neun Jahren zu Weihnachten endlich auch so ein Album bekam, eine deutliche Note verspielte als das schlichte grüne Album, das meine Mutter hatte, freute ich mich sehr und hütete es wie einen Schatz. Folglich sind beide Bücher, das meiner Mutter und mein eigenes, noch immer in einem recht guten Zustand.

Zwei Poesiealben

Meine Schwester und ich haben durch Mutters Poesiealbum geblättert, später dann durch das meiner Schwester und meines. Es ist erstaunlich, wie sehr sich die Sprüche in nur rund drei Jahrzehnten geändert haben: Bei meiner Mutter findet sich in den allermeisten Einträgen ein deutlicher Gottesbezug, bei mir kommt das nur sehr selten vor. Das mag auch mit daran liegen, dass meine Mutter der neuapostolischen Gemeinde angehörte, ihre Freunde innerhalb der Konfirmandengruppe fand und es sicher auch ihren Klassenkameraden bekannt war, dass die Gemeinde ihr wichtig war.

Einige Einträge, sowohl aus meinem als auch aus Mutters Album, finde ich aus meiner heutigen Erwachsenensicht zutiefst weise, denke aber, dass das Kind, dem es galt, damit erst mal nicht viel anfangen konnte. Zumindest mir ging das oft so. Andere Sprüche finde ich zum Schießen, gerade mit Blick auf dieses vielleicht 10-jährige Kind, das so etwas eingeschrieben hat. Und einige Eintragungen ermöglichen einen klaren Blick auf den, der es schrieb: Weil das Geschriebene inhaltlich einfach zum jeweiligen Charakter passt, oder zumindest ahnen lässt, was für ein Erwachsener aus diesem Kind einmal werden könnte.

Auf jeden Fall bieten diese beiden altmodischen Büchlein Stoff für einiges an Gedanken – und daher eröffne ich hiermit die neue kleine Blogserie „Aus dem Poesiealbum“. Viel Spaß damit.

letzte Seite Poesiealbum

Das war damals sehr modern – die „Selbsteintragung“ auf der letzten Seite. Allerdings hat das meine Schwester für mich gemacht – ich konnte nie so schön schreiben, und auch nicht so schön malen.