Ich freue mich auf dich!

„Backen ist Liebe“, so begann einmal der Slogan einer Margarine-Firma. Ich fand und finde den großartig, kann sich doch jeder genau vorstellen, wie es ist, nach Hause zu kommen und den Duft von frisch gebackenem Kuchen in die Nase zu kriegen. Die Küche, wohlig warm durch einen eingeschalteten Backofen, auf dem Tisch ein frischer, gut geratener Napfkuchen und eine Kanne heißer Tee – einladender kann eine Szenerie kaum sein. Ohne Zweifel, Gerüche und Geschmack schaffen Geborgenheit.

Dieses Gefühl lässt sich auch bewusst hervorrufen: Zum Beispiel, wenn man allein und ein bisschen kränklich zuhause abhängt, sich selbst ein wenig bemitleidet und einem plötzlich wieder einfällt, dass es an solchen Tagen zuhause oft Milchsuppe gab – Nudeln in Vanillemilch. Der cremige Geschmack und der vertraute Geruch bewirken, dass man sich gleich ein bisschen besser fühlt, nicht mehr so alleine ist. Oder die Hühnersuppe, die es immer bei Erkältungen gab. Die Variante aus der Tüte ist sicher nicht so lecker wie die der Mutter, taugt aber zur Sinnestäuschung und zum Anregen der positiven Erinnerungen. Zumindest bei mir funktioniert das immer noch.

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So in etwa sehen die Frikadellen meiner Schwester aus. Bild von Pixabay

Mit einem Lächeln denke ich an die Zeit gleich nach meinem Auszug von zuhause zurück: Es hatte mich von Norddeutschland nach München verschlagen. Dementsprechend selten konnte ich meine Eltern besuchen. Die Anfahrt lohnte sich nicht für ein Wochenende und war auch viel zu teuer. Wenn ich dann aber anrief und mein Kommen ankündigte, kam immer die gleiche Frage von meiner Mutter: „Was möchtest du denn dann gerne essen?“ Das war ihre Art, mir zu sagen, dass sie sich auf mich freut und mir etwas Gutes tun möchte. Ich wünschte mir dann immer Dinge, die ich nicht so wie sie kochen konnte und wahrscheinlich auch nie kochen können werde: Ihre unvergleichlich guten, fluffig-würzige Frikadellen, das Hühnerfrikassee mit Spargel in der Soße und Suppe vorweg oder Heringsstipp mit Pellkartoffeln, den ich so, wie sie ihn machte, nie wieder irgendwo gefunden habe. Es gab so viel, was nur meine Mutter so besonders gut kochen konnte. Und wenn ich dann kam, verbrachten wir alle miteinander schöne Stunden in der vertrauten Küche, in der es nach Kindheit roch. Im Radio dudelte NDR 1, Verkehrsmeldungen warnten vor dem Stau auf der A1 Heide Richtung Hamburg, es gab Tee und es wurde viel gelacht. Diese Zeiten sind lange vorbei, aber die guten Erinnerungen daran bleiben und werden immer wieder reaktiviert, wenn ich Zwiebeln anbrate, viel zu heiße Kartoffeln pelle, Ostfriesentee trinke oder irgendwo einen alten Schlager höre.

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Napfkuchen von Pixabay

Inzwischen kann ich selber recht gut Hühnerfrikassee machen, aber die Frikadellen meiner Schwester schmecken um Klassen besser als meine und halten vor allem auch besser zusammen. In ein paar Wochen sind wir alle geimpft, dann werde ich sie endlich wieder besuchen. Wir haben schon darüber gesprochen, was wir dann essen wollen: Vielleicht Milchnudeln. Oder einen traditionellen Eintopf. Vielleicht backe ich auch mal was. Denn Backen ist Liebe.

Knopfexperimente

In der letzten Zeit habe ich nicht nur viel gestrickt, sondern auch eifrig weiter mit dem Knöpfe wickeln herumexperimentiert. Kleine Blusenknöpfe kann ich immer noch nicht, aber ich weiß inzwischen, dass man auch eine ganze Menge „einwickeln“ kann, um den Knöpfen eine interessante Mitte zu geben. Seitdem renne ich durch die Gegend wie ein Trüffelschwein und suche ständig nach kleinen, runden Sachen, die ich verknöpfeln könnte. Das sieht dann so aus:

3 Kronkorken

Zu meinem großen Erstaunen gibt es wunderschöne Kronkorken, die es teilweise sehr günstig bei Ebay zu kaufen gibt. Von den Astra-Kronkorken mit Herz, Anker und Kreuz habe ich insgesamt 100 – da kann ich mich wirklich austoben. Der gelbe Drachen-Kronkorken stammt aus einer Sammlung, die anscheinend aufgelöst wird, und gehört wohl zu irgendwelchen polnischen Getränken. Beim Erwerb dieser Kronkorken lernte ich übrigens nicht nur, wie viele schöne Serien es gibt, sondern auch, was für unglaubliche Preise teilweise für diese kleinen Dinger bezahlt werden. Die echten Sammler haben sich wahrscheinlich über meine Kleinstgebote kaputtgelacht, wenngleich auch diese ein paar Mal zum Erfolg führten. 

2 Münzen

Auch alte Münzen lassen sich prima verwenden, wenn sie nicht zu groß sind. Hier haben wir eine alte griechische Drachme, umwickelt in den Landesfarben, sowie einen österreichischen Schilling, ebenfalls in den Farben der Flagge. Hier hat mir das hübsche Edelweiß besonders gut gefallen. Es warten noch etliche ausgemusterte Geldstücke auf eine Verwendung. Leidr habe ich gar kein 50-Pfennig-Stück mehr in der Restekiste – das Motiv fand ich immer besonders schön.

Alles in allem macht mir das Knöpfeln immer noch viel Spaß. Ich probiere mit Farben, Garnen, Ringen und Motiven herum. Außerdem mit unterschiedlichen Größen: Kleine lasse ich erst mal bleiben, aber einen Plastik-Karnevalsarmreifen habe ich kürzlich silbrig umwickelt und ihm so zu neuem Glanz verholfen. Ich habe nun schon eine kleine Schachtel voll mit verschiedenen Knöpfen, und irgendwann werde ich da irgendwas mit machen. Was auch immer 🙂

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Phönix, Drache und Lindwurm

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Flohmarktfund: ein gläserner Knopf mit Drachen

Ich habe mal wieder gestrickt. Dieses Mal habe ich mich für etwas entschieden, was in weiten Teilen NICHT fernsehtauglich war – man musste recht gut hingucken dabei. Angefangen hat das alles mit einem Flohmarktfund vor einigen Jahren: Damals kaufte ich an einem Stand vier ganz besondere Knöpfe mit Fabelwesen darauf. Ein Einhorn habe ich davon vor einigen Jahren mal als Handtaschenverschluss verarbeitet, aber drei von den kleinen Kunstwerken waren noch da.

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Ein Lindwürmchen, Bild von Pixabay

Als ich dann vor ein paar Monaten mal wieder in die Sonderangebotsfalle tappte, war die Stunde eines dieser Knöpfe gekommen: Ich kaufte einen Haufen Wolle der Sorte Schachenmayr Soft Linen in Schwarz und Orange Mix (70% Viskose, 30% Linen) und suchte nach einem Motiv. Ringel doof, Streifen doof, große Ratlosigkeit. Da stieß ich auf einer Seite mit Tattoomotiven (!) plötzlich auf diverse Phönixe und ähnliches Getier. Derartig auf den Geschmack gekommen, entschied ich mich für ein fabelhaftes Dreigestirn und werkelte los.

Zuerst der Rücken, natürlich. Ein Phönix sollte es hier sein. Ich suchte einen aus, rechnete eine Weile herum und fing an. Es war mühsam. Und so gut kann ich auch gar nicht mehr gucken. Immer wieder verrutsche ich in der Zeile meiner Zählvorlage. Mist.

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Phönix, Bild von Pixabay

Also ribbelte ich die ersten mühsam hingefrickelten Reihen des Musters noch einmal auf und begann neu, dieses Mal mit einer App als Hilfsmittel: Die Wooltasia-App läuft über das Handy und sagt einem genau, was man zu tun hat: drei schwarz, fünf orange, sieben schwarz, drei orange – so kam ich gut klar. Diese App ist wirklich gut und kann deutlich komplexere Projekte bewerkstelligen als mein zwei-Farben-Motiv: In einer entsprechenden Gruppe auf Facebook fand ich gestrickte, gehäkelte und gestickte Motive mit zig Farben. Die meisten waren nicht so mein Fall, ich stehe nicht so auf gestrickte Wandbehänge und so, doch sie waren immer kunstvoll ausgeführt.

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Drache, Bild von Pixabay

Für die Vorderteile wählte ich schmalere Motive und ließ die Tiere einander angucken. Außerdem setzte ich Drache und Lindwurm ziemlich weit nach unten, weil es mir irgendwie merkwürdig vorgekommen wäre, wenn die beiden sich auf meiner voluminösen Brust herumgeringelt hätten. Mit der Kombination bin ich recht zufrieden so.

Weniger glücklich war ich mit den gefühlt eintausend Fäden, die zu vernähen waren – dazu habe ich ja immer so gar keine Lust. Deshalb stockte das Projekt auch für fast zwei Wochen, bis ich mich irgendwann zusammengerissen habe. Gestern Abend habe ich den letzten Ärmel fertig gestrickt, heute nochmal feste genäht, zuletzt den wunderbaren Knopf angebracht – fertig.

Und so sehe ich da drin aus:

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Vor meinem Schlafzimmerspiegel.

Warum ich beim Knipsen immer nach unten gucke, weiß ich auch nicht, aber besser kriege ich das nie hin. Die Jacke fühlt sich super an, ist warm und sehr weich – aber auch sehr schwer. Hier bin ich gespannt, wie sich das Material verhalten wird – eventuell wird aus meiner langen Jacke auch ein Mantel oder gar ein Schlafsack. Wir werden sehen.

Makkaroni mit Mockturtle – in Omas Küche

Wieder mal eine Hausaufgabe, dieses Mal aus dem Kulinarik-Workshop: Es ging um ein Lebensmittel, das für uns untrennbar mit etwas verbunden ist. Einige Schreibkollegen entwickelten hier fantasievolle Geschichten, ich blieb irgendwie in meiner Erinnerung hängen und musste im Nachhinein feststellen, dass ich über dieses Essen tatsächlich schon mal geschrieben habe – wenn auch in einem anderen Zusammenhang. Das war im Jahr 2013! Nun ja – ich mag es halt einfach gerne 🙂

Makkaroni mit Mockturtle – in Omas Küche

Ich bin hoch im Norden aufgewachsen, genau genommen im Ammerland. Kulinarisch geht es dort deftig zu, Grünkohl mit Pinkel ist wohl das Bekannteste, was dort auf den Speiseplan gehört. Ebenfalls wichtig sind Kartoffeln – wenn es in den 70er Jahren zwei Tage nacheinander keine Kartoffeln zu essen gab, startete der typische Ammerländer einen Protestfeldzug und klagte gar fürchterlich. Nudeln, von uns Kindern schon damals heiß geliebt, galten allgemein als ungesunde Dickmacher und Reis war etwas, von dem man generell nicht leben konnte. Nun ja – die Milliarden von Asiaten hatte man dazu wohl nicht befragt.

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Kartoffeln – Bild von Pixabay

Es gab zuhause also nur selten Nudeln zu essen. Oma war da offener. Bei ihr gab es selbst an hohen Feiertagen schon mal Spiralnudeln zum Gulasch, und weil sie von aufbrausendem Temperament war, wagte es nicht mal mein Vater, dagegen aufzumucken. Und wenn wir Kinder bei Oma waren, was relativ oft der Fall war, gab es sogar Spaghetti oder, noch häufiger, lange Makkaroni. Und zu diesen Makkaroni gab es eine Ammerländer Spezialität, die eher schwierig zu beschreiben ist. „Dat is wat Kleinfleisch in Soße“, so beschrieb es einmal eine Touristin, die den Mut besessen hatte, dieses eigentlich als Suppe gedachte Gericht zu bestellen und nun ratlos vor dem dicken, dunkelbraunen Zeug saß. Ursprünglich ein Seefahrergericht und als Ersatz für Schildkrötensuppe gedacht, gab es diese Suppe in meiner Kindheit oft auf Familienfeiern, dann mit einem dreieckig halbierten Toastbrot. Was genau drin ist, habe ich nie erforscht, und ich will es auch eigentlich gar nicht wissen. Was ich aber weiß ist, dass Makkaroni mit Mockturtle für mich für immer untrennbar mit Omas Küche und viel Spaß verbunden sein wird.

Omas Küche war alt, der Boden bewegte sich ein bisschen, wenn man über das Linoleum lief. Jeder hatte seinen festen Platz – Oma saß vor dem Küchenbuffet, Opa links davon, meine Schwester vor der Spüle und ich auf der kleinen Bank mit dem Kunstlederbezug, der eine karierte Prägung hatte, die ich unzählige Male mit meinen Fingern nachgemalt habe.

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Aus den Wikipedia Commons: Mockturtle_Wilfried Wittkowsky. Irritierenderweise mit Klößen …

In Omas Küche sah es immer mal wieder anders aus als bei uns, wo es immer pingelig sauber war. Wenn sie kochte, arbeitete sie schwungvoll und „mit weiter Streuung“, wie mein Vater zu sagen pflegte. Das bedeutete nichts anderes, als dass von einem geschnittenen Kohl ein nicht unerheblicher Teil auf dem Boden landete, Mehl seinen Weg über Tisch und Schränke fand und sich je nach zubereiteter Speise überall ominöse Fingerabdrücke wiederfanden. Sie trug stets eine Kittelschürze, und die zeigte jedem aufmerksamen Beobachter genau das Menü des Tages.

Bei Oma zu essen war anders als zuhause, denn bei ihr ging es deutlich weniger streng zu, was die Tischmanieren anging. Sie war halt auch nicht dazu verpflichtet, uns zu erziehen – Omas haben eine andere Rolle. Bei ihr durfte man Tee aus der Untertasse trinken und die Makkaroni mit der Soße einschlürfen. Selbst, wenn man versuchte, diese Nudeln ordentlich zu essen, saute man sich unweigerlich ein. Es gibt eigentlich keinen logischen Grund dafür, ausgerechnet diese unpraktischsten aller Nudeln zu kaufen. Es war wohl so, dass Oma selbst Spaß an diesen unförmigen Dingern hatte, und Opa machte stoisch mit und schnitt sich seine Portion in mundgerechte Stückchen. Das tat Oma bei uns übrigens irgendwann auch, aber immer erst, wenn wir schon alles vollgesaut hatten.

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Es hätte durchaus praktischere Alternativen zu den Makkaroni gegeben – Bild von Pixabay

Natürlich ferkelten wir nicht bei jeder Mahlzeit so herum, aber es gab immer wieder übermütige Stunden, in denen wir in Omas Küche Dinge taten, die wir zuhause niemals gedurft hätten. Kirschkernspucken zum Beispiel – eine Beschäftigung, bei dem Omas ausladendes Dekolletee das Ziel darstellte. Oder Kaugummiblasen machen, bei dem beide Großeltern mitmachten und sich dabei ganz fürchterlich an einem Konglomerat aus Hubba Bubba und dritten Zähnen verschluckten. Dabei wurde viel geschimpft, viel gelacht und irgendwann, wenn man erschöpft zur Ruhe kam, wurde der alte Boiler über der Spüle angeschaltet und nochmal Tee gemacht, um wieder zu Kräften zu kommen.

Kirschkernzielspucken habe ich schon lange nicht mehr gemacht und auf Hubba Bubba stehe ich auch nicht mehr so. Meinen Tee trinke ich nun brav aus der Tasse, was auch daran liegt, dass ich gar keine Untertassen mehr benutze. Aber Mockturtle kaufe ich immer noch. Ich esse sie nicht mehr mit Makkaroni, schließlich muss ich meine Kleidung inzwischen selbst waschen. Aber noch immer, wenn ich die Dose öffne und mir der leicht katzenfutterartige Geruch in die Nase steigt, fühlt sich der Boden unter meinen Füßen an wie Linoleum auf einem Holzboden und ich fühle mich sehr zuhause. Und das, obwohl mein Zuhause inzwischen schon seit vielen Jahren nicht mehr das flache, ländliche Ammerland, sondern Frankfurt am Main ist. 

Eierkauf 3 – kein Ei im Haus

Seit ich in meiner aktuellen Wohnung wohne, bin ich in der glücklichen Lage, einen Vorratsschrank zu besitzen. In dem habe ich immer einen gewissen Grundbestand an Lebensmitteln, der es mir ermöglicht, ein paar Tage etwas Vernünftiges zu kochen, auch wenn ich einmal keine Lust hatte, einkaufen zu gehen. So wie an diesem einen Samstag, an dem ich eigentlich zum Wochenmarkt hatte gehen wollen, mich aber aufgrund des fiesen Wetters sowie meiner mir stets anhaftenden Faulheit nicht hatte aufraffen können. Ich spähte in den Kühlschrank – gab es etwas, was ich unbedingt brauchte? Nein, es würde reichen – Käse, Wurst, sogar etwas frisches Gemüse lag noch im Gemüsefach. Das Einzige, was fehlte, waren Eier – ich esse sonntags gerne ein gekochtes Ei zum Frühstück. Aber gut, einen Sonntagmorgen ohne Ei würde ich überleben.

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Ein Gericht aus der früheren Hesse-Wirtschaft am Frankfurter Ostend – ein sog. „Pfännchen“

Ich überbrückte das eierlose Frühstück mit Joghurt und fühlte mich recht gut dabei. Die Entzugserscheinungen setzten erst später ein – genau genommen, als ich überlegte, was ich später kochen könnte.

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Hausmacher-Pfannkuchen

Vor meinem inneren Auge zogen Berge von frischen Pfannkuchen vorbei, hübsch angerichtet mit Preiselbeeren. Aber das musste ich mir aus dem Kopf schlagen. Zur Ablenkung beschloss ich, einen Kuchen zu backen. Ohne Ei war das aber auch keine gute Idee. Ich beschäftigte mich also mit etwas anderem.

Abends gab es Nudeln. Ich beschloss, gleich einen ganzen Haufen zu kochen, denn dann könnte ich den Rest am nächsten Tag mit etwas Gemüse braten und ein Ei drüber klopfen. Leider kam ich auch am Montag nicht zum Einkaufen und musste meine Nudeln ohne Ei wieder aufwärmen. Mir fiel schon etwas zu meinem Nudelrest ein, so ist es ja nicht. Doch alles, was mir einfiel, wäre mit Ei viel schöner gewesen. Überhaupt war es merkwürdig, wie viele Eierspeisen mir im Laufe des Tages in den Kopf gekommen waren, die ich mit meinen Vorräten durchaus hätte kochen können, wenn denn Eier da gewesen wären: Eier in Senfsoße, Omelette mit Champignons, Waffeln mit Blaubeeren, Bauernfrühstück und strammer Max. Die Variationen an Eierspeisen, die meine Gedanken beherrschten, waren außerordentlich vielfältig.

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Mein liebstes Frankfurter Gericht: Eier mit grüner Soße und Bratkartoffeln. Sowas von lecker!

Ich entwickelte in den nächsten Tagen eine regelrechte Eier-Obsession, sodass ich am Mittwoch tatsächlich nach der Arbeit loseilte, um das Ersehnte zu erwerben. Dazu gleich noch einen kleinen Eimer grüne Soße, noch mehr Senf und Mehl für allerlei Gebäck. Ganz gegen meine Gewohnheit kaufte ich gleich zehn Eier – sonst komme ich mit sechs Stück in etwa zwei Wochen lang hin. Aber bevor die wieder knapp wurden, sorgte ich lieber vor.

Ich würde so gern mal wieder …

Eine Aufwärmübung aus dem Schreibworkshop: Was würden wir gerne mal wieder tun, was fehlt uns derzeit? Wie immer habe ich das genommen, was mir als allererstes in den Sinn kam – waren ja auch nur 12 Minuten Zeit! Und das war es:

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Flohmarktsschätze

Ich würde so gerne mal wieder über einen Flohmarkt laufen. Flohmärkte sind das, was mir in Sachen Freizeitgestaltung zu Corona-Zeiten am meisten fehlt. Nicht, dass ich dringend etwas bräuchte, ganz im Gegenteil. Ich habe eher zu viel als zu wenig. Und ich kaufe auch zumeist gar nichts, wenn ich über so einen Markt laufe. Es geht mir mehr ums Gucken und Staunen, manchmal auch Lachen. Oft mache ich Fotos, wenn ich etwas besonders Schönes oder Lustiges sehe, und küre dann anhand dieser Bilder auf meinem Blog das „Objekt des Tages“. Wenn ich nicht allein, sondern mit einer Freundin unterwegs bin, ist es zumeist noch schöner, denn wir machen uns im bunten Gewusel gegenseitig auf Dinge aufmerksam. Natürlich bleiben wir auch mal am Bratwürstchenstand hängen. Unvergessen ist auch der Flohmarktbesuch mit einem Freund, bei dem wir gerade mal eine Reihe Stände schafften, dann ein Bier tranken, oder vielleicht waren es auch zwei oder fünf, und währenddessen von einer Dame und ihren beiden sturzbetrunkenen Begleitern über den Anbau von Tomatenpflanzen aufgeklärt wurden. Als wir den Getränkestand verließen, räumten die letzten Händler gerade ihre Schätze zusammen. Obwohl die Zeit so verblüffend schnell herumging, war es ein schöner, ausgefüllter Tag. Es geht mir nämlich gar nicht so sehr um das Kaufen und Verkaufen auf dem Flohmarkt, wenngleich das natürlich schön ist, sondern mehr um das Drumherum.

Das Drumherum ist es auch, was mir bei der Schnäppchenjagd im Internet fehlt. Wenn man etwas bei ebay kauft oder verkauft, fällt das ja leider flach. Kürzlich habe ich ein paar Dinge dort verkauft und ja, es kam Geld rein und ich hatte einen wirklich netten E-Mailverkehr mit einem Klaus aus Nordrhein-Westfalen. Aber das ist nicht dasselbe. Mit Klaus hatte ich kein Bier, nicht mal eine Brezel, und zusammen gelacht haben wir auch nicht. Ich würde gerne einmal wieder mit fremden Leuten auf einem Flohmarkt lachen. Das fehlt mir.

Mal was Neues – Knöpfe!

Noch immer sitze ich viel zuhause und werkel so vor mich in. Da ich derzeit kein fernsehtaugliches Muster stricke, sondern eine arge Fummelei, gab es länger nichts zum Zeigen, doch es geht voran. Kürzlich wurde ich jedoch auf etwas anderes aufmerksam, dass mich interessierte und für das ich die allermeisten „Zutaten“ auch zuhause habe: Das Herstellen von Knöpfen aus einem Holz- oder Alurohling und Wolle. Werkzeuge braucht man nicht, von den üblichen Nadeln und Scheren einmal abgesehen. Ich guckte mir also diverse Anleitungen auf YouTube einmal an und beschloss: Das kann ich auch. Dabei kann nix schiefgehen. Also bestellte ich Aluringlein, dazu noch etwas ganz dünnes Häkelgarn (weil ich mir die ganz feinen, kleinen Blusenknöpfchen, die mit der reichlich vorhandenen Nähseide gemacht werden, doch noch nicht zutraue) und guckte noch ein paar Videos und Instagram-Bilder zur Inspiration.

Links die Nummer 1 meiner Knopfkarriere, rechts Nummer 2

An dieser Stelle möchte ich übrigens all den Leuten einmal danken, die ihr Wissen in teils ausführlichen Lehrvideos (neudeutsch „Tutorials“) teilen und so für andere zugänglich machen. Ich habe mich an die freundliche Stimme von Jana aus Janas Bastelparadies gewöhnt, die meine ersten Zwirnknopf-Wickelversuche begleitet hat und immer noch begleitet. Und auch von Gina, die mir mir Englisch spricht, habe ich mir schon allerhand abgucken dürfen.

Ich wartete also auf einen müßigen Sonntagnachmittag, packte meine Utensilien aus und werkelte drauflos. Das erste Mal Wickeln gelang mir gar nicht, was war denn das? Falsch rum, aha! Nochmal abwickeln, von vorne. Und siehe da, das ging besser. Ich habe aber auch einen Ring mit 3,6 cm Durchmesser, das ist nicht unbedingt filigran zu nennen. Aber macht nix, Kunst kommt von Können und noch kann ich nichts, also stelle ich erst mal große Knöpfe her. Der erste Knopf in Grün, Orange und Gelb dauerte gefühlt ewig, wurde aber sehr hübsch. Und auch der maritime Knopf, den ich danach wickelte, sah prima aus.

Ähnliche Muster, ganz andere Farben. Das Spiel mit den Farbkombinationen macht viel Spaß!

Inzwischen habe ich es auf eine stolze Sammlung von sechs Knöpfen gebracht und fühle mich sehr erfahren. Bald bin ich reif für Blusenknöpfe. Die Sternmuster gehen mir schon ganz gut von der Hand, die wurden im Internet aber auch wirklich gut erklärt. Die beiden Knöpfe mit den „eckigen“ Mustern waren deutlich schwieriger, aber dafür hatte ich auch keine Anleitung, sondern ich versuchte, anhand von Bildern herauszufinden, wie das wohl funktioniert. Nun ja – bisschen zittrig, aber man kann erkennen, was das eigentlich werden wollte.

Was bleibt, ist natürlich die Frage, was ich mit den gebastelten Knöpfen einmal angangen will. So ganz genau weiß ich das noch gar nicht. Wenn es in dem Tempo weitergeht, habe ich im Jahr 2030 genügend Knöpfe, um einmal auf einen Handwerkermarkt zu gehen. Oder ich nähe die Werke irgendwo dran. Hübscher Sommerschmuck sind sie auch. Wir werden sehen. Erst mal macht es Spaß und ist entspannend, zumindest wenn einem nicht gerade beim Vernähen ein Faden vom Ring geflutscht ist.

Ein Freistilmuster und ein nachgebautes Webmuster. Schwierig …

An meine Banane

Zugegeben, du hast wirklich schon einmal besser ausgesehen. Als ich dich am Samstag kaufte, warst du deutlich fester, deine Haut prall und wächsern, du hast geglänzt, deine Farbe war strahlend gelb. Was mir wichtig war, war der charmante grüne Ausläufer oben an der Aufreißlasche – ich liebe es, wenn Bananen noch ein kleines bisschen hart sind. Auch du warst so ein freches, unreifes kleines Ding, als ich dich kaufte, genau wie deine vier Schwestern. Ich weiß gar nicht, was mich geritten hat, dass ich gleich fünf von eurer Sorte kaufte. Aber ihr saht halt so gut auf, wie ihr dicht gedrängt und eng aneinander haftend als Bündel auf dem Stand des Wochenmarkthändlers lagt, ich konnte euch nicht widerstehen.

Fünf Bananen also – das konnte nur schief gehen. Die erste, gleich am Samstag gegessen, war wenig süß, ihr Fleisch leistete meinen Zähnen noch Widerstand. Die zweite, Montags mit Haferflocken und Joghurt zu Mittag verzehrt, war schon ein wenig weicher, und die Kandidaten von Dienstag und Mittwoch übertrafen einander, was Weichheit und Süße anging. Ich fand, dass zumindest Miss Mittwoch es in beiden Punkten ein wenig übertrieb, und sah dich, meine einsam auf dem Obstteller liegende Donnerstags-Banane, aus misstrauischen Augen an. Vergangen war deine Schönheit, die grüne Aufreißlasche war zu einem dunklen braunen Stiel verschrumpelt und auch auf deiner gelben Haut, weich und nachgiebig jetzt, zeigten sich allerhand braune Flecken. Tatsächlich, innerhalb von nur fünf Tagen bist du von der strahlend schönen Banana-Queen zu einer wenig anziehenden Tigerbanane mutiert. Ich kann Tigerbananen nicht leiden. Eigentlich.

Denn du, meine kleine weiche Donnerstags-Speise, kannst nichts dafür, dass du so wurdest, wie du heute eben warst: weich, viel zu süß und an einigen Stellen angedatscht. Es ist nicht deine Schuld, dass ich dich und deine Schwestern alle kaufte, anstatt euch gleich dort am Marktstand zu trennen und nur drei von euch mitzunehmen. Du warst halt nur eine ganz normale, durchschnittlich begabte Banane, und du hast getan, was du konntest. Und den Umständen entsprechend hast du auch einen ordentlichen Job gemacht: Als ich dich von deiner schlappen, weichen Pelle befreit hatte – was gar nicht so einfach war, denn der Aufreißmechanismus funktionierte nicht mehr, sodass ich mit einem Messerchen nachhelfen musste – da sahst du von innen besser aus als von außen. Du hast dich widerstandslos matschen und mit Joghurt vermischen lassen, und mit dem sauren Milchprodukt warst du durchaus genießbar, wenn auch kein Hochgenuss. Meiner Verdauung warst du ganz gewiss zuträglich und satt war ich auch. Es gibt also Grund genug, dich zu loben, liebe Miss Donnerstag. Ich danke dir.

Ich, ein Tier?

Die Aufgabe, aus der Sicht eines Tieres zu schreiben, ist ja recht beliebt. Zumeist soll man dann das nehmen, das einem als erstes einfällt. Beim letzten Mal war es eine Glucke. Dieses Mal war es etwas anderes – warum, kann ich mir gar nicht erklären …

Frei im Meer, und keiner stört mich

Ich, die alte Blauwal-Kuh, bin wieder auf meiner Wanderung. Ich habe es nicht mehr eilig, weder will ich bestimmte Gewässer erreichen, um dort ein Kalb zur Welt zu bringen, noch reizt es mich, auf eines der Paarungsangebote der stattlichen Bullen einzugehen, die ab und zu meinen Weg kreuzen. All das habe ich hinter mir. Stattdessen bin ich im Genießer-Modus, tauche mal ab in die kühlen Tiefen, komme dann wieder hoch, um mich von der Sonne bescheinen zu lassen. Gerne würde ich mich auch einmal sonnen und gleichzeitig von Wind und Wellen schaukeln lassen wie die kleinen Boote, die ich ab und zu sehe, aber da steht mir mein Gewicht ein bisschen im Wege. Zum Schaukeln braucht es schon ordentlich Sturm. Hat halt alles Vor- und Nachteile, so auch das mit dem Gewicht – mich zieht keiner mit so einer lächerlichen Angel aus dem Wasser wie einen Dorsch.

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Foto von Daniel Ross von Pexels

Das Wasser ist kalt, da wo ich heute bin. Ich liebe Wasser und könnte mir nicht vorstellen, woanders zu leben. Die Menschen auf ihren kleinen Booten tun mir leid, die können ja gar nichts. Nicht richtig schwimmen, nicht fliegen wie die Möwen und Albatrosse. Laufen, ja, gut, aber das bringt doch nichts. Für alles brauchen sie Hilfsmittel, nichts können sie alleine, immer müssen sie einander helfen. Ich komme auch alleine klar und genieße das sehr. Ab und an begleiten mich schwärmeweise kleine Fische: Putzerfische oder auch Haie. Ich dulde sie, brauche sich aber nicht unbedingt. Spannender finde ich die unheimlichen Kreaturen der Tiefsee, was einem da manchmal begegnet, ist wirklich interessant. Leider sind sie nur dort unten zuhause, gerne würde ich auch ihnen einmal die Sonne zeigen. Aber vielleicht wären sie dann traurig, weil ihnen klar werden würde, was ihnen entgeht.

Der Mann im Garten

Distel mit drei Köpfen

Am Rande der kleinen Stadt lag ein alter, verwahrloster Garten. Er war wild und verwuchert, lud aber trotzdem zum Verweilen ein. Denn es roch verheißungsvoll, nach Lavendel und Kräutern, nach Gewürzen, Zitrusfrüchten und Cannabis. Das Letzte allerdings wuchs nicht dort, zumindest nicht an einer Stelle, die frei begehbar gewesen wäre. Der Geruch kam aus den Zigaretten von Josh, dem der Garten gehörte.

Josh war schon alt, genau genommen uralt. Er lebte in einem kleinen Holzhaus direkt im Garten. Eigentlich war es wohl mal ein Sommerhaus gewesen, doch Josh hatte es winterfest zurechtgemacht, eine Heizung und ein kleines Bad eingebaut und einen Keller mit UV-Licht, in dem er seine Rauchwaren anbaute. Jeder wusste davon, auch die Polizei. Doch mal ließ ihn gewähren, denn zum einen handelte Josh nicht mit seinem Gras und zum anderen hatte der alte Mann etwas Respekteinflößendes. Niemand in der kleinen Stadt hätte sich getraut, ihm etwas wegzunehmen oder gar ihn zu verhaften. Stattdessen ging so mancher an lauen Sommerabenden mal bei dem Alten vorbei, tauschte Bier oder einen Rest vom Sonntagskuchen gegen ein paar Züge aus einem exzellenten Joint und schwatzte über Gott und die Welt. Bei Josh konnte man entspannen, er fragte nicht woher und wohin, hörte zu, wenn man ihm etwas erzählte und schwieg kameradschaftlich, wenn man nicht reden wollte.

Bild von Pixabay

Es wusste keiner, woher er gekommen war, dieser merkwürdige alte Mann mit dem weißen Bart. Er war halt einfach irgendwann da gewesen. Niemand wusste mehr genau, wann er aufgetaucht war. Man wusste nicht, wovon er lebte, aber er hatte sein Auskommen. Also hatte er wohl auch ein Einkommen. Eine Rente wahrscheinlich, vermutete man, oder ein Erbe. Manch einer glaubte, Josh sei ein Millionär – wurden die nicht manchmal komisch? Aber komisch oder nicht, man mochte Josh, auch wenn er manchmal so bekifft war, dass er sich im Adamskostüm auf seiner Gartenbank zum Schlafen niederlegte. Die schamhaften alten Damen sahen weg, meistens, oder deckten ihn mit einer Häkeldecke zu, wenn sie befürchteten, er könne sich verkühlen. Die eine oder andere war ein bisschen verknallt in ihn, war er doch auf seine geheimnisvolle Art deutlich spannender als Karl-Heinz und Frieder aus dem Altenheim. Josh war zu allen gleichbleibend, aber nicht übermäßig freundlich. Er hatte kein Interesse an einem Flirt, und da war es ihm auch egal, ob die Flirtende 17 oder 70 war.

An einem Tag im Mai schließlich verstarb Josh einfach auf seiner Gartenbank. Mit ihm verschwanden der Dorfpsychologe und Beichtvater, der Mutmacher und Womanizer des Ortes. All das war er gewesen. Das Einzige, was von ihm blieb, waren sein Garten und die Cannabiszucht im Keller. Er fehlte.

Nachbemerkung: Wie so oft handelt es sich bei diesem Text um eine kleine Aufgabe aus dem Schreibworkshop. Wenn ich mich recht erinnere, hatten wie dieses Mal sogar 20 Minuten Zeit. Der erste Satz war vorgegeben, der Rest kam einfach so angeflogen.