Der Doktor und das liebe Vieh – in Wort und Bild

Einer meiner Favoriten seit Kindertagen sind die heiteren Tierarztgeschichten von James Herriot. Und obwohl ich eigentlich lieber lese als Filme zu gucken, kann ich mich in diesem Fall nicht entscheiden, was mir besser gefällt: Die Bücher oder die Verfilmung.

Darum geht es:

England, Ende der 30er Jahre: Der junge James ist glücklich über das Angebot, in Yorkshire in der Praxis eines Landtierarztes arbeiten zu dürfen. Engagiert stürzt er sich in jedes Abenteuer, das dieser Job für ihn bereithält. Dabei unterstützt ihn sein Chef und späterer Partner Siegfried auf eine eigentümliche Weise. Denn Siegfried ist launisch und unberechenbar, auf sympathische Weise chaotisch und dabei doch der zuverlässigste Freund, den ein Mensch sich wünschen kann. Außerdem ist da noch Tristan, Siegfrieds viel jüngerer Bruder, der trotz brillanter Fähigkeiten jedes Examen versenkt, emsig und erfolglos hinter jedem Rock herläuft und die örtlichen Wirtshäuser vor dem Bankrott bewahrt. Zu dritt kümmern sie sich um jedes Vieh, dass ihnen vor die Nase kommt – um wilde Stiere genauso wie um Schoßhunde und altersschwache Wellensittiche.

Die Geschichte beginnt vor dem 2. Weltkrieg, macht in den Kriegsjahren eine kleine Pause, weil die drei Tierärzte die Praxis ruhen lassen und in der Armee dienen, und setzt unmittelbar nach dem Krieg wieder ein. Sie zeichnet ein genaues Bild des Lebens im ländlichen Yorkshire zu dieser Zeit.

Die größtenteils autobiografischen Geschichten des Tierarztes James Alfred Wight (1916 – 1995) erschienen in diversen Bänden, die in der deutschen Ausgabe eigenartigerweise anders zusammengestellt wurden als im englischen Original. Verfilmt wurden die Erzählungen in insgesamt sieben Staffeln und drei Spielfilmen (den „Weihnachtsspecials“).

Der Doktor und das liebe Vieh

Das ist das Besondere:

Hier möchte ich mit den Büchern beginnen, obwohl ich als Kind zuerst die erste Staffel der Verfilmung sah, bevor wir das erste Buch bekamen: Denn diese Bücher habe ich immer wieder gelesen in den letzten 30 Jahren. Sie sind treue Begleiter für trübe Tage, wenn ich Schnupfen habe oder aus anderen Gründen trostbedürftig bin. Geschrieben in einer wunderschönen Sprache (sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch), beschreiben sie detailreich und liebevoll den tierärztlichen Alltag zu einer Zeit, in der es noch keine wirksamen Antibiotika, dafür aber pannenanfällige Autos gab. Man merkt dem Autor seine Begeisterung an: für seine Arbeit, die Landschaft, in die es ihn verschlagen hat, und die eigenartige Bevölkerung, mit der er es zu tun bekommt. Man nimmt es ihm ab, dass er vor Sorge um ein Tier, das nicht einmal sein eigenes ist, manchmal nicht schlafen kann. In mir weckten diese Bücher damals den Wunsch, Tierärztin zu werden. Als ich wenige Jahre später noch mal hineinsah, nahm ich aufgrund der Bücher dann Abstand von diesem Berufswunsch – mir wurde nämlich klar, dass das kein Job für jemanden ist, der sich nicht gerne schmutzig macht. Denn trotz der schönen Beschreibungen, die das Buch beinhaltet, wird doch nichts verklärt: Tiere können sterben und Scheiße stinkt.

Die Filme stehen für mich den Büchern in nichts nach: Detailreich und genau in der Ausstattung, mit schönen Landschaftsaufnahmen und herrlichen alten Autos. Die Besetzung könnte treffender nicht sein.  Das ist umso erstaunlicher, als dass der Film-Siegfried dem Buch-Siegfried äußerlich sehr unähnlich ist: Wird der Praxischef im Buch als groß und hager beschrieben, mit Schnauzbart und nachlässig gekleidet, ist der Schauspieler Robert Hardy eher klein, kräftig, glattrasiert und immer akkurat gekämmt. Und doch könnte es keinen Besseren geben, um den cholerischen Siegfried darzustellen. Wenn Robert Hardy die Stirn runzelt, sich die Brille von der Nase reißt und einen der absurd-komischen Vorträge hält, die Siegfried auszeichnen, fürchtet man um seine Gesundheit. Glücklicherweise haben diese Anstrengungen Robert Hardy nicht geschadet, so dass er mit 82 Jahren noch den Zaubereiminister Cornelius Fudge geben konnte. Chapeau, Mr. Hardy. Die Rolle des unerfahrenen und oftmals etwas unbeholfenen James übernahm passend Christopher Timothy. Auch die vielen anderen Figuren passen genau in das Bild, das man sich beim Lesen von ihnen macht.

Was gibt es noch:

Schmunzeln musste ich immer wieder über die Rolle, die den Frauen in der Serie zugebilligt wurde. Ich gehe davon aus, dass diese Darstellung sehr realistisch ist. Aber jemand wie ich, die am liebsten einen weiten Bogen um jedes Staubtuch macht, kann sich einfach nur schwer vorstellen, dass sich jemand mit einer solchen Verve in die Hausarbeit werfen kann wie James Ehefrau Helen.

Weder die Bücher noch die Filme sind für Antialkoholiker geeignet, es wird gesoffen, dass sich die Balken biegen. Und dann ab ins Auto und rein in die Kuh – ein Wunder, dass das alle überlebt haben.

Und ein Detail, das mich immer wieder erfreut, sind die Pullover. Ja, die Pullover. Denn die Tierärzte tragen in den Filmen immer wieder Pullover in Fair Isle-Mustern und den alten, „auf Figur“ gestrickten Schnitten. Für mich, die ich selber gerne stricke, ist das einfach schön anzugucken und ich habe mich ein paar Mal dabei ertappt, wie ich mit der Nase ganz nah an den Bildschirm gerückt bin, um mir das einmal ganz genau anzugucken. Ein weiteres Zeichen für die grandiose Arbeit der Ausstatter.

Was vom Tage übrig blieb

Ein Weilchen musste ich überlegen, welches der vielen Lieblingsbücher die ich habe, hier bei meinen Empfehlungen den Anfang machen darf. Die Wahl fiel auf:

„Was vom Tage übrig blieb“ von Kazuo Ishiguro

Der Roman „Was vom Tage übrig blieb“ erschien im Jahr 1989 unter dem Originaltitel „The Remains of the Day“ und wurde im gleichen Jahr mit dem Booker Prize ausgezeichnet.

Darum geht es:

Der Butler Stevens, der sein ganzes Leben seiner Arbeit und dem Dienst an seinen Lordschaften gewidmet hat, bekommt unerwartet frei. Sogar ein Auto hat er zur Verfügung. Er ist es nicht gewohnt, Urlaub zu machen und Zeit für sich zu haben, er hat im Grunde kein Privatleben. Zögernd beschließt er, nach Cornwall zu fahren und seiner früheren Kollegin, der Hausdame Miss Kenton, einen Besuch abzustatten. Mit ihr verband ihn eine vorsichtige Liebe, der er jedoch niemals nachgegeben hat, da ihm das als nicht passend und nicht mit seinen Pflichten vereinbar erschien.

Während der Fahrt nach Cornwall lässt Stevens sein Leben Revue passieren und erinnert sich an viele Gelegenheiten, an denen er sich zurückgenommen hat und immer nur der Butler war. Er konnte sich nicht einmal die Zeit nehmen, seinen sterbenden Vater zu verabschieden. Jetzt ist er alt und es ist nicht viel, was er noch vom Leben erwarten kann. Seine Gedanken kreisen um Miss Kenton und die vergebenen Chancen. Lässt sich hier vielleicht noch etwas retten?

Das ist das Besondere:

Der Roman ist sprachlich sehr schön, weich und elegant, was natürlich auch an der gelungenen Übersetzung von Herrmann Stiehl liegt. Beim ersten Lesen hatte ich den Eindruck, als wäre die Geschichte tatsächlich von einem sehr alten Mann erzählt worden, so einfühlsam und nachvollziehbar wird die Geschichte geschildert. Dass der Autor bei Erscheinen des Romans gerade einmal 35 Jahre alt war, hätte ich nicht erwartet. Die Story an sich hat mich mitgenommen, mehr als einmal hätte ich den steifen Butler schütteln mögen. Eine berührende Geschichte vor einem dichten Hintergrund.

Was gibt es noch?

1993 wurde das Buch erfolgreich verfilmt. Regie führte James Ivory, die Rolle des spröden Butlers übernahm Anthony Hopkins, die der verliebten Hausdame Emma Thompson.  Obwohl der Film sehr gelobt wurde, habe ich es nie gewagt, ihn anzusehen. Ich fürchte ein bisschen, dass er dem Buch nicht gerecht werden kann, obwohl das mit hoher Wahrscheinlichkeit ungerecht ist.

Was vom Tage übrig blieb