Visibile – alles ist möglich

Im Schreibworkshop ging es mal wieder märchenhaft zu. Die Aufgabe war etwas merkwürdig: Man sollte ein Fläschchen finden mit der Aufschrift „Visibile“, dass den Finder sichtbarer machen könne. Mir fiel dazu nichts ein, und da es wie immer sehr schnell gehen musste, modifizierte ich die enthaltene Substanz etwas und ließ sie das Gegenteil bewirken. Als Model diente mir meine Freundin Maike, die in einem Labor arbeitet und dort kürzlich einmal aufgeräumt hat. Auch sie fand abenteuerliche Altbestände, wenngleich nichts ganz so Wundersames dabei war wie in dieser kleinen Geschichte.

Visibile

Geheimnisvolles Fläschchen

Maria betrachtete das Fläschchen mit der merkwürdigen Aufschrift nachdenklich. Das Etikett war kaum lesbar, „Visibile“ meinte sie entziffern zu können. Es sah uralt aus. In einer anderen Umgebung hätte sie einfach den altmodischen Stöpsel aus der Flasche gezogen und einmal an dem Inhalt  geschnuppert, aber hier, beim Aufräumen des Chemikalienschrankes im biotechnischen Labor der Universität, schien ihr das nicht angeraten. Schon gestern war sie sich vorgekommen wie das personifizierte Giftstoffräumkommando, mehr als eine Dose oder Flasche hatte sie in einen sicheren, fest verschraubten Behälter gelegt und nach einem bürokratischen, festgelegten Verfahren zur Entsorgung gegeben. Und nur als das hier – Visibile.

Ihr Fund passte so gar nicht zu den ansonsten hier vorrätigen Stoffen. Die anderen Substanzen waren in nüchternen, rein praktischen Verpackungen. Dieses hier sah aus wie ein altmodischer Parfümflakon, war aus schwerem, facettiert geschliffenem Glas. Kurz dachte sie an die Professorin, die das Büro am Ende des Ganges hatte. Die roch immer nach einer Mischung aus Uralt-Lavendel und Mottenkugeln, vielleicht war das ihr Parfümflakon. Kurzzeitig war Maria versucht, es ihr einfach auf den Schreibtisch zu stellen – dann wäre sie das Problem los gewesen. Aber das war nicht ihre Art zu arbeiten. Sie sah in sämtlichen Datenbanken nach, blieb jedoch erfolglos. Also entschloss sie sich leise seufzend, noch einmal bei Jochen anzurufen, dem Spezialisten für merkwürdige Fälle. Er war es auch, der die Giftstoffe von ihr übernahm und sie fachmännisch entsorgte. Böse Zungen behaupteten, er würde die Flaschen einfach leertrinken. Das würde sein merkwürdiges Äußeres gewiss erklären, erschien Maria aber doch unwahrscheinlich.

Sie griff also zum Telefonhörer und schilderte Jochen ihren Fund. Zu ihrer Überraschung schien er sofort zu wissen, um was es sich handelte. „Das hatte ich schon vermisst“, erklärte er. „Warte, ich hole es ab.“ Nur wenige Minuten später stand der über zwei Meter lange Schlaks mit der Zottelfrisur und den düsteren Augenbrauen vor ihr. „Willst du wissen, was das ist?“, fragte er, und Maria nickte neugierig. „Komm, dafür müssen wir unter uns sein!“ Er zog sie ganz ungalant am Ärmel hinter sich her. Die Augen der Kolleginnen folgten ihnen amüsiert, denn so eifrig sah man den ansonsten immer etwas verlangsamt wirkenden Jochen selten. Er zog sie in eine Besenkammer. „Du, Jochen, halt mal, was soll das denn werden hier?“, protestierte Maria, aber er hielt den Finger an die Lippen. „Psssst, das ist geheim! Wir machen uns jetzt eine lustige Stunde!“ Geschwind öffnete er die Flasche und ehe Maria sich versah, tropfte er ihr eine winzige Menge der öligen Flüssigkeit mitten auf den Scheitel. Das Gleiche tat er bei sich selbst. Zu ihrer Verblüffung verschwand der große Mann in der Sekunde, in der „Visibile“ ihn berührte. „Häää, was ist das denn?“, fragte Maria verblüfft, und Jochen lachte. „Cool, oder? Eigentlich soll das Zeug einen zum Leuchten bringen, aber wenn man es mit Olivenöl, Arsen, Schwefel und Manukka-Honig mischt, dreht man die Wirkung quasi um und es macht unsichtbar. Ist ein altes Familienrezept, wir benutzen seit dreihundert Jahren diese Flasche und füllen immer nur nach. Und nun komm, lass uns etwas Schabernack machen!“ Jochen huschte durch die Labore und Büros und machte Unsinn. Hier plapperte er in ein Telefongespräch, dort füllte er einen Farbstoff in eine Versuchsanordnung, und in der Personalabteilung änderte er Marias Akte dergestalt ab, dass man ihr wohl demnächst den Titel „Heldin der Arbeit“ verleihen würde. Maria war hin- und hergerissen zwischen Fremdscham und Faszination, und irgendwann ließ sie sich hinreißen und füllte den Inhalt von Hildegards Locher in den automatischen Regenschirm von Doktor Wilmenroth, den sie danach sorgfältig wieder schloss. Niemals hätte sie gedacht, dass unsichtbar zu sein so einen Spaß machen konnte. Und während sie herumalberten, merkte Maria, wie zwischen ihr und Jochen ein erstes zartes Band wuchs. Sie waren Partners in Crime, und das schien ihr zumindest eine gute Basis für eine tiefe Freundschaft zu sein. 

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