Der weite Weg zum Elternabend

Im Schreibworkshop sollten wir das Stilmittel der Übertreibung nutzen. Nun, Übertreiben konnte ich schon immer gut, besonders, wenn es ums Essen oder Shoppen geht. Es war aber auch noch der erste Satz vorgegeben, sodass meine Gedanken andere Wege gingen. 20 Minuten waren Zeit, das heißt, ich hatte es eilig!

Der weite Weg zum Elternabend

Dass ich heute hier bin, hatte ich bis eben selbst nicht mehr erwartet. Es war nicht nur das Bein, dass ich mir am Morgen bei einem Sturz über den Einkaufstrolley meiner Nachbarin Frau Lösekann gebrochen habe. So einen glatten Schienbeinbruch steckt eine echte Niedersächsin in der Regel ganz gut weg, sind wir ja sturmfest und erdverwachsen. Auch der mehr als merkwürdige Krankenhausaufenthalt schreckte mich nicht – ich diente einer Gruppe von Medizinstudentin als Testkörper für ihre ersten Gipsversuche. Das war für mich völlig in Ordnung, irgendwie müssen diese jungen Leute ihr Handwerk ja lernen. Dass einer jedoch anfing zu schreien, als ich mich bewegte und etwas zu ihm sagte, war schon ein wenig skurril. Es stellte sich heraus, dass der junge Mann auf dem Klo gewesen war, als man mich vorgestellt und die Aufgabe erklärt hatte. Er war also davon ausgegangen, es mit einer Leiche zu tun zu haben, rannte schreiend zum Behandlungszimmer hinaus und polterte über den Rollstuhl, den ein netter Pfleger soeben für mich aus dem Lager geholt hatte. Er fiel auf den Kopf, besser gesagt auf die Nase, und ich hegte die vage Hoffnung, dass ihn das ein wenig wieder zurechtrütteln würde.

Rollstuhl

All dies genügte jedoch nicht, um diesen Tag zu einem der merkwürdigsten meines Lebens zu machen. Es war der Rollstuhl, den man mir geholt hatte, der so richtig Schwung in den Tag brachte. Denn auch hier hatte man mich wieder gebeten, als Testperson zu fungieren: Der Stuhl fuhr elektrisch und ließ sich durch Gedanken lenken. Meine Gedanken. Man hatte mir wohl angesehen, dass ich mich für jeden technischen Blödsinn begeistern kann. Außerdem wurde die Teilnahme an dem Test gut bezahlt. Man pappte mir also einen Saugnapf mit einer winzigen Antenne an jede Schläfe, und dann ging es los: Zuerst nach Hause. Das ging prima. Küche, Bad, der Stuhl erriet sofort, wo ich hin wollte, und brachte mich zuverlässig ans Ziel. Dann fuhr ich einkaufen – das ging auch gut. Aus irgendeinem Grund hielt der Rollstuhl vor dem Süßwarenregal und startete erst wieder, als ich mir eine Schachtel Weinbrandbohnen genommen hatte. Rein aus Neugier beschloss ich also, zum Elternabend der Klasse 2c zu fahren – meine jüngste Tochter ist dort Schülerin. Eigentlich hasse ich Elternabende und ein Beinbruch wäre eine gute Möglichkeit gewesen, meinen Mann dorthin zu schicken. Aber mein Spieltrieb siegte und ich fuhr mehr als pünktlich los. Und das war gut so. Denn der Stuhl ahnte, dass ich eigentlich keine Lust auf einen faden Abend unter Helikoptereltern hatte. Er fuhr mich zunächst zur Eisdiele – na gut, das muss man mir nicht zweimal sagen. Dann donnerte er zweimal in einem Affenzahn mit mir am Schultor vorbei, schwenkte am Südfriedhof ein, fuhr jeden kleinen Weg einmal ab und hielt schließlich an einer Tanke, wo ich mir ein Bier gönnte. Und dann noch eines. Derartig entspannt, schlich sich der Elternabend wieder in mein Bewusstsein und endlich klappte es: Nach einem Umweg über die Zeil, einem Schlenker durch die Fressgass und einem letzten Bier kam ich schließlich an, gerade als Frau Rubenhorst-Plöttkin die Veranstaltung schloss und sich noch mit der Mutter von Kimberly-Sophie und dem Vater von Paul-Korbinian zu Einzelgesprächen zurückzog. So ein Pech aber auch.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s