Eine Schweinebauch-Romanze

Ich muss irgendwie meine Pandemie-Lethargie loswerden und habe mich deshalb recht spontan zu einem Schreibkurs angemeldet – eigentlich wollte ich bis Oktober Sommerpause machen. Aber das Thema „Liebe“ ist schon gut für drei vergnügliche Abende.

Dieses Mal bekamen wir 20 Minuten Zeit für eine Mini-Geschichte. Der Eingangssatz war vorgegeben, außerdem gab es alle zwei Minuten ein weiteres Wort, das eingebaut werden sollte. Die schienen sich mir dieses Mal recht gut einzufügen – ich habe sie rot markiert.

Eine Schweinebauch-Romanze

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Alle Bilder ier im Beitrag sind von Pixabay

Erwin K. hatte sich nie für einen Romantiker gehalten. Und auch als er sie traf, diese Frau, die sein Leben künftig durcheinanderwirbeln würde, gab es in seinem Herzen gerade keinerlei poetisches Gedankengut. Ganz im Gegenteil, der erste Satz, den er an sie richtete, hätte prosaischer nicht sein können: „Ich hätte gerne ein Pfund geräucherten Schweinebauch!“, sagte er zu der Frau hinter der Metzgerstheke und diese nickte nur. Was hätte sie sonst auch tun sollen? Er beobachtete, wie ihre geschickten Hände ein Stück fettes Fleisch, in Form und Größe nicht unähnlich einer kleinen Zigarrenschachtel, von einem langen Strang abschnitten. „Ist’s so recht?“, hatte sie gefragt und beim Klang ihrer Stimme war ihm ein leichter Schauer über den Rücken gefahren. Sie hatte eine Stimme wie seine Oma Margarethe, und das war immer seine liebste Verwandte gewesen, natürlich abgesehen von seiner Mutter. Oma Maggie war seine Vertraute gewesen, die Frau, die ihn, das empfindliche Kind, wegen seiner zahlreichen Allergien zum Arzt begleitet, ihm bei den Hausaufgaben geholfen und ausschließlich seine Lieblingsgerichte gekocht hatte. Unter anderem auch Birnen, Bohnen und Speck, das Gericht, dass er sich auch heute kochen wollte und für das er ebendiesen Schweinebauch benötigte. Wenn das kein Omen war!

„Mögen Sie Eintöpfe?“, fragte er deshalb die nicht mehr ganz junge Frau und sie errötete ein wenig, was gut zu ihrem himmelblauen Verkäuferinnenkittel passte. „Oh ja“, antwortete sie, „wer mag die denn nicht?“ „Auch Birnen, Bohnen und Speck?“ Als sie bejahte, hatte er ihr einfach nur eine Karte mit seiner Adresse gereicht und sie für 19 Uhr zum Essen eingeladen. „Ich bin hier von Person bekannt“, hatte er noch gesagt und einmal auf die anderen Verkäuferinnen gedeutet, die kichernd ihr Gespräch verfolgt hatten. „Nicht, dass Sie sich vor mir fürchten. Ich bin kein Lüstling!“ Sie nickte wieder und es war abgemacht. Er warf einen flüchtigen Blick auf die Digitalanzeige seiner Uhr und eilte los – wenn er noch von den winzigen Birnen kaufen wollte, die es nur am Stand auf dem Rathausplatz gab, musste er sich beeilen.

Einem Instinkt folgend kaufte er auch noch einen 6er-Träger Bier – das schien ihm besser zu dem rustikalen Gericht zu passen als der leichte Weißwein, den er zuhause hatte. Er lief so beschwingt nach Hause, dass er sogar vergaß, die Maske abzunehmen, die seit etwa anderthalb Jahren im Getränkehandel vorgeschrieben war. Er dachte an die Frau, deren Namen er nicht kannte, die weder besonders schlank noch jugendlich aussah und ihm trotz ihres schlecht gefärbten Haaransatzes doch vorkam wie die Frau, auf die er immer gewartet hatte. Das müssen die Pheromone sein, dachte er und ertappte sich bei der Überlegung, ob man diese Lockstoffe in einer Metzgerei überhaupt riechen könne. Vielleicht war er auch schlicht auf die Mischung aus Räuchergeruch und Krautsalat hereingefallen, überlegte er. Doch dann schlugen seine Gedanken wieder die Brücke zu seiner Großmutter und er ahnte, dass es die Stimme gewesen war. Sie hatte nach Geborgenheit geklungen, nach Ruhe und Zuverlässigkeit. Das war es, was er, der Dauersingle, wohl unterschwellig vermisst hatte.

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Der Strom seiner Gedanken floss unablässig hin und her – von ihr zu ihm zu Oma zu dem Essen, das er kochen wollte. Er hatte noch nie für jemanden gekocht. Hatte er überhaupt zwei zusammenpassende Teller, die nicht angeschlagen waren? Er wusste es nicht genau. Er machte sich nichts aus Küchenkram, seine Küche enthielt nur das Notwendigste. Anders sah es im Wohnzimmer aus: Das quoll über vor Büchern, Schallplatten, CDs und Erinnerungsstücken an vergangene Kulturereignisse. Die an einer Pinnwand befestigten Konzertkarten waren Zeugen, die seine große Musikleidenschaft in die Welt hinausriefen – eine Welt, in der die Nachbarn kein Verständnis dafür hatten, wenn er seine Musikanlage einmal voll aufdrehte. Es gab noch eine weitere energische Demonstrantin gegen seine Neigung für zu viel Lautstärke: Seine Katze Mörtel, die ihm immer, wenn er es übertrieb, beleidigt die kalte Schulter zeigte. Mörtel war bislang seine einzige Liebe gewesen. Wie würde sie auf eine Konkurrentin reagieren?

Nachtrag:

Das oben erwähnte Gericht „Birnen, Bohnen und Speck“ habe ich in meinem Leben nur einmal gegessen, bei meiner Tante Hilde. Sagen wir mal so: Es wurde kein Favorit. Meine Tante kochte das Gericht nicht so wie in dem Wikipedia-Artikel, sondern eher als Eintopf. Ich glaube, die kleinen Birnen hatte sie im Garten. Diese Variante ist durchaus üblich, hier gibt es ein Rezept dafür:

2 Kommentare zu “Eine Schweinebauch-Romanze

  1. Das hast du in 20 Minuten geschrieben? Toll!
    Ich glaub ich wäre nicht über einige Zeilen hinaus gekommen. Birnen Bohnen und Speck hab ich auch nur einmal gegessen. Ich mag alle die Zutaten einzeln aber zusammen fand ich das nicht so lecker.

    Gefällt 1 Person

    • Ja, 20 Minuten. Ich bin total geübt im Schnellschreiben. Und dieses Essen damals – ehrlich gesagt fand ich es furchtbar 🤣 Keine Ahnung, wieso mir gerade das eingefallen ist. Aber wenn man so wenig Zeit hat, muss man das Erste nehmen, das kommt, und eisern festhalten. Sonst verzettelt man sich.

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