Eine Rose braucht Wasser

Eine Schreibkursübung: Drei Musikstücke – ein orientalisch anmutendes Gedudel mit viel Tröte, ein kühler, entspannter Barjazz und ein klassisches Stück mit Cello. Wir sollten entweder eines als Grundlage für unseren Text auswählen oder etwas aus allen dreien machen. Ich entschied mich für die „Vollvariante“ und hangelte mich an den Stücken entlang.

Eine Rose braucht Wasser

Rose fühlte sich unwohl auf dem bunten Basar in der orientalischen Stadt. Alles war ihr zu laut und zu hektisch. Außerdem vertrug sie die Hitze nicht gut. Ihr Vater hatte sie immer sein Röslein genannt, weil sie ihn von Geburt an eine englische Rose erinnert hatte – zart und verheißungsvoll. Rosen wachsen leider nicht in der Wüste, dachte sie jetzt deprimiert, und sah sich nach den Mitgliedern ihrer Reisegruppe um. Dort war Mr. Cameron, der Reiseleiter.

„Gefällt es Ihnen, Miss Rose?“, fragte der große, kräftige Mann und lächelte sie dabei so freundlich an, dass sie sich fast ein wenig ihres Unbehagens schämte. Doch sie war ehrlich: „Mir ist nicht recht wohl. Vielleicht könnte einer der Fahrer mich zum Hotel begleiten?“ Eilfertig nickte der Reiseleiter. „Oh ja, gewiss. Sie haben Glück, da vorne ist ein Bekannter von mir. Er ist mit dem Wagen da und wird sie sicher gerne mitnehmen.“ Bevor Rose sich versah, wurde sie von einem äußerst attraktiven Geschäftsmann in einer Limousine zum Hotel gefahren. Wenig später fand sie sich in der Hotelbar wieder.

„Eigentlich wollte ich mich etwas hinlegen“, hatte sie schwach protestiert, als der nette Mittdreißiger, der sich ihr als Paul McMurphy vorgestellt hatte, sie eingeladen hatte. Er hatte gelächelt und ihr den Arm geboten. „Ja, Sie sollten sich hinlegen, später. Zuerst sollten Sie sich abkühlen. Die Bar ist der kühlste Ort hier im Hotel, vielleicht sogar in der ganzen Stadt. Und Sie sollten etwas trinken: Viel Wasser und einen kleinen Mokka, das wird Sie wieder auf die Füße bringen.“ Das alles klang recht vernünftig und so hatte sie nachgegeben.

Kurze Zeit später musste Rose zugeben, dass Pauls Methode gegen Unwohlsein und Schwäche genau das Richtige gewesen war. Bald schon unterhielten sie sich angeregt und als der Kellner fragte: „Champagner für die Dame?“ und Paul ihr auffordernd zunickte, sagte sie nicht nein. Genauso wenig lehnte er es ab, als sie ihn zwei Stunden später, ermutigt durch noch mehr Champagner, fast unverschämt fragte: „Wollen Sie tanzen?“ Er wollte, und sie wollte, und so verbrachten sie die Nacht unter den wachsamen Augen der Kellner in der verlockenden Kühle der Hotelbar.

Acht Monate später genossen sie eher eine klassische Kühle in einer Kirche im englischen Coventry. Aus Rose Miller wurde Rose McMurphy, und Paul an ihrer Seite sah besser aus denn je. Roses Vater führte sie in die Kirche und übergab sie seinem zukünftigen Schwiegersohn, nicht ohne diesen leicht drohend anzusehen. Die Mutter weinte, eine Cousine spielte Cello und es regnete. Alles was genauso, wie es sein musste, wenn eine englische Rose wachsen und gedeihen sollte.

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