Der Pakt mit dem Teufel

Es war einmal eine alte Witwe, die in einem kleinen Haus in einem Dorf lebte. Ihr Mann Friedrich starb vor vielen Jahren, ihre drei Kinder zog sie allein groß und machte aus ihnen gute, anständige Menschen. Inzwischen erfreute sie sich an einer Schar von Enkeln und sogar einigen Urenkeln. Sie war nicht einsam, doch auch nach dieser langen Zeit vermisste sie ihren Mann noch schmerzlich. Und sie spürte die Last des Alters, denn sie war gebrechlich, konnte nur noch langsam laufen und hatte oftmals ein Reißen im Rücken. Sie wusste, ihre Zeit zu gehen war gekommen.

Und so war sie auch weder ängstlich noch erstaunt, als sie eines Tages, als sie auf der Bank vor ihrem Haus saß, den Tod die Straße hinunterkommen sah. „Kommst du zu mir, Schnitter?“, fragte sie, doch er schüttelte den Kopf. „Heute noch nicht, Mütterchen. Aber es wäre gut, wenn du deine Angelegenheiten schon einmal ordnen würdest.“ Sie nickte und ließ ihn ziehen.

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Am nächsten Tag überprüfte sie also ihr Testament, schrieb an jeden ihrer Lieben einen kleinen Brief und putzte noch einmal durch das Haus. Als sie mit allem fertig war, war es dunkel geworden und sie setzte sich wieder draußen auf ihren Lieblingsplatz, um noch einmal das sanfte Mondlicht und den Sternenhimmel zu genießen. Wieder sah sie eine Gestalt die Straße hinunterkommen.

„Er kommt mich holen“, dachte sie, griff nach ihrer Handtasche und sah dem Ankömmling entspannt entgegen. Doch es war nicht der Tod, der um die Ecke kam. Es war ein gutaussehender junger Mann, der sie ein wenig an ihren Friedrich erinnerte – die Gestalt, die Haare und die Farbe der Augen waren den seinen ähnlich. Und doch sah er ganz anders aus. Denn ihm fehlte die Wärme in den Augen, das Spitzbübische im Blick und die freundliche Erscheinung. „Wer bist du?“, fragte sie also und der Fremde lächelte. Dieses Lächeln veränderte sein Aussehen und er wirkte auf einmal sympathisch auf die alte Frau. „Ich bin ein Engel und ich brauche deine Hilfe.“ Ein Engel also. Die Alte hatte noch nie einen gesehen und blickte ihn neugierig an. „Ach so? Ja, wenn das so ist, gerne. Was kann ich denn für dich tun?“ Der Engel lächelte noch einmal und ihr wurde es ganz warm ums Herz. „Es ist ganz einfach: Es fehlt uns an Nachwuchs. Wie überall, ist es schwierig, geeignete junge Leute zu finden. Und dabei werden Engel so dringend gebraucht.“ Die Witwe nickte nachdenklich. Ja, Engel waren wirklich oft vonnöten, es wäre gut, mehr von ihnen zu haben. „Ja, aber wie kann ich da helfen?“, fragte sie deshalb und der hübsche junge Mann erklärte es ihr. „Wir brauchen Kinder dafür. Ich habe gehört, dass der Schnitter bei dir war. Er wird dich am Sonntag holen, sagt man. Sorge dafür, dass er mir ein paar Kinder mitbringt. Das geht ganz einfach, ich zeige dir, wie das geht.“ Die alte Frau war geschockt. Der Tod sollte Kinder mitbringen, junge, gesunde kleine Menschen, die das Leben noch vor sich hatten? Ihre Enkel und Urenkel vielleicht? Das konnte sie doch nicht wollen!

Doch der Mann beruhigte sie sogleich. „Nein, natürlich sollst du deine Liebsten nicht dem Tod mitgeben. Aber es gibt Kinder, die sind nicht so gesund und wohlgestaltet wie deine, für sie wäre es doch großartig, ein Engel zu werden. Die Kleine vom Bäcker, die mit dem schiefen Blick. Oder der verrückte Junge, der immer laut singend über den Marktplatz läuft. Oder der Freche vom Schmied, der immer allen nur Ärger macht. Für solche Kinder wäre eine Karriere als Engel etwas wirklich Gutes!“ Die Alte war nicht überzeugt. Warum sollte sie das tun? Und wie sollte sie das anstellen? Der junge Mann erklärte es ihr. „Hier habe ich ein paar kleine Knöchelchen. Die steckst du einfach einigen Kindern in die Tasche – niemand wird das bemerken. Und du musst es natürlich auch nicht umsonst tun, du bekommst eine Belohnung!“ „Eine Belohnung? Was soll ich mir denn noch wünschen?“ Wieder erschien das warme Lächeln auf dem kalten Gesicht. „Nun, es ist so, dass der Schnitter dir deine Schmerzen nimmt, wenn er dich in den Himmel führt. Aber deine Jugend kann er dir nicht zurückbringen. Du wirst also auf deinen schönen Mann treffen, Friedrich, der noch immer 28 Jahre alt ist. Und du bist 85. Wenn du mir aber hilfst, wirst du für immer 25 sein und ihr beiden könnt all das nachholen, was ihr in den letzten 60 Jahren versäumt habt. Und wer weiß …“, der Mann kam ganz nah an ihr Gesicht heran, „vielleicht kannst du dich ja doch dazu entschließen, eines deiner Enkel mitzunehmen. Dieses Mädchen vielleicht mit den langen blonden Zöpfen. Dann könntest du ihr ihren Großvater vorstellen, und ihr wäret wieder eine Familie.“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, drückte der junge Mann der alten Witwe ein kleines Säckchen in die Hand und verschwand so ruhig, wie er gekommen war. Sie sah ihm lange nach. Dann schaute sie in das Säckchen. Fünf kleine, braune Knochen lagen darin. Sie sahen unscheinbar aus, stanken aber zum Himmel. „Schwefel“, dachte sie und verschloss das Säckchen wieder.

In der Nacht konnte sie nicht schlafen und auch am nächsten Tag war sie sehr unruhig. Sie wollte jung sein, wenn sie Friedrich wiedertraf, jung und schön wie vor 60 Jahren. Sie ging durch das Dorf und sah die Kinder spielen. Sie sah die Hübschen und Klugen, aber auch zwei, die nicht gesund waren und einige, die frech und unerzogen waren. Eine Plage, dachte sie. Dann fasste sie einen Entschluss, ging noch kurz zum Metzger und zum Bäcker und dann nach Hause.

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Am Nachmittag kam ihre Lieblingsenkelin zu Besuch. Es war das Mädchen mit den blonden Zöpfen, ein liebes und folgsames Kind. Ihr zeigte sie eine große Schüssel: „Sie her, Lisa, dort habe ich etwas angerührt. Es ist Wurst und Brot vermischt mit Rattengift. Wir haben so eine Rattenplage rund ums Dorf. Bitte geh und stopfe mit diesem Löffel etwas von dem Gift in jedes Rattenloch, das du findest. Fass es nicht mit den Händen an, hörst du, und verbrenne die Schüssel und den Löffel, sobald du fertig bist.“ Das Mädchen tat, wie ihm geheißen wurde und verteilte die Masse sorgfältig im ganzen Dorf und im Wald. Danach warf es die hölzerne Schüssel und den Löffel beim Schmied ins Feuer, auch wenn der sie dafür schalt. Währenddessen versenkte ihre Großmutter den Mörser, in dem sie die Gabe des jungen Mannes zermahlen hatte, den Stößel und das Beutelchen, in dem sie die Knochen erhalten hatte, im tiefsten Teich im Dorf, wo ein paar Karpfen sogleich neugierig daran herumknabberten.

Die ihr verbleibenden Tage nutzte die alte Frau, um sich von ihrer Familie zu verabschieden. Sie verteilte ihren wenigen Schmuck, verschenkte alles, was noch jemand gebrauchen konnte, ging am Sonntagmorgen noch einmal in die Kirche und wartete am Abend auf der Bank sitzend auf den Tod. Der kam kurz vor Mitternacht. „Bist du fertig?“, fragte er, und sie nickte nur. „Hast du alles so erledigt, wie du es für richtig hältst?“, fragte er und sie nickte wieder. „Dann komm.“

Gemeinsam gingen sie ein Stück durch die Wiese, in der die ersten Nebel der Nacht waberten. Vor ihnen erschien eine Treppe. „Da hoch?“, fragte sie und wirkte auf einmal mutlos. „Ja, komm nur. Ich helfe dir, es geht ganz einfach.“ Und tatsächlich nahm er ihre Hand und führte sie. Leicht stieg sie nach oben. Trotzdem fragte sie noch einmal nach: „Man sagte mir, du kämest mit einem Boot?“ Er nickte bestätigend. „Ja, das tue ich oft auch. Aber heute habe ich es an einen Kollegen verliehen. Der Teufel bat darum. Er meinte, heute hätte er eine große Fuhre abzuholen. Sieh, dort unten ist er, mit dem Boot. Aber was macht er denn?“ Die Alte blickte in die Richtung, in die der Tod zeigte. Auf einem silbrig glänzenden Fluss sah sie den jungen Mann, der ihr die Knöchelchen gegeben hatte. Er kämpfte mit einem Kahn, der schwer beladen war und umzukippen drohte. „Was hat er denn da alles drauf?“, wunderte sich der Tod. „Das sieht mir nicht nach fünf Menschen aus.“ Die Alte lächelte etwas wehmütig. „Nun, es werden ein paar tausend verärgerte Ratten sein“, vermutete sie. In dem Moment sahen sie, wie drei dicke Karpfen auf das Boot sprangen. Einer traf den Teufel direkt mit dem Bauch im Gesicht und das Schimpfen, dass der Unterweltler ausstieß, klang hinauf bis zur Treppe. Immer mehr dicke, glibberige Fische sprangen auf das Boot und brachten es zum Kentern. Der Tod lachte, als hätte er noch nie zuvor etwas so Lustiges gesehen. „Wer auch immer das gemacht hat, hat es gut gemacht!“, prustete er und die alte Witwe war getröstet. Sie würde nicht jung und schön sein, wenn sie ihren Friedrich wiedertraf, aber sie würde für alle Zeit ein reines Gewissen haben.

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