Nicht mein Körper

Mal wieder so ein Schreibworkshops-Ding: Wir sollten uns vorstellen, ein anderer zu sein. Zum Glück war es dieses Mal wenigstens ein Mensch, kein Huhn. Wieso mir dieser Kerl als erstes einfiel, weiß ich gar nicht – aber es hätte viel schlimmer kommen können.

Nicht mein Körper

Basketball auf Korb

Bild zur Verfügung gestellt von KeithJJ, http://www.pixabay.de

Mühsam werde ich wach. Es fällt mir schwer, nach dieser Nacht die Augen richtig aufzukriegen. Ganz verklebt sind sie, immer wieder fallen sie zu und ich nicke wieder ein. Die Nacht war unruhig ich habe unglaublich wirres Zeug geträumt. Mein Astral-Körper war wahrscheinlich in der ganzen Stadt unterwegs, vom Flughafen bis zum Eisernen Steg kam alles mal vor.

Es nützt nichts, ich muss mal. Mühsam rapple ich mich hoch, bleibe mit krummem Buckel auf der Bettkante hocken. Mein Blick fällt auf meine Füße – komische Latschen habe ich. Früher kamen mir die nie so groß vor. Los jetzt, hoch, das Bad ruft.

Ich trete aus dem Schlafzimmer hinaus auf dem Flur. Das ist nicht mein Flur. Meine Wohnung ist weiß gefliest, hier gibt es dunkles Parkett. Und in einer Ecke stehen mindestens sechs Paar Sportschuhe. Richtige Sportschuhe, die aussehen, als würden sie auch benutzt. Also zum Sport, meine ich. Ohne Zweifel, ich bin hier falsch. Ich versuche, den gestrigen Abend zu rekapitulieren – wie bin ich nur in diese Wohnung geraten? Gesoffen habe ich nicht, zumindest nichts Verwerfliches. Ferngesehen habe ich, „Das große Backen“ auf Sat 1, und dann bin ich ins Bett gegangen. Ob ich schlafgewandelt bin?

Ich gehe nachdenklich durch den Flur. Durch mein müdes Gehirn zuckt ein merkwürdiger Gedanke: Egal, wo das Klo hier ist, ich werde mich nicht hinsetzen. Ich wollte schon immer mal im Stehen pinkeln. Warum habe ich das nur noch nie gemacht?

Ich finde die Badezimmertür und will eintreten, doch irgendwas mache ich falsch: Mit einem „Rumms“ donnert meine Stirn an den Türrahmen. Was ist denn das für eine Tür, ist die für Zwerge gemacht?

Ich reibe mir die Stirn und krieche halb ins Badezimmer. Das immerhin ist schön groß, es gefällt mir. Mein Blick fällt in den Spiegel und schlagartig begreife ich, dass ich nicht ich bin. Ich bin ein Kerl, lang und dünn, mit kantigen Gesichtszügen. Das heißt, das ist mein Körper, oder besser nicht mein Körper. Meine Seele oder mein Geist oder was es auch immer ist, was mich ausmacht, es steckt in diesem langen Lulatsch, der mir etwas blöde aus dem Spiegel entgegenglotzt. Vor der Stirn glänzt eine riesige Beule und er nickt mir zu. „Hallo Dirk“, begrüße ich den Mann, der meinen Geist in sich trägt und noch immer auf’s Klo muss. Durch die Erledigung des dringenden Geschäfts versuche ich, meine Gedanken zu ordnen. Ich piesiliere jetzt übrigens doch im Sitzen, denn im Stehen wäre mir das zu intim. Ich fasse keinem fremden Mann in den Schritt. Aber ich wasche ihn, den fremden Mann, unter einer hohen Dusche mit dem Duschgel, das auf der Ablage steht. Riecht gut, finde ich. Er hat einen guten Geschmack.

Nach dem Duschen schlendere ich durch die Wohnung, sehe mir alles an. Ich finde einen Basketball – ob ich mit dem wohl was treffe? Tatsächlich, ich treffe – die Vase sollte ich wohl ersetzen. Den Ball nehme ich mit ins Schlafzimmer, wo ich mich wieder hinlege. Ich rolle den Ball auf meinem flachen Bauch herum, während ich versuche, wieder einzuschlafen. Irgendwie muss ich hier ja wieder rauskommen, aus dieser Wohnung und diesem Körper. In wachem Zustand wird das nichts. Ob Dirk Nowitzky jetzt wohl in meinem Körper steckt? Na, der wird sich wundern. Hoffentlich mag er mein Duschgel, und hoffentlich pinkelt er nicht im Stehen.

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