Klein sein – Freiheit

„Abendrot gift Water in’n Sod!“ Diese Bauernregel brachte mein Vater jedes Mal an, wenn wir im Sommer über der Weide hinter unserem Haus einen besonders schönen Sonnenuntergang sahen. Schon mit etwa sieben Jahren wusste ich, dass mein Vater diese alten Weisheiten liebte und dass sie manchmal sogar zutrafen. Sie gehörten zu ihm wie sein Fleiß, das laute Lachen, seine Pfeife, die großen Hände und sein Talent als Handwerker.

Mit Papa am Sandkasten

Mein Vater war ein gelernter Schmied. Auch wenn er später als Lokführer unser Brot verdiente, hat er sich die Leidenschaft für das Bearbeiten von Metall doch stets bewahrt. Unseren Garten hatte er so in ein wahres Kinderparadies verwandelt, mit Klettergerüst und Rutsche, Schaukel und Turnstange, Wippe und Sandkasten. Für die Großen gab es auch etwas: Eine Bank und eine große, breite Hollywoodschaukel mit Verdeck. In unserem Garten konnte man also spielen, schaukeln, klettern oder einfach nur müßig herumhängen.

Ich liebte es, dort draußen zu sein. Mal mit der ganzen Meute der Nachbarskinder, aber genauso gerne alleine. Stundenlang konnte ich oben auf dem bunten Klettergerüst sitzen, den Kühen beim Grasen zusehen und meine Gedanken ziehen lassen. Oder ich schaukelte – auf und ab, auf und ab. Die monotone Bewegung beflügelte meine Fantasie und ich war ganz woanders. Stundenlang hielt ich es auf der Schaukel mit den quietschenden Ketten aus – dass davon keiner verrückt geworden ist, ist eigentlich ein Wunder.

Mutter und Tochter auf der Rutsche – man beachte die Strümpfe!

Wenn ich zurückdenke an meine Kindheit und Jugend, waren die ersten Grundschuljahre eigentlich die allerbeste Zeit. Ständig lernte man etwas Neues und erschloss sich lesend ganze Welten. Die Schule war leicht, fraß nicht zu viel Zeit und störte nicht. Man war schon selbständig genug, um mit den Freunden auf Erkundung zu gehen – und bei uns gab es so viel zu entdecken! Man hatte noch lange nicht alle Abenteuer erlebt und das Leben war aufregend.

Unsere Eltern ließen uns laufen – das war wohl das Wichtigste. Freiheit, Spaß und Abenteuer – wenn ich das nochmal bekommen könnte, würde ich es nehmen. Und eine große, quietschende Schaukel noch dazu.

Wippend mit der Cousine. Im Hintergrund die Baustelle für die „Bude“

12 Kommentare zu “Klein sein – Freiheit

  1. Hach ja….früher war mehr Lametta. Im wahrsten Sinne des Wortes. Wobei: ich erinnere mich am liebsten an meine 30er. Das war für mich der entspannteste Teil.
    Unabhängig, noch jung und knackig, neugierig, offen, selbstständig und frisch verliebt. Herrlich.

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  2. Gegen die quietschende Schaukel half ein Stückchen Schwarte , dünn vom Schinken abgeschnitten. Da war noch genug Fett dran, um dem Quietschen abzuhelfen.
    Und… den Spruch kenne ich nicht und was ein Sod ist, natürlich auch nicht. Hab mal nachgeschaut und als Bedeutung Brunnen gefunden. Macht ja Sinn. (Und die Bedeutung von „Bad Soden“ ist mir jetzt auch klar.) Im Braunschweigischen war ein Brunnen lediglich ein Brunnen.
    Ähnlich wie deines Vaters Spruch klang bei uns „Trocken Brot macht Wangen rot“. Hat bei mir aber auch nicht geholfen.

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  3. Das erinnert mich an meine Kindheit. Die Schaukel im Garten hab ich geliebt, konnte stundenlang schaukeln. Und mit Freunden draußen sein, stundenlang, tagelang, sommerferienlang… unbeobachtet von Erwachsenen.
    Das wollte ich für meine Kinder auch gerne, klappt nicht mehr. Zu wenige Kinder in der Nähe, die auch „freigelassen“ wurden.
    Aber zumindest die Schaukel im Garten haben sie.

    Übrigens heißt der Spruch bei uns: Morgenrot – schlecht Wetter droht. Abendrot – schön Wetter droht.

    LG von TAC

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