Sibylle Teil 1

Es gibt mal etwas Neues hier im Blog: eine Art Mehrteiler. Entstanden ist das Ganze mal wieder in einem Schreibworkshop, der sich schwerpunktmäßig mit der Figurenentwicklung beschäftigt hat. Um unsere Figur kennenzulernen, bekamen wir verschiedenen Aufgaben, die wir erfüllen sollten, ohne dabei „unsere“ Figur aus dem Blick zu verlieren. Das war unerwartet spannend.

Meine Figur heißt, wie man unschwer erkennen kann, Sibylle. Ich gestehe ehrlich, dass ich diesen Namen gar nicht leiden mag, und genauso ging es mir am Anfang mit meiner Figur. Doch sobald ich verstanden hatte, was eigentlich mit ihr los ist, änderte sich das ein wenig. Sympathisch ist sie mir nicht geworden, aber ich kann jetzt ein bisschen Verständnis für sie aufbringen.

Die erste Aufgabe hieß: Schreibe einen Dialog, in dem deine Figur sich mit der/dem Geliebten des Partners trifft.

Du kannst ihn haben!

Wirklich, Frau Petersen, ich habe mir das nicht ausgesucht. Ich habe das so nicht gewollt. Ich wollte Sie nicht verletzen!

Das hättest du dir vorher überlegen müssen. Bevor du dich mit einem verheirateten Mann eingelassen hast.

Aber ich wusste doch gar nicht, dass er verheiratet ist.

Das hättest du dir doch denken können. Ein Mann um die 50, in seiner Position und mit seinem guten Aussehen – der bleibt doch nicht alleine sitzen.

Aber ich wusste es wirklich nicht, zumindest nicht am Anfang. Er hätte doch auch geschieden sein können. Oder einfach Junggeselle.

Papperlapapp. Männer wie er sind keine Junggesellen – niemals! Und das ist auch ganz egal. Du hättest die Sache beenden müssen, als es dir klar wurde. Ein Familienvater – wie skrupellos kann man nur sein!

Wie gesagt, ich habe es mit nicht ausgesucht. Es ist einfach passiert.

Eine lahme Entschuldigung! Du solltest dich schämen! Sowas Niveauloses!

Naja, so wie sie mich jetzt schon wieder beschimpfen, ist das aber auch nicht sehr niveauvoll.

Werd‘ nicht frech. Ich habe mich nicht wie ein Flittchen aufgeführt. Aber es ist auch egal – du kannst ihn gerne haben.

Wie meinen Sie das?

Was, das Flittchen oder dass du ihn haben kannst?

Letzteres.

Ganz einfach: Ich will ihn nicht mehr. Du kannst ihn haben. Mit allem, was dazugehört – mit seinen Macken, dem Geschnarche, den schmutzigen Socken und zu bügelnden Hemden.

Was habe ich denn mit Roberts Socken zu tun?

Ja, denkst du, ich wasche weiterhin für ihn, wenn er mit dir ins Bett geht?

Ich habe nicht vor, für ihn zu waschen – wie kommen Sie denn auf die Idee? Ich habe auch nicht vor, Hausfrau zu werden. Sollten wir jemals zusammenziehen, muss jeder seinen Teil vom Haushalt machen. Sonst funktioniert das nicht.

Ha, da kennst du Robert schlecht! Der rührt keinen Finger im Haushalt. Du glaubst nicht ernsthaft, dass der sich ändern wird, nur weil er eine junge Geliebte um sich herum hat.

Das wird er müssen. Anders wird das nichts.

Ach, bist du naiv.

Kann sein. Aber lieber naiv als resigniert.

Wart’s nur ab. Warte, bis du zuhause sitzt, während dein Süßer mit Geschäftspartnern essen geht. Warte, bis du die ganze Woche allein sitzt, während er auf Reisen geht. Du wirst schon sehen, wie schnell man da resigniert.

Sie hätten ihn ja mal begleiten können. Ich habe gehört, dass Sie von Anfang an nie dabei waren.

Ha, ihn begleiten. Und wer wäre bei den Kindern geblieben?

Die Kinder sind 19 und 22 – oder bin ich da falsch informiert?

Ja. Das waren sie aber nicht immer. Und überhaupt, willst du mir dumm kommen?

Das ist nicht meine Absicht. Ich denke nur, dass es nicht allein meine Schuld ist, wenn Ihre Ehe am Boden ist.

Was soll das heißen?

Naja, das, was ich sage. Es ist nie einer alleine schuld. In diesem Fall haben wir wohl drei Beteiligte, und ihr Teil ist keineswegs kleiner als meiner. Ein bisschen mehr Frau und weniger Hausfrau hätte sicherlich geholfen.

Du hast ja keine Ahnung!

Kann sein. Aber dafür habe ich jetzt Ihren Mann.

2 Kommentare zu “Sibylle Teil 1

  1. Es gefällt mir dass du mehr aus der Situation gemacht hast als wüste Beschimpfung und Zickenkrieg! Ich denke Sibylle hat Potential, vor allem wenn sie jetzt Robert los ist und vielleicht anfängt sich ausprobieren, wobei vielleicht verrückte Dinge passieren können und ihre harte Weltsicht vielleicht ein bisschen ins Wanken gerät.

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