Die kleine Wolke

Im Schreibworkshop bekommen wir zur Inspiration immer mal wieder irgendwelche Bilder, die wir als Grundlage für unsere Mini-Geschichten benutzen sollen. Dieses Mal war es ein dunkles Bild mit Wasser, einem kleinen Boot und einer dicken Regenwolke. Na, da lässt sich doch was draus machen – denn auch Wolken haben Gefühle!

Leider habe ich das Original-Gemälde nicht mehr wiedergefunden, so dass es dieses Mal ein Ersatzbild tun muss.

Die kleine Wolke

Endlich, endlich, endlich, dachte die kleine Wolke, während sie eifrig Tropfen um Tropfen aus der schwülen Sommerluft zog. Endlich durfte sie auch einmal regnen. „Schönwetter“, hatte ihr Arbeitsplan geheißen, die vollen zwei Wochen schon, in denen sie hier bislang angestellt war. „Schönwetter“, das hieß, dass sie dazu verdammt gewesen war, als albernes schneeweißes Schäfchenwölkchen über einen knallblauen Himmel zu schweben. „Schäfchenwölkchen“, schon diese doppelte Verniedlichung ließ ahnen, wie demütigend dieser Job für jemanden wie sie war. Schließlich war sie eine voll ausgebildete Wolke, hatte eine Zusatzqualifikation als Unwetterwolke, war geübt im Gewittern und konnte sich drohend verdunkeln bis hin zu stahlgrau mit schwefelgelbem Einschlag. Und dann sowas: Schönwetter!

Bild zur Verfügung gestellt von Pixabay

Jetzt jedoch hatte diese Narretei ein Ende. Die Parole „Hitzegewitter“ war ausgegeben worden und gierig hatte die kleine Wolke alles Nasse zusammengerafft, das sie greifen konnte. „Wenn du nicht bald anfängst zu tröpfeln, wirst du platzen“, meinte Heidelinde, eine dicke, träge Wolke mit Hang zum ausuferndem Kumulus. Die kleine Wolke hatte darüber nur gelächelt: Sie war ja noch jung und dicht, ihr Schließmuskel funktionierte einwandfrei. Und sie hatte Lust auf ein bisschen Spaß.

Dann endlich sah sie ihre Chance kommen: Ein kleines Boot auf einem Teich, mit ein paar Sommerfrischlern darin. Zwei Männer, zwei Frauen. Die Männer ruderten hastig. Ohne Zweifel, sie hofften, dass sie es noch vor dem drohenden Wolkenbruch bis ans Ufer schaffen würden. Doch die kleine Wolke dachte gar nicht daran, sie entkommen zu lassen. „Sommerfrischler“, schon allein dieser Begriff schrie doch nach einer Erfrischung. Sie lachte, als sie die Schleusen öffnete. Platsch! machte es – alles auf ein Mal. In jugendlichem Ungestüm hatte die kleine Wolke das Boot zum Kentern gebracht, seine Insassen paddelten aufgeregt schreiend herum. Und das, musste die kleine Wolke zugeben, war ihr doch ein wenig peinlich.

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