Krähen-Lisa

Mal wieder eine kleine Geschichte aus dem Schreibworkshop: Als Inspiration gab es ein Foto mit vielen schwarzen Vögeln – die Art konnte ich gar nicht sicher erkennen. Ich beschloss einfach, Krähen zu sehen. Als ich mein Geschichtchen vorgelesen hatte, stellte Reiner, einer meiner Mitschreibenden fest, dass sie ihn an die U-Bahn-Haltestelle Kalbach erinnere. Und da hatte er auch Recht: Genau daran hatte ich gedacht. Da habe ich nämlich zu bestimmten Zeiten auch immer Angst, vollgeschissen zu werden. Wahrscheinlich ist es gerade mal wieder soweit.

Krähen-Lisa

Elisabeth hörte die Krähen, bevor sie sie sah. Dieses typische, unmelodische Geschrei würde sie niemals vergessen. Im Grunde hatte sie gar nichts gegen die Vögel. Sie wusste, dass diese intelligente Tiere mit einer gewissen Würde waren. Und doch lösten die rauen Schreie in ihr nur ungute Erinnerungen aus.

Nebelkrähen auf Usedom – eigentlich ganz aparte Vögel

Viele Jahre hatte sie damals mit ihrer Mutter in einer alten, baufälligen Baracke gewohnt. Im Winter zog es durch alle Ritzen, und derer gab es viele. Im Sommer wurde es warm und der Garten, wenn man das matschige Stück Land rund ums Haus denn so nennen wollte, war monatelang nicht zu nutzen. Denn rings um das alte Haus standen noch ältere Bäume, und auf diesen nisteten hunderte der schwarzen Vögel. In den Brutmonaten war der Lärm kaum auszuhalten, der Boden war bedeckt mit Kot. Mehr als einmal wurde Elisabeth auf dem Weg zur Schule von einem der dunklen, warm-stinkigen Batzen getroffen. Krähen-Lisa nannten die anderen Kinder sie, oder auch die Lisa aus dem Hexenhaus.

Sie dachte ungern an diese Zeit zurück. Das feuchte, schimmelige Klima in der Baracke hatte ihre Mutter krank und sie mit 11 zur Waise werden lassen. „Gestorben an Armut“, hatte der Pfarrer es in seiner Beerdigungsrede genannt und dafür gesorgt, dass Lisa nicht mehr eine Nacht in dem furchtbaren Gemäuer unter den Krähenbäumen verbringen musste.

Zwar hatte sie es danach bei einer Tante recht gut gehabt und ihren Weg gemacht, doch die Vielzahl der Vögel, die sie jetzt über der Wiese kreisen sah, brachte die Erinnerung wieder hoch und ließ sie noch immer, über sechzig Jahre später, schwer schlucken. Sie hatte eine unglückliche Kindheit gehabt, und auch wenn diese Vögel nicht daran schuld waren, spürte sie doch so etwas wie Hass auf die schwarzen Kreaturen. Hätte sie ein Schrotgewehr gehabt, sie hätte wohl damit geschossen – nur, damit Ruhe gewesen und die Vögel davongeflogen wären. Und mit ihnen die Erinnerungen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s