Weihnachten mit Theo

Im Schreibworkshop hatten wir eine lustige Aufgabe: Jeder bekam einen Geruch, eine Farbe und einen Charakter zugeteilt. Ich bekam Zimt, Petrolblau und sowie Theo, 35, Arzt.

Nun, Zimt ist ja etwas Weihnachtliches und so kann ich das heute gute gebrauchen …

 

Weihnachten mit Theo

Eigentlich ging Weihnachten ihm auf die Nerven. Überall der süßliche Geruch nach Zimt und Vanille, „Last Christmas“ bis zum Erbrechen und das schon wochenlang in der Vorweihnachtszeit. Wenn es dann richtig ernst wurde, Verwandtenbesuche: mal bei seinen Eltern, dann wieder bei Tate Alma. Und egal, wo man sich aufhielt, hörte man die schrille Stimme von Großtante Dolly: „Ach mein Junge, wie müde du doch aussiehst! Musst du wirklich so viel arbeiten da in dieser schrecklichen Klinik? Kein Wunder, dass du keine Frau findest! Mach‘ dich doch selbständig, Junge, Urologen werden doch so gesucht!“ Und dann ging es weiter, die alten Geschichten wurden erzählt und Vetter Albert zeigte Fotos von Haus, Pferd, Auto und neuer Freundin. Er hatte jedes Jahr ein neues Auto und eine neue Freundin.

Dieses Jahr war jedoch etwas anders: Statt nach Zimt roch es nach säuerlichem Ananas-Punsch und Albert hatte nicht nur ein Foto seiner neuesten Perle dabei, sondern konnte seine Neuerwerbung tatsächlich live und in Farbe zeigen: Eine aparte Rothaarige in einem schmal geschnittenen petrolfarbenen Kleid, die sich als Martina vorstellte, eine angenehme Stimme hatte und ganz bezaubernd lächelte. Albert benahm sich wie ein Gockel, nahm den Mund voll wie immer und gab an wie ein Sack Flöhe, was Martina sichtbar peinlich war. ‚Die jage ich ihm ab‘, dachte Theo, trank sich mit Ananas-Punsch etwas Mut an und brachte sich dann unauffällig in Stellung.

„Hallo, ich bin Theo“, konnte er gerade noch sagen, bevor seine Mutter dazwischen grätschte. „Mein Sohn ist Urologe“, hörte er sie sagen, „er hat über die Entstehung von Blasensteinen promoviert.“ Theo stöhnte innerlich, bemühte sich aber um ein Lächeln. „Ach das“, sagte er, „das ist ja schon ein paar Jahre her. Inzwischen beschäftigen mich andere Themen.“

Tante Dolly kam angesegelt. Sie hielt in der einen Hand ihren Gehstock und in der anderen eine voluminöse Handtasche, die sie Theo nun in die Hand drückte. „Halt mal, mein Junge!“ Sie nahm sich mit der nun freien Hand ein Glas Sekt vom Tisch und Theo kam sich mit der bestickten Tasche in der Hand vor wie ein Trottel. „Gobelinstickerei“, hörte er Albert sagen, der herangekommen war und auf das Katzenmotiv der Tasche wies. „Ja“, antwortete Theo tonlos. Dann versuchte er es noch einmal mit einem Gespräch mit Martina.

„Und?“, fragte er, „magst du Weihnachten?“ Sie nickte, kam aber nicht zum Antworten. Tante Dolly, die sich die Kuchenkrümel mit Sekt aus den falschen Zähnen gegurgelt hatte, war wieder gesprächsbereit. „Lass dich mal anschauen, Junge, ich habe dich ja so lange nicht gesehen! Stattlich bist du geworden, sehr stattlich – besonders von der Seite!“ Sie drehte ihn ein wenig und betrachtete kopfschüttelnd seinen kleinen Bauch, gerade so, als habe der die Ausmaße eines großen Medizinballes. Vetter Albert lachte hämisch, die Schöne an seiner Seite wirkte mitleidig und Theos Mutter sprang ihm zur Seite: „Er bewegt sich halt zu wenig, der arme Junge!“

Der arme Junge gab das Vorhaben auf, seinem Vetter die Frau auszuspannen, stellte die alberne Handtasche ab und bemühte sich um einen geordneten Rückzug. Den Rest des Tages verbrachte er neben dem Ananas-Punsch und den nächsten Tag fast komplett im Bad. Theo hasste Weihnachten!

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