Lobrede auf ein Gemüse

Heute habe ich einen ruhigen Sonntag – und zwar ganz ruhig. Da ich gestern Besuch hatte, ist alles noch schön aufgeräumt und ich musste nicht mal kochen. Es hat nämlich noch allerhand Reste im Kühlschrank. Und während ich gerade Diverses davon verzehrte, fiel mir ein, dass dieses eine, besondere Gemüse irgendwie unterschätzt und literarisch viel zu wenig beachtet ist: die Zwiebel.

Es ist doch so: Wenn man eine Zwiebel da hat, ist am Essen schon mal Geschmack. Egal, ob Eintopf, Soße oder Dip – eine Zwiebel ist eine prima Grundlage für alles Mögliche. Brät man eine Zwiebel an, riecht es in der Küche so wunderbar, als hätte man beim Kochen schon wahre Meisterwerke vollbracht. Der Salat bekommt eine leichte Schärfe, der Eintopf wird würziger und sogar gegen Husten und Ohrenschmerzen hilft dieses vegetabile Wunder. Als Kinder ließen wir Zwiebeln wachsen, das war eine Unterrichtseinheit im Sachkundeunterricht. Mein Neffe hat das auch noch gemacht – die Zwiebel ist also auch für pädagogische Zwecke vortrefflichst geeignet.

Trotz all dieser offensichtlichen Vorteile gibt es natürlich Leute, die Zwiebeln aus dem einen oder anderen Grunde ablehnen: Weil man beim Schneiden weinen muss (was tatsächlich lästig sein kann), weil der Geruch gerne hängen bleibt oder weil man glaubt, den Geschmack nicht zu mögen. Nun, das sei jedem unbenommen, interessant sind aber die Fälle von Leuten, die Zwiebeln lieben, solange sie nicht wissen, dass sie da sind. So wie eine meiner liebsten Urlaubsbegleiterinnen, mit der ich vor Jahren unterwegs war. Wir hatten eine Ferienwohnung und da die Küche nicht rollstuhlgerecht war, übernahm ich das Kochen. Kerstin mampfte jeden Abend mit Genuss, sie lobte und hudelte meine einfachen Gerichte. Am letzten Abend jedoch sah sie mich eine Zwiebel schneiden: „Nein, bloß keine Zwiebel – Zwiebeln ess‘ ich nicht.“ Mir blieb nur, ein verblüfftes „Ach was?“ abzusetzen und weiterzuschnippeln. Sie hatte die ganze Woche Zwiebel gegessen und tat es auch an diesem Abend wieder.

Gestern und heute gab es also auch bei mir Zwiebeln – verarbeitet in einigen Dips. Wir essen nämlich bei unseren Spiel- und Filmtreffen immer total vielseitig und gesund, es gibt Gemüsesticks, Laugengebäck, manchmal Würstchen und immer Dips zum Eintunken. Ja, gut, Kuchen und Chips gibt’s auch, aber das läuft nicht unter Essen, sondern unter Knabberkram. Zum Essen gehörte bei mir dieses Mal ein Dip der Marke Eigenkreation, und dieser schmeckte, freundlich ausgedrückt, nach sehr wenig, bevor ich eine Zwiebel hineingab. Danach hatte die Paste tatsächlich Star-Qualitäten. Hier also, um diesem kleinen verzwiebelten Text noch ein wenig Mehrwert mitzugeben, das Rezept, frisch aus der Experimentierküche:

Schafskäse-Dip

  • ein Päckchen Schafskäse pürieren
  • ein Becher Créme fraîche reinmixen
  • eine dicke (rote) Zwiebel schnippeln und reinpürieren
  • ein winziger Rest Quark einrühren, wenn man hat (der musste weg)
  • einen Esslöffel Tomatenmark reinmixen
  • gehackte Walnüsse für den Crunch 😊

Zum Nachmachen empfohlen!

5 Kommentare zu “Lobrede auf ein Gemüse

  1. Großartige Ehrenrettung. Ich lese sie gerade, während in der Küche 1,2 kg Zwiebeln schmoren. Es duftet herrlich wie beschrieben. Stell Dir nur mal vor, was für ein Trauerspiel Weihnachten ohne Zwiebeln wäre. Hab ein schönes, fröhliches!

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