Im Verließ

Wo ich schon mal auf dem Grusel-Trip bin, hier gleich noch eine Miniatur, die letztes Frühjahr im Schreibworkshop bei der wunderbaren Barbara Brüning entstand:

 

Im Verließ

Seit Jahren schon quälte Sibylle der gleiche Albtraum: Sie war gefangen. Gefangen in einem Verließ tief unter der Erde. Nur eine kleine Kerze in einer staubigen Laterne spendete etwas Licht und gab den Blick frei auf die triste Umgebung: Ein schmaler Raum, nur etwa acht Quadratmeter groß, mit einem Strohsack, einem Eimer und einem Blechnapf, mehr gab es nicht zu sehen. Das Schlimmste aber war, dass Sibylle wusste, dass der Schlüssel zur Tür irgendwo in dieser kleinen Kammer sein musste. Die Tür ließ sich nur von innen öffnen, dass hatte der unheimliche Mann ihr gesagt, der sie hier hereingebracht hatte. Dieser Mann war Onkel Karl, auch wenn der schon lange tot war. Sibylle wusste, dass er tot war, aber nur, wenn sie selber wacht war. Jetzt im Moment schlief sie, und Onkel Karl lebte.

Brennende Kerze

Bild zur Verfügung gestellt von Robert Köhn, http://www.pixelio.de

Sie wusste, dass sie träumte. Sie wusste sogar, wie der Traum ausgehen würde: Verzweifelt würde sie sein, das war immer so. Erschöpft und verzweifelt von den vielen Versuchen, den Schlüssel zu finden. Unter dem Strohsack und im Stroh, im Eimer, der voller Fäkalien war und natürlich in den dunklen Ritzen der Wände. Da war kein Schlüssel, nirgends. Sie verausgabte sich bei den Versuchen, die Wände hochzuklettern, wühlte immer wieder im Strohsack. Am Morgen würden ihre Arme zerkratzt sein, weil das Stroh so stach und sie juckte. Ihre Hände würden auch zerkratzt sein, weil der Fäkalieneimer sie so ekelte. Und irgendwann, wenn die Kerze fast heruntergebrannt war, würde ihre Angst sich ins Unermessliche steigern. Erst wenn es in ihrem Traum dunkel wurde, wachte sie auf, schwitzend und zerkratzt, zum Umfallen müde.

Heute aber würde sie nicht so lange warten. Sie würde sich nicht an diesem Traum abarbeiten bis zur Erschöpfung. Sie hatte einen Plan, heute würde sie sich wehren. Nicht gegen Onkel Karl, gegen den konnte sie nichts ausrichten, aber gegen das, was danach kam. Sie würde den Schlüssel nicht suchen.

Kaum hatte die Tür sich hinter Sibylle geschlossen, nahm sie allen Mut zusammen. Sie eilte sie zur Laterne und blies die Kerze aus. Sie wurde wach. Es war vorbei.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s