Zwei alte Freunde

Zwei Freunde gingen auseinander im Streit. Viele Jahre später treffen sie sich wieder. Das war das Setting dieser Aufgabe aus dem Schreibworkshop. Auch für die beiden Charaktere bekamen wir eine Vorgabe: Jeder durfte aus einem Topf zwei Lego-Männles ziehen. Ich zog Markus und Thomas …

Zwei alte Freunde

Thomas konnte es kaum glauben: Vor ihm saß Markus, sein alter Schulfreund und Sandkastenkumpel. Es war etwas mehr geworden, besonders um die Mitte herum. Genau genommen war er beinahe so breit wie lang, trug aber immer noch die gleiche blonde Popper-Frisur wie damals. Und was das Unglaublichste war. Markus war verhaftet worden.

„Aus dir wird nie was!“, waren die letzten Worte gewesen, die Thomas damals von Markus zu hören bekommen hatte. Das war gleich nach dem Abitur gewesen. Der eine, Thomas, wollte zur Polizeischule gehen, der andere, Markus, Wirtschaftswissenschaften studieren. Und beide kämpften sie um Ulrike. Ulli, wie sie sie nannten, hatte sich für den bodenständigen Thomas entschieden und Markus nahm das beiden übel. So übel, dass er seinen Freund zum Abschied beschimpfte und sich dann nie mehr bei ihm meldete. Er antwortete nicht auf Briefe und legte bei Anrufen den Telefonhörer gleich wieder auf.

Und nun saß er hier vor Thomas, in Handschellen und mit verstocktem Gesicht. Es ging um Steuerhinterziehung und Geldwäsche, zum Glück nicht um Mord, auch wenn das Waschen von Drogengeldern dem eigentlich schon recht nahekam. Thomas war klar, dass er den Fall abgeben musste, er war befangen. Doch er wollte zumindest ein paar Worte mit Markus reden. „Aus dir wird nie was“, dieser Satz hatte lange in ihm nachgeklungen und schmerzte immer noch.

„Wie geht es dir?“, fragte er daher, nur um was zu sagen. „Ging schon besser“, nuschelte Markus. „Und du? Hast du Familie?“ Thomas nickte. „Ja, Frau, Sohn und Tochter.“ Markus guckte etwas verdrossen. „Ulli?“, fragte er nur und Thomas lächelte. „Ja, immer noch Ulli. Letztes Jahr hatten wir Silberhochzeit.“ Markus starrte vor sich hin auf den graubraunen Schreibtisch. Sein Blick wirkte trübe. Er säuft, dachte Thomas und spürte so etwas wie Bedauern.

„Haste’n Foto?“, hörte er endlich die wohlbekannte Stimme und ohne lange darüber nachzudenken, zeigte er dem alten Kumpel ein Urlaubsfoto aus dem letzten Jahr: Thomas und Ulli am Lago Maggiore. Markus sah lange hin. Dann seufzte er leise und murmelte: „Na, Gott sei Dank!“ „Was denn?“, wollte Thomas wissen. Markus zuckte die Schultern. „Sie ist fett geworden, deine Ulli. Sie sieht aus wie ihre Mutter. Wenigstens das ist mir erspart geblieben.“ Thomas widerstand der Versuchung, dem fremd gewordenen alten Freund eine reinzuhauen. Stattdessen lächelte er. „Sie kocht auch wie ihre Mutter. Wenn ich dich so ansehe, bist du ein großer Freund von gutem Essen. Vom Fettwerden verstehst du was.“ Markus grinste leicht schief und starrte dann wieder auf die Tischplatte.

Thomas winkte einem Kollegen, sich um den Gefangenen zu kümmern, und verließ den Raum. Hier war alles gesagt.

2 Kommentare zu “Zwei alte Freunde

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