Der Doppelgänger

Lachender Mann mit Pfeife

Mein Papa in unserer Küche, etwa 1994

Im Biologieunterricht habe ich gelernt, dass es für Organismen „Genotypen“ und „Phänotypen“ gibt. Ersteres beschreibt, wie ein Organismus genetisch zusammengebaut ist, und es gibt natürlich unglaublich viele Kombinationsmöglichkeiten. Der Phänotyp beschreibt das Erscheinungsbild – also wie etwas aussieht. Und dieses Etwas ist natürlich sehr oft auch ein Mensch.

Obwohl es auch bei den Menschen schier unendlich viele Möglichkeiten des äußeren Erscheinungsbildes gibt, kommt es immer wieder zu starken Ähnlichkeiten. Anscheinend ist die Natur damit überfordert, über 8 Milliarden komplett unterschiedlich aussehende Menschen zusammenzupuzzlen. Das macht auch nichts, solange in meinem Umfeld nicht alle gleich aussehen und ich meine Pappenheimer auseinanderhalten kann.

Allerdings wunderte ich mich sehr über einen Kollegen, den ich nicht persönlich kannte, der mich aber immer mit einem breiten, sonnigen Lächeln begrüßte. Irgendwann klärte er mich darüber auf, dass ich seiner Schwester Almuth zum Verwechseln ähnlich sähe – aha! Anscheinend mag er Almuth, so nett wie er mich immer begrüßt.

Außerdem haben wir eine falsche Roswitha in der Firma. Die habe ich schon zwei Mal durch ein aufgeregtes und wahrscheinlich etwas albern wirkendes Winken begrüßt, weil ich dachte, dass meine gute Rosa aus dem fernen Hamburg zu Besuch sei. Nein, es war die Falsche, und wenn sie näher rankommt, sieht man das auch. Aber so auf die Ferne führt die Frau mich regelmäßig in die Irre.

Obwohl ich um diese Doppelgängerei weiß, warf mich die Begegnung mit einem älteren Mann kürzlich auf Norderney völlig aus der Bahn. Dieser alte Herr sah nämlich aus wie mein alter Herr – also mein Papa. Mein Vater verstarb 2002 mit Anfang 70, ich denke aber, wäre er nicht krank geworden, sondern einfach nur weiter vor sich hin gealtert, würde er jetzt in etwa aussehen wie dieser mir unbekannte Mann, der mir in einem Hotelrestaurant schräg gegenübersaß. Nachdem ich mich von meiner Verblüffung erholt hatte, starrte ich ihn an – zunächst geschockt, dann zunehmend fasziniert. Denn der alte Knabe in Karohemd und Strickjacke sah nicht nur aus wie mein Vater, er bewegte sich auch so. Natürlich etwas langsamer, etwas gebeugter, aber ich schätzte ihn auf gut über 80. Aber die Art, wie er aß und wie er etwas desorientiert auf dem vollen Tisch herumsortierte – das hatte ich schon tausende von Malen beobachtet. Und wie er sich am Buffet Nachschub holte, dabei offensichtlich versuchte, alles zumindest zu probieren und dann futterte, bis er fast platzte: Diese Macke hatte mein Vater an Buffets auch immer, nur nuchts umkommen lassen. Trotzdem holte er noch Nachtisch – Eis passt ja immer rein und außerdem haben solche Männer einen extra Nachtischmagen. So habe ich das als Kind gelernt.

Die erste Begegnung mit diesem Hotelgast warf mich zugegebenermaßen etwas aus der Bahn. Beim dritten Essen mit Blick auf dieses Gegenüber hatte ich mich etwas daran gewöhnt, aber nicht so richtig. Vielleicht muss ich ihn doch noch fragen, ob er mit Opa Carl verwandt ist – denn der hat seine Gene bei uns in der Familie ja so durchschlagend weitergegeben.

 

Nachtrag: Ich hatte Gelegenheit, den alten Mann ungefähr eine Woche lang zu beobachten. Er sieht aus wie mein Vater, ist aber offensichtlich doch anders: Denn er ist eher ein ruhiger Vertreter. Mein Vater war recht laut. Irgendwie beruhigt es mich, dass es doch offensichtliche Unterschiede gibt.

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