Vom Verschwinden der Grauzone

Grau ist langweilig. Grau ist unauffällig. Grau ist jener langweilig Mischton zwischen schwarz und weiß. Irgendwie undefiniert, mal hell, mal dunkel. Halt immer irgendwie dazwischen.

Bild von hazelw90-auf-pixabay

Grau war viele Jahre lang Normalität. Das wahre Leben war zumeist irgendwie dazwischen, mal ein bisschen gut und etwas mehr schlecht und ganz viel so mäßig, mal andersrum. Seltener war das Leben an den Polen – himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt. Extreme waren Ausnahmen – vielleicht die eigene Hochzeit oder ein lang ersehnter Urlaub oder, in die andere Richtung, der Tod eines nahen Verwandten. Jemand, der tief ins Schwarz eingetaucht ist, galt als bedauernswert, dem musste geholfen werden. Und mit einem der jauchzte, freute man sich.

Heute ist das irgendwie anders. Oft habe ich den Eindruck, dass besonders bei Jüngeren die Grauzone verschwunden ist. Für viele Menschen gibt es kein Dazwischen mehr, alles soll immer knallbunt und Hallelujah sein. Ist das nicht der Fall, ist es nicht so lala, sondern voll depri und das Ende der Welt. Und so wird es gerne über das Internet verkündet.

Leider geht es im Internet ja nicht immer nur darum, das Essen oder niedliche Katzenbilder zu posten. Viele Menschen teilen ihr ganzes Leben – oder das, was die Follower dafür halten sollen. Die posten Selfies nach zwei Stunden Schminkzeit und verzweifeltem Hin- und Herstyling mit dem Kommentar: „Ich, gerade eben, ganz spontan!“ Und die Aschenputtel-Fraktion am anderen Ende verzweifelt ob der Tatsache, dass sie nicht morgens schon mit perfektem Aussehen aus dem Bett steigt, und gibt sich gesammelt dem Elend hin, welches ein normales Äußeres mit sich zu bringen scheint.

Auch in Diskussionen gibt es keine Mitte mehr. Kein Grau, auch kein helles oder dunkles. Wenn sich mal jemand traut, sich argumentativ einer Mitte zu nähern, wird der nicht gehört. Argumente für und wider interessieren kaum noch. Stattdessen wird online herumgezetert, als würde man für die drastischste Formulierung einen Preis bekommen. Der Alltag wird skandalisiert, jede kleinste Unannehmlichkeit einsortiert in die Kategorien Mobbing, Diskriminierung oder Verschwörung. Und Nazi natürlich, Nazi geht immer. Und wenn nichts mehr geht, ruft einer „Das triggert mich!“ und alle heulen gemeinsam, weil das ist ja wirklich so schlimm alles!

So etwas schafft zwar ein Zusammengehörigkeitsgefühl, aber keine Diskussionskultur. Es gibt auch nicht die Wirklichkeit wider, auch wenn die lauten Rufer uns das gerne glauben lassen wollen. Die Realität ist nach wie vor mal hell-, mal dunkelgrau, aufgelockert durch einige bunte Sprenkel. Davon bin ich überzeugt.

Bevor Fragen kommen: Nein, ich werde für meine gemäßigten mittelgrauen Ansichten nicht von der Regierung gesteuert und diesen kleinen mittelmäßigen Beitrag hat auch nicht Steffen Seibert verfasst.

„Kein Grau mehr? Wie doof!“
Bild von Irina_kukuts-auf-pixabay

 

Übrigens, meine bunte Welt heißt so, weil ich mein Leben im Allgemeinen als abwechslungsreich und schön empfinde. Aber manchmal ist auch was blöd. Putzen oder Bronchitis oder so. Ist halt so.

9 Kommentare zu “Vom Verschwinden der Grauzone

  1. Das hast du wieder sehr schön ausgedrückt. Ich hab ja nicht mal Facebook und also Zeigsl. Aber mir kommt es auch immer so vor das Vieles so übertrieben dargestellt wird. Wahrscheinlich liegt’s bei mir auch etwas etwasam Alter. Ich finde wir sollten Alle etwas gelassener sein.

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  2. Liebe Meike,

    ein schöner Text!

    Hat mich an folgende Begebenheit erinnert: zu Karneval gab es einige aufgeregte Diskussionen rund um Bernd Stelter und Annegret Kramp-Karrenbauer, rund um Doppelnamen und dritte Toiletten für bestimmte Männer oder auch für Nichtmänner und Nichtfrauen. Unterhaltsam fand ich nicht die Witze der beiden, wohl aber die daran anschließenden Aufgeregtheiten aller möglichen Interessenvertreter. Nach einiger Zeit war ich es aber leid, es reichte einfach.

    Irgendwann in den Karnevalstagen entspann sich bei uns am Abendbrottisch auch eine angeregte Diskussion (zu ganz anderen Themen), in deren Verlauf einer den anderen mit „Du Fischkopp“ beleidigte (oder es versuchte 🙂 .

    Die Reaktion darauf war ein entspanntes „Das können wir ab.“. Fand ich sehr beeindruckend, so eine Reaktion würde ich mir auch sonst (gerade online) öfter wünschen, innerhalb und außerhalb des Karnevals.

    Viele Grüße

    Harry

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    • Das stimmt. Entspannung täte dieser aufgeregt schnatternden Gesellschaft gut. Ich habe den Text geschrieben, nachdem mir roter Socke AfD-Nähe unterstellt wurde – weil ich nichts Verwerfliches daran finde, wenn Kinder im Karneval als Indianer gehen. 🤣

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  3. Angeblich hat ja jedes Teenie-Zimmer und jede Junge-Leute-Wohnung inzwischen eine aufgeräumte, durchgestylte Selfie-Ecke. ^^

    Ich vermisse die Zeiten, in denen man Leute mögen konnte, obwohl man nicht alle ihre Meinungen geteilt hat. Auf Twitter gibt es immer wieder so Aufrufe à la „Unfollow me if you like [User X]“ – und ich denke mir so: „Ich könnte euch beide gut finden, obwohl ich eine eigene Meinung habe.“ Fast wieder wie auf dem Schulhof.

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