Spiel der Farben

Lilo starrte fassungslos an die Wand: Da war es, dieses Rot, dieses ganz besondere Rot, das sie seit über 35 Jahren suchte. Die ganze Wand war damit gestrichen, was für ein Luxus. Und das Unglaublichste war, dass auch die anderen drei Wände genau die richtigen Farben hatten.

Sie erinnerte sich noch genau daran, wie es gewesen war, als sie sie das allererste Mal gesehen hatte, diese besonderen Farben. Dieses wunderschöne, tiefe Rot, nicht knallrot, aber auch nicht burgunderrot, sondern einfach nur rot. Und dazu ein volles Grün, nicht knallgrün, sondern sattgrün, so als können man hineinspringen wie in ein dickes, moosiges Kissen. Rot und grün harmonierten perfekt mit dem braunsten Braun, dass sie jemals gesehen hatte, etwas brauner als Kastanien, aber weniger rot. Und dann gab es noch ein tiefes Lila, das alles zusammenhielt, ein dunkles Veilchenlila, das keinesfalls fehlen durfte. Rot, Grün, Braun und Lila waberten in sich langsam verändernden Formen hin und her, wunderschön anzusehen, beruhigend durch die langsame Bewegung und durch die Wärme, die sie verströmten.

So in etwa sieht das aus. Es wabert, und die Farben sind nicht ganz perfekt. Besser habe ich es aber nicht hingekriegt.

Ja, die Farben waren warm. Sie machten warm. Als Lilo sie das erste Mal sah, war sie fünf Jahre alt. Sie hatte die Masern und Fieber.

Lilo neigte dazu, Fieber zu bekommen. „Ein temperamentvolles Immunsystem“, nannte der Hausarzt das. „Das Kind ist empfindlich“, befand die Oma und die Mutter lief ständig nach dem Thermometer. Lilo fand das überflüssig, musste sie doch nur die Augen schließen, um zu wissen, was los war: Augen zu – dunkel – alles in Ordnung. Augen zu – verführerisch bunt – Fieber.

Und nun stand sie hier in dieser kleinen Ein-Zimmer-Wohnung, in der sie die sechs Monate ihres Sabbaticals verbringen wollte. Sechs Monate, um endlich ihre fast fertige Doktorarbeit zu beenden und sich von ihrer schwierigen Scheidung zu erholen. Sechs Monate, ums sich zu finden.

Hinter sich hörte sie ihren Vermieter fluchen. „Ich hatte dem Maler gesagt, er solle den Wänden etwas Farbe geben, nicht einfach nur weiß streichen. Ich weiß nicht, wie er auf diesen Albtraum gekommen ist. Wir lassen das nochmal heller streichen – so wirkt der Raum ja total dunkel und viel kleiner, als er ist.“

Er hatte Recht, das Appartement, das eine Größe von rund 30 Quadratmetern hatte, wirkte durch die tiefen, dunklen Farben fast etwas höhlenartig. Und doch fühlte Lilo sich spontan wohl und geborgen, wie nach einem langen Winterspaziergang am wärmenden Kaminfeuer. Dieses Immer war genau das, was sie brauchte; Das tiefe, lebendige Rot, das zuverlässige Grün, das duftende Braun und dazu das Lila, dass ihre Seele zusammenhielt – das war genau das, was sie seit langem suchte.

„Mir gefällt es so“, sagte sie deshalb. „Zusammen mit den hellen Möbeln sieht es sehr gemütlich aus.“ Der Vermieter sah sie an, als sei sie nicht ganz richtig im Kopf, zuckte aber leidenschaftslos mit den Schultern. „Wie Sie möchten“, meinte er nur und breitete den vorgefertigten Mietvertrag auf dem kleinen Ess- und Arbeitstisch aus.

Schon eine Woche später zog Lilo in die kleine Wohnung ein. Sie blickte aus dem Fenster in den Schnee und freute sich an ihrer warmen Wohnung. Ja, hier würde sie zur Ruhe kommen und endlich arbeiten können, dessen war sie sich sicher.

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