Geflügeltes Erwachen

weißes Huhn

Bild zur Verfügung gestellt von Simone F., http://www.pixelio.de

Mal wieder eine Aufgabe aus dem Schreibworkshop: Denkt doch mal an ein Tier, das euch irgendwie ähnlich ist oder zu euch passt. Nun, ich dachte nach. Gazelle? Passt nicht. Elefant? Ist mir zu grau. Ein Fisch vielleicht – ein Harung, jung und schlank? Ne, dann doch lieber die olle Flunder, die wird am Ende wenigstens reich. Aber eine olle Schrulle – ne, das passt auch nicht auf mich, gar nicht. Und so krakelte ich frohen Mutes ein Federvieh in mein Heft.

Und dann kam der nächste Teil der Aufgabe: Stellt euch vor, ihr wacht eines Morgens in eurer Wohnung auf und seid dieses Tier – was macht ihr dann? Tscha … was nur?

Geflügeltes Erwachen

Ich habe immer geahnt, dass es irgendwann soweit kommen würde. Nicht umsonst nennt das Jungvolk bei uns im Büro mich manchmal Mutti. Und auch ich selber nenne mich so, man stelle sich das vor. Dabei habe ich doch gar keine Kinder und wollte auch nie welche haben. Irgendwann im Laufe meines langen Berufslebens ist es einfach passiert: Ich wurde zur Glucke, achtete laut gackernd auf meine Jungen und scharrte so manches Mal ungeduldig mit den Füßen. Meinen Hühnerhof, so habe ich ihn genannt, diesen schwer zusammenhaltbaren Wimmelhaufen, mit dem ich gearbeitet habe. Und nun habe ich den Salat.

Über Nacht sind mir Federn gewachsen, weiße mit einigen braunen Sprenkeln, und um die rosa Krallenfüße habe ich einen beeindruckenden, flaumigen Kranz. Der Kamm, der mir in letzter Zeit sooft geschwollen ist, leuchtet in kräftigem Rot, der Schnabel ist spitz und lässt sich weit aufreißen. Ich sehe kritisch in den Spiegel: Ohne Zweifel, ich bin kein normales Suppenhuhn, auch keine ausrangierte Legehenne, sondern irgendeine Prachtrasse. Mit mir könnte ein ambitionierter Geflügelzüchter ganz bestimmt Preise gewinnen. Trotzdem fühle ich mich nicht so recht wohl in meiner Hühnerhaut. Denn ich habe nichts anzuziehen. Ein Federkleid, gut und schön, aber das kann doch nicht alles sein. Ganz ohne irgendetwas aus meinem Schrank fühle ich mich nackt.

Außerdem finde ich mich unpraktisch. Zu kurze Beine, ein zu dicker Po. Gut, das war vorher auch nicht anders, aber jetzt ist es schon extrem. Und was bitte soll man mit Flügeln, wenn man nicht fliegen kann? Keine Arme haben, aber auch nicht fliegen können, das ist ganz schön bitter. Pinguine können wenigstens schwimmen, ich kann nicht mal das. Keine Frage, so ein Huhn hat es nicht leicht.

Bild zur Verfügung gestellt von Ute Zimmermann, http://www.pixelio.de

Den Kühlschrank kriege ich so auch nicht auf. Wie gut, dass der große Wandschrank immer offensteht – es leben die schlechten Gewohnheiten. Hat mal einer einen hühnergeeigneten Dosenöffner? Ich verwerfe den Gedanken an Dosenravioli und öffne eine Packung Kekse. Eigentlich bin ich ja kein Süßfrühstücker, aber es hilft ja nichts. Süßfrühstücker – ein komischer Begriff übrigens. Was soll man denn von Leuten halten, in deren Gattungsbezeichnung drei „ü“ vorkommen? Dan doch besser Prunkhuhn mit zwei „u“ – das klingt deutlich seriöser.

Diese und andere unsortierte Gedanken ziehen durch mein Hühnerhirn. Nach dem zweiten Keks fällt mir auf, dass die Zeit der gemütlichen Sonntagsfrühstücke jetzt wohl endgültig vorbei ist. Denn zu einem ordentlichen Feiertagsfrühstück gehört für mich ein Ei, oder noch besser zwei. In meinem jetzigen Zustand wage ich kaum daran zu denken.

Ein weiterer Gedanke erschüttert mich: Im Kühlschrank sind noch Eier, mindestens vier. Ob ich versuchen sollte, sie auszubrüten? Aber nein, den Kühlschrank kriege ich ja nicht auf. Sind ja auch nicht meine Eier, zumindest nicht so richtig. Ich kann mich nicht um alles kümmern. Erst mal noch ein Keks, und dann mal weitersehen.

6 Kommentare zu “Geflügeltes Erwachen

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