Vor 30 Jahren …

Bei uns im Garten, in meinem Abi-T-Shirt.

Heute Morgen hörte ich im Morgenmagazin, das im Zimmer herumdudelte, während ich mich anzog, dass die sog. „Reichskristallnacht“ heute 80 Jahre her sei. Kristallnacht – natürlich ist das ein viel zu schöner Name für derartig abscheuliche Verbrechen. Und obwohl ich eigentlich immer geschichtlich interessiert bin, konnte mich das Thema nicht so recht fesseln.

Denn heute dachte ich an diesen Tag vor dreißig Jahren. Damals war diese fürchterliche Nacht 50 Jahre her und ich hörte viel über sie im Radio. Einen Fernseher hatte ich nicht. Ich lag nämlich im Krankenhaus, war gerade frisch operiert worden und es ging mir, freundlich ausgedrückt, bescheiden. Das kleine Krankenhausradio lenkte ich nur notdürftig von meinem Elend ab.

Am Tag zuvor war meine Mutter mit mir zunächst zum Arzt, dann in die Notaufnahme des Krankenhauses gefahren. Lähmungsescheinungen im rechten Bein, Taubheitsgefühle, schnell zunehmend. Keine Schmerzen. Nur das Gefühl, dass irgendetwas ganz und gar nicht in Ordnung ist. Heute hätte man mich wahrscheinlich gleich mal „in die Röhre“ geschoben und geguckt, was da los ist. 1988 guckte man betroffen, sagte mir, ich solle Bescheid geben, wenn ich nicht mehr auf’s Klo könne oder das andere Bein auch noch gefühllos würde und gab mir ein gemütliches Dreibettzimmer in der Neurologie.

Da lag ich also, mit einem Bein, dass sich wie ein kalter, gummiartiger Fremdkörper anfühlte. Immer wieder piekte ich ins andere Bein – lebte es noch?  Und immer wieder humpelte ich zum Klo, um zu gucken, ob das noch ging. An Schlaf war nicht zu denken. Und so fügte es sich gut, dass ich sehr früh am nächsten Morgen zu weiteren Untersuchungen gefahren wurde. Man fand – oder besser, vermutete – einen Bandscheibenvorfall, der zwar klein war, aber so bekloppt lag, dass er die Nerven des rechten Beins abdrückte. Wahrscheinlich als Folge eines Treppensturzes einige Wochen zuvor. Man empfahl eine schnelle Operation, denn so giftig, wie sich die Malaise darstellte, glaubte man nicht, dass man konventionell noch etwas ausrichten könne.

Ich war ein halbes Jahr zuvor volljährig geworden und krakelte voller Zuversicht meine Unterschrift unter alle nötigen Dokumente. Auf die Idee, meiner Familie zumindest Bescheid zu geben, kam ich gar nicht. Auch nicht, mich mit jemandem zu beraten. Für mich war die Lage eindeutig: So konnte das auf keinen Fall bleiben. Das musste gerichtet werden, und zwar flott. Das war sicherlich ein bisschen naiv, aber heute bin ich recht froh über diese jugendliche Unbedarftheit.

Als meine Mutter einige Stunden später im Krankenhaus anrief, um nachzufragen, ob die Tochter eigentlich noch lebe und ob bei den Untersuchungen irgendwas herausgekommen sei, lag ich bereits im Aufwachraum. Ich fror entsetzlich, hatte immer noch kein Gefühl im Bein und hatte erfolgreich einen Assistenzarzt vollgekotzt („Ach nein, Ihnen wird nicht schlecht“, hatte der Klugscheißer mich belehrt, anstatt mir einfach schnell eine Schale unterzuklemmen oder zumindest einen Schritt zurückzutreten). Außerdem gab es eine ziemlich große Narbe im Rücken – lag halt doof, die Sache. Ich fühlte mich bedauernswert. Noch mehr, als die Familie kam und guckte, als läge ich im Sterben.

Das Gefühl, der bemitleidenswerteste Mensch auf Erden zu sein, hielt recht lange an. Tut ja auch weh, sowas. Und es zog sich. Fast ein halbes Jahr dauerte es, bis mein Bein wieder tat, was es sollte, und ich nicht mehr wie ein besoffener Elefant durch die Gegend polterte. Im Nachhinein war es wohl gut, dass die Entscheidung für die Operation damals so schnell gefällt wurde. Denn hätte ich geahnt, was da noch hinterher kommt – Reha in zwei Kliniken, in denen nur uralte Leute über 30 waren – hätte ich mich bestimmt nicht sofort dazu durchringen können und mich wochenlang davor gegräuselt.

Das Abitur konnte ich in dem Jahr nicht wie geplant machen. Ich wiederholte ein Jahr, oder besser, ein halbes, denn die erste Hälfte versäumte ich fast ganz. Und so ganz langsam nähere ich mich dem Punkt, an dem ich feststellen muss, dass ich damals wohl doch nicht ganz so viel Pech hatte, wie es sich zunächst anfühlte. Es hat ja jede Sache zwei Seiten.

Letztes Jahr auf einer Lesung

Denn im Grunde ist es alles recht gut gelaufen damals. Gesundheitlich ging es mir irgendwann wieder recht gut, auch wenn es bestimmt zwei Jahre dauerte, bis ich wieder auf Zehenspitzen laufen konnte. Das war zu verschmerzen, denn so oft braucht man das ja nicht. Der neue Jahrgang in der Schule war sehr nett, ich fand schnell Anschluss. Das Abitur wurde ganz gut und ich fand gleich eine gute Lehrstelle – ein Jahr zuvor hatte ich noch gar nicht gewusst, was ich eigentlich machen wollte. Es war, als hätte sich die Tatsache, dass ich ein Mal eine ganz und gar eigene Entscheidung getroffen hatte, irgendwie durchgeschlagen – so nach dem Motto: „Geht doch. Bin jetzt erwachsen.“

Und heute? Nun, ein hüpfendes Reh bin ich nicht, dazu habe ich aber auch gar nicht die Figur. Die Narbe im Kreuz sieht beeindruckend aus und die Stelle ist arg steif, tut aber meistens nicht weh. Das ist weit mehr, als ich mir erhofft habe, und sehr viel besser, als ich es bei vielen Kollegen in meinem Alter sehe. Heute bin ich auf meinen eigenen zwei Beinen ein ganzes Stück gelaufen und wenn ich gewollt hätte, hätte ich auch auf den Zehen herumstolzieren können.

Und sonst? Im Grunde verdanke ich meinen guten Freund Harry diesem blöden Bandscheibenschaden – den hätte ich sonst wohl gar nicht kennengelernt. Und auch die lustige Kohlfahrtsrunde hat ihre Wurzeln in dem damaligen Abiturjahrgang. Da habe ich einen wirklich guten Fang gemacht. Außerdem wusste ich nach einem halben Jahr, in dem ich zu nicht viel zu gebrauchen war, auf welche der alten Freunde ich mich verlassen konnte und auf welche eher nicht. Das ist eine ganz schön hilfreiche Erkenntnis. Und wer weiß, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich ein Jahr früher meinen Schulabschluss gemacht hätte?

Alles in allem kann ich wohl sagen, dass ich vor dreißig Jahren ziemliches Glück hatte. Alles gut. Haken dran. Es fühlte sich ganz gut an, heute beim Spazieren gehen darüber nachzudenken.

5 Kommentare zu “Vor 30 Jahren …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s