Komische Gewohnheiten: Würdelos herumrennen

„Ich werde nicht rennen, um diese Straßenbahn zu kriegen – lass uns die nächste nehmen. Hinterherrennen ist würdelos.“, sagte meine Freundin Roswitha vor vielen Jahren, und ich war mir mit ihr darüber einig. In der norddeutschen Tiefebene, wo maximal einmal pro Stunde ein öffentliches Verkehrsmittel fährt, hätte ich das anders gesehen, aber in Frankfurt, wo alle naselang eine Straßenbahn kommt, renne ich auch nicht hinter einer abfahrbereiten Bahn her.

Einfach nur Entspannen

Ich wundere mich manchmal sehr darüber, wenn ich beobachte, wie Leute herumrennen, nur um ganz wenig Zeit einzusparen. Besonders fällt mir das bei Gleiswechseln auf: Man steht auf Gleis drei, in fünf Minuten kommt eine Bahn. Durchsage für Gleis zwei: in drei Minuten kommt da auch eine Bahn. Es wird losgerannt, zwei Minuten sparen, Zeit ist Geld, was stören mich meine unzweckmäßigen Galoschen, ich renne jetzt, ich seh‘ mich ja selber nicht von hinten, wackel, wackel – würdelos!

Dabei fällt mir ein, dass der Begriff „Würde“ ja ein ganz schön schwammiger ist. Schon vor Jahren habe ich darüber nachgedacht – was ist das eigentlich? „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ lautet Artikel 1 unseres Grundgesetzes, von dem ich sehr viel halte. Trotzdem habe ich nur eine ganz ungenaue Vorstellung davon, was diese Würde eigentlich ist, und ein Gespräch mit einem Juristen brachte mich nicht viel weiter. Die Würde sei ein „unbestimmter Rechtsbegriff“, sagte er – danke für die Information. Auch in der allwissenden Wikipedia bleibt der Begriff der Würde (Link!) ungenau definiert, was aber wohl in seiner Natur liegt. Man kann sich dort aber allerhand heraussuchen, was einem individuell gerade taugt.

Schuh, High Heel, GlitzerIm Falle des würdelosen Herumrennens würde ich natürlich nicht so weit gehen, von einer Verletzung der Menschenwürde zu sprechen, es geht mir auch nicht um ein allgemein zu verurteilendes „unwürdiges Verhalten“. Es geht mir vielmehr darum, dass man sich durch die Herumrennerei manchmal ohne Not zum Affen macht. Mir entschließt sich einfach der Vorteil nicht, wenn jemand, um wenige Minuten Zeit zu sparen, wie angestochen durch die Stadt hetzt, gerne noch ein Kleinkind hinter sich herzerrend oder beinahe die Flip-Flops verlierend. Das liegt natürlich auch daran, dass ich im Allgemeinen die Ruhe weghabe, zumeist sehr pünktlich unterwegs bin und selber viel zu faul zum Rennen bin. Außerdem habe ich immer Angst, dass in der Umgebung irgendwas einstürzt, wenn ich es doch einmal tue. Ich akzeptiere natürlich, dass viele Leute anders geartet sind.

Auch außerhalb des öffentlichen Verkehrswesens gibt es jedoch Situationen, in denen ich das Rennen unwürdig finde: zum Beispiel in Hotels, wenn das Buffet eröffnet wird. Früher war ich mit meiner Freundin Kerstin öfters in einem Haus auf Norderney. Da gab es ab 18 Uhr Abendessen, ab 17:45 standen Leute vor der geschlossenen Tür und scharrten mit den Füßen. „Es treibt sie an den Trog“, sagte Kerstin immer dazu, und genauso war es. Reinrennen, Sachen auf den Tisch schmeißen, Teller grabschen und ran an die Buletten, gerade so als hätte man seit Tagen nichts mehr gehabt und als wäre in den nächsten Wochen keine warme Mahlzeit mehr zu erwarten. Drängeln, schubsen, herumrennen – und dabei wurde dort wirklich jeder satt. Sogar die, die als letztes kamen!

Oder letzten Sommer im Schwimmbad: Es begann zu regnen. Kein dickes Gewitter mit Blitzschlag, sondern ein warmer Sommerregen mit mitteldicken Tropfen. Ich ging gerade in Richtung Becken, zwei Herren kamen unabhängig voneinander heraus. Beide rannten sie, als hätten sie Angst, nass zu werden – und ich konnte mal wieder nur verständnislos gucken. Nasse Männer in Badehosen, die mit eingezogenen Köpfen über die Wiese galoppiert kommen, als wollten sie Usain Bolt Konkurrenz machen – nenene, das ist nichts für mich.

10 Kommentare zu “Komische Gewohnheiten: Würdelos herumrennen

  1. Wunderbar herrlich („damentlich“ gibt es ja leider nicht und dämlich verfehlt ganz und gar das, was ich sagen will) lustig geschrieben. Sofort selbst reflektiert.
    „Früher“ – also so vor drei oder vier Jahren 🙂 , gehörte ich zu den Leuten, die ab und an die Kassenschlange im Discounter gewechselt haben.
    Nach mehreren Erfahrungen, dass die kürzeste Schlange dann am längsten gedauert hat, unterließ ich das.
    Viele Leute beschäftigen sich ja in solchen Schlangen mit ihrem „Minibuntfernseher“ aus der Hosentasche und vergessen dann das Weiterrücken.
    Es gibt schon immer mehr belustigende Gepflogenheiten, bei denen es gut ist, wenn man darüber lachen kann.

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  2. Hihi. Genau so isses. Ich gehöre auch zu der Fraktion, lieber eine Viertelstunde früher starten, damit man jegliche Hetze spart. Das Hetzverhalten setzt sich ja im Straßenverkehr fort. Ich bin sicher, dass die beknackten Raser, die mir einen Meter auffahren, nur weil ich mich erdreiste mit 120 einen LKW zu überholen, diejenigen sind, die überall noch die letzten 30 Sekunden rausholen wollen. Allerdings sind es auch diejenigen, die im Urlaub einen Herzinfakt bekommen…

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  3. Ich hatte eine Tante, die immer alles sehr sorgfältig geplant hat und nur in Hetze geriet, wenn sie von ihrem kleinen Dorf zwei-, dreimal im Jahr in die recht entfernte Kreisstadt wollte. Meist verließ sie ihr Haus eine Minute vor Abfahrt des Busses. Dann wurden die 500 Meter in „Sekundenschnelle“ gerannt. Sie verpasste den Bus nie.

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    • Ich glaube, bei solchen Leuten ist die Rennerei eingeplant. Wir hatten dagegen Bekanne, die immer predigten, man müsse mindestens 20 Minuten vor Abfahrt des Zuges am Bahnsteig sein. Das fand ich auch sonderbar, besonders bei uns im Dorf. Mit Stau oder so war da ja nicht zu rechnen, und am Bahnsteig gab es nichts zu sehen.

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  4. Ich laufe ganz gerne ein bißchen schnell, aber es muss nicht hinter einer Strassenbahn oder einem Bus sein, der alle paar Minuten fährt.
    Dein Beispiel mit den nassen Männern vom Schwimmbad finde ich auch sehr gut.
    Aber sehe es so, als Unterhaltung für alle anderen, dann gibt es etwas zum Lachen.
    Herzliche Grüsse

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  5. Mich zwingt die Bahn leider öfter zum Wetzen. Beim Wechseln von einem ICE in den anderen ist es ja leider fast schon normal, dass die Umsteigezeit durch Verspätung für normales Gehen nicht mehr ausreicht. Beim Einsteigen in den Zug finde ich es aber auch immer wieder interessant, wie viele Leute unbedingt als Erstes reinwollen. Auch die mit Platzkarten. (Das sind Ältere meiner Beobachtung nach die heftigsten Drängler.)

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