Der Traum von der Hotelbar

Es war eine lange, harte Woche gewesen, mit einem Großkampftag am Donnerstag. Aufrecht hielt mich die Aussicht auf das Wochenende, wollte ich mich doch schon am Donnerstagabend mit meiner Freundin Kerstin in Braunschweig treffen. Unser Plan war so einfach wie genial: Treffen gegen 19 Uhr im Hotel, irgendwo was essen gehen und dann plaudernd die Hotelbar leertrinken. Ich freute mich darauf.

Dementsprechend war ich pünktlich am Südbahnhof, wo ich um 16:20 losfahren wollte. Leider regnete es irgendwo. Und die Bahn stellte mal wieder den Zugverkehr ein. Das sagte man uns zwar nicht, aber da kein Zug kam, guckte ich mal in meine App und las etwas von Unwettern. Außerdem teilte man mir die aktuelle Uhrzeit mit – wie schön.

Anderthalb Stunden lang wurde die geplante Abfahrt meines Zuges immer wieder verschoben, dann fiel er aus. Zeitgleich erzählte mir eine verhinderte Mitreisende, mit der ich ein wenig auf Englisch geschwätzt hatte, mit brüchiger Stimme das Unglaubliche: „All the beer is sold out in the little shop!“ Ich beschloss, den Bahnhof zu wechseln und den Zug um 19:13 ab Hauptbahnhof zu nehmen.

Tatsächlich bekam ich noch einen Sitzplatz in diesem Zug, der mit einer knapp halbstündigen Verspätung in Frankfurt losrollte. Ich informierte Kerstin, dass es deutlich später werden würde. Sie ging also schon mal essen, ich nagte an einem Brötchen herum und trank dazu Wasser aus meiner Flasche. Immerhin saß ich gut.

Wir tuckerten durch das Land. Es schleppte sich. Oftmals stand der Zug einfach herum – man soll ja auch nicht immer so hasten. In Fulda teilte man uns mit, dass die Bahnhöfe Göttingen, Braunschweig, Wolfsburg und Hildesheim nicht angefahren werden würden. Ich war mäßig begeistert. Eine Alternative wurde nicht durchgesagt und ein Schaffner traute sich nicht aus der Deckung, sodass ich mich schon auf einer Parkbank übernachten sah. Ich machte mich hektisch auf die Suche nach einem Hotelzimmer. Die Idee hatten viele – ganz Kassel schien ausgebucht zu sein. Dann endlich: Das Adesso Hotel Astoria hatte noch ein Kämmerchen für mich. Wieder einmal war ich dankbar für meine finanzielle Situation, die es mir erlaubt, etwas zu buchen, anstatt in einer Bahnhofshalle zu schlafen.

Kurz vor Kassel packte ich meine Sachen zusammen. Als ich damit fertig war, kam die Ansage, dass wir nun doch nach Braunschweig weiterfahren würden. Schön eigentlich, aber was nun machen mit dem Hotelzimmer? Gebucht ist gebucht. Ich rief dort an – anscheinend war ich nicht die Erste. Eine freundliche Empfangsmitarbeiterin teilte mir mit, dass das Hotel in dieser Situation auf jegliche Gebühren verzichten würde und ich war dankbar für diese Kulanz.

Dann schrieb ich Kerstin, dass ich doch kommen würde – irgendwann – und dass sie nicht auf mich warten solle. Sie schickte ein Foto von ihrem dritten Bier.

Ja, überhaupt – ein Bier. Das mit der Hotelbar würde nichts mehr werden, das war mir klar. Ich hätte mich durch den überfüllten Zug quetschen können, um etwas zu trinken zu besorgen. Aber war es mir das wert? Ich trank noch etwas von meinem Wasser und entschloss mich dagegen. Ich würde stattdessen, ganz gegen meine Gewohnheit, die Minibar plündern. Das hätte ich nach so einem Tag gewiss verdient, fand ich.

Irgendwann kurz vor Mitternacht fuhren wir in Braunschweig ein. Erschöpft schlappte ich über den Bahnhof und suchte den Taxistand, wo ich mich brav als Dritte anstellte. Hier spielten sich kurz darauf seltsame Szenen ab: Ein energischer Mann, der mit seiner jugendlichen Tochter unterwegs war, versuchte einen anderen, der korrekt am Taxistand wartete, wegzustoßen und dessen Gepäck wieder aus dem Kofferraum zu zerren. Da der andere Fahrgast nicht nachgab und deutlich kräftiger gebaut war als der Angreifer, musste er sich wegen seines Leibesumfangs beschimpfen lassen. Der Unterlegen kam zu mir, um sich wehleidig Bestätigung zu holen. Ich bestätigte, dass sein Verhalten pöbelhaft gewesen sei. Zum Glück haute er mir keine rein, sondern stürzte sich laut plärrend auf das nächste Taxi, um es den beiden Damen, die dort einsteigen wollten, streitig zu machen. Dieses Mal griff der Taxifahrer ein und die Tochter des Pöblers sah aus, als wolle sie im Boden versinken. Ich bot den beiden das folgende Taxi an, denn auf eine Keilerei hatte ich keine Lust, die Tochter tat mir leid und auf diese zwei Minuten kam es mir nun auch nicht mehr an. Wildwest-Gehabe in Braunschweig, wer hätte das gedacht?!

Um 00:08 enterte ich mein Hotelzimmer, legte mein Gepäck ab, stieg schwer seufzend aus den Schuhen und suchte die Minibar. Als ich schon aufgeben wollte, fand ich sie doch noch: gut versteckt im Kleiderschrank. Das Angebot war wirklich umwerfend …

 

6 Kommentare zu “Der Traum von der Hotelbar

  1. Ich habe mich köstlich amüsiert! Muss ich leider zugeben. Zugeben muss ich leider auch, dass mir die Deutsche Bahn schon immer suspekt war und eine Reise mit ihr ohne Zwischenfälle eher Ausnahme. Immerhin lassen sie die Durchsage „Sänk ju for treeveling wis Deutsche Bahn“ mittlerweile sein. 🙂

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    • Ich fahre eigentlich recht gerne Bahn und meistens geht es auch einigemaßen gut. Aber dieses Mal war das Krisenmanagement eine Katastrophe. Es fand schlicht nicht statt … 😦

      Der Hotelbar haben wir uns aber an diesem Wochenende auch noch gewidmet. War gut!

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  2. Tja – wenn einer eine Reise tut :). Schade, dass der Zug nicht in Göttingen hielt, dann hättest Du bei mir unterschlüpfen können und die wirklich komfortable (hüstel) Mini-Bar wäre Dir erspart geblieben.

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