Das Steißproblem

Jeder, der mal richtig unglücklich auf den Hintern geknallt ist, weiß, was ein angeschlagener Steiß bedeutet. Mir widerfuhr es als Kind sogar mehrmals, dass ich mir meinen unteren Wirbel anschlug: Mal stürzte ich vom Klettergerüst, dann schleuderte es mich auf einer Kippe von den Rollschuhen. Und in der Pubertät kam eine Wachstumsstörung in diesem Bereich hinzu – ein Gefühl wie Weihnachten. Ich kann Eberhards Problem also vollumfänglich nachvollziehen. Und so fiel es mir überhaupt nicht schwer, diese Aufgabe aus dem Schreibworkshop zu bearbeiten.

Das Steißproblem

Eberhard war auf den Steiß geknallt. Es war ein Arbeitsunfall gewesen. Nichts Spektakuläres, halt sowas, was mal passiert, wenn man auf dem Bau arbeitet: Ein unvorsichtiger Schritt zurück, mit dem Fuß an herumliegendem Baumaterial hängen geblieben und schon ging es abwärts.

Obwohl Eberhard hintenrum recht gut gepolstert war, erwies sich der Sturz als schmerzhaft. Nachdem er im ersten Schrecken aufgejault hatte wie ein getretener Welpe, hatte er sich von seinen Kollegen aufhelfen lassen. Einen fürsorglich angebotenen Sitzplatz hatte er jedoch dankend abgelehnt: Sitzen ging mit diesem angeschlagenen Hinterteil erst mal gar nicht.

Eberhard wurde krankgeschrieben. Er aß im Stehen, las im Stehen, sah im Stehen fern. Irgenwann meldete sich sein Fersensporn und erinnerte ihn daran, dass er keine 20 mehr war und dass dauerhaftes Stehen auch keine Lösung war – Steiß hin oder her. Darum bat er seinen Sohn Olaf um Unterstützung. Olaf war zwar leider nur so helle wie eine Flasche Dunkelbier, aber um einen Stuhl mit Schaumstoff auszupolstern, sollte sein Intellekt schon ausreichen. So dachte zumindest Eberhard, der liebende Vater.

Olaf, beflissen wie immer, fragte nach: „Wie soll ich den Stuhl denn polstern?“

Eberhard zuckte die Schultern. „Naja, so dass es hinten schön weich ist. Schneide den Schaumstoff einfach so zu, dass er gut auf den Stuhl passt.“

Im Schreibworkshop hatten wir ein ähnlich gestaltetes „Kunstwerk“ als Inspiration. Um keine Urheberrechtsverletzung zu begehen, habe ich das Werk am Computer nachgebastelt.

Olaf nickte verständig und ging zu Werke. Er schnitt ein schönes rechtwinkliges Dreieck zurecht, das sich perfekt zwischen Lehne und Sitzfläche einpassen ließ. Ein hervorragendes Stück Handwerksarbeit, wenn man darüber hinweg sah, dass die Sitzfläche nun extrem schräg war.

„Schau, Papa, sieht das nicht gut aus? Hinten schön weich! Probier‘ mal aus!“

Eberhard sah zweifelnd auf den schiefen Sitz. Sollte das wirklich funktionieren? Aber er wollte seinen Sohn, der trotz seiner theoretischen Limitierungen im Praktischen manchmal ganz gut war, nicht enttäuschen. Also ließ er sich vorsichtig nieder.

Er saß. Es tat weh. Und er rutschte. Dann fiel er auf das Knie. Natürlich auf das Rechte, das ohnehin schon seit Jahren schmerzte.

Die nächsten zwei Wochen verbrachte Eberhard im Liegen.

2 Kommentare zu “Das Steißproblem

    • Kann ich mir vorstellen. Ich hatte mal ein Maxikleid an, bin mit meinem Schreibtischstuhl rumgerollert und habe mich selbst am Rock aus dem Stuhl gerissen. Ich lag blöd im Büro und die Kolleginnen konnten stundenlang nicht aufhören zu lachen.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s