Englisches Teegebäck – Original und Fälschung

Seit vielen, vielen Jahren besitze ich ein Backbuch: Das legendäre „Backen macht Freude“ von Dr. Oetker, Auflage 1987. Und schon fast genauso lange wollte ich einmal dieses wunderbare Englische Teegebäck backen, dass dort so appetitlich abgebildet war. Fast schon kann man beim Betrachten der Seite einen zarten Buttergeruch spüren, zusammen mit dem verlockenden Aroma von Ostfriesentee. Hier haben wir das Original von Dr. Oetker:

Am Freitag ist es nun endlich soweit: Ich habe alles eingekauft und fülle es wie vorgeschrieben nach und nach in meine Rührschüssel ein. Der Knethaken knetet. Und der Teig klebt. Ihhh bah – was nun? Ah ja, zur Rolle formen und kalt stellen. Das mache ich so. Der Teig wird zum Stein, der sich unverbrüchlich mit dem Teller, auf dem er liegt, verbunden hat. Das schreit nach Werkzeugeinsatz. Ich säbele eine Portion Teig heraus und gehe in die Detailverarbeitung: ausrollen, Stäbchen formen, die auf das Blech legen, mit einer Gabel ein Muster hineindrücken und mit Zucker bestreuen. Ich werkele emsig. Die Stäbchen sollen 6 mal 1,5 Zentimeter haben – ausgemessen wird das nicht, sondern halt mal so frei Schnauze gemacht. Und dieses Muster mit der Gabel – leichter gesagt als getan. Der Keks bleibt gerne in der Gabel hängen – also die Gabel vor dem Reindrücken einmehlen. Was soll das überhaupt mit diesem Muster? In Schönheit gestorben sind schon andere vor mir – habe ich das nötig? Eigentlich ja eher nicht, aber es soll ja hübsch aussehen. Also werden alle Stäbchen bemustert, man gönnt sich ja sonst nichts.

Dann in den Ofen und backen. Als die Stäbchen die Farbe haben, die im Backbuch zu sehen ist, sind sie schlicht nicht gar – also wieder rein. Komisch sehen sie aus, meine Stäbchen: unregelmäßig ist noch freundlich gesprochen. Einige sind aus der Form gegangen, gerne so um die Mitte herum. Andere haben sich mit dem Nachbarn verbündet und bilden eine Art siamesische Zwillinge, die ich vorsichtig operativ trenne. Meine Kekse sind ein wahres Abbild unserer Gesellschaft: Es gibt große und kleine, dicke und dünne, helle und dunkle Kekse. Hier ein Tellerchen meiner bunten Kekswelt:

Geschmacklich sind meine Teekekse wirklich gut, aber optisch lassen sie etwas zu wünschen übrig. Ich glaube, sollte ich sie nochmal backen, forme ich einfach kleine Kugeln und drücke die platt – das ist sicher einfacher und sieht mindestens so schön aus.

Und wieder einmal muss ich an den armen Mann denken, der vor vielen Jahren mit meiner Berufsberatung befasst war: Nach der Auswertung meiner Tests bescheinigte er mir gute Fähigkeiten in allen sprachlichen und logischen Bereichen. Nur die Geschicklichkeit und die soggenannte „Hand-Augen-Koordination“ ließ deutlich zu wünschen übrig. er sagte dazu: „Im Grunde können Sie fast alles werden, was Sie möchten. Aber bitte machen Sie nichts Handwerkliches.“ Wie recht er hatte 🙂

4 Kommentare zu “Englisches Teegebäck – Original und Fälschung

  1. Lecker sein – das ist das Wichtigste.
    Aber ich kann Dir nachfühlen, dass es Dich ärgert. Ich leide zur Zeit anscheinend an einem Backtrauma, wobei ich nicht sagen kann, ob ich es habe oder mein mittlerweile 15 Jahre alter Backofen. Ich backe wirklich viel und bis vor kurzem auch gut – seit etwa 4 Wochen entnehme ich dem Backofen Brote und Kuchen, die weit entfernt von dem sind, was ich gewohnt bin. Erst am Wochenende gabs erneut einen Trümmerkuchen, der äusserlich toll aussah, innerlich den Stäbchentest mit 1 bestand und trotzdem beim Umlagern von Backform auf den Kuchenteller in gefühlt 53 Teile zerbrach. Geschmacklich ist er herrlich, aber über das Aussehen decken wir mal dezent den Mantel des Schweigens oder mindestens eine Rolle Backpapier.

    Backfrustige Grüße
    Tina

    Gefällt 1 Person

  2. Auch wenn die Kekse nicht ganz so schön aussehen, Hauptsache lecker.
    In den Rezepten wird immer viel geschrieben – es steht aber nicht dabei wie oft die
    schon ausprobiert wurden. Vielleicht gehört da viel Übung zu ?

    Sei stolz auf Deine Kekse, sie sind selbstgemacht !
    Herzliche Grüße

    Gefällt 1 Person

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