Wir haben die Wahl

Es gibt Sachen, die erledigt man nur zähneknirschend, eben weil es sein muss. Staubsaugen zum Beispiel, die scheußlichste Arbeit überhaupt, oder aufräumen. Auch im Job mache ich einige Dinge ohne große Lust – es gibt halt spannende und weniger spannende Aufgaben. Wählen gehen gehört für mich allerdings nicht zu den Dingen, die ich vermeiden möchte. Zum einen nicht, weil man sich das wirklich nett machen kann – in den letzten Jahren war ich danach immer mit ein paar Freundinnen frühstücken. Und zum anderen nicht, weil ich mich freue und stolz darauf bin, dass wir die Wahl haben. Denn das ist nicht überall der Fall, und nicht jede Wahl ist demokratisch und gerecht.

Ich habe heute meine Briefwahlunterlagen angeguckt, angekreuzelt und eingetütet. Ganz feierlich war mir dabei zumute. Noch nie habe ich Briefwahl gemacht, aber am nächsten Wochenende habe ich allerhand vor und möchte das Wählen keinesfalls verpassen. Ich weiß natürlich, dass es viele Leute gibt, die nicht wählen – aus welchen Gründen auch immer. Dazu gehöre ich nicht, und ich kann das auch nicht verstehen.

Wir haben in diesem Land in so vielen Bereichen die Wahl. Wir sind frei zu entscheiden, wo und mit wem wir leben wollen, können uns einen Beruf aussuchen, der unseren Fähigkeiten und Neigungen entgegenkommt. Wir können unsere Politiker wählen oder uns selbst politisch engagieren, können uns in Vereinen zusammentun oder unseren ganzen Garten mit Gartenzwergen vollstellen. Wir können uns auch einfach gar nicht engagieren, weder politisch noch für irgendetwas anderes, und dürfen trotzdem laut schimpfen über das, was in unseren Augen alles schlecht ist. Das ist erlaubt in diesem Land, auch wenn es niemanden weiterbringt. Wir können uns lauthals darüber beschweren, dass „die da oben“ nie das tun, was wir uns wünschen, selbst wenn wir selber seit Jahrzehnten zu bequem waren, an einem Sonntag aus dem Haus zu gehen und ein paar Kreuze zu machen. Das ist zwar irgendwie doof, aber nicht verboten. Ja, sogar blöd sein ist erlaubt in diesem Land.

Wir haben hier so viele Freiheiten, dass es dem einen oder anderen glatt zu wohl wird. Einigen passt es nicht, dass auch andere die Freiheit haben, zu sagen, was sie denken. Diese Leute, die denken, dass man anderen durch Niederschreien oder das Schmeißen von Tomaten die freie Wahl nehmen und die eigene Ansicht aufdrücken kann, haben das mit der Demokratie nicht verstanden. Das hat allerdings nicht viel mit Freiheit zu tun, sondern eher mit fehlendem Anstand. Ein eigentümlich altmodischer Begriff übrigens – ich hätte nicht gedacht, dass ich den hier mal verwenden würde. Allerdings hätte ich auch nicht gedacht, dass ich mal einen Beitrag über Wahlen schreiben würde.

Morgen werfe ich meinen rosa Umschlag in den Postkasten, damit meine Stimme zählt. Ich habe die Wahl, und das empfinde ich als Privileg.

6 Kommentare zu “Wir haben die Wahl

    • Gerade weil wir die Wahl haben, nervt es mich so, dass so viele Leute nur schimpfen, ohne sich selber auch nur zum Wählen aufraffen zu können. Ich bin mir sehr bewusst darüber, dass nur ein kleiner Teil der Menschheit in Verhältnisse leben kann, die man Demokratie nennen kann. Sicher ist hier auch nicht alles perfekt, ich denke aber nicht, dass es je besser war.

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  1. Wir haben auch schon gewählt, aber so schwer wie bei dieser Wahl fiel es uns noch nie. Von den „wählbaren Parteien“ fühlen wir uns nur noch wenig vertreten, andere sind überhaupt nicht wählbar. Wir jammern nicht, aber bedauern sehr, dass das so ist. Letztlich haben wir „das kleinste Übel“ gewählt.

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