Schön ausgedrückt: Die Kulturtasche

Als ich etwa vier oder fünf Jahre alt war, bekam ich zu Weihnachten eine Kulturtasche. Ich habe mich damals sehr über das Geschenk gefreut und feierlich die ganzen kleinen Zubehörteile ausgepackt: Die Seifenschale, die Zahnbürste in einer Hülle, den Zahnbecher … Mit dem Begriff aber konnte ich nichts anfangen, eine ganze Weile war das Ding für mich eine Kultertasche – was kümmerte mich auch die Kultur.

Über die Entstehung des Begriffs gibt es im Netz erstaunlich wenig zu finden: Laut Wikipedia ist er erst seit Mitte des 20sten Jahrhunderts im Gebrauch, auch werden die Begriffe Kulturbeutel oder – natürlich – Waschbeutel verwendet. Der gelbe Duden gibt sich noch sparsamer, er hat die Kulturtasche gar nicht, sondern begnügt sich mit dem -beutel.

Ich hätte es ja interessant gefunden, zu erfahren, wie der Begriff zustande kam – was hat die Kultur mit der Körperpflege zu tun? Darüber ist nirgends etwas zu finden. Freundin Roswitha erklärte es gewohnt pragmatisch: „Das heißt so, weil sich Waschen etwas mit Kultur zu tun hat“ und jemand anders behauptete: „Kultivierte Menschen waschen sich.“ Na gut. Aber dann hätte es der einfache Begriff „Waschbeutel“ auch getan.

Viele gibt dieses Wort, das mir als Kind so viel Mühe machte, also nicht her. Interessant ist jedoch, wie es in anderen Sprachen heißt. Laut Wiktionary sagen die Dänen „toilettaske“ und die Engländer „toilet bag“, die Franzosen bemühen das auch hier teilweise bekannte „necessaire de toilette“ und auf Italienisch sagt man „beauty case“. Und in der mir bis heute unbekannten südfranzösischen Sprache Okzitanisch sagt man angeblich: „troça am çò necessari per viatjar“ – wenn das mal nicht kultiviert klingt!

6 Kommentare zu “Schön ausgedrückt: Die Kulturtasche

  1. 1952 bin ich mit meinen Eltern zum ersten Mal in Urlaub gefahren. Und dafür packte Mama einen Kulturbeutel. ( Naja, weiß ich nicht mehr genau, aber seit ich mich erinnern kann, gab es diesen Beutel bei uns, keine Tasche.) Bstätigen kann ich, dass ich so ein Ding immer zum Schwimmunterricht mitnahm. Das war 1956, also auch so Mitte des 20. Jahrhunderts.

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  2. Angeregt durch deine Kulturtasche, habe ich noch einmal nachgedacht. Der Begriff „Kulturbeutel“ muss schon älter sein. Soldaten in WK II vermutete ich, haben bereits so ein Utensil mitgeschleppt. Bei Google eingegeben „Soldat, Kulturbeutel“ bringt dann ein Zitat aus einer Postkarte vom 16.10.1942:
    https://books.google.de/books?id=T48lDQAAQBAJ&pg=PT129&lpg=PT129&dq=Kulturbeutel+Soldat&source=bl&ots=1F8NORuxxg&sig=mm6x0izRf5Kq0MC0kh1AUVTgErg&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwjLssvHzqbWAhUQKVAKHVh5DKo4ChDoAQglMAA#v=onepage&q=Kulturbeutel%20Soldat&f=false
    Und einen „Wehrmacht Kulturbeutel, Hellbrauner Stoff, innen gestempelt mit 39. Pz Kom., guter Zustand“ kannst du im Netz für 30 € erwerben:
    http://www.antikes-allerlei.de/epages/82017328.sf/de_DE/?ObjectPath=/Shops/82017328/Products/0170

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