Lehrer, die begeistern …

Es gibt solche und solche Lehrer: Einige ziehen lustlos ihren Stiefel durch, leiern Jahr um Jahr den gleichen öden Stoff in immer derselben lieblosen Aufbereitung herunter. Und es gibt Lehrer, die sich ernsthaft darum bemühen, dass ihre Schüler aus dem Unterricht etwas mehr mitnehmen als nur sinnlos auswendig gelernte Details, die ohnehin gleich wieder vergessen werden: Das sind die Lehrer, die sich mehr Mühe geben oder vielleicht auch einfach talentierter sind. Und dann gibt es noch diejenigen Wundertiere unter den Lehrenden, die es verstehen, selbst unter den pubertierenden Schülern der Mittelstufe so etwas wie Begeisterung zu wecken. So eine Kollegin begegnete uns in Eckernförde an der Ostsee, und es weckte in mir dankbare Erinnerungen an Lehrer, die sich Mühe gaben und begeistern konnten.

Fleißige Schüler in Eckernförde – mit Filter „Ölgemälde“

In Eckernförde trafen wir auf eine Schulklasse, die durch das Ostseeinformationshaus (oder wie das genau heißt) gescheucht wurden. Soweit, so üblich – da müssen Schüler halt durch. Ich war da auch schon mal drin und fand es semi-spannend – ganz interessant, aber nichts, was mich direkt vom Hocker gerissen hätte. Auf die Schüler wartete im Anschluss aber noch ein besonderes Vergnügen – das sie zunächst gar nicht so empfanden: Es lagen große Kescher, verschließbare Wasserpötte und eine Art Küchensiebe bereit, in so ausreichender Anzahl, dass jeder Schüler mindestens ein Gerät „bedienen“ konnte. Und dann ging es ins Wasser: Dort am Rand bei den Steinen, wo es besonders viel Matsch und Glibber gab. Natürlich gab es spitze Schreie und Protest: „Das ist so kalt!“ oder „Da ist so viel Kacke im Wasser!“ hörten wir besonders oft. Aber die junge Lehrerin verstand es, ihre Schüler zu ermutigen, es einfach mal auszuprobieren. Und so standen nach wenigen Minuten alle Jungen und Mädchen im Wasser und stocherten herum – verhalten zunächst, dann aber mit immer größerem Eifer. Jacken wurden ausgezogen und auf Steinen zwischengeparkt, das eine oder andere Kleidungsstück musste vor dem Ertrinken gerettet werden. „Ich hab‘ was, bring mal einer einen Eimer, schnell!“, war zu hören, und jemand rannte nach einem Bottich. Ein besonders großer Kescher, viel zu schwer für ein dünnes Teenager-Mädchen, wurde von zwei poppig angezogenen Mädels kurzerhand gemeinsam bedient. Mit langen, bunt lackierten Fingernägeln wühlten sie im Dreck herum und sortierten irgendwas aus. Die Lehrerin war überall, guckte, zeigte, beriet und lachte. Es machte wirklich Spaß, der Gruppe zuzugucken, und eigentlich hätte ich ganz gerne mitgewühlt.

Mit Eifer bei der Sache – und durch Filter „Ölgemälde“ unkenntlich gemacht

Irgendwann gingen wir weiter, meine Freundin und ich, sahen uns aber immer mal wieder nach den Jugendlichen da im flachen Wasser um. Die Kälte hatten sie anscheinend ganz vergessen und nach und nach füllten sich die durchsichtigen Bottiche mit irgendwelchen Fundstücken. Ich gehe davon aus, dass größtenteils Dreck eingetuppert wurde, aber auch Dreck ist interessant, wenn man ihn unter einem Binokular betrachtet. Und hier komme ich zu meinen eigenen schönen Erinnerungen.

Auch ich hatte früher Lehrer, die mit uns mehr gemacht haben als das, was im Lehrplan stand. Wir haben Dinge ausprobiert, Versuche gemacht, im Dreck gewühlt und Sachen angefasst. Eines meiner ersten eigenen naturwissenschaftlichen Experimente war in der dritten Klasse das Sezieren eines Herings, der am gleichen Morgen im Fischgeschäft unseres Dorfes gekauft worden war. Die Fischfrau kannte das schon: Kam ein Drittklässler frühmorgens mit einer länglichen Dose und wollte einen Hering, legte sie einen ganzen hinein. Einige wenige Schüler hatten im Nachbarort gekauft und ein Filet bekommen, was sich beim Sezieren als unpraktisch erwies. Mein Hering aber war ganz, schillerte schön und hatte frische rote Kiemen, die wir herausnahmen – genau wie die Innereien. Alles lag auf Papier, stank im Klassenzimmer herum und wurde eingehend betrachtet. Nicht alle Klassen in unserer Schule haben das gemacht – es brauchte schon eine bestimmte Lehrerin, die den Fisch nicht nur auf Bildern zeigte, sondern Gestank und Geschmiere auf sich nahm und uns ein unvergessliches Erlebnis ermöglichte.

Auch andere Dinge prägten sich mir ein: Wie wir mit einem Kassettenrecorder durch den regnerischen Park rannten und Geräusche aufnahmen: Vögel, Wasser, Schritte auf Kies und Matsch. Dazu sammelten wir, was uns des Sammelns wert erschien – Kunstunterricht war das. Wir kochten Seife im Chemieunterricht, was gar nicht so leicht war – meine war leider so ätzend, dass sie die Oberfläche des Tisches beschädigte. Dafür gelang mein Alkohol, und die von mir im Bio-Unterricht gezüchteten Drosophila-Fliegen (aus zwei zusammengesperrten Männchen mit einem Weibchen, weil die Männchen oft nichts taugen, wie der Lehrer erklärte) gelangen vorbildlich und entkamen auch nicht, bevor ich sie gezählt und genau beschrieben hatte. Selbst das sezierte Kuhauge, eine freiwillige Übung, vor der ich mich eigentlich geekelt hatte, geriet zu einem Highlight meines Schullebens, weil das Auge eben gar nicht glibberig war und meine herausgefummelte Linse so besonders schön klar und prächtig war. Und auch wir nahmen einmal Wasserproben mit allem was drin war – nicht aus der Ostsee, sondern dem Zwischenahner Meer. Das war der Nachmittag, an dem fast alle freiwillig länger blieben, weil wir noch gar nicht fertig waren und noch gucken wollten, was da alles so drin war.

Lange Rede, kurzer Sinn: Es kann tolle Schulerlebnisse geben, die einem lange im Gedächtnis bleiben und einem wirklich etwas mitgeben. Viele Lehrer gehen diesen Weg, der für sich sicher etwas anstrengender, für die Schüler aber so viel wertvoller ist als sinnloses Auswendiglernen. Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, hatte auch ich solche und solche Lehrer – die müde Leiernden und auch die engagiert Motivierenden. Letzteren möchte ich gerne einmal danken: für ihren Schwung, ihr Engagement und all das, was sie mir ermöglicht haben.

Eine Akelei – auch aus Eckernförde, und auch als Ölgemälde getarnt.

5 Kommentare zu “Lehrer, die begeistern …

  1. Lehrer, die begeistern….. toll, dass es sie gibt. Im Umfeld meiner Enkelin, 3. Klasse sind sie leider nicht vorhanden. Sie lernte für eine Musikarbeit die Zahl und Namen von W.A.Mozarts Geschwistern sowie dessen Kindern – in der Reihenfolge des Geburtsjahres. Ballast, von dem sie sich schnell wieder getrennt hat. Bei einer anderen Arbeit wurde die Sitzordnung im Orchester bis in kleinste Details abgefragt. Zeitweise hatten wir auch den Eindruck, dass der Stoff im Deutschunterricht aus der Zeit stammt, als die nun fast pensionsreife Lehrerin sich mit der Materie während ihres Studiums beschäftigt hat. Naja, zumindest Mark und Pfennig wurden mit Tipp-Ex zugedeckt und handschriftlich durch Euro und Cent ersetzt.

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    • Ach du grüne Neune, Philipp, das klingt ja schaurig. Soetwas habe ich zum Glück selten erlebt. Das mag aber daran liegen, dass unsere Schule ab der 5. Klasse eine „Kooperative Gesamtschule“ war, die damals noch Projektstatus hatten. Da wollten die ganz spießigen Lehrer ohne Visionen gar nicht hin. Wir hatten recht junge Lehrer, die noch viel Lust auf den Job hatten. Natürlich gab es auch andere, aber die Engagierten überwogen doch.

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    • Testen ist wichtig 🙂 Ich kann mich am besten an die Sachen erinnern, bei denen ich etwas anfassen durfte. Dagegen bilde ich mir immer ein, dass wir nie deutsche Grammatik hatten (also zumindest nicht weiter als bis zum Wie-Wort). Das haben wir bestimmt mal gemacht, aber das ist komplett von der Festplatte gelöscht – war wohl nicht so spannend.

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