Festhalten – Loslassen

Mal wieder eine Miniatur aus dem Schreibworkshop. Festhalten – loslassen lautete das Motto und wie immer war wenig Zeit. Die Geschichte ist übrigens ganz und gar fiktiv, könnte sich aber wohl so abgespielt haben. Und die Sache mit der Spucke – die meine ich ganz ernst!

Festhalten – Loslassen

„Pass auf, dass du nicht fällst, Fabian, halt dich fest!“ Fabian, etwa fünf Jahre alt, balancierte auf einem breiten Balken auf dem Kinderspielplatz. Er wirkte ganz zufrieden. Nicht so seine Mutter: „Guck, wo du hintrittst!“ Fabian, eben noch sicher unterwegs, drehte sich irritiert nach seiner ununterbrochen herumplärrenden Mutter um, verpasste den nächsten Schritt und fiel vom Balken. Sein Gesicht landete im weichen Sand, doch bis ihn seine aufgeregt lamentierende Mutter daran hinderte, sich alleine hochzurappeln, weinte er nicht. Erst, als sie ihn aus dem Sand gezogen und auf ein Bänkchen verfrachtet hatte, wo sie ihm den Sand abklopfte, begann er zu jammern. Wahrscheinlich wusste er, was nun kommen würde: Frau Mama, wohlmeinend vom Scheitel bis zur Sohle, zückte ein Taschentuch und feuchtete es an – mit Spucke. Zeit zum Eingreifen!

Spielplatz in Travemünde

Spielplatz für kleine Piraten in Travemünde

„Wenn Sie das machen, zeige ich Sie beim Jugendamt an!“, sagte ich laut und energisch. „Was?“, fragte sie und sah mich mit einem breiten „Hääää?“ im Gesicht an. „Es ist mein Ernst: Wenn Sie jetzt Ihrem Sohn Ihren Sabber ins Gesicht reiben, zeige ich Sie an. Das ist Kindesmisshandlung! Lassen Sie ihn sofort los und schicken Sie ihn wieder auf den Balken – das bekommt ihm besser als diese eklige Speichelputzerei!“

Fabian hatte aufgehört zu schluchzen und sah neugierig von seiner Mutter zu mir. Offenbar war er es nicht gewohnt, dass jemand nicht mit ihm, sondern mit seiner Mutter schimpfte. Weil die mich immer noch fassungslos anstarrte und dabei wie eine gestrandete Scholle nach Luft schnappte, ergriff er seine Chance und ging spielen – nicht auf dem Balken, aber auf der Rutsche. Ohne Zweifel, der kleine Kerl hatte Mumm. Seine Mutter hingegen meinte, sich empören zu müssen. „Ja hören Sie mal, was geht denn Sie das an?“ Ich zuckte die Schultern. „Vielleicht nichts. Aber würden Sie mich das auch fragen, wenn ich Sie daran gehindert hätte, Ihrem Sohne eine runterzuhauen?“ „Natürlich nicht! Aber das ist doch etwas ganz Anderes!“ Ich schüttelte den Kopf. „Ist es nicht. Ich habe die Spucke eines anderen noch weniger gern in meinem Gesicht als seine Hand. Das mag Geschmacksache sein. Aber gut gemeint ist in diesem Fall extrem schlecht gemacht.“ Sie wirkte nachdenklich, aber nur drei Sekunden lang. Dann brüllte sie unvermittelt los: „Pass auf, Fabian – halt dich fest!“ Vor Schreck wäre der Junge fast von der Rutsche gekippt.

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