Zeitenwende im Ferienheim

Durch Zufall erfuhr ich, dass eine „Bekannte“ aus einem Forum, in dem ich öfter mal mitquassel, im Jahr 1977 in meinem Lieblingshotel auf Borkum gearbeitet hat. Ich war damals auch da, klein und blond, und wahrscheinlich hat sie (die „Solozicke“) mich mit Essen versorgt (ich verdanke ihr also viel! 🙂 ). Und das erinnerte mich daran, dass ich diesen Bericht schon eine Weile fertig habe, ihn aber noch nicht auf den Blog gebracht habe. Wie das nur wieder passiert ist …

Zeitenwende im Ferienheim

„Wie viele Geräte haben Sie denn?“ Diese Frage machte mir im November klar, dass auch in meinem Lieblingshotel auf Borkum die Zeit nicht stehen geblieben ist. Komisch eigentlich – ein bisschen erwarte ich immer noch, dass es dort genau so schäbbelig ist wie in meiner Kindheit. Aber dann würde dort heutzutage wohl niemand mehr wohnen wollen.

1977 auf Borkum. Die ganze Familie im 70er Jahre-Look. Das Foto hat wahrscheinlich meine Schwester gemacht.

Wenn ich nach Borkum fahre, nehme ich immer das gleiche Hotel: Das Haus „Rote Erde“, wo ich früher mit meinen Eltern hinfuhr. Es ist ein Ferienheim des Bundesbahnsozialwerks, wo mein Vater früher als Bahner Mitglied war und wo ich als Bahner-Tochter ebenfalls Mitglied sein darf. Dort wohnt man für kleines Geld, hat eine nette Atmosphäre und nur wenige Schritte zum Strand.

Die Aufenthalte in diesem Hotel sind immer voll mit Erinnerungen: Das erste Mal war ich 1977 dort. Damals musste man sich lange vorher anmelden und es gab lange Wartezeiten. Das Hotel war schlicht, ich erinnere mich an eine Art Familienzimmer mit Etagenbett für meine Schwester und mich. Da wir in den Sommerferien da waren, gab es massenweise andere Kinder und man hatte sowohl im Hotel als auch am Strand immer jemanden zum Spielen. Ich glaube, in diesen Wochen hatten meine Eltern mit uns wenig zu tun.

Wenn ich mich richtig erinnere, war das Wochenende irgendwie anders als die Werktage: Sonntags gab es keine Brötchen, was mich unheimlich enttäuschte, denn zuhause gab es selten welche und für mich waren die kleinen Rundstücke immer ein Symbol für puren Luxus. Sonntags wurden auch die Zimmer nicht gemacht, dann werkelte Muttern als gute Hausfrau herum, als gäbe es wirklich etwas zu tun, was nicht auf den Montag hätte warten können.

Schon als kleines Kind fiel mir auf, wie grandios die Lage dieses Hotels war: Direkt am neuen Leuchtturm, den wir gemeinsam mit unserem Vater natürlich hinaufturnten, um runterzugucken. Man brauchte keine zwei Minuten zur Hauptpromenade und zum Strand und war ebenfalls in wenigen Minuten in der kleinen Innenstadt. Diese Lage ist es auch, die mich – neben dem unschlagbar günstigen Preis – immer wieder in dieses Hotel treibt.

Neuer Leuchtturm Borkum – seit meiner Kindheit eines meiner Lieblingsmotive

Auch hier ändern sich natürlich die Zeiten. Schon lange gibt es keine Vollpension mehr, die Essenszeiten wurde erweitert, die Zimmer bekamen eigene Bäder, Telefone und einen Fernseher. Ich fuhr immer mal wieder hin, auch mit meiner damals schon stark gehbehinderten Mutter oder mit einer Freundin. Gerade im Falle der Gehbehinderung fiel mir die enorme Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft des Personals immer wieder auf: Was nicht passte, wurde passend gemacht. Schlicht war das Hotel immer noch, an einigen Stellen sogar arg abgenutzt, aber mir reichte es immer. Wenn ich Luxus will, fahre ich halt woanders hin. Hier genieße ich den Luxus, schon um 6:30 frühstücken zu können, wenn ich das möchte, und mir schon morgens früh den Wind um die Nasen wehen lassen zu können – das ist nach meinem Geschmack.

Seit ich das letzte Mal vor zwei Jahren in dem Hotel war, hat sich erneut viel getan: Damals gab es bereits kostenfreies W-Lan, das aber nicht so recht funktionierte, es sei denn, man saß in der Bar. Und nun wird man also nach der Anzahl der Geräte gefragt, bekommt ausreichend Zugänge und kann überall online sein – fast wie zuhause. Auch die Zimmer wurden kürzlich gemacht, sie sehen frisch und modern aus, die geschmackvollen Bäder sind klein, aber praktisch und die Flachbildfernseher sind tatsächlich so aufgehängt, dass man vom Bett aus was sehen kann – ich glaube, das hatte ich noch in keinem Hotel. Alles sehr schön und durchdacht also, wenn auch ganz anders als früher (noch vor zwei Jahren hatte ich übrigens ein Zimmer, dessen Schrank bestimmt schon bei meinem ersten Aufenthalt dort seinen Dienst getan hatte).

Mein „Doppelzimmer zur Einzelnutzung“

Die wichtigste Neuerung ist für mich aber die „freie Sitzplatzwahl“ beim Essen. Auch das war noch vor kurzem ganz anders: Da bekam man einen Tisch zugeteilt, und mit dem Tisch auch die Tischgenossen. Das konnte schön sein, aber auch seltsam, zum Beispiel wenn man nur Nörgler erwischt, Schweiger oder Schwachmaten. Einmal erwischte ich einen Tisch mit drei anderen Alleinreisenden, was unheimlich lustig war, weil alle in guter Stimmung und zum Erzählen aufgelegt waren. Eine der Damen, eine alte Frau, schien ganz offensichtlich zur Hochstapelei zu neigen und beglückte uns immer wieder mit Erzählungen ihrer immensen Reichtümer, die sich in Schließfächern, dem Tresor oder der Wohnung ihres Sohnes stapelten. Irgendwann fragte mich unser einziger Tisch-Mann nach dem Essen, ob ich wirklich so einfältig sei, der Dame alles, was sie erzählte, zu glauben. Ich verneinte, fand aber, dass es mir nichts schadete, ein wenig auf ihre Spinnereien einzugehen. Ihr war es offenbar wichtig, bei einem Aufenthalt im Bahn-Ferienheim von der Rolex-Sammlung zu erzählen – warum sollte ich sie nicht fragen, ob sie lieber Gold oder Platin mochte? Ihr tat es gut und mir nicht weh.

Ein anderes Mal, als ich mit meiner Freundin Kerstin in dem Hotel weilte, bekamen wir einen behindertengerechten Tisch zugeteilt, und mit ihm Muddi und Vaddi. Wie diese Leute hießen, bekamen wir nie heraus, weil sie sich nicht vorstellten und einander immer nur so ansprachen, wie ihre Kinder sie riefen: Eben Muddi und Vaddi. Diese beiden Leute waren von einer bemerkenswerten Schlichtheit, wir führten einige denkwürde Gespräche mit ihnen. Doch sie waren nett und hielten gerne einen Schwatz, so dass sie alles in allem angenehme Tischgenossen waren.

Diese arrangierten Begegnungen fallen jetzt also weg, nun setzt sich jeder dahin, wo es ihm genehm ist. Das ist auch interessant, fühlt sich aber ganz anders an als früher, wo man sich an seinem Tisch spätestens beim zweiten Frühstück ein kleines bisschen zuhause fühlte. Beide Systeme haben Vor- und Nachteile, was mir besser gefällt, kann ich im Moment noch gar nicht beurteilen.

 

Nachtrag: Bedanken möchte ich mich aber bei dieser Gelegenheit einmal bei den vielen guten Geistern, die fleißig in diesem und anderen Hotels arbeiten und so dafür sorgen, dass andere einen schönen Urlaub haben können. Sowas ist echt harte Arbeit und es ist sicherlich nicht selbstverständlich, dass man dabei immer gute Laune hat. Ich freue mich wirklich immer über jedes Lächeln und hoffe, dass ich reichlich davon zurückgebe.

6 Kommentare zu “Zeitenwende im Ferienheim

  1. Ach, Meike ist das ein schöner Beitrag. Ich möchte sofort ins Hotel Rote Erde nach Borkum. Den Namen fand ich schon so abgefahren, als ich dort war. Und Deine Erzählung passt herrlich dazu. (Ich liebe auch das Familienfoto. Deine Schwester hat Euch vermutlich nicht zum Cheeeeese-ing angehalten?! 😉

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