Hubertus

Sie hatte es gleich geahnt: In dem Moment, in dem sie Hubertus sah, wusste sie, dass er nicht gut für sie sein würde. Und doch hatte sie es nicht lassen können, hatte seiner unmissverständlichen Werbung nicht widerstehen können. Hatte sie zunächst noch gedacht, ihn einfach ignorieren zu können, musste sie doch immer wieder hinsehen, mal verstohlen aus den Augenwinkeln, dann wieder ganz direkt. Die Freunde rieten ihr zu – nimm ihn, wenn du ihn so willst. Und so waren sie schließlich zusammengekommen.

Ihre Begegnung mit Hubertus, so kurz und flüchtig sie auch gewesen war, war genau das gewesen, was ihr an diesem kalten, unwirtlichen Abend gefehlt hatte. Schon die erste Berührung ließ sie erschauern, obwohl er alles andere als kühl war. Sie wärmte sich an ihm, genoss seine Nähe und den leichten Duft nach Rotwein, der von ihm ausging. Sie wusste, sie hatten nur diesen einen Abend, und den lebte sie, ohne über die Konsequenzen nachzudenken.

Denn das schmerzvolle Erwachen kam natürlich noch in jener Nacht. Er war am Abend verschwunden, hatte sie allein mitten in der Stadt zurückgelassen. Der Schmerz hatte nicht sofort eingesetzt, im Stadtverkehr war sie abgelenkt und horchte nicht so genau in sich hinein. Sie war zu Bett gegangen, schlafen, träumen, sich wohligen Erinnerungen hingeben. Bloß nicht ins Grübeln kommen. Das Einschlafen war ihr schwergefallen, wie immer nach solchen Abenden. Und als der Schlaf sie endlich fand, war er schwer und unruhig über sie gekommen. Die Träume, wirr und zusammenhanglos, hatten nichts mehr mit diesem sinnlich-lustvollen Abend gemein, den sie so gemocht hatte. Sie erwachte schwitzend und voller Reue. Der Weg ins Bad war unvermeidlich, und sie musste etwas trinken. Das alles machte sie hellwach.

Wieder einschlafen konnte sie nicht. Stattdessen lag sie da und dachte an Hubertus. Sie hatte es doch gewusst, es war immer das Gleiche: Sie sollte abends nicht so schwer essen.

Lecker war’s – wie immer im Gasthaus am Ostend
(früher „Hesse-Wirtschaft“)

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