Ablesetag

Diese Geschichte entstand im „Schauerkurs“, also einem Kurs über Schauerliteratur, den ich Ende Februar gemacht habe. Sie ist in Teilen autobiografisch, genau genommen bis zur ersten Hornisse. Und da in der letzten Woche wieder der Ableser zu mir kam, scheint mir der Zeitpunkt passend.

Ablesetag

Jahrelang wohnte ich am Goldbergweg. Es war eine schöne kleine Wohnung, von den Vermietern liebevoll gewartet und in Schuss gehalten. Die Nachbarschaft war in Ordnung, die zumeist älteren Leute lebten größtenteils für sich. Dennoch reichte es immer zu einem kleinen Schwatz im Treppenhaus, die Atmosphäre war distanziert, aber freundlich.

Es passierte nicht viel Aufregendes in diesem Haus. Es galt schon als Skandal, wenn jemand die Mülltonnen falsch befüllte – Papier in den Restmüll oder Bio zum grünen Punkt. Dann wurde der Hausmeister tätig und hängte Zettel auf, mit denen das korrekte Vorgehen nochmal erklärt wurde. Ähnliche Zettel kündigten auch die gemeinsamen Sperrmülltermine an, die Sanierung des Aufzuges oder den alljährlichen Besuch des Heizungsablesers.

Der nette Herr von unserem Ablesedienst kam immer kurz vor Weihnachten, gerne zu solch unkommoden Zeiten wie „Montag zwischen 11 und 13 Uhr“, also so, dass es einem Berufstätigen unheimlich schlecht passte. So war es auch in jenem Jahr, dem letzten, in dem ich in dieser Wohnung wohnte.

Ich hatte mir den Nachmittag freigenommen, um den Ableser empfangen zu können. Er war pünktlich, wirkte aber angeschlagen und irgendwie nicht gesund. Ich bot ihm einen Stuhl und eine Tasse Kaffee an, was er beides dankend annahm. Und er hatte offensichtlich Gesprächsbedarf: „Ach, Frau M., wenn doch nur alle Kunden so wie Sie wären! Dann wäre ich so dankbar!“

Ich guckte wohl etwas dumm , denn für eine Tasse Kaffee und einen Sitzplatz erwarte ich in der Regel keine besonderen Dankesbezeugungen. Und sonst hatte ich in den vergangenen acht Jahren diesem Mann gegenüber nichts Besonderes geleistet. Ich fragte deshalb nach: „Mussten Sie sich heute ärgern?“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, ärgern nicht direkt. Aber dieser Zustand. Bei Ihnen ist immer alles so schön sauber und ganz normal, bei anderen dagegen – ach, ach!“

Er nahm einen Schluck Kaffee, während ich mich zweifelnd in meiner nur semi-aufgeräumten und schon lange nicht mehr entstaubten Wohnung umsah. „Finden Sie es so ordentlich hier?“ Er zuckte die Schultern. „Naja, so ganz normal halt, eine normal genutzte, gemütliche Wohnung. Guter Durchschnitt, würde ich sagen. Bei Ihrem Nachbarn dagegen – ach du je! Aber das darf ich Ihnen eigentlich gar nicht erzählen.“

Nun war ich natürlich neugierig geworden. Es wohnten nur drei Parteien auf unserem Flur, ein älterer Flur links, ich in der Mitte, ein altes Ehepaar rechts. Bei den beiden war alles wie geleckt, es konnte sich also nur um den Herrn zur Linken handeln. „Bei Herrn F?“, fragte ich. „Was ist denn da?“ Der Heizungsmann hatte scheinbar nur auf diese Frage gewartet, denn er legte sofort los: „Da wird es von Jahr zu Jahr schlimmer! Zuerst war es nur unaufgeräumt, jetzt habe ich schon Angst, irgendwo anzustoßen – nicht, dass da Tiere rauslaufen!“ Er trank den Rest vom Kaffee, während er unbewusst mit den Beinen strampelte, so als müsse er Ratten abschütteln.

Ich war verblüfft. Ja, der alte Mann neben mir war kein Muster an Pflege und wirkte stets etwas ungewaschen, aber für verlaust hielt ich ihn nicht gerade. Trotzdem setzte sich der Gedanke in mir fest und ich träumte von allerlei Ungeziefer. Am nächsten Tag kam ich von der Arbeit heim und hatte ein riesiges Fluginsekt in meinem Badezimmer. Ich schlug mit dem Schlappen drauf und erforschte die zoologische Zugehörigkeit des Tieres: Wikipedia stellte mir den geflügelten Genossen als Hornisse vor. Der Größe nach zu urteilen war es eine Königin, wenn nicht sogar eine Kaiserin. Seltsam, sollte die nun nicht im Winterschlaf liegen? Egal, nun war sie hin.

Hornisse, Bild aus den Wikipedia Commons, zur Verfügung gestellt von Christian Olsen

Am nächsten Abend hatte ich noch zwei Hornissen, wieder im Bad. Außerdem ein paar seltsame Kriechkäfer, die sich nur in der Gruppe fortbewegten. Ich ermordete die Hornissen und saugte die Käfer weg. Während ich das tat, fiel mein Blick immer wieder auf die Lüftungsschlitze, die auf einen gemauerten Schacht hinausführten und dafür sorgen sollten, dass mein kleines, fensterloses Innenbad nicht schimmelte. Wie war das wohl mit der Nachbarwohnung, führten da wohl genau solche Schlitze auf eben jenen Schacht? Nach einigen Überlegungen klebte ich mit braunem Paketklebeband ein Handtuch über meine Lüftung.

In dieser Nacht wurde ich wach und wollte auf die Toilette. Schon im Flur hörte ich ein seltsames Knacken und Rascheln. Ich riss die Tür auf und machte gleichzeitig das Licht an. In dieser Sekunde sah ich unzählige winzige Wesen in den Ecken und unter den Schränken verschwinden. Mein rosa Handtuch hing sackartig ausgebeult vor dem Luftschacht, oben war das Klebeband abgerissen und einige haarige Beine drängten energisch nach draußen. Ich knallte die Tür zu, verstopfte die Ritzen mit meiner Bettdecke, rannte zu meinen Nachbarn zur Rechten und alarmierte von dort die Feuerwehr. Zuerst nahm man mich dort nicht ernst, aber ein hysterischer Anfall bewirkte, dass sie doch anrückten und gleich einen Notarzt mitbrachten.

Das war die letzte Nacht, in der ich in dieser Wohnung schlief. Angeblich räumte die Feuerwehr mit Hilfe mehrerer Kammerjäger den Ungezieferherd im Schacht schon am nächsten Tag komplett aus und räumte auch die Wohnung meines Nachbarn, doch nachdem ich die Traumabehandlung in der psychiatrischen Klinik überstanden hatte, zog ich in eine andere Wohnung: Eine ohne Schacht und ohne älteren Herrn in der Nachbarschaft.

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