Drei tote Briefträger – von Andreas Wolf

Endlich habe ich wieder einmal einen Gastbeitrag: Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte von Andreas Wolf. Seine Geschichten leben von ihrer Absurdität und davon, mit unerschütterlicher Stimme unbetont vorgelesen zu werden. Mal geht es um einen Schaumstoffrest, dann wieder um ein Schnitzel im Zweifel – also Themen, die die Welt bewegen. Dieses Mal haben wir also

Drei tote Briefträger

WeihnachtsbaumschmuckHeinz öffnete die Haustür: Es war wenige Tage vor Heilig Abend, die Straßen und Wege waren glatt, in den erleuchteten Fenstern sah man Familien, die mit Weihnachtsvorbereitungen beschäftigt waren: Hausfrauen, die sich um den Weihnachtsbraten kümmerten, und auf der Straße vor seiner Tür lag ein toter Briefträger. Ärgerlich, dachte Heinz, denn eine große Menge Blut, das aus einer Kopfwunde des toten Briefträgers geströmt war, hatte sich auf den liebevoll gepflegten Rasenvorplatz seiner Frau Gundula ergossen, so dass dieser nun sprichwörtlich rot eingefärbt war. Zwar eignete sich Blut ganz gut als Dünger, doch Gundula hasste alles, was eingefärbt war: Lippenstifte, gefärbte Fingernägel, grüne Lebkuchenherzen und eben auch mit Blut verfärbter Rasen.

Einerseits war dies etwas, was Heinz an ihr ganz besonders zu schätzen wusste, andererseits in solchen Momenten wie diesen ganz besonders ärgerlich. Denn nun musste er seinen Kopf dafür hinhalten, warum dieser Rasen nun rot war, statt grün. Mindestens jedoch würde sie ihm vorhalten, dass er mal wieder vergessen hatte Salz zu streuen.

Leider war es nicht bei ein bißchen verfärbtem Rasen geblieben: Denn das Blut war durch den bei Rasen nicht stehen geblieben, sondern bis auf den Gehweg an der Straße gelaufen und dort zu einer Art rotem Teppich gefroren.

Am nächsten Tag traute Heinz seinen Augen nicht: Denn ein zweiter toter Briefträger lag neben dem ersten und hatte den Blumenkasten des Nachbarn mit sich in den Tod gerissen. „Mist“, dachte Heinz, denn Herr Senftenberg von nebenan war besonders penibel, was das Aufstellen von Blumenkästen und das Reinigen der Straße anging. Dabei fiel ihm ein, dass er gestern noch den ersten toten Briefträger wegräumen wollte: Schließlich hätte einer der Nachbarn darüber stolpern und sich sonst etwas brechen können. Gerade Frau Müller war in letzter Zeit nicht gut zu Fuß gewesen, sie wäre bestimmt über den toten Briefträger gestolpert, dessen Blut übrigens inzwischen gefriergetrocknet war.

Die Tür zum Nachbarhaus öffnete sich: Herr Senftenberg grüßte freundlich, schaute auf die beiden Briefträger und sagte: „Na kein Wunder, dass ich keine Post mehr bekomme. Wollte mich schon beschweren, aber…“ Heinz grüßte freundlich zurück: „Den Blumenkasten ersetze ich ihnen natürlich“. „Ach was“, entgegnete Herr Senftenberg: „Den wollte ich eh schon ersetzen. Aber wo wir gerade dabei sind: Die Nachbarschaftsordnung sieht zwar nicht vor, was mit herumliegenden toten Briefträgern zu tun ist, dennoch soll der Gehweg tagsüber freigehalten werden. Halten Sie also den Gehweg frei, bevor noch etwas passiert“. Heinz dachte an die Gemeinschaftsordnung und daran, dass er damals überstimmt worden war, als es darum ging, Ausnahmeregelungen wie diese mit in die Ordnung aufzunehmen.

Doch noch bevor er Herrn Senftenberg antworten konnte, kam Herr Dahlke aus seiner Haustür. Herr Dahlke war seit drei Jahren im Vorruhestand, kümmerte sich aber nur wenig um die Gemeinschaftsordnung. Vermutlich gerade weil er Herrn Senftenberg nicht leiden konnte. „Na da kann ich ja lange auf die Postkarte meiner Enkel warten, wenn die Briefträger alle hier tot herumliegen.“ Herr Dahlke war immer für einen Scherz zu haben. Auch wenn Herr Senftenberg keine Miene verzog, so verzog Heinz doch ein wenig die Mundwinkel. Denn alle war leicht untertrieben, fand Heinz: Natürlich gab es noch mehr als zwei Briefträger auf der Welt. „Aber gut, dass ich Sie beide treffe: Da ich offensichtlich der einzige bin, der auf Post wartet, habe ich mal die Taschen der Briefträger durchsucht“. Damit übergab er einen rot verfärbten Brief an Herrn Senftenberg, der schnaubte „Schon wieder eine Rechnung“ und in seinem Haus verschwand. Heinz hatte seiner Frau das mit dem roten Rasen immer noch nicht gebeichtet. Aber da es auf Weihnachten zuging, würde sie vielleicht etwas versöhnlicher reagieren. Darüber mußte er nachdenken.

Das waren noch Zeiten: sicher auf vier Rädern unterwegs, um Post zu verteilen. Ausflugs-Postkutsche aus Bad-Kissingen

Als Heinz am nächsten Tag die Haustür öffnete, war Herr Dahlke gerade dabei, einen dritten toten Briefträger zu den beiden anderen vor seiner Tür zu platzieren. Als Herr Dahlke Heinz sah, sagte er: „Er hatte schlechte Post“, und fing an zu grinsen. Als er Heinz‘ irritierten Blick sah, sagte er schnell: „Keine Angst, ich habe nur heute Morgen nicht gestreut… Dafür hatte dieser endlich die Post meiner Enkel dabei. Für Sie hatte er auch etwas.“, und gab Heinz einen mit Blutflecken verschmierten Brief seiner Schwiegermutter. Heinz nahm den Brief, sagte aber kein Wort, denn schließlich kann es nicht sein, dass jeder seinen Kram vor seiner Haustür ablud, statt diesen ordnungsgemäß wegzuräumen oder einzumauern. Als Herr Dahlke seinen etwas ärgerlichen Blick sah, sagte er: „Ich dachte wir könnten uns vielleicht gegenseitig helfen: Da wir beide ein ähnliches Problem haben, würde ich Ihnen im Frühjahr die Scheune im Garten reparieren. Dafür könnten Sie sich vielleicht um den Briefträger kümmern?“. Heinz hatte eigentlich keine Lust sich um gleich drei tote Briefträger zu kümmern, doch war die Gartenscheune nicht mehr ganz neu.  Außerdem konnte er die Briefträger in die Scheune tun, so dass Herr Dahlke mit der finalen Entsorgung zu tun hatte. Heinz willigte ein.

Am nächsten Tag war der Heilige Abend gekommen. Heinz beschloss, am heutigen Tag die Haustür nicht zu öffnen: Wer konnte schon ahnen, wer da noch so alles herumlag. Dann könnte er sagen, er wisse von nichts. Seiner Frau hatte er einen blühenden Weihnachtskaktus besorgt, über den sie sich sicher freuen würde. Dann könnte er ihr auch von dem Problem mit dem Rasen berichten.

Irgendwann am Abend fing es an zu schneien und sie beschlossen, mit der Bescherung zu beginnen. Doch plötzlich klopfte es an der Tür. Heinz öffnete nur widerwillig. Jedoch war vor der Tür niemand und auch von den toten Briefträgern war nichts mehr zu sehen. Dafür hatte jemand einen Sack mit Streusalz vor der Tür abgestellt. Außerdem war der Rasen wieder grau-grün, wie üblich zu dieser Jahreszeit. Und auch sonst waren keine Blutspuren mehr da. Heinz verschloß ungläubig die Tür und rieb sich die Augen: Ob er sich das alles nur eingebildet hatte? Er war zwar inzwischen in einem Alter, in dem man sich Dinge einbildete, doch dass es nun schon soweit war mit ihm, das hätte er nicht gedacht. Etwas in Sorge um seine Gesundheit, aber doch erleichtert, dass er wohl so etwas wie einen Tagtraum hatte, ging er nochmal vor die Tür, nahm etwas von dem Streusalz und verstreute es auf dem Gehweg. Fröhlich und voller Vorfreude – auf die Geschenke, den Weihnachtsbraten und doch auch das Zusammensein mit seiner Frau – ging er zurück ins Wohnzimmer, wohlwissend, dass er nicht für drei Tote Briefträger verantwortlich war. Dann fiel sein Blick auf die Weihnachtspost und den Brief, den ihm Herr Dahlke gegeben hatte: Den mit Blut verschmierten Brief.

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