Der Seewolf – eine andere Geschichte

Die Aufgabe war, einen bekannten Buchtitel zu klauen und dazu eine Geschichte zu schreiben. Nun, ich war kurz zuvor im Aquarium und landete mal wieder beim Seewolf. Wolf Larsen würde sich im Grabe herumdrehen, wenn er denn eines hätte …

Der Seewolf – eine andere Geschichte

Gelangweilt schwamm Horst zwischen den Felsen auf und ab. Es war aber auch gar nichts los heute. Kein Alarm, keine tauchenden Touristen, nicht mal ein klecksender Tintenfisch. Nur ein paar Heringe schwärmten hin und her, das taten sie immer ohne irgendeinen Grund. Diese tumben Gesellen hatten selbst in der Masse noch einen IQ unter dem eines Bündels Seetang. Dann aber sah er plötzlich einen Neuen. Der war kräftig gebaut und hatte einen mächtigen Unterbiss.

Horst, der Knurrhahn

„Moin! Wer bist du denn?“ Der Neue wirkte etwas irritiert ob dieser forschen Ansprache, antwortete aber sehr höflich. „Ich bin Dieter, der Seewolf“, antwortete er leicht blubbernd. „Ich bin auf der Durchreise.“ Horst lachte schallend. Hätte er Arme und Beine gehabt, hätte er sich wohl auf die Schenkel geklopft. „Du, ein Wolf? Ich glaube, ich spinne! Wölfe haben vier Beine und einen grauen Pelz, das sind nicht so runde, schuppige Klumpen wie du! Der Wolf, das ist doch immer der Böse, der die Omma und die kleinen Ziegen frisst!“

Sein Gegenüber sah ihn mitleidig an. ‚Was ist denn das für ein Doofbeutel‘, schien er zu denken, bewahrte aber die Contenance. „Und du, wer bist du“, fragte er und schien zu lächeln. „Ich bin Horst, der Knurrhahn!“ „Soso“, antwortete der Seewolf, „du bist also ein Hahn, ja? Hähne, das sind dich die mit den Federn und dem langen Schwanz, die morgens die Leute aus dem Bett krähen. Das sind keine herumgründelnden Blubberfischlein. Hähne stehen immer ganz oben, über Esel, Hund und Katze!“

Horst war beeindruckt. Dieser Seewolf war anscheinend doch recht belesen, auch wenn er einen etwas bräsigen Eindruck machte. Horst sah seinen Freund Ingo vorbeischwimmen und rief ihn dazu. „Ingo, Ingo, Ingo, komm mal her hier! Guck dir den hier mal an, der sagt, er ist ein Wolf! Ein Seewolf!“ „Moin“, sagte Dieter, der Seewolf, und Ingo grüßte zurück: „Selber Moin!“ An Horst gewandt, fragte Ingo nach: „Und was ist nun der Skandal an der Sache?“ Aufgeregt blubberte Horst: „Ja, guck doch mal, der sagt, er ist ein Wolf. Dabei hat der gar keine Beine und keinen Pelz!“ „Ja, und?“, fragte Ingo zurück und warf sich etwas in die Brust. „Ich bin ein Katzenhai und habe auch keinen puscheligen Schwanz. Und mit Mäusen musst du mir auch nicht kommen. Stiefel brauche ich übrigens auch keine, falls du mir wieder mit deinen ollen Märchen kommen willst!“ Horst schwieg nachdenklich. „Was hast du denn gegen Märchen?“, wollte er schließlich wissen. „Wenn es die nicht gäbe, wären wir doch alle literarisch gar nicht existent!“ Der Seewolf schüttelte traurig den Kopf. „Ich schon. Oder habt ihr noch nie was von Jack London gehört?“

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