Happy Halloween

Es kam die Zeit, die die Fischer fürchteten. Die Zeit, in der der Himmel sich verdunkelte, Nebel um die Sonne kreisten und das Meer schwarz wurde. Und viele, besonders die Alten, wussten von einer Gestalt zu berichten, die über dem Meer aufstieg – einer Gestalt, wie sie unheimlicher nicht hätte sein können. Es sei ein Gesicht, erzählten die, die es gesehen hatten, und wer es sah, war von dortan verflucht.

Gruselclown, designed by Meike

„Was heißt denn verflucht?“, fragte Jonas, der ewige Zweifler. „Naja, verflucht eben. Man hat dann Pech, unheimliches Pech, und kann froh sein, wenn man das überlebt“, antwortete der alte Petro, der Älteste unter den Fischern. „Was denn für ein Pech“, wollte Jonas wissen? „Was genau ist bei dir denn passiert?“ Petro atmete tief ein, nur ungern erinnerte er sich zurück. „Das war so“, begann er: „Am 31.10. habe ich dieses Gesicht gesehen. Drei Tage später starb mein Vater.“ Jonas nickte betroffen, fragte aber nach: „Ist es nicht so, dass dein Vater das gesegnete Alter von 94 Jahren erreicht hat und schon seit drei Jahren bettlägerig war? Hattet ihr nicht schon zu Ostern einen Sarg gekauft?“ „Ja, so war es“, gab Petro zu, „aber damit hörte es ja nicht auf. Ich hatte eine richtige Pechsträhne danach! Schon auf der Beerdigung meines Vaters ging es weiter – beinahe wäre ich hinter dem Sarg her in die Grube gestürzt.“ Die umstehenden Männer blickten ernst, einer jedoch lachte ein wenig: „Ja, aber doch nur, weil du vor lauter Gram, mit 65 Jahren ein Waisenkind zu sein, schon am frühen Morgen mit deinen Freunden ein Gelage veranstaltet hast, mit Rotwein und ein paar Grappa auf den letzten Weg deines alten Herrn!“ Petro murmelte etwas, kam aber nicht weiter zu Wort, denn ein anderer Mann schaltete sich ein.

„Auch ich habe die Gestalt gesehen, Männer, und auch mir ist es danach nicht gut ergangen. Ich sah das Gesicht am Himmel am 31.10. vor genau zwei Jahren, und wenige Tage danach hat meine Alte mich verlassen!“ „Wenn mir jemand dauernd die Augen blau schlagen würde, würde ich den auch verlassen! Aber vorher gäbe es was mit dem Nudelholz“, rief eine weibliche Stimme in die Männerrunde hinein. Es war Lisa, die Kellnerin, die eine neue Runde Wein brachte. „Also von dir hatte meine Olle diese blöde Idee“, motzte der Verlassene und rieb sich gedankenverloren die rechte Schulter. „Das Schlüsselbein hat sie mir gebrochen, die dumme Kuh – ich kann nur dankbar sein, dass sie nicht meinen Kopf getroffen hat.“ „Glaub mir, junger Freund, das hätte in deinem Fall nicht viel Unterschied gemacht. Nur ein hohles Knacken, sonst nichts.“ Lisa knallte das letzte Glas auf den Tisch und verließ die Runde ohne ein weiteres Wort.

Auch weitere Männer wussten von dem Ungemach zu berichten, das die sonderbare Gestalt am Himmel ihnen bereitet hatte. Dem einen war das Boot leck geschlagen, der zweite hatte Ärger mit dem pubertierenden Sohn und dem dritten, besonders bedauerlichen Kameraden war auf seiner eigenen Silberhochzeit die Hose geplatzt – Sapperlott. Die Männer kamen aus dem Staunen nicht heraus und nur einer – natürlich der unbelehrbare Jonas – wollte auch in diesem Jahr am 31.10. wieder auf das Meer hinaus fahren. „Da sieh‘ dich nur vor, dass dir danach nicht das Haus abbrennt!“, befürchtete einer, und „Pass auf, dass deine Alte dir danach kein Kuckuckskind ins Nest legt!“, riet ein anderer. Jonas lachte. „Meine „Alte“ ist erst 25, und unser Nest ist warm und groß. Wir nehmen, was kommt.“ Die Männer schüttelten den Kopf über so viel Unverstand, doch Jonas ließ sich nicht beirren. Ganz allein fuhr er hinaus an diesem letzten Tag im Oktober.

Das Wetter war ruhig und Jonas machte einen guten Fang. „Alle Fische sind für mich, alle sind für mich“, sang er leise, während er die Netze einholte. Kein einziges Schiff war weit und breit zu sehen, und dabei war das Meer glatt wie ein Spiegel. Erst gegen Abend, als er überlegte, allmählich nach Hause zu fahren, wurde der Himmel dunkler und irgendwie trüb. Und als Jonas sich gerade anschickte, zum letzten Mal das Netz an Bord zu ziehen, sah er, wie sich die kalte Sonne in ein Gesicht verwandelte. Es war … seltsam.

„Huuuu!“, machte das Gesicht, und „Huhu!“, sagte Jonas. „Wer bist du denn?“ Das Gesicht runzelte die Stirn. „Wer ich bin? Das sieht man ja wohl: Ich bin ein Gruselclown!“ „Ach was?“, sagte Jonas und guckte dumm. Er fand das Gesicht nicht besonders gruselig. Das sagte er auch: „Bitte nimm es mir nicht übel, aber ich finde dich nicht gruselig. Du siehst aus, als hätte mein Neffe dich gemalt, und der ist fünf.“ „Wie, ich sehe auch wie gemalt? Ich bin ein Gruselclown, ich bin schrecklich, und du musst dich fürchten.“ „Aha.“ Jonas war nicht überzeugt. „Warum?“ „Ja weil …“, der Clown war etwas verwirrt und stammelte herum. „Weil ich sonst mit einem Hammer hinter dir herrenne.“ Das stimmte Jonas nachdenklich. Er war ein logisch denkenden Mann und fand einen Haken an der Sache. „Wie willst du denn mit einem Hammer hinter mir herrennen? Du hast gar keine Arme, um den Hammer zu halten, und keine Füße, um hinter mir her zu sein.“ Der Clown sah ein bisschen beleidigt aus. „Es ist nicht schön von dir, dass du mir meine Schwächen so vorhältst.“ „Entschuldige bitte, ich wollte dich nicht kränken. Du musst aber zugeben, dass es auch nicht schön von dir ist, dass du die Leute hier alle Jahre wieder erschreckst.“ Der Clown wirkte nachdenklich. „Es tut mir leid, dass du so empfindest. Aber das ist ein alter amerikanischer Brauch, und da ihr Europäer nach allem verlangt, was amerikanisch ist, erschien mir mein Verhalten angemessen.“ Jonas musste lachen. „Aber Gruselclown, da irrst du dich. Halloween ist kein amerikanischer Brauch, die machen das nur nach. Eigentlich kommt diese Sitte aus Irland und wurde von irischen Einwanderern in die USA gebracht. Wusstest du das nicht?“ Das Gesicht am Himmel wirkte entsetzt. Langsam, wie in Zeitlupe, schüttelte der Gruselclown den Kopf. Mehr hatte er ja auch nicht zum Schütteln. „Nein, das wusste ich nicht. Bist du dir da sicher?“ „Ganz sicher!“, antwortete Jonas. „Guck mal auf Wikipedia!“ Der Gruselclown stöhnte. „Dann ist also alles, was ich hier Jahr für Jahr gemacht habe, völlig sinnlos. Mein ganzes Leben hat seinen Sinn verloren.“ „Ich weiß nicht recht, aber du solltest nicht gleich alles in Frage stellen. Du könntest in dich gehen und darüber nachdenken, wie du jetzt weitermachst. Vielleicht solltest du zuerst mal nach deinen Wurzeln suchen.“ Die Gestalt am Himmel straffte sich und wirkte gleich ein bisschen weniger verzweifelt. „Ja, das werde ich tun. Vielen Dank für deinen weisen Rat.“ Mit diesen Worten verschwand das unheimliche Gesicht am Himmel und ward nie wieder gesehen.

 

Happy Halloween allen, die Spaß daran haben. Und allen anderen einen schönen 31. Oktober.

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