Der Großstadtjäger

Nach einer unheimlich langen Sommerpause haben endlich meine Schreibworkshops in der VHS Frankfurt wieder angefangen. Montags und donnerstags versuche ich mich also jetzt wieder regelmäßig in Sachen Kreativität, auch wenn manchmal nichts dabei herauskommt. Am vorletzten Donnerstag gab es als Inspiration einige wenige Zeilen vom Anfang des Textes „Eine Unbekannte“ von Botho Strauß. Von dem habe ich zwar noch nie was gelesen, aber als Ideengeber taugte er mir durchaus.

Der Großstadtjäger

Rose apricot

Manche Rose macht es wie Harald und schummelt ein bisschen …

Manchmal – aber gar nicht mal so selten – klappte es tatsächlich: Die angesprochene Frau trug den von ihm für sie gewählten Namen. Er war inzwischen gut darin, Namen zuzuweisen: Petra waren die kleinen Mädchen Ende der 60er Jahre genannt worden, oder Anja oder Heike. Zehn Jahre zuvor nannte man sie Karin oder Monika, oder auch Barbara. Und Mitte der 70er hießen sie Tanja, Claudia oder Kerstin. Frauen in anderen Altersklassen interessierten ihn nicht, weder suchte er junges Gemüse noch hatte er einen Ödipus-Komplex.

Er traf sie auf der Straße, im Museum, im Supermarkt oder auch im Krankenhaus, diese schönen, vitalen Frauen mit den lachenden Augen und dem warmherzigen Lächeln. Er liebte sie vollschlank, fraulich und mit vollem, langen Haar. Er sah sie kommen, taxierte sie, ordnete ihnen einen Namen zu. „Barbara!“, rief er dann, begeistert, fast enthusiastisch, streckte ihr dabei die Hand entgegen. Sein Händedruck war fest, männlich und vielversprechend. „Barbara, wie schön! Ist das lange her!“ Zumeist waren die Unbekannten verwirrt, hießen sie doch nicht Barbara, sondern Marion oder Ulla. Doch wenn er Glück hatte, ließ sich was drehen. Dann war die Unbekannte zwar nicht Barbara, hatte aber in der Schule eine beste Freundin dieses Namens gehabt. Das stellte sie dann richtig und sie lachten miteinander: „Ja, richtig, du bist die Ulla, ja klar, die Freche mit den roten Haaren! Erkennst du mich denn auch? Ich bin Harald!“ Natürlich erkannten sie ihn, nach etwas Schützenhilfe – alle erkannten sie ihn: „Ja, natürlich, Harald, wer denn sonst – du hast dich aber gut gehalten!“ Das hatte er wirklich, er tat schließlich auch genug dafür. All die Cremes und Tönungen, die handgemachten Schuhe und das Fitnessstudio waren nicht billig, aber die Sache lohnte sich.

Kaum hatten sie einander erkannt, Harald und die schöne Fremde, kamen sie einander näher: zuerst im Café, dann im Separée, zum Schluss fiel das Negligé. Immer gingen sie in die Wohnung der Dame, niemals zu ihm – Harald liebte es unkompliziert und genoss das unbekannte Terrain. Es war der Reiz des Neuen, der ihn dazu brachte, wieder und wieder auf die Jagd zu gehen. Er war ein Großstadtjäger der charmanten Art.

… erst wenn man ganz nah ist, zeigt sie ihr wahres Alter.

 

Nachbemerkung: Es gibt hier gewisse Parallelen zu einer mir einst bekannten Person. Den fand ich trotz seines schürzenjägerischen Übereifers ausgesprochen nett. Kommt vor, sowas.

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