Die aufstehende Generation

Nein, keine Sorge, dieser Text soll kein Aufruf zur Rebellion werden. Auch Demonstrationen oder einen Flashmob habe ich bislang nicht geplant. Der Titel ist einfach nur Teil eines Zitates und wurde seines schönen Klanges wegen verwendet. Und weil er so passt. Denn noch sind WIR die aufstehende Generation. Zumindest meistens …

Was zuerst geschah:

Vor einigen Monaten fuhren die ewige Antje und ich mit der Straßenbahn von irgendeiner Veranstaltung heim. Am Otto-Hahn-Platz stiegen zwei uralte Leutchen in die gut gefüllte Bahn. Da diese beiden Senioren zusammen mindestens 80 Lebensjahre mehr auf der Uhr hatten als Antje und ich, standen wir auf und boten unsere Plätze an. Die Frau ließ sich dankbar sacken, der alte Mann aber wollte unbedingt stehen bleiben – für ihn kam es anscheinend nicht in Frage, einen Sitzplatz von einer Frau anzunehmen. Ein Gentleman der alten Schule also, wenngleich auch enorm wackelig auf den Beinen. Ihn stehen zu lassen, wäre verantwortungslos, wenn nicht gar gemeingefährlich gewesen. Wir komplimentierten ihn also wortreich auf den freien Sitzplatz, und im Laufe dieser Konversation sagte Antje den schönen Satz von der aufstehenden Generation. Es half, der alte Herr setzte sich. Wir fuhren sicher auf unseren eigenen Beinen stehend nach Hause und ich vergaß den Vorfall – beinahe.

Was dann geschah:

Vor wenigen Tagen hatte ich unter der Woche frei und ging schwimmen. Danach stieg ich fit und gestärkt am Südbahnhof in die Straßenbahn ein. Es war gesteckt voll, ich suchte mir eine Ecke und eine gemütliche Haltestange und wartete darauf, dass es losging. Da fiel mein Blick auf einen jungen Mann, einen Teenager, der sich von seinem Platz hochrappelte – um ihn mir anzubieten. MIR – einem Mitglied der aufstehenden Generation. Ich schüttelte entsetzt den Kopf, oh nein, ich doch nicht, ich stand doch hier sehr gut, da würde es doch sicher ältere Leute in dieser Bahn geben? Hektisch sah ich mich um: Die meisten Fahrgäste schienen Schüler zu sein. Ohgottogott, war ich die Älteste in diesem Zug? Ich spürte eine vorsichtige Berührung am Arm – tatsächlich, der junge Mann schob mich zum Sitzplatz. So ein blöder Bengel! Er hatte ganz offensichtlich einen Migrationshintergrund und sagte die ganze Zeit kein Wort, vielleicht sprach er noch gar kein Deutsch? Über sein freundliches, beredtes Schweigen war ich recht glücklich, denn wer weiß, was der am Ende gesagt hätte? Vielleicht sowas wie: „Sie haben mindestens 30 Jahre mehr auf der Uhr als ich!“ oder gar „Sie sind älter als meine eigene Mutter!“ Oder auch „Sie könnten meine Oma sein!“ Als Teenager verschätzt man sich ja doch immer arg, was das Alter von Erwachsenen angeht. Ich gab also auf und setzte mich hin – die aufstehende Generation war durch einen Teenager geschlagen worden. Und das ohne jeden Kampf, sogar ganz ohne Worte. Eigentlich nett, der Junge. Sehr nett sogar. Wenn ich an ihn denke, muss ich lächeln.

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